DEAD LORD - Hakim Krim

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Einen THIN LIZZY-Song zu covern wäre so, als würde ich mir selbst in den Fuß schießen.

Mit dem starken neuen Album "Heads Held High" in der Hinterhand lässt es sich bei den Schweden DEAD LORD derzeit gut leben. In Wien haben wir uns Sänger Hakim Krim geschnappt und über Musik, Politik, Nacktheit, U-Bahn-Stationen und den ungerechtfertigten GHOST-Hype zu plaudern.

Veröffentlicht am 21.09.2015

Ein schöner Spätsommertag vor dem Wiener Viper Room und die freudige Erwartung, bald eines der besten Herbst-Packages in der Hauptstadt zu sehen. Die norwegischen High-Class-Rocker AUDREY HORNE tourten mit den schwedischen Retro-Verfechtern DEAD LORD und dem australischen Abrisskommando DEAD CITY RUINS durch Europa und machte kurz vor Tourschluss an einem Dienstagabend auch in der österreichischen Bundeshauptstadt Station. Mit "Heads Held High" haben DEAD LORD eines der eindrucksvollsten Retro-Rock-Werke des Jahres vorgelegt, das war für uns Grund genug, beschauliche 40 Minuten mit dem charismatischen Frontmann Hakim Krim zu plaudern. Bevor es aber dazu kam, traf ich vor dem pompösen Nightliner schon Drummer Adam Lindmark, mit dem ich vor etwa einem Jahr noch ein anregendes Gespräch über MORBUS CHRON führte - er erzählte mir ausführlich über Grund und Ursache des Exitus einer der wohl innovativsten Combos des modernen Metalzirkus. Sehr schade darum und noch einmal ein ausführliches R.I.P. auch von dieser Stellt (HIER noch einmal das Gespräch mit Adam von der 2014er-Tour mit AT THE GATES und TRIPTYKON). Aufgrund der müffelnden Tour-Klamotten wird der Talk mit Hakim dann backstage geführt und hatte lustigerweise nur am Rande mit der Band zu tun. Tagesaktuelle politische Ereignisse, Schauspielkünste, prüde Nacktheits-Gegner und der übertriebene Hype von GHOST waren dann doch wichtiger, bevor der bestens gelaunte Hakim nach dem offiziellen Interview den Satz des Abends vom Stapel ließ: "Jetzt gehen wir aber auf ein Bier, das ist ja der einzige Grund, warum ich und du überhaupt machen, was wir machen." In dem Sinne - Prost und viel Spaß beim Lesen!

Hakim, dein einziges Ziel nach der Gründung von DEAD LORD 2012 war es, zu rocken. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis, drei Jahre später?

Auf jeden Fall. Bislang ging alles so schnell, dass ich noch gar nicht genau darüber nachdenken konnte. Wir haben zwei Alben herausgebracht, eine Split mit den famosen BLACK TRIP und einen Haufen Singles. Wir werden bald auch eine Split mit den Spaniern von '77 veröffentlichen, die wir bei ihnen zuhause kennengelernt haben. Aufgenommen haben wir dann in Schweden. Es läuft also sehr gut und das macht mich glücklich. Vor allem in Deutschland war das Feedback unfassbar. Schon wenigen Wochen nach Release des ersten Albums „Goodbye Repentance“ sangen die Leute bei den Shows meine Zeilen mit. Das war schon ziemlich irre, denn sowas kannte ich nicht. Ich war ja bislang nur in ein paar beschissenen schwedischen Bands zugange. (lacht) Plötzlich sind die Clubs voll und alle singen mit. Auf Tour zu sein und zu spielen – das ist genau das, was wir machen wollen. Rocken eben.

„Heads Held High“, euer neues, zweites Studioalbum hat von Anfang an sehr viel gutes Feedback von Fans und Kritikern bekommen. Wo liegt denn deiner Meinung nach der größte Unterschied zu „Goodbye Repentance“?

