Nachdem am ersten Festivaltag fast durchwegs alle Bands punkten konnten, lag es an den schwedischen Glam-Punks SISTER sowie den von vielen Anwesenden geschätzten LANFEAR die Rhythmusmuskeln der schon zahlreich Fans zum Aufwärmen zu bringen, schließlich war am heutigen zweiten Festivaltag Thrash-Time angesagt. Neben WARBRINGER sollten heute noch die Griechen SUICIDAL ANGELS, TANKARD und die Großmeister EXODUS für nostalgisches Achtziger-Aufbruchsflair sorgen.
WARBRINGER
Alter Falter, was haben die Jungspunde da noch vor der der Mittagszeit für eine Demonstration in Sachen cooler Thrash-Metal abgeliefert. Ungezügelt und frei von der Leber weg zockte das California-Quintett auf der Open Air-Bühne und veranlasste die Meute, sich die katerige Rübe vom Freitag einfach freizubangen. WARBRINGER brauchen sich sowieso auf keiner Position zu verstecken, die Gitarrenfraktion briet ein Oldschool-Bay-Area-Brett, das vor Härte und Energie nur so strotzte, mit Thrash-Granaten wie „Living Weapon“ oder „Combat Shock“ im Talon war das ohnehin partywillige Publikum im Nu erobert. Schlagzeuger Nic Ritter lieferte eine Lehrstunde in Sachen variables Thrashdrumming, vollends umgehaut hat mich weiter Basser Andy Laux, der seinen Bass dermaßen hart zupfte, dass einem Augen und Herz aufgingen.
Sänger John Kevill mimte den Berserker, der keine Berührungsangst gegenüber dem Publikum hatte, die gesamte große Bühne nützte und den Thrash-Maniac raushängen ließ. Zwar war der Sound nicht das Gelbe vom Ei, dies alles tat aber der Begeisterung der anwesenden Thrash-Lunatics keinen Abbruch. Zum Drüberstreuen coverte man noch den MOTÖRHEAD-Titel „(We Are) The Roadcrew“. Ein kleiner, aber sehr feiner Erfolg der sympathischen WARBRINGER-Kerle!
Gerre & Frank (TANKARD)
TANKARD
Nachdem BREAKER den gesetzteren Teil des Publikums in Verzückung gebracht hatten, hieß es auf der großen Bühne Platz frei für das Frankfurter Beer&Fun-Kommando. „Zombie Attack“ war die Kampfansage und der immer noch erschlankte Gerre markierte vom ersten Ton an die Rampensau, die über die Bühne stapfte und tänzelte und sich für kein Späßchen zu schade war. Während sich die Restband auf eine unfallfreie Präsentation der auf Dauer doch etwas simplen Thrash-Brecher konzentrierte, schien Gerre immer noch die Sonne aus dem Allerwertesten. Bei der neuen Single „A Girl Called Cerveza“ durfte sogar noch Nicole aus dem Videoclip auf der Bühne ihre ordinären Späßchen mit ihm treiben. Lustig noch die links und rechts der Bühne platzierten Herren in TANKARD-Shirts. Es handelte sich dabei um die beiden Gewinner eines Preisausschreibens, bei dem ein Bühnen-Sit-In samt Gratis-Biergenuß bis zum Abwinken zu gewinnen war. Soundtechnisch wummerten vor allem die tiefen Bässe zu sehr (wie bei den meisten anderen Bands auch), einige Classics hätt ich mir auch noch gern gewünscht. Am Schluß des Sets wurde schließlich noch die Bühne für das Publikum freigegeben, sodass zu „(Empty) Tankard“ viele Fans ihrem Thrash-Rhythmusgefühl auf der Bühne freien Lauf ließen.
Setlist:
Zombie Attack
The Morning After
Rules For Fools
Slipping From Reality
Stay Thirsty!
A Girl Called Cerveza
Chemical Invasion
Minds On The Moon
Rectifier
(Empy) Tankard
PRIMORDIAL
Was am Vortag für VENOM galt, galt heute für die Iren: angekündigte Katastrophen finden zum Glück zumeist nicht statt. PRIMORDIAL bei Tageslicht am Nachmittag auf einer riesigen Festivalbühne, kann das funktionieren? Die Band gab alles, bangte und wütete, der Graue, Sänger Alan Averill bewegte sich frei auf dem Laufsteg, bekniete das Publikum nicht nur sprichwörtlich, alle rangen dem (nicht gerade von bestem Sound begleiteten) ernsthaften Songmaterial ein Höchstmaß an transparenter Offenheit zur Präsentation der Band ab. Doch all dies mochte eine Enttäuschung lediglich zu verhindern, aber keineswegs zu begeistern.
