Interview...
Sucht man eigenständigen, technischen Death Metal mit unzähligen Einflüssen, collagenartigen Samples und Soundscapes unterschiedlichster Natur, die alle zusammen ein dennoch stimmiges Gesamtes abgeben, dann kommt man an den Portugiesen DISAFFECTED nicht vorbei. Was sich wie ein Overkill an Zutaten anhört, funktioniert erstaunlicherweise bei der bereits 1991 gegründeten Band, die als gewöhnliche Death/Thrash Metal Band startete, bestens. Ein paar Demos später gab es 1995 das Debüt „Vast“, doch aufgrund interner Probleme wurde die Band 1997 erstmals aufgelöst. Mit zwei neuen Mistreitern ging es 2006 wieder los und beschert uns eine deutlich komplexere Materie, die in den Aufnahmen, respektive der Veröffentlichung von „Rebirth“ einen ersten Höhepunkt findet.
Rede und Antwort zur Geschichte der Band, ihrer Musik und dem Rest stand uns ausführlich Drummer Octávio Custódio.
Kurz zu eurer Geschichte bzw. zu eurer Entwicklung. Wie ist es vonstatten gegangen,
dass ihr euch von einer Death/Thrash-Metal Band hin zu einer so eigenständigen
Progressiv-Metal-Band entwickelt habt?
Wir haben schon in den frühen Neunzigern versucht, einen etwas komplexeren Zugang zu unseren Songs zu gestalten. Über die Jahre hat sich das dann noch ausgeweitet und wir entwickelten uns immer mehr in Richtung Progressiv Metal. Trotz alledem sind unsere Wurzeln als Death/Thrash-Metal Band nach wie vor sichtbar. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe warum wir so vielfältig klingen.
In eurer Bio ist zu lesen, dass ihr zwischen 1997 und 2006 jede Aktivität die Band betreffend
ruhend gestellt habt. Was habt ihr in dieser Zeit getan?
Die Geschichte ist einfach: Ein paar Jahre nachdem unser Debüt “Vast” erschienen ist, hatte unser Gitarrist Sergio einen beinahe tödlichen Motorradunfall. Er lag für ein paar Wochen im Koma und die Ärzte sagten, dass er wahrscheinlich nie wieder in der Lage sein wird, zu gehen oder zu sprechen. Wie durch ein Wunder verbesserte sich sein Zustand über die Jahre und 2006 hatte er es geschafft, sich wieder das Gitarrespielen beizubringen und war die treibende Kraft in der Reformation von DISAFFECTED. Damals hatten allerdings zwei Mitglieder der Band, die auf „Vast“ zu hören sind, die Band verlassen bzw. waren in anderen Gruppen tätig. Es war also notwendig, neue Mitstreiter zu suchen und den Versuch zu starten DISAFFECTED zu reanimieren. Die anderen Musiker, die auf „Vast“ zu hören sind, hatten damals andere Projekte am Laufen, kehrten allerdings rasch wieder zu DISAFFECTED zurück.
All Pictures DISAFFECTED Facebook Page
Ihr habt euer Debüt „Vast“ 1995 veröffentlicht. Ich habe leider noch nicht die Möglichkeit gehabt,
mich damit zu beschäftigen. Was sind die Unterschiede zwischen „Vast“ und „Rebirth“?
“Vast” ist leider nur mehr sehr schwer zu finden. Da es aber tatsächlich als ein Underground-Meilenstein betrachtet und immer wieder bei uns angefragt wird, haben wir alle Songs auf YouTube gestellt. Die großen Unterschiede sind die deutlich komplexere Atmosphäre auf „Rebirth“. Die Songs auf „Rebirth“ sind im Schnitt fünf Minuten lang, während auf unserem neuen Album alle Lieder durchschnittlich sieben bis acht Minuten dauern. Das Feeling ist ähnlich, aber die Dissonanzen, das komplexe Songwriting und die verschiedenen Ebenen in den Songs sind auf einem deutlich höheren Level. „Rebirth“ benötigt einfach mehr Zeit, um es zu verstehen. Das liegt auch daran, dass sich der Herstellungsprozess über viele Jahre hinzog.
Generell werdet Ihr als Progressiv-Death-Metal Band bezeichnet. Genügt euch diese
Bezeichnung, oder greift das etwas zu kurz?
Meiner bescheidenen Ansicht nach, vermengt ihr alles von groovigem
Death Metal bis hin zu reinem Jazz, massiven Dissonanzen und Vocals, die bisweilen an
BJÖKR erinnern.
Wie schafft ihr es, dass ein so komplexes Album doch relativ “einfach” anzuhören ist?
Wir glauben, dass DISAFFECTED mehr sind, als “nur” eine Progressiv Death Metal Band. Auf dem Album sind die Dinge zu hören, die du bereits angesprochen hast und dazu noch dissonante Keyboardflächen, Tribal-Percussion und viel mehr. Wir denken dass es unmöglich ist, einer Band eine Schublade zuzuordnen wenn so viel in ihrer Musik passiert. Natürlich braucht man aber eine grobe Zuordnung, um potenziellen Hörern einen Anhaltspunkt zu geben. Eigentlich sollte man aber die Leute vorab warnen, dass es sich nicht um ein konventionelles Prog-Album handelt. Unglücklicherweise finden nicht allzu viele, dass das Album „einfach“ nachzuvollziehen ist. Wir versuchen immer den schwierigsten Weg zu finden.
Wenn wir Songs schreiben heißt es bei uns: Erschaffe und Kreiere oder fang gar nicht erst an! Die abschließenden Arrangements halfen, dem ganzen ein paar Ecken und Kanten zu nehmen. Die Vocals und Keyboards haben einerseits die Songs leichter zu konsumieren gemacht, andererseits ist es aber auch passiert, dass dadurch manche Idee noch eigenartiger geworden sind. Wir sind als Band metaphorisch gestorben und wieder geboren worden. Diese zweite Chance führte dazu, dass wir viele Dinge aus anderen Gesichtspunkten gesehen haben. Und das ist auch in die Songs mit eingeflossen.
Sehr ihr euer Album als ein großes, durchgehendes Stück oder verfolgt ihr die konventionelle
Song by Song-Einteilung? Für mich ist das Album wie ein riesiger Soundtrack zu einem sehr
dunklen Film. Und hinter jeder Ecke lauert eine Überraschung.
Vielen Dank! Zu hören, dass das Album immer etwas Überraschendes zu bieten hat, ist ein Riesenkompliment. „Rebirth“ wurde tatsächlich als ein Ganzes konzipiert und nicht als eine Ansammlung einzelner Songs. Es ist in der Tat ein Konzeptalbum. Es erzählt Schritt für Schritt die schon lange währende Geschichte von DISAFFECTED. Es gibt eine dunklere erste Hälfte, die sich mit dem Niedergang der Band beschäftigt und eine zweite Hälfte, die etwas positiver über Ambitionen und den Willen dieser Band, wieder erstehen zu lassen, beschreibt. Das Basisgefühl ist allerdings durchgehend das selbe.
Was sind eure Einflüsse beim Songwriting?
Wir haben sehr viele, sehr unterschiedliche Einflüsse. Wir hören alles von DEAD CAN DANCE, OBSCURA, AHTEIST, DREAM THEATER, DEATH, CARNIVAL IN COAL, ARCTURUS und vieles mehr. Moderne Musik hat so viel zu bieten, dass es unmöglich ist, ohne Einflüsse zu arbeiten. All diese genannten Bands und noch viele mehr hatten natürlich einen Einfluss auf unser Songwriting.
Wer ist bei euch für die Lyrics zuständig und welche Themen werden behandelt?
Die Texte zu „Rebirth“ wurden von beinahe allen Mitgliedern von DISAFFECTED geschrieben. Es ist einiges an Selbstanalyse in die Entstehung des Albums gegangen. Daraus resultierte, dass jeder in der Band etwas zu sagen hatte. Sergio zum Beispiel hat die Lyrics zu „Evolution Within“ und „Getting Into The Labyrinth“ geschrieben. Die Songs sind Metaphern, die seinen Kampf um sein Leben nach dem Unfall und die Dunkelheit, die ihn in dieser Zeit umgab, beschreiben. Wie schon erwähnt ist „Rebirth“ ein Konzeptalbum. Der erste Teil handelt von Leiden, Not, Zorn und Verzweiflung, während es im zweiten Teil um den eigenen Willen, den Glauben und die Fähigkeit etwas zu erreichen geht. Musikalisch bewegt sich allerdings alles auf einem gleich bleibenden Niveau, man merkt hier keinen Unterschied.
Die Reviews sind, soweit ich sie bisher gelesen habe, durchwegs positiv.
Lest ihr Reviews und nehmt ihr euch diese zu Herzen?
Die Reviews bisher waren in der Tat fantastisch. Wir haben Topbewertungen in wirklich einflussreichen Magazinen bekommen und das ist natürlich aufregend. Nach all den verlorenen Jahren und der Tatsache, dass wir uns als Portugiesen in einem Land befinden, das nicht unbedingt bekannt für diese Art von Musik ist, hätten wir nie gedacht, dass wir in Mittel- und Nordeuropa auf diese Art und Weise wahrgenommen werden. Massacre Records haben uns diese Chance gegeben und wir waren sehr gespannt wie die Zuhörer reagieren. Bisher läuft es bestens. Die Hörer scheinen „Rebirth“ wirklich zu mögen und das ist ein fantastisches Gefühl.
Spielt ihr eigentlich live und wie schwierig ist es, eure Songs auf die Bühne zu bringen?
Verwendet ihr Samples oder andere Einspielungen aus dem Rechner? Und werden wir
euch auch in Österreich sehen können?
Wir haben einige Release-Parties und Konzerte in Portugal und Spanien im Juni und im späten Herbst geplant. Im August sind wir für das größte Metal-Festival in Portugal bestätigt, auf dem heuer so fantastische Bands wie ARCH ENEMY, OVERKILL, CORONER, AT THE GATES und ARCTURUS spielen werden. Wir sichten auch gerade Angebote in anderen Ländern zu spielen. Aus Österreich gibt es leider noch keine Anfragen, wir würden uns natürlich freuen, bei euch zu spielen. Ich hoffe, dass wir mit Anfragen überschwemmt werden, sobald „Rebirth“ veröffentlicht wird.
Zum Thema Samples: Live benutzen wir keine. Wir haben nichts dagegen, aber es ist einfach nichts, was wir live verwenden. Alles, auch der schrägste Stoff auf dem Album, kann von uns live reproduziert werden. Wir verwenden ein TD20 Drum Set, Gitarreneffekte und Keyboards.
Vielen Dank für das Interview und alles Gute weiterhin!
Vielen Dank. Wir hoffen, dass wir uns in Österreich sehen!
Als Einführung in die Welt von DISAFFECTED haben sie einen YouTube-Kanal eingerichtet, erreichbar unter: http://www.youtube.com/user/giao666?feature=results_main
Überblick...