Wir haben uns als Band einfach besser kennengelernt und das hat sich auch im Studio und beim Songwriting gezeigt. Beim ersten Album haben wir einfach mal gemacht, jetzt haben wir die Ideen länger durchgesprochen und öfter geprobt um zu schauen, ob die Songs auch gut genug sind. Wir haben die Nummern auch viel mehr als Band arrangiert. Jeder wusste mehr, wer wir eigentlich sind und das alles hat uns stark geformt. Adam Lindmarks Drumming auf „Heads Held High“ ist wesentlich besser geworden und alle zusammen sind wir selbstsicherer geworden. Unser Gitarrist Olle Hedenström hat mehr Songs geschrieben, was wirklich großartig ist. Wir sind dadurch einfach universeller unterwegs, weil er anders schreibt als ich.

Eine Entwicklung in allen Richtungen also?

Ich denke schon. Natürlich wollen wir unserem Sound folgen, aber auch eigenständiger werden. Diese Richtung haben wir eben eingeschlagen.

Du hast schon in unzähligen Interviews betont, dass du der Vergleiche mit THIN LIZZY müde bist. Aber Hakim – deine prägnante, warme Stimme, die Twin-Gitarren-Stakkati und Adams pulsierendes Drumming – ich denke nicht, dass die Ähnlichkeiten von der Hand zu weisen sind…

Ja schon, aber Ende der 70er-/Anfang der 80er-Jahre gab es doch viele Twin-Gitarren-Bands. Ein paar davon wurden berühmt und THIN LIZZY waren eigentlich auch eher ein europäisches Phänomen, in den USA waren sie gar nicht so groß, aber die Strahlkraft ist natürlich enorm. Auf der Split mit BLACK TRIP haben wir einen WITCHFYNDE-Song gecovert – das ist etwa auch eine typische Twin-Gitarren-Band, zu der wir aufschauen. THIN LIZZY sind natürlich großartig, aber wir haben unsere Einflüsse auch von anderen Bands.

Vielleicht wäre es doch besser, „Jailbreak“ in den nächsten paar Jahren nicht zu covern.

(lacht) Eventuell hast du Recht. Aber du kannst ja auch keinen QUEEN-Song covern. Egal wie sehr du dich bemühen würdest, die Idee ist einfach dämlich. QUEEN-Songs sind so perfekt auf ihren Alben, dass du sie unmöglich besser, sondern nur schlechter machen kannst. Ich würde nur Songs covern, die ziemlich armselig aufgenommen wurden. Einen THIN LIZZY-Song zu covern wäre so, als würde ich mir selbst in den Fuß schießen.

Mir gefällt extrem gut, dass eure Texte nicht vor Klischees triefen, sondern sich durchaus um politische und gesellschaftskritische Themen drehen. Du bist dir diesbezüglich sehr viel Mühe, „When History Repeats Itself“ fällt mir da etwa spontan ein.

Dazu wurde ich inspiriert, als ich einmal in Ruhe durch die Nachrichtenlandschaft googelte und dann zufällig auf den Israel/Palästina-Konflikt gestoßen bin. Ich habe mich dann tiefer hineingelesen und bemerkt, wie dämlich die ganze Sache ist. Der Streit um Religionen und Traditionalismen führt zu ewigen Konflikten und eine nicht leicht verständliche Aufteilung des Landes. Ernsthaft? Wegen Religion? Das ist in etwa gleich dämlich, wie wenn du darüber diskutierst, ob Brad Pitt oder Edward Norton die wichtigste Hauptrolle in „Fight Club“ spielt – absolut schwachsinnig. Ihr lest doch alle dasselbe Buch, warum könnt ihr keine Freunde sein? Grundsätzlich schreibe ich über Dinge in der Welt, die mich nerven, weil die Welt ja Kopf steht. Die Banken kontrollieren die Regierungen und Politiker werden von Unternehmen gesponsert. So etwas macht mich durchaus wütend.

„When History Repeats Itself“ als Songtitel kannst du aber auch gut mit Europa gleichsetzen. Die Geschichte wiederholt sich ja jetzt auch bei der Flüchtlingsthematik, wo die Deutschen und die Ungarn die Grenzen hochziehen und auch Österreich kurz davor steht.

Exakt, wir haben auch einen Song namens „Cold Hearted Madness“, der sich darum dreht, wie Europa plötzlich wieder rassistisch wird. Wir alle wissen, dass das letzte Mal nicht so lange her ist. Das ist so dumm, denn wir haben ja nichts davon und werden auch nicht profitieren. Das tun am Ende dann doch wieder nur die Großen und Mächtigen, die uns verarschen. Bei der eindeutigen Kluft zwischen Arm und Reich, sehen wir die Reichen gar nicht, sondern nur die Armen. Es ist also sehr leicht für uns, nur die Armen zu sehen. Grenzen zu schließen ist nicht klug, das hält die Menschen nicht auf. Damit beruhigt sich nur die Politik. Ich würde gerne einmal in einem Raumschiff sitzen und als Außerirdischer auf die Erde schauen. Wenn die all diese kleinen Figuren sehen, die sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen denken sie sicher daran, wie extrem dumm wir doch alle sein müssen. (lacht)

Ich habe unlängst mit Alex Vega von STEELWING gesprochen und er meinte, könnte er für einen Tag Gott sein, würde er die Machtverhältnisse verdrehen. So, dass zum Beispiel Afrika die Welt regieren würde.

Ich würde an dieser Stelle die Gier aus jedem Menschen nehmen und dann schauen, was passiert. Wir sind eigentlich Tiere, die, ähnlich den Hunden, dafür gemacht sind, in einer kleinen, knapper bemessenen Umwelt zu leben. Ich kann daher verstehen, dass reiche und mächtige Menschen korrupt werden, das liegt doch zu großen Teilen in unserer menschlichen Natur. Aber es nervt natürlich. Niemand benötigt Billionen von Dollars und unendlich viele Bankkonten.

Aber natürlich will jeder Billionen von Dollars haben.

Das ist ja das Problem. Jedem Kind wird beigebracht, dass es gut ist, reich zu sein und man seine Karriereziele in diese Richtung auslegen sollte. Das ist aber eine Fehlinformation, denn es gibt eine Menge Menschen, die dadurch wahnsinnig oder einsam werden. Das ist das Ergebnis des Kapitalismus. Ich will damit nicht sagen, dass der Kommunismus besser wäre, es ist nur das andere Extrem. Ich kann das Problem nicht lösen, aber ich kann darüber singen. (lacht)

Aber wie sieht es da bei dir selbst aus? Wie jeder Rocker willst du doch sicher auch Reichtum, Girls und Fame?

Die Girls? Auf jeden Fall. (lacht) Als ich 25 war habe ich meinen Job gekündigt, mein Heimatkaff verlassen und bin nach Stockholm gezogen, um DEAD LORD aus der Taufe zu heben. Zu dieser Zeit habe ich herausgefunden, dass für mich das Geld nicht entscheidend ist. Du siehst Leute, wie sie sich die Ärsche abarbeiten, keine Freizeit haben und plötzlich als 50-Jährige aufwachen und bemerken, dass sie keinen Tag gelebt haben. Da helfen dir auch keine Häuser, Autos und Fernseher mehr. Ich habe immer versucht, so wenig wie möglich zu arbeiten und dann nur das, das mir Spaß macht. Je mehr ich mich daran hielt, umso mehr Zeit hatte ich in Ruhe Musik zu komponieren. Natürlich hätte ich gerne etwas mehr Geld, aber den Fokus darauf zu legen, ist einfach dämlich.

Du wärst ja der perfekte Feind für die bis vor kurzem noch sehr rechtsgerichtete schwedische Regierung.

(lacht) Die letzten acht Jahre war die Regierung tatsächlich sehr konservativ, auch wenn wir heute noch weit weg von links sind. Die Zeiten, wo die Linken regierten, haben Schweden aber zu dieser Art von Wohlfahrtsstaat gemacht. Selbst wenn du wirklich arm bist, fällst du eigentlich kaum durch ein Sicherheitsnetz. Dann kamen die acht Jahre der Rechtsregierung und das machte die Leute einfach rassistischer. Das ist die Propaganda, die du nicht wirklich siehst, die aber automatisch vonstattengeht. Derzeit kommt mir das vor wie ein riesengroßer Zirkus.

Aber ein verdammt gefährlicher Zirkus.

Das schon, aber was sollen wir machen? (lacht) Du kannst den Leuten immer wieder erklären, dass sie keine Arschlöcher sein sollen, aber viel zu oft nützt das nichts. Den philosophisch besten Satz dazu hat mir DEAD CITY RUINS-Sänger Jake Wiffen gesagt: „Würden einfach alle aufhören, sich wie verdammte Fotzen zu benehmen, wäre die Welt okay“. (lacht) Dem ist nichts hinzuzufügen.

DEAD LORD-Frontmann Hakim Krim rockt sich im Wiener Viper Room die Seele aus dem Leib - (c) Andreas Graf

Angelehnt an euren Song „Ruins“ – hattest du eine Zeit in deinem Leben, wo du mal vor Ruinen oder Trümmern gestanden bist?

Nein, denn genau dieser Song dreht sich um die Rechtsregierung in Schweden. Ich versuche Lyrics immer so zu schreiben, dass sie etwas kryptisch sind. Jeder soll sich selbst ein persönliches Bild daraus malen können, denn es gibt wenig Langweiligeres, als einer Band bei einer Geschichtsstunde zuzuhören. Der Sound muss einfach einen coolen Rock-Song wiederspiegeln.

Aber du machst Geschichtsstunden ja ohnehin cool.

Exakt, danke dir. (lacht) Es ist einfach ein geschichtliches Rock’n’Roll-Thema.

Du bist sehr interessiert an der Musik der 60er- und 70er-Jahre. Wenn du aber irgendetwas X-Beliebiges aus dieser Ära in die Gegenwart transferieren könntest, was wäre das?

Die Leute hatten damals keine Angst davor, nackt zu sein. (lacht) Ich finde diese Scham heute sonderbar, vor allem in den USA ist das extrem heftig. Einerseits rennt jeder mit fünf Waffen durch die Gassen, aber wenn du wo einen Nippel siehst, drehen alle komplett durch.

Es gibt ja sogar Staaten, wo du problemlos ein Hakenkreuz in deinen Rasen mähen kannst.

Soll ich dem dann noch etwas hinzufügen? (lacht) Die Gewalt im Allgemeinen ist ja sehr populär in der westlichen Popkultur und total normal bei den Amerikanern. Mir soll das auch Recht sein, aber was habt ihr gegen Titten, Eier, Ärsche und Nackte? Kommt schon, da ist nichts Gefährliches daran, was soll das? (lacht) Ich habe auch Probleme mit gewissen Drogengesetzen. Natürlich spreche ich von Marihuana. Jeder raucht das Zeug, jeder weiß, dass der andere dieses Zeug raucht und jeder weiß, dass es absolut nicht gefährlich ist und trotzdem ist es illegal, um in den USA die Gefängnisse zu füllen, was auch wieder Geld bringt. Andererseits haben wir auch das Internet, die vielleicht letzte Plattform, wo wir frei und ohne Zensur Informationen verbreiten können. Der Arabische Frühling hat gezeigt, wie mächtig diese Plattform ist.

Aber der Großteil der Menschen verwendet das Internet ja doch nur dazu, absolute Scheiße zu verbreiten.

Natürlich, das ist die andere Seite. Man muss aber auch mal sagen, dass wir gegenwärtig weltweit so hohe Lebensstandards haben wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Das ist schwer zu verstehen, wenn du die Nachrichten siehst und sie zu den Flüchtlingen filmen, aber im Großen und Ganzen stimmt das. Ansonsten ist das schon okay heute. Wenn du gerne Blümchenshirts oder –unterhosen anziehen willst – kein Problem. Das kriegst du auch heute alles. Wir können wirklich gut wählen, in allen Bereichen des Lebens. Außerdem kann ich skypen, was auf Tour genial ist. Ich fühle mich ganz okay damit, im Jahr 2015 zu leben. (lacht)

Zurück zum Album – die Melodie und Rhythmik des Songs „The Bold Move“ erinnert mich stark an den DEEP PURPLE-Jahrhundertsong „Child In Time“.

Du bist immerhin der zweite, der das sagt – gute Ohren. Daran habe ich aber niemals gedacht, ich finde den Song eher traurig. (lacht) Für mich ist das Livespielen des Songs herausfordernd. Beim Intro spielt Adam nicht die Hi-Hat und wir haben also keinen Rhythmus und müssen nach Gefühl gehen. Du weißt nie, ob du in time bist, aber irgendwie funktioniert das dann doch immer. (lacht) Jedes Album braucht seinen langsamen Teil.

Möchtest du irgendwann einmal die Vocal-Range von Ian Gillan erreichen?

Das wäre natürlich übermenschlich und das brauche ich gar nicht versuchen. Für mich war immer Ronnie James Dio der größte Sänger, wenn es um den Rock ging. Seine Stimme klang so, als ob eine Kirchenorgel aus einem Zug gepresst wurde. Man kann natürlich darüber träumen, aber sollte doch in der Realität verhaften bleiben. Ich erreiche kaum ein „G“, also bleiben wir lieber am Boden. Unser Bassist Martin Nordin singt großartig, auch sehr hoch. Ich werde ihn dazu hintreiben, auf dem nächsten Album mehr zu singen.

Dio ist für dich der beste Rocksänger? Ich würde jetzt Freddie Mercury sagen.

Freddie Mercury, Dio, aber auch Gitarristen wie YNGWIE MALMSTEEN oder Eddie Van Halen haben etwas Magisches an sich. Bei denen wird automatisch alles genial. Wenn Van Halen schwer besoffen ist, spielt er immer noch gut. Auch die ROLLING STONES spielen nicht wirklich tight und hacken oft daneben, aber auf der Bühne zusammen klingt das wieder genial. Ich weiß nicht, wie oft mir Leute schon gesagt haben, ich solle nicht mehr singen, weil es grauenvoll klingt. Aber hey – hier bin ich. Noch immer. (lacht)

Viel Retro, aber trotzdem eigenständigt und frisch. DEAD LORD sind Wandler musikalischer Gezeiten - (c) Andreas Graf

Der Gesang ist auch bei GHOST sehr prägnant, derzeit die wohl gehypteste und populärste schwedische Rock-Band. Glaubst du, mit einem ähnlichen Image hättet ihr mehr Erfolg?

Auf jeden Fall. Ich habe unlängst mit Nicke Andersson gesprochen, der übrigens auch „Heads Held High“ produziert hat. Wir beide kamen zur Übereinkunft, dass sie promotiontechnisch extrem clever sind und alles richtig machen. Ich selbst bin aber einfach kein Fan ihrer Musik. Ich will sie ja mögen, aber ich halte das nicht aus, für mich ist das fürchterlich. Aber mir geht es nicht um das Image, sondern um den Spaß und den Rock. Natürlich könnten wir uns schminken oder maskieren, aber unser Image ist die Ehrlichkeit, die wir auf der Platte und auch live wiedergeben. Das ist uns wichtig. Wir wollen Spaß haben und über das Elend der Welt singen. (lacht) Aber wer weiß? Vielleicht bin ich ja bei GHOST?

Ich glaube nicht, dass du deine Haare unter die Maske eines Nameless Ghoul packen kannst.

(lacht) Das ist natürlich ein Einwand, Punkt für dich. Stell dir vor, du müsstest dich jeden Abend schminken, das muss so furchtbar sein. Die ganzen Black-Metal-Bands, die auch noch Blut verwenden. Jetzt stell dir das vermischt mit dem täglichen Bühnenschweiß im Tourbus vor. Unfassbar, ich habe größten Respekt, aber ich bin zu gemütlich dafür.

Ihr vier Jungs habt euch zum Spaß auch einmal geschminkt. Als Abbath, Peter Criss, KING DIAMOND und ALICE COOPER. Sind das eure vier größten, geschminkten Idole?

(lacht) Wahrscheinlich, ja. Wir hatten damals ein Video für eine Tour-Promo gemacht und so haben wir uns geschminkt. Adams Lieblingsband ist ALICE COOPER, Olle hat aus irgendwelchen Gründen Abbath genommen und ich mag KING DIAMOND. Martin musste einfach die Katze sein. Das war wohl wie damals bei KISS: „Wow, ich bin der Demon. Und ich das Starchild. Und ich Space-Ace. Okay, Peter, einer muss jetzt noch die Katze sein. Sorry, Dude“. (lacht) Wir waren damals auch ziemlich besoffen, das war verdammt lustig. Mein großer Traum wäre es, eine Show zu spielen, wo jeder von uns wie ELVIS aussieht. Das wäre großartig für eine TV-Show. Wenn das zustande kommt, dann plündere ich das Bandkonto und kaufe uns ELVIS-Kleidung. (lacht)

Ich bin übrigens auch auf den schwedischen Kurzfilm „Tonsättaren“ gestoßen, wo ihr als Band quasi kurz mitspielt.

Wo zur Hölle hast du das entdeckt? Den gibt es ja nicht einmal auf Englisch.

Reiner Zufall und ein bisschen Recherche. Jedenfalls geht es da offensichtlich um einen Typen, der Musik für die Stockholmer U-Bahn-Stationen geschrieben hat. Da es auch keine Untertitel gibt, ist das mal meine Annahme.

Das ist schon richtig so. Der Regisseur dieses Kurzfilms hat auch unser Musikvideo zu „Hammer To The Heart“ gedreht. Der Hauptdarsteller Christoffer ist ein Freund von uns und so haben sie uns einfach aus dem Proberaum gezerrt und wollten von uns, dass wir etwas Death- oder Black-Metal für den Film faken. Am Ende haben wir uns in den Kinos gesehen und der Film war wirklich sehr gut. Er lief auch im schwedischen Fernsehen. Es war eine Mockumentary und viele Leute haben nicht ganz erfasst, dass die Doku eben nicht echt war. Es geht eben um diesen Typen, der vom Staat den Auftrag bekommt, jeder U-Bahn-Station einen eigenen Sound zu verpassen. Er versäuft die Kohle ab, macht nur Party und schnorrt um noch mehr Geld, woraufhin alle das Projekt abblasen. Die Story ist schon ziemlich hanebüchen, aber lustig.

Könntest du dir eine Karriere als Schauspieler vorstellen? Auch Johan Hegg von AMON AMARTH hat sich schon auf den Fernsehbildschirmen in seiner natürlichen Rolle als Wikinger breitgemacht.

In der Tat, das würde mir sehr gefallen. Ich habe erst vor ein paar Tagen darüber nachgedacht. Ich wäre wohl ziemlich mies, aber es würde mir echt Spaß machen. In der Schule habe ich ein paar Drama-Schauspielstunden genommen, aber das nur, weil ich vor Mathe flüchten wollte. Das ist auch witzig, denn heute liebe ich Physik und Mathematik. Erst im Laufe der Jahre habe ich gelernt, wofür man Mathematik verwenden kann. In der Schule sagt dir keiner bildhaft, was du alles mit Formeln und Rechnungen machen kannst, da predigen sie nur schnöde den Stoff runter. Heute weiß ich dieses Fach tatsächlich zu schätzen, aber es als Kind wurde mir das total falsch vermittelt.

Wenn ein Film die Band DEAD LORD repräsentieren sollte, welcher Film wäre das und warum?

Wow, das ist eine harte Frage. Ich denke wohl „Spinal Tap“.

Ich dachte ja eher an so etwas wie „Dazed And Confused“.

Auch keine üble Entscheidung, aber „Spinal Tap“ passt doch besser. Wir hatten schon viele Momente, wo wir uns so gefühlt haben wir in dem Film. Allein auf dieser Tour gleich dreimal. Nach der Show in Madrid brach der Tourbus zusammen, das war irre. Ich erinnere mich gerne zurück als ich ein Kind war. Ich träumte damals schon vom Touren in einem fetten Nightliner. In meiner Vision war jeder total professionell, alles ging nach Plan und war penibel durchkonzeptioniert. Aber in der Realität merkst du sehr schnell, dass eigentlich niemand wirklich professionell ist und die Leute alle ziemlich unbeholfen sind. (lacht) Das haben wir mittlerweile akzeptiert.

DEAD LORD mal anders gesehen: Jack Black, Axl Rose, Phil Lynott, Fenriz (v.l.n.r.) - (c) Andreas Graf

Eure Beziehung zu Vehikeln ist ohnehin nicht die beste. Schon früher ging euch der alte kleine Tourbus des Öfteren ein.