Die Reihen lichteten sich, lediglich eine Kernbase versammelte sich als Traube vor der Bühne um mit ihren PRIMORDIAL („from the Republic of Ireland!“) ein Festmahl der komplexen, hymnischen und ausladenden Pagan/Epik-Metal-Hymnen a la “As Rome Burns”, “The Coffin Ships” oder dem (unter Verweis auf die ebenfalls hier gastierenden THIN LIZZY) Phil Lynott gewidmeten „Bloodied Yet Unbowed“. Das abschließende „Empire Falls“ beschloß gleichsam einem letzten Aufbäumen ein Set, das seine Magie und Spiritualität wohl in der Halle besser zu verbreiten vermocht hätte. Das Experiment darf somit als gescheitert betrachtet werden, wenn es wenigstens stilecht geregnet hätte! Doch nicht nur vom Sound her wirkte das Ganze irgendwie deplatziert, auch zuschauertechnisch war eine Schieflage zu verzeichnen denn bei den später auftretenden AXXIS und den starken und druckvollen (aber auch schwer klischeebeladenen) PRIMAL FEAR kurz zuvor tummelte sich einiges mehr an Publikum vor der Bühne.
Alan Nemtheanga (PRIMORDIAL)
SABATON
Über die schwedischen Überflieger ist in letzter Zeit ja dermaßen viel berichtet worden, dass ich mich bei diesem Bericht auf das Wesentliche konzentrieren kann. Kurzum: Das Konzert wurde standesgemäß von EUROPE´s „The Final Countdown“ eingeläutet, die neuen Songs („Gott Mit Uns“ und „Carolus Rex“) schmiegten sich aufgrund ihrer hohen Qualität erwartungsgemäß geschmeidig in das Stammset ein, die Deutschkenntnisse von Sänger Joakim sind ebenso Pluspunkte in Sachen Publikumsanimation wie die Agilität, Fannähe und Heiterkeit, die hunderte Arme in die Höhe ragen und das Songmaterial rhythmisch begleiten ließen. Pyros und emporschießende Feuersäulen taten ein Übriges, Hymnen jagten Hits und nicht nur mir schoß die eine oder andere Gänsehaut über den Körper. SABATON durchleben wohl (trotz massiver Umbesetzungen) im Moment ihre absolute Hochphase.
Nachdem sich die Band im Wesentlichen auf Basser Pär Sundström und Sänger Joakim Brodén reduziert stellte sich für mich die Frage nach dem Funktionieren der Band nach dem Austausch von gezählten drei Mitgliedern nur bedingt, denn es war davon auszugehen, dass sich die Aufsteiger der letzten Zeit keine Dilettanten an den Instrumenten einkaufen und entsprechende Backings und professionelles Stageacting wohl Grundvoraussetzung für ein Engagement sind. Der heutige BYH-Auftritt war jedenfalls der erste Gig in neuer Besetzung in Deutschland und der 40. in dieser Konstellation insgesamt.
Man merkte umgehend, dass diese Band den Siegeswillen und die Kraft verkörpert, es dank der als oberste Maxime postulierten Professionalität bis ganz nach oben zu schaffen. Das Publikum durfte eine Band erleben, die wieder einen Trimphzug absolvierte und bei entsprechend kontinuierlicher Entwicklung wohl einer der nächsten Festivalheadliner wird. Für den einzigen echten Minuspunkt – die leider viel zu kurze Spielzeit - konnte die Band hingegen leider nichts!
Setlist:
Ghost Division
Uprising
Gott Mit Uns
40:1
Cliffs Of Gallipoli
Into The Fire
Carolus Rex
Attero Dominatus
The Art Of War
Primo Victoria
Metal Crüe
GOTTHARD
Bevor der restliche Abend endgültig dem hart riffenden Gitarrenbrett gehören sollte, kam ich noch in den Genuß der Rückkehr der Schweizer Rocklegende GOTTHARD, die nach dem tragischen Tod der markanten Rockröhre Steve Lee den vakanten Posten am Mikro neu zu besetzen hatten. Songs wie „Dream On“, „Gone Too Far“, „Lift U Up“ oder das für mich überragende „Top Of The World“ zeigen einfach die große Klasse der nunmehr schon langgedienten Schweizer, die bei bestem Wetter grandiose Open Air Stimmung voll guter Laune und entspanntem Flair verbreiteten.
Neo-Sänger Nic Maeder hatte sich perfekt in das Bandgefüge integriert und verlieh dem Gesamtauftritt irgendwie auch internationaleres Flair. GOTTHARD werden wohl nie mehr die Gleichen sein, aber vergleichbar wie bei AC/DC knüpfte die Band auch am heutigen einwandfreien Festivaltag nahtlos an alte Höhenflüge an und wird diese in der am heutigen Tage präsentierten Form schlichtweg einfach fortsetzen. GOTTHARD „Mark II“ wird im immerwährenden Gedenken an die ehemalige Frontröhre Steve Lee seine Kreise weiter ziehen. Warum bei einem derart großen Fundus von lässigen Rocknummern live immer noch das uralte „Hush“ herhalten muss ist mir zwar schleierhaft, wird aber wohl erwartet werden. Ich freu mich jedenfalls schon auf die Headlinertour im Herbst, bei der ich noch einmal in den Genuß des vollen Sets komme.
