DELAIN - Charlotte Wessels

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Ich glaube nicht wirklich, dass Leute nur zu Konzerten kommen, um die Sängerin zu sehen. Wenn das so wäre, dann wäre es schlauer einfach zum Computer zu greifen, auf YouTube zu gehen und das Video auf stumm zu schalten, oder einfach nach Fotos zu googeln.

Bald erscheint die neue DELAIN-EP "Lunar Prelude". Charlotte hat mit uns schon im Vorhinein ein wenig darüber geplaudert.

Veröffentlicht am 19.01.2016

Nachdem Charlotte den ersten Interviewtermin verschlafen hatte, klappte es beim zweiten Versuch endlich. Sie wirkte recht interessiert, war sehr gut drauf und zeigte sich von einer echt guten Seite. Eine sehr charmante Frau mit jeder Menge Humor, die tolle Antworten gibt - was will man mehr?

Charlotte, vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst. Ihr habt für 2016 eine neue EP angekündigt. Wird es auch ein neues Video geben?

Ja, und ich glaube es wird wirklich cool. Ich habe zwar noch nicht das Endergebnis gesehen, aber ich glaube, dass es ein echt gutes Video werden wird. Wir haben dafür mit den Revolver Studios zusammengearbeitet.

Glenn Arthur hat das Artwork für die EP gemacht. Wird er auch das Design des nächsten Albums machen?

Ja genau, das ist der Plan. Wir haben schon längere Zeit mit ihm zusammengearbeitet und glauben, dass er seine Arbeit echt gut macht. Außerdem passt sein Stil perfekt zur Musik.

Ja, er macht seinen Job recht gut. Die EP wird vom Song „Suckerpunch“ eröffnet. Gibt es da einen speziellen Hintergrund zu den Lyrics?

Im Grunde genommen geht es darum, eine für sich selbst schädliche Beziehung zu beenden. Der erste Weg das zu interpretieren wäre also, dass es darum geht mit jemanden Schluss zu machen, aber das würde nicht stimmen. Für mich selbst geht es dabei weniger um eine Beziehung zu jemanden, als vielmehr um etwas in mir selbst. Also eine Eigenschaft, die man über die Jahre an sich selbst nicht mehr mag und die einfach viel zu viel Energie frisst. Es gefällt mir es so zu sehen, dass es darum geht, etwas loszuwerden, was dich nach unten zieht, egal was. Also darum, einen positiven Schritt nach vorn zu gehen.

Es gibt auch eine Orchester-Version von „Suckerpunch“ auf der neuen EP, genauso wie ihr es auch mit einigen Songs auf dem letzten Album gemacht habt. Habt ihr diesen Song, oder sogar die ganze EP schon damals aufgenommen?

Nein, aber wir arbeiten mit demselben Arrangeur und er hat auf dem letzten Album echt gute Arbeit geleistet. Also haben wir uns dafür entschieden, bei ein paar der neuen Tracks wieder mit ihm zu arbeiten. Und irgendwie fanden wir das Arrangement so gut, dass wir den Leuten die Möglichkeit geben wollten das Stück in seiner ganzen Pracht zu hören. Es ist natürlich eher als „Bonustrack“ gedacht, aber ich denke es ist ganz interessant zu hören, was man alles aus so einem Song machen kann.

Wieso habt ihr eine neue Version von „Don’t Let Go“ aufgenommen? Wart ihr mit der vorigen Version nicht zufrieden, oder habt ihr einfach noch einen Song für eure EP gebraucht?

Die letzte Version haben wir aufgenommen, als der Rest des Albums schon fertig war. Wir haben damals zwei Songs als Bonusmaterial geschrieben. Einer davon war „Scarlet“ und der andere war eben „Dont Let Go“. Und „Scarlet“ hat gut funktioniert, weil da ja kein richtiges Schlagzeug dabei ist u.s.w. Aber bei „Dont Let Go“ war das anders, denn da mussten wir leider alles programmieren. Wir mochten den Song dann aber so sehr, dass wir ihn unbedingt auch „live“ einspielen wollten und so ist er dann eben auf die EP gekommen.

Es sind auch vier Songs als Liveversionen auf der EP. Wieso genau diese vier?

Naja, wenn man Songs live aufzeichnet, dann ist es immer ein bisschen davon abhängig, welcher eben am Tag des Aufnehmens am besten funktioniert hat. Man kann sie ja nicht immer wieder einspielen, bis man zufrieden ist. Hinzu kommt, dass wir schon jede Menge unserer Songs als Liveversionen veröffentlicht hatten und diese vier gehören zu denen, die da noch nicht dabei waren.

Jetzt gerade hast du ja eine kleine Pause bis Ende Jänner. Wie verbringst du diese Zeit? Arbeitest du an neuem Zeug, oder verbringst du sie mit Familie und Freunden?

Ich habe Zeit mit meiner Familie verbracht, die war aber sehr auf die „echten“ Feiertage beschränkt und ich habe sie übrigens auch sehr genossen. Trotzdem kann ich nicht sagen, dass wir viel Freizeit hatten, weil wir alle ziemlich beschäftigt und auch fokussiert auf die kommenden Veröffentlichungen sind. Außerdem steht jede Menge Touring an und deshalb haben wir schon große Teile des nächsten Albums fertig. Bevor wir also wieder zu touren beginnen, sollten wir um die zwei Drittel des Albums aufgenommen haben. Ansonsten würden wir unter ziemlichen Zeitdruck geraten. Ich weiß, das ist irgendwie ein Luxusproblem und wir sind sehr glücklich so viel touren zu können, aber das Endprodukt, also das Album, sollte nicht darunter leiden.

Wie fühlt es sich an mit eurer neuen Gitarristin Merel Berchtold zusammenzuarbeiten? Ist sie im Songwritting-Prozess involviert?

Naja, sie ist ja nun noch wirklich nicht lange dabei. Wenn jemand neues in die Gruppe kommt, dann muss man immer erst schauen, was am besten passt. Das ist sicherlich auch nicht leicht für diese Person. Ich meine, wir schreiben jetzt ungefähr seit zehn Jahren Songs und jeder hat da so seine Aufgaben und weiß wann und wo er was macht. Die größte Herausforderung ist also auf jeden Fall herauszufinden, wo Merels Platz dabei sein könnte. Ich bin mir nicht sicher wo der sein soll, aber ich bin sicher, dass sie einen Platz finden wird und das ist sehr wichtig. Am Ende soll das neue Album schließlich jeder als sein Kind sehen und sich gut fühlen, damit auf Tour zu gehen und die Songs zu spielen.

Dieses Jahr werdet ihr wieder eine Tour durch die USA und Kanada spielen. Es sieht so aus, als hättet ihr dort eine Menge Fans. Hättest du dir sowas vor ein paar Jahren vorstellen können?

In unserer Zeit ist so etwas immer schwer. Man weiß zwar, dass durch das Internet jeder Zugang zu deiner Musik hat, aber es hat anfangs ein wenig gedauert, bis unsere Alben dort gekauft wurden. Deshalb ist es immer schwer zu sagen, wie viele Leute dann tatsächlich zu den Gigs kommen. Als wir dann unsere ersten Headliner-Shows dort spielten waren wir tatsächlich sehr überrascht. Das Wichtigste für uns ist immer wieder zurückzukommen und sicherzugehen, dass niemand zu lange auf uns warten muss und natürlich eine gute Show abzuliefern.

Gibt es einen Unterschied zwischen Konzerten in den USA und Europa?

Ja, aber es ist weniger ein Unterschied zwischen Europa und den USA. Ich meine, wir sind ja aus Holland und das ist nun wirklich kein großes Land. Selbst hier merkt man einen Unterschied zwischen Norden und Süden. Ich denke es gibt also eher Unterschiede von Location zu Location und weniger von Land zu Land oder Kontinent zu Kontinent. Wir waren schon einige Male in Amerika und es gibt da schon etwas, was man sehr stark merkt. Es ist mir nämlich aufgefallen, dass der Aufwand den man als Band aus Europa hat, um nach Amerika zu kommen, dort sehr geschätzt wird. Man kann sich ja vorstellen wie teuer das für uns ist, in Amerika zu touren. Natürlich verdient man dabei auch Geld, aber gerade beim ersten Mal ist es eher eine Investition. Trotzdem war es sehr schön, weil die Leute sehr glücklich und dankbar dafür waren. Das war für uns damals natürlich sehr ermutigend.

Würdest du ein Land oder eine Location für Shows bevorzugen?

Also einen Favoriten nennen?

Ja.

Es gibt Orte bei denen das Publikum sehr wild und aktiv ist und dann gibt es wieder welche, bei denen es eher dasteht und das Konzert still genießt. Beide Wege sind vollkommen in Ordnung, weil jeder sich so verhalten soll, wie er die Musik am besten genießen kann. Ich persönlich bevorzuge aber erstere. Wenn wirklich die Hölle los ist, dann wirkt sich das natürlich auch positiv auf die Leistung der Band aus. In Südamerika kommt das beispielsweise ziemlich oft vor, aber auch in Südeuropa. Auch in Paris ist es jedes Mal großartig. Ich kann da zwischen den Songs nicht mal reden, weil sie die ganze Zeit schreien. Das ist zwar sehr eigenartig, aber gleichzeitig genießt man das auch. Ich muss dabei aber zugeben, dass ich eher zu denen gehöre, die sich die Band mit verschränkten Armen anschauen. Natürlich hängt das auch von der Band ab und ich lasse mich auch hin und wieder in den Moshpit verschlagen (lacht).
Dann gibt es natürlich auch die Orte an denen ich einfach gerne spiele, weil ich es liebe dort zu sein. In Portland haben sie beispielsweise die besten Cafés und ich liebe es dort die Straßen entlang zu spazieren. In Japan hatten wir auch eine tolle Zeit. Hinzu kommen dann auch Locations, bei denen einfach alles gut organisiert ist und funktioniert.

Du hast mit KAMELOT zusammengearbeitet und den Song „Under Grey Skies“ aufgenommen. Wie war es, mit dieser Band zusammenzuarbeiten und bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Als Thomas mich fragte ob ich mitsingen will, waren wir gerade auf Tour mit SABATON und ich habe mich sehr über das Angebot gefreut und ihm gesagt, dass ich den Song sofort aufnehmen werde, wenn die Tour fertig gespielt ist. Leider wäre das aber zu spät gewesen und so musste ich irgendjemanden mit einem Studio auftreiben. Glücklicherweise fand ich über den Freund eines Freundes ein Passendes in Athen und ich war mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Ich habe den Text anfangs circa fünf Mal gelesen, um herauszufinden, worum es da geht. Das Ganze ist ziemlich üppig und poetisch und klingt sehr gut, aber ich wollte eben wissen, um was es genau geht. Als ich den Text dann ein paar Mal gelesen hatte, wurde mir klar, dass er sehr gut zu mir passt. Man muss wissen, dass ich hin und wieder echt wütend auf die Menschheit und den Zustand der Welt bin. Trotzdem habe ich Vertrauen darin, dass wir das alles besser machen können. Am Abend bevor wir den Song dann aufnahmen, haben wir über Vegetarismus und Idealismus geredet und ob es dumm ist oder nicht. Und ich finde eben, dass es nicht dumm ist. Danach habe ich den Text nochmals durchgelesen und war überrascht, wie gut er zu mir passte. Es hört sich zwar schrecklich an, aber ich kann mich sehr gut mit dem Song identifizieren.

Im Laufe deiner musikalischen Ausbildung hattest du mit Jazz und Klassik zu tun. Übst oder hörst du diese Stile heute noch?

Ich muss zugeben, dass ich das selbst in meine Biografie geschrieben habe. Man muss wissen, dass meine Musikschule sehr konservativ war und es dort zwei Zweige gab: Der eine war der mit klassischer Musik und der andere war eben alles, was nicht klassische Musik ist und den nannten sie Jazz. Zuerst habe ich mich für Jazz entschieden und ich habe ein paar Jazz-Songs gesungen und durfte mir dort selbst die Songs aussuchen, die ich singen wollte. Als ich dann nur mit KATE BUSH- und JONI MITCHELL-Songs gekommen bin, meinte meine Lehrerin, dass wenn ich wirklich die ganze Zeit dieses hohe Zeug machen will, ich besser mit Klassik dran wäre. Und so bin ich zum klassischen Gesang gewechselt und habe so wichtige Techniken gelernt und Musik gehört, die ich sonst nie gehört hätte. Das Wichtigste daran war aber, dass ich da einen oder zwei Vorspielabende hatte. Das war zu dieser Zeit, wo alle Metal-Bands in meiner Gegend ganz hohen Gesang dabei haben wollten. Ich habe dann einmal an meiner Schule gesungen und am nächsten Tag hatte ich schon zwei Anfragen von Bands. Ich bin also noch immer sehr dankbar für diese Zeit, hab aber kurz nach diesen Ereignissen aufgehört diese Musikschule zu besuchen. Damals war ich schon bei DELAIN und meine Musiklehrerin hat die sehr überlegte Bemerkung gemacht, dass ich aus meiner Band aussteigen sollte. Also ja, ich höre hin und wieder klassische Musik, Jazz aber weniger.

Eine Sache noch: Glaubst du es gibt Typen, die sich eine DELAIN-Show anschauen, weil sie auf dich stehen? Und was würdest du über sie sagen? Wäre es dir egal, oder ist das auch vielleicht sogar ein wenig der Plan hinter DELAIN?

Ich glaube nicht wirklich, dass Leute nur zu Konzerten kommen, um die Sängerin zu sehen. Wenn das so wäre, dann wäre es schlauer einfach zum Computer zu greifen, auf YouTube zu gehen und das Video auf stumm zu schalten, oder einfach nach Fotos zu googeln. Ich denke also nicht, dass diese Leute für ein Ticket bezahlen würden nur um die Frontfrau oder den Frontmann zu sehen. Aber wenn sie es machen, naja, wenn da wirklich so viel Sexismus ist, und sie deshalb zu einer Show gehen, dann ist das nicht der schlimmste Weg das auszuleben – um es irgendwie positiv auszudrücken. Ich glaube auch nicht, dass das der Plan hinter DELAIN ist. Wenn er das wäre, dann würde es jetzt ganz gut laufen, weil wir haben jetzt zwei Mädels (lacht).


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