Da ist diese Nightliner-Tour dann natürlich eine andere Welt. Jetzt saufen wir nach der Show ein paar Biere und haben unsere Ruhe, weil die Tourmanagerin sich um alles drumherum kümmert. Der Busfahrer fährt zu den Mechanikern etc. Das ist schon fein, jetzt brauchen wir nur mehr auf die Bühne und Interviews geben. Möglicherweise schreibe ich für das nächste Album auch Texte über kaputte Tourbusse. Martin hat oft solch brutale Kater, dass wir das Set verkürzen müssen. Das passierte unlängst in Marseille und hat mich wahnsinnig gemacht. Dem Publikum war’s egal, das war so und so euphorisch. Ich habe dann einfach seinen Bass genommen und weitergespielt, mich am Ende beim Publikum dafür entschuldigt. Da haben aber auch alle gesehen, dass wir so eine Leidenschaft haben, es eben auf anderem Wege zu probieren. Auch das hat doch was von „Spinal Tap“.

Der Spaß kommt bei euch niemals zu kurz, das sieht man auch an den Bildern und Videos. Aber es ist doch sicher nicht immer alles so eitel Wonne?

Natürlich nicht, das wäre auch arg. Wir sind wie eine Vier-Personen-Firma, ganz klar. Aber wir sind auch wie Freundinnen. Wir alle lieben was wir machen und wollen dasselbe erreichen, aber wir haben auch verschiedene Meinungen und Zugangsweisen und das kann natürlich in richtig harten Diskussionen und Kämpfen ausarten. Manchmal geht dir das wirklich nahe. Wenn dir mitten im Nirgendwo bereits zum fünften Mal der Bus auseinanderbricht, dann fehlt wirklich nicht mehr viel, dass du dem anderen die Fresse polierst. Einfach so. Aber so ist es halt einmal in Bands, da kann dir sicher jeder ähnliche Erfahrungen weitergeben. Am Ende des Tages sind wir auf der Bühne und da ist dann wieder alles vergessen, denn dort ist alles bestens. Wir fuhren damals mit unserem gebrechlichen Bus beim Essener Turock vor. Es sah aus, als hätten wir ein Clown-Auto.

Oder das Hunde-Auto von „Dumm und dümmer“?

(lacht) Auch ein guter Vergleich. Es war die letzte Show der Tour und davor ging wirklich alles daneben, was daneben gehen kann. Aber dann kommst du auf die Bühne, siehst die Leute und weißt genau, es passt. Alles ist gut. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich und wir sind sehr privilegiert, herumzufahren, zu rocken, Bier zu trinken und ein paar Instrumente zu schleppen. Leute bezahlen für uns – das ist einfach unglaublich cool. Wenn du das einmal vergisst, dann kommt der Moment, wo du zu einem Arschloch mutierst. Ich gebe mein Bestes, nicht so zu werden. (lacht)

Wir laufen uns in den nächsten Jahren sicher noch öfter über den Weg, ich werde das dann nachprüfen.

(lacht) Dann schau ich dich einmal mehr an und zähle nur mehr die fetten Scheine in meiner Geldtasche.

Zum Abschluss – MORBUS CHRON, die grenzgeniale Band eures Drummers Adam, hat vor wenigen Wochen die Segel gestrichen. Was bedeutet das jetzt für dich und DEAD LORD?

Also in erster Linie ist die Proberaummiete jetzt teurer, das ist natürlich suboptimal. (lacht) Aber klar, ich liebte MORBUS CHRON wie die meisten anderen und finde das Ende sehr traurig. Ich habe die Shows sehr gemocht, weil es für mich einfach irre zu sehen war, wie Adam sich an den Drums plötzlich zu so einem dunklen Berserker entwickelt, der einen völlig anderen Stil spielt. Aber ich darf auch etwas egozentrisch sein – es ist natürlich toll, dass er jetzt mehr Zeit für uns übrig hat. Es war auch schön zu sehen, wie sich DEAD LORD für Adam und auch Olle über die letzten Jahre zur Hauptpriorität entwickelte. Sie haben verstanden, worauf es mir und uns ankommt und das ist großartig. Ich glaube nicht, dass Adam zu angefressen ist über das MORBUS CHRON-Ende, aber ich persönlich bin natürlich froh, dass er sich jetzt komplett auf DEAD LORD konzentrieren kann. Es ist aber natürlich eine Schande, wenn sich gute Bands auflösen. War das diplomatisch genug? (lacht)

Wenn du ehrlich bist könntest du ruhig sagen, dass du GHOST eher ein Ende wünschtest.

(lacht) Wenn du meinst.


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