Joakim Brodén (SABATON)
PAIN
Derweil draußen die letzten Songs von GOTTHARD im Abendhimmel verhallten postierte ich mich nach dem kolportiert guten Gig der SUICIDAL ANGELS in der Halle, um ja keinen Song von PAIN zu verpassen. Mit einem Höllensound, der einem (nicht nur sprichwörtlich) die Kopfhaut massierte (der lange Soundcheck hatte sich folglich ausgezahlt) fegte der Elektrometal von Peter Tägtgren, der stilecht in eine Zwangsjacke gesteckt den irren Metalmeister mimte, aus den Verstärkern. Profilike dirigierte der HYPOCRISY-Chef die Fans, unter denen sich auch zahlreiche Frauen befanden, durch sein Set. Tanzbare Hits und Hymnen wie die neuen „The Great Pretender“ oder „Dirty Woman“ animierten das anwesende Publikum ebenso zum Bangen und zum Tanzen wie Brachialbrocken wie „It´s Only Them“ oder „End Of The Line“.
Umrahmt von einer passenden Lightshow entfachten PAIN Energie und Druck (der nur noch von den danach folgenden EXODUS zu toppen war) und setzten für viele einen geilen Kontrapunkt zum sonst ja eher traditionell gehaltenen BYH-Programm. Der Rausschmeißer „Shut Your Mouth“, der mit Verstärkung von EXODUS-Sänger Rob Dukes absolviert wurde, markierte folglich auch einen geschmeidigen Übergang zum bevorstehenden finalen und gleichsam fulminanten Schlusspunkt.
Leo Leoni (GOTTHARD). Danke für die Livepics an M. Schnell (http://www.metal-rock-impressions.com)
EXODUS
EDGUY zogen draußen in der Samstagnacht ihre (aufgrund des kritisierten Headlinerstatus ebenso gescholtene) Show ab und bemühten sich redlich, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Dass Sänger Tobias Sammet durch ein Versehen von der Bühne fiel, sich aber anschließend trotz Verletzungen und Schmerzen nicht zu schade war, die gesamte Show bis zum Ende durchzuziehen, sei mehr als positiv vermerkt und bringt Bonuspunkte! Einen unbestrittenen Höhepunkt des gesamten Festivals sollten nun jedoch die Thrash-Urgesteine aus San Francisco abliefern.
Dass Bandchef und Riffmeister Gary Holt am heutigen Abend fehlte (Tourverpflichtungen mit SLAYER) schadete dem Thrash-Inferno, das der Fünfer in der Halle abfackelte, ebenso wenig wie die gebrochene Rippe von Ersatzmann Rick Hunolt. HEATHEN-Chef Lee Altus poste und riffte (ebenso wie Urgitarrist Rick Hunolt, der sich zwar im Unterhemd, aber nach seiner Drogensucht in gutem Zustand und zu Späßen aufgelegt präsentierte) wie ein Grandmaster of Thrash. Auch Vorzeige-Redneck Sänger Rob Dukes walze gewohnt wuchtig über die Bühne und presste seine Vocals ins Mikro, sodass Basser Jack Gibson am Bühnenrand fast zwangsläufig etwas farblos bleiben musste. Mit seiner provokanten Ansage, dass dies eine Thrash-Show und keine lasche Powermetal-Partie sei, dürfte er sich jedoch nicht bei jedermann (sprich beim Großteil des traditionell ausgerichteten Publikums) Freunde gemacht haben.
Hatte man im Laufe seiner Metalkarriere schon einige geile Metalshows miterleben dürfen, so krachte der heutige Auftriff des Frisco-Quintetts dermaßen unvermittelt ins Konzertgeschehen, dass selbst geeichten Konzertbesuchern der Mund offen stehen blieb. Schon längere Zeit durfte man keine solchen messerscharfen Thrashbretter, keine solche unglaubliche Dynamik, keine tighte Härte und Wuchtigkeit in einer Intensität dieser Art mehr miterleben. Bei allem Respekt vor den überragenden Leistungen von z.B. OVERKILL oder KREATOR, der heutige Auftritt war State-of-the-Art in Sachen Thrash Metal. Es war eine Wonne mitanzusehen, wie das Publikum auch nach fast 3 Tagen im Zeichen des Metal dermaßen abging, Songzeilen mitbrüllte, thrashte, moshte und bangte als gäbe es kein Morgen.
Das überragende „Blacklist“ (bei dem sowohl Mikro- als auch Gitarrenausfