Interview...
Hi Leif! Bevor wir übers musikalische sprechen, müssen wir – wieder mal –diverse Line-Up aufarbeiten. So gravierend wie dieses Mal hat es Dich ja in Deiner nun schon 20-jährigen DEW-SCENTED Karriere noch nie erwischt. War es wirklich ausschließlich der Fakt, dass Michael, Martin, Alex und Marc mit Eurem ausgefüllten Terminplan nicht mehr zurechtkamen?
D-S: Hallo erstmal ;-) Hier geht es ja direkt zur Sache, hahaha! Nein, der Terminplan war nicht der Grund. Es ist zwar schon so, dass einige der Leute nicht ganz so verfügbar und tour-freudig wie andere waren, aber daran lag es nicht. Die Stimmung in der Band war bereits nach den „Invocation“ Aufnahmen etwas schwierig, aber wir konnten bis Anfang 2011 noch einen Weg finden, uns zu arrangieren. Danach wurde es aber komplizierter, nachdem Martin und dann Alex aus persönlichen Gründen ausgestiegen waren. Wir entschlossen uns also eine Auszeit von Konzerten zu nehmen begannen mit Marvin als neuen Gitarristen/Songwriter an „Icarus“ zu arbeiten. Da stellte sich dann leider auch recht schnell heraus, dass auch die anderen beiden nicht im benötigten Umfang Interesse und Motivation für DEW-SCENTED haben würden, also war ein radikaler Kurswechsel die einzige Option. Tja, das letzte Jahr war alles andere als einfach hinter den Kulissen, so viel kann ich verraten…
Gewundert hat mich persönlich ja der Abgang von Alexander, der ja fast 10 Jahre an Deiner Seite den Bass bediente und schon zu etwas wie einem zweiten DEW-SCENTED Urgestein mutierte…
D-S: Ja, das stimmt. Alex ist „Inwards“-Zeiten, genauer gesagt seit der 2002er Europa-Tour mit Cannibal Corpse bei DEW-SCENTED. Witzigerweise war auch der Marvin auf jener Tour unser Lead-Gitarrist…so klein ist die Welt! Wir hatten schon nach „Incinerate“ einen großen Line-Up Wechsel zu verkraften und es war auch Alex der besonders viel Mühe und Zeit in das Gelingen des „Invocation“-Gefüges stecken musste. Ich glaube das war alles vielleicht ein bisschen viel des Guten und dann hat man einfach gemerkt, dass spätestens nach dem Abgang vom Martin vor der Tourt mit Nile auch bei Alex die Luft und auch die Lust an DEW-SCENTED etwas raus war. Ich habe ihn erst gestern wieder getroffen und etwas über diese Situation gequatscht, aber es ist halt so wie es ist. Wir haben allerdings damals die Trennung kommen sehen und haben es noch nett und offiziell mit einem lustigen Gewinnspiel (Siehe: http://www.dew-scented.net/?p=1071) ausklingen lassen. Alex ist ein feiner Typ und es war schade, dass am Ende der Zusammenarbeit die Luft immer dicker geworden war. Naja, auf jedem Fall wünsche ich ihm und Mücke alles Beste für deren aktuelle Band Weak Aside, die echt ´ne coole Kombo sind…
Pic by Ester Segarra
OK, jetzt lag ja vieles in der Hand von Marvin Vriesde, der Euch in den letzten Jahren ja immer schon als Livegitarrist ausgeholfen hatte. War Marvin für Dich – nach dem Abgang des kompletten „Invocation“ Line-Ups – die einzige Alternative, oder hattest Du auch über andere Konstellationen nachgedacht?
D-S: Naja, ich hatte auch die Option der kompletten Stilllegung von DEW-SCENTED in Betracht gezogen! Aber es wäre der falsche Zeitpunkt und auch nicht der richtige Grund gewesen. Schließlich hatten sich ja nur die anderen Leute (aus verschiedenen persönlichen Gründen) dagegen entscheiden bei der Band zu bleiben, zu der sie vor nicht allzu langer Zeit erst gestoßen waren…mein Fokus und meine Energie war aber weiterhin vorhanden. Marvin war immer schon die „erste Wahl“ und ich war echt glücklich, dass er diesmal zugesagt hat, denn wir fragten ihn auch bereits ein paar Mal vorher in den letzten Jahren. Ich habe auch zwischendurch noch mit anderen Musikern hier in NRW zusammen geprobt, aber das Line-UP stellte sich nicht als passend heraus und somit war ich oberglücklich als Marvin Interesse an der Herausforderung hatte und vor allem auch gewillt war, das neue D-S Line-Up um seine Person herum aufzubauen. Die Stimmung und die musikalische Qualität sind auf jeden Fall derzeitig sehr gut und ich freue mich bereits auf die kommenden Gigs!
Sieht man sich das „neue“ DEW-SCENTED Line Up so an, könnten böse Zungen ja glatt behaupten Du hättest Dich der „Tulpen-Connection“ mit Haut und Haaren ausgeliefert *he he*
D-S: Ja, das stimmt schon, aber ist wie gesagt nur logisch gewesen, denn Marvin hat das komplette neue Album geschrieben und auch den Koen als Drummer dafür vorgeschlagen. Danach ergab jeder weitere Schritt den nächsten und somit sind wir quasi ne holländische Band jetzt, hahaha! Eine Zeit lang redeten wir darüber, dass Marvin auch den Bass im Studio einspielen würde, aber letztendlich hat dann Koens Bandkollege Joost den posten übernommen und auch deren I Chaos Bandkollege Rory kam dann nach den „Icarus“ aufnahmen dazu, um das aktuelle Line-Up zu komplettieren. Es klingt wie ein recht drastischer Schritt, aber eigentlich ergab sich das alles dann final recht logisch und locker. Und übrigens: Mein Anfahrtsweg zum Proberaum ist jetzt sogar kürzer als zu „Invocation“ Zeiten oder auch davor, hahaha!
Pic by Ester Segarra
OK, reden wir über „Icarus“ – wie anders war es für Dich plötzlich die komplette kompositorische Verantwortung wieder in neue Hände zu geben, oder hattest Du in die Qualitäten von Marvin quasi blindes Vertrauen?
D-S: Ja, ich konnte mich eigentlich blind (oder taub?!) verlassen! Ich kennen Marvin ja bereits sehr lange…seit Mitte 90er und er hat ja bereits zu unserer allerersten größeren Tour als Edge Of Sanity Support in 1996 zum DEW-SCENTED Live-Line-Up gehört. Marvin weiß wie diese Band zu klingen hat. Er hat nicht einen ähnlichen Musikgeschmack wie ich, sondern auch einen ähnlichen Background in Sachen Inspirationen, usw. Es war für ihn also nicht sonderlich schwierig, das „Icarus“ Material in die richtige Richtung zu komponieren. Er kennt DEW-SCENTED aus verschiedenen Phasen und kann somit ganz gut einschätzen, was als nächster Schritt gut wäre. Das Abgleichen der Riffs und Ideen passierte sehr entspannt und zügig zwischen ihm und mir. Das war eigentlich eine richtig produktive und positive Vorproduktion zu „Icarus“, trotz des Line-Up-Dramas, was besonders mir viele graue Haare beschert hat, haha! Aber wie man schon so schön sagt: Was dich nicht tötet, macht dich bloß stärker! Ich denke man kann „Icarus“ diesen Biss anhören und das Album als Befreiungsschlag werten…
Vergleicht man „Icarus“ mit seinem direkten Vorgänger fällt auf, dass bis auf „Reawakening“ das komplette Album im Up-Tempo Bereich angesiedelt ist. Ist das Marvins Schreibstil, oder wolltet ihr von vornherein (wieder) ein „in die Fresse“ Album auf den Markt bringen?
D-S: Ach, ich glaube das sieht jeder anders! Ich hatte anfänglich sogar das Gefühl, dass auf „Icarus“ mehr Midtempo als zuvor zu finden sein würde?! „Sworn To Obey“ war zum Beispiel der letzte Song, den wir für „Icarus“ komponiert haben und der ist gleich so direkt und „gnadenlos“ ausgefallen, dass wir ihn direkt an den Anfang des Albums gesetzt haben. Wir haben aber insgesamt beim Schreiben nicht sonderlich viel taktiert. Marvin hat einfach nur sein Bestes gegeben und er hat es geschafft ein Album zu schreiben, welches DEW-SCENTED einen weiteren Schritt nach vorne bringen dürfte! Ich finde nicht nur die einzelne musikalische Leistung der neuen Jungs hammer, sondern vor allem die Breite des Materials spannend. Es ist zwar immer deutlich DEW-SCENTED, aber es kommen auch neue Elemente zum Vorschein und vor allem auch viel Melodie wieder ins Spiel. Wahrscheinlich muss man sich „Icarus“ ein paar Mal öfter anhören als „Invocation“ oder „Incinerate“, um sich ein gutes Urteil bilden zu können, aber das finde ich eigentlich nicht schlecht. Mir persönlich sind langlebigere Alben eigentlich lieber als nur oberflächlich direkte eingängige Werke. Mal schauen wo uns diese neue Reise der Band also hinführt…haha.
Pic by Ester Segarra
Trotz aller Veränderungen sind es aber dann wieder die Konstanten die bei DEW-SCENTED auffallen – erneut in den Soundlodge Studios mit dem Herren Uken aufgenommen, wieder ein Killer Artwork von Björn Goosses – beides Partner die Du sicher über die Zeit schon liebgewonnen hast und wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen bist hier Veränderungen vorzunehmen?
D-S: Ja, das sind Konstanten, die ich gerne beibehalten wollte! Ich war mit den bisherigen Ergebnissen der Zusammenarbeit mit Jörg und Björn (der uns ja bereits seit dem 2003er „Impact“ Album treu begleitet…) zufrieden und bin glücklich, dass die beiden auch nochmal einen Gang hochschalten konnten für „Icarus“. Ich finde das Album in Sachen Produktion und Artwork sehr gelungen und freue mich, dass die beiden erneut Lust hatten, ihr Talent für DEW-SCENTED zu präsentieren! Ach, eigentlich bin ich ja ein Freund von Konstanten…Veränderungen bedeuten ja oft, dass man wieder bei null anfangen muss. Das kostet Energie und Zeit, welche ich auch lieber anders investieren möchte. In Sachen Line-Up konnte ich mir das aber vor „Icarus“ einfach nicht aussuchen…es kam wie es kam. Irgendwie denke ich mir, dass es sicher auch was Positives hatte und „Icarus“ spricht hoffentlich musikalisch für sich selbst!? Wenn ich jetzt gerade einen Wunsch äußern dürfte, dann wäre es wohl der, dass wir beim nächsten DEW-SCENTED Album mnit dem jetzigen Line-UP aber auch gerne mit Jörg und Björn (sowie unserem Soundmann Klaus) weitermachen können. Ich denke es wäre schön zu sehen, was man mal aus D-S kreativ und qualitativ wirklich machen kann, wenn man nicht immer so viel Mühe und Nerven für Line-Up Problematiken verschwenden muss…
Über „Reawakening“ müssen wir natürlich noch sprechen – schließlich hat hier niemand geringerer als Dan Swanö die Vocals mit Dir eingezwitschert – wie cool ist es einen Dan Swanö auf dem Album zu haben, der ja – soweit ich weiß – zu Deinen größten Einflüssen gehört, wenn es um Deinen aggressiven Gesangsstil geht.
D-S: Es klingt für mich aber nicht wie „Gezwitscher“, was der Dan da gemacht hat, haha! Aber ja, es war mir eine große Ehre und persönliche Genugtuung, dass Dan auf gerade diesem Album gastiert.
Uns verbindet ja bereits eine lange musikalische Freundschaft seit der 96er Tour und Dan hat ja auch 1998 das zweite DEW-SCENTED Album, „Innoscent“ gemixt. Ich hatte mir bereits vor ein paar Jahren gewünscht eventuell in Sachen Gesangsproduktion mit Dan mal zusammen zu arbeiten, und somit war es toll, dass ich ihn für den Gastauftritt zu „Reawakening“ gewinnen konnte. Ich hatte eine tiefe, sehr akzentuierte Gesangslinie im Kopf für einige Parts dieses Songs und da kam Dans Trademark-Growl wie „gerufen“. Neben ihm sind auch noch Rob Urbinati (Sacrifice) und Dennis Schneider (Retaliation / Final Breath) mit Guest-Vocals bzw. Guest-Guitarleads auf „Icarus“ zu hören, was hoffentlich ein schönes und interessantes Extra darstellt…
Die berühmten "letzten Worte": Willst Du den Lesern von Stormbringer.at noch etwas mit auf den Weg geben?
D-S: Ja, klar…vielen Dank für die jahrelange Unterstützung! Wir hatten immer eine tolle Zeit in Österreich und hoffen auch bald wieder für Gigs zu euch kommen zu dürfen! Es ist ja bereits ne ganze Weile her, dass wir zuletzt vor Ort waren auf der Tour mit Nile…
Noch mal Danke, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!
D-S: Kein Problem…immer wieder gerne! Danke für eure Zeit und für die erneute Unterstützung! Das ist nicht selbstverständlich und gut zu sehen, dass DEW-SCENTED immer wieder eine gute und faire Chance bei euch bekommen!
PS: ich hab mir auch diesmal wieder die „I“ Frage verkniffen. Hoffe das passt so… oder????
D-S: Hahaha, ja damit kann ich weiterhin leben….aber wir haben uns das ja selbst eingebrockt mit dieser wahnsinnigen Idee, einen kontinuierlichen Wortstamm für die Albumtitel zu wählen ;-) Die Frage kommt bei anderen Interviews derzeitig erneut oft genug vor. So langsam gehen mir die unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten dafür aus, hahaha!
Überblick...