Interview...
Aaron, warum macht man 2011 Songs, die nach DAVID BOWIE oder JOY DIVISION klingen? Geht es dir rein um die musikalische Komponente oder willst du damit auch massig Kohle scheffeln?
(lacht) Unlängst wurde ich in einem Interview gefragt, mit wie viel verkauften CDs sich denn das Album „Blood Diamond Romance“ refinanzieren würde. Ich kann dazu nur sagen: Ein Musiker, der in solchen Kategorien denkt, der soll erstmal den Kopf aus dem Arsch von seinem Plattenboss ziehen. Mein Album ist mein Schiff und für den sicheren Hafen werden Schiffe nicht gebaut. „Blood Diamond Romance“ ist ein sehr modernes Album, das trotzdem den Geist der Altvorderen einfängt. Nach zwei Jahren zwischen Kalifornien und Finnland geht es nun auf seine letzte große Reise in die CD-Player der Menschen und andere werden entscheiden.
Wofür steht ROTERFELD? Und was hat es mit diesem ominösen Buch auf sich, das du schreibst?
Roterfeld steht für die Brücke zwischen den Welten in uns. In die eine Richtung wird es dunkler und in die andere heller. Ich wandere gern durch finstere Täler, fange dabei aber auch den Pop und den Sex unserer Zeit ein.
Das Buch „Roterfeld“ wird nächstes Jahr fertig und nimmt den Leser mit in eine ziemlich düstere und coole Welt, voller Legenden, alter Mythen, großer Schlachten und Protagonisten, die auf den Sturmwinden des Schicksals durch´s Buch gepeitscht werden.
Wer Bock hat, kann die ersten Kapitel bereits auf unserer Website nachlesen.
Der Opener „Don’t Be Afraid Of The Dark“ steht wohl sinnbildlich für dein eigenes Leben. Du bist nicht nur oft in den Vorarlberger Wald gerannt, sondern als 16-Jähriger auch alleine nach Japan geflogen und hast dich in Karate ausbilden lassen. Nach zwei Monaten bist du zurückgekommen – war es eine Fehlentscheidung oder wichtig für die weitere Entwicklung?
Na ja, mit 16 waren meine Berufspläne eindeutig. Ich sah mich als Karate-Sensei mit langem Bart vor den neun Pforten des Shaolin-Klosters stehen. Ganz schön blöd, oder? Ich denke die eigentlich Leistung bestand nicht darin, sich in Japan für so 'ne doofe Idee verklopfen zu lassen, sondern die eigenen Eltern dazu zu bringen, einem das zu erlauben. Als Fehler würde ich es nicht bezeichnen. Wenn du etwas gemacht hast, auch wenn du gescheitert bist, hast du wieder beide Hände frei für was Neues.
„Sick Of Being Bored“ ist auch so ein Songtitel, der wohl deinem rastlosen Leben entspricht. Wann fühlt sich Aaron Roterfeld gelangweilt? Was langweilt dich im Musikbusiness?
Gute Frage. Ich habe eine sehr hohe Betriebstemperatur und fühl' mich daher sehr schnell gelangweilt. Derzeit kann ich mich allerdings wirklich nicht beklagen. Ich mache das sehr gern und quatsche auch gern mit euch Jungs, manche Musikjournalisten verstehen ja sehr viel von Musik und geben mir die Möglichkeit, mein Album auch mal durch die Ohren eines anderen zu hören. Am Musikbusiness ödet mich schon mal das Wort selbst an. Außerdem nervt es mich, dass es im ganzen deutschsprachigen Raum so wenig Radiosender mit Eiern gibt und ich sonst überall XAVIER NAIDOO beim Weinen zuhören muss. Am langweiligsten finde ich allerdings Musiker, die ausgiebig über ihre eigenen Songs philosophieren.
Pic by Philipp Mueller
Bands wie IRON MAIDEN oder GUNS N‘ ROSES musstest du dir heimlich anhören, weil dein Vater damit überhaupt nichts anfangen konnte. Ist dein Dark Rock/Dark Wave Sound eine Art später Protest dagegen? Kann man den – auch an 80er Rock erinnernden – Song „Stop“ als Gegenstück dazu sehen?
Na ja, die Rock-Verbots-Story allein würde meinem Vater sicherlich nicht gerecht.
Auf Rock-Musik und Fernseher musste ich in meiner Kindheit verzichten und statt schmackhaften Südfrüchten und Limo, gab´s ungespritzte Äpfel.
Aber auf der anderen Seite war er ein sehr nachdenklicher und philosophischer Mensch, ein liebevoller Vater, ein exzellenter Schachspieler und hatte den Mumm, mich bereits mit 16 in die Welt ziehen zu lassen. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.
Dennoch ist mein Sound auch Protest – ich protestiere gegen R'nÄB-hörende Yuppies.
Du warst auch Schulabbrecher und bist für ein halbes Jahr nach Afrika geflüchtet. Was nimmt man von so einer Erfahrung für das eigene Leben mit und warum gibt es auf deinem Debütalbum „Blood Diamond Romance“ so gar keine Einflüsse aus dieser Zeit zu hören?
Ich hatte ja zum Glück öfters die Gelegenheit, auch in Afrika etwas Musik zu machen. In der afrikanischen Mythologie ist Musik ja auch ein Weg, um mit seinen Ahnen und Geistern in Kontakt zu treten. Dass meine Musik keine südlichen Klänge aufweist ist ganz natürlich. Meine Ahnen sind keltisch und unsere Geister wohnen in nebelumhangenen Wäldern, meine Musik fängt daher andere Vibes ein. Ich nehme an, wer schon so früh nachts in den Wald ausgebüchst ist wie ich, der wird halt kein BOB MARLEY mehr.
Du hast mit einem Freund bereits ein Album aufgenommen, das nie erschienen ist. Welches Material könnten wir da hören und wird es zu gegebener Zeit noch veröffentlicht?
Gut recherchiert. Diese CD hat es leider nie weiter geschafft als in unseren Dachboden und enthielt neun deutschsprachige Songs. Es stand zwar schon ROTERFELD drauf, war aber noch nicht 100% drin, da ich es ja mit einem Freund gemeinsam gemacht hatte. Außerdem war das Studiogeld zu Ende, lange bevor die Songs es waren. Mal sehen, für Überraschungen wird ROTERFELD immer gut sein.
Die internationale Produzentenriege ist für das Eintüten eines Debütalbums unfassbar berühmt. Wie kommt man zu solchen Hochkarätern und wie viel zusätzlichen Druck entfacht die Tatsache, mit solchen Kapazundern zu arbeiten?
Manche glauben ja, ich hätte ihn gefunden. Diesen geheimnisvollen Ort im Wald, an dem alle Wünsche wahr werden (lacht). Das erste Kapitel vom Buch „Roterfeld“ handelt ja von diesem Ort und ist bereits auf unserer Website zu lesen.
Es war schon eine fantastische Zeit und ich geb' gern zu, dass ich mehr Glück als Plan hatte. Eigentlich waren es die Berman Brothers, die Roterfeld entdeckt hatten und alles ins Rollen brachten. Wahr ist aber auch, dass am Ende jeder Song für sich selbst sprechen muss und es nicht darauf ankommt, wer ihn produziert hat.
Pic by Saara Autere
Die Bezeichnungen „FALCO des Düster-Rock“, oder „Forrest Punk“ sind schon ein bisschen hochgegriffen. Ausgeklügelte Marketingstrategie oder wirklich so großes Selbstvertrauen in das Material?
Na ja, so was wie Forrest Punk ist wohl nicht sehr schmeichelhaft gemeint. Ich hätte natürlich verhindern können, dass es in die Bio reinkommt, aber auf 'ne komische Art ist es eh ganz cool. Außerdem fang ich besser gleich mal damit an, mich an so 'n Scheiß zu gewöhnen (lacht).
Das mit FALCO kommt natürlich nicht von mir und wäre auch in Österreich nie Thema gewesen. Dazu verehre ich FALCO viel zu sehr und würde es gar nicht wagen, mich mit so einem Namen zu schmücken. Tatsächlich war und ist FALCO neben DAVID BOWIE aber der häufigste Vergleich, der mir im Ausland immer wieder um die Ohren fliegt. Von L.A. über Helsinki bis nach Deutschland. Ich denke, dass man sich im Ausland bei „extravagant“ und „Österreich“ eben immer noch gern an FALCO erinnert.
Ich wiederhol' mich da gern, wenn ich sage, hauptsache man erinnert sich an FALCO. Wenn Rock mehr ist, als nur eine Musikrichtung, dann war FALCO der coolste Rocker Österreichs und das ever.
Interessant ist auch, dass du eine persönliche „To Do Liste“ erstellt hast, auf der neben der Veröffentlichung von „Blood Diamond Romance“ auch die Teilnehme an einer Off-Road Rallye und andere kuriose Sachen oben stehen. Verrate doch ein bisschen mehr darüber und bedeutet das eigentlich, dass weitere Alben gar nicht geplant sind?
In den geheimen Verliesen von ROTERFELD schlummern noch Songs bis zum siebten Album rauf, sogar die Albumtitel stehen schon, aber natürlich werd’ ich vor jeder Produktion auch noch mal den Geist der Zeit herbeirufen und befragen. Es gab ja auch für „Blood Diamond Romance“ noch einen weiteren Song mit dem Sinfonieorchester Prag. Ich war aber mit dem Mix nicht zufrieden und daher ist er jetzt nicht auf diesem Album. In diesen Song hatte ich soviel Zeit investiert, wie in kaum einen anderen, aber da muss ich für´s nächste Album noch mal ran.
Eine „Lifetime-To Do Liste“ ist eine sehr schöne Sache, da sie uns solange an bestimmte Dinge erinnert, bis wir sie auch tatsächlich machen. Bei mir steht zum Beispiel auch noch ein Schlittenhunde-Rennen oben. Cool oder?
Auf Inhalt und Konzept von „Blood Diamond Romance“ willst du dich nicht so richtig festlegen. Du meinst nur, dass man die Songs und Texte verschieden interpretieren kann. Ist das nicht oft reine Faulheit von Musikern? Oder stecken da nicht oft doch Songs in einem Album, deren Texte prinzipiell willkürlich gewählt sind?
Gute Frage. Freiraum erfährt man dann, wenn man sich nicht mehr auf die Dinge selbst konzentriert, sondern auf den Raum dazwischen. „Blood Diamond Romance“ ist ein großzügiges und freies Album, das musikalische Bilder entwirft. Was ich an dieser Idee so mag ist, dass die Bilder im Kopf von jedem Hörer anders aussehen werden. Jedenfalls möchte ich niemandem den Spaß nehmen, sich seine eigenen Bilder zu malen, indem ich jetzt erzähle, was ich konkret damit gemeint habe. Vielleicht hab ich ja auch nur im Wald ein paar Pilze gefunden.
Pic by Neil Zlozower
Du warst meines Wissens auch mal Ö2-Moderator. Wie kombiniert sich das bitte mit deinem ansonsten recht alternativen Lebensstil?
Na ja, als ich mit 18 von Afrika zurück kam wollte mich ja keiner haben, also ging ich halt zum ORF (lacht). Dass dort nicht gerade meine Musik gespielt wird, hat Radio generell so an sich, aber es war auch 'ne gute Zeit, in der ich viel lernen konnte.
Mein Lebensstil hat mich jedenfalls nie davon abgehalten, Hard-Working und zuverlässig zu sein. Wenn um 8.00 Uhr morgens der Flieger geht, dann muss auch ein nachthungriger Darkrocker um 5.00 Uhr aufstehen.
Auf deiner Homepage liest man etwas von ersten Konzerten Anfang nächstes Jahr. Gibt es da schon was Spruchreifes?
Wir stehen da ziemlich unter Druck, da die Erwartungshaltung aufgrund des Albums entsprechend hoch liegt. Wir planen daher erst Anfang nächstes Jahr, da wir was richtig Gutes auf die Beine stellen möchten. Fest steht, wenn ROTERFELD kommt, dann sind wir auch richtig da. Ich bin nicht angetreten, um euch zu langweilen und auf uns ist Verlass.
Was sind denn deine aktuellen fünf Lieblingsalben? Was inspiriert dich zum Musikmachen?
ALICE IN CHAINS, ANBERLIN, SILVERSUN PICKUPS, JOHNNY CASH und VOLBEAT drehen sich derzeit im CD-Player meiner Kutsche. Das Musikmachen fing bei mir ja schon sehr früh an. Ich glaube nicht, dass meine Inspiration einer bestimmten Absicht entspringt. Ich verfolge nicht die Musik, sondern die Musik verfolgt mich, allerdings gibt es schon Orte an denen ich viel kreativer bin als an anderen. Meer, Sonne und gute Laune bringen mich kreativ zum Stillstand.
Willst du deinen Fans und den Stormbringer-Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?
Klar. Also, liebe Stormbringer-Leser, ein laues Lüftchen ist nicht genug, daher lasst uns wieder Sturm bringen. Mag sein, dass ROTERFELD musikalisch nicht zu den härtesten Acts in eurem CD-Player gehört, aber eines halte ich schon mal schriftlich fest: ROTERFELD wird nie im ZDF-Fernsehgarten auftreten und ROTERFELD wird nie beim Frühstücksfernsehen Kuchen backen helfen. Rock heißt für uns, dass wir das Runde durch´s Eckige klopfen, solang bis es durch ist. Viel Spass mit ROTERFELD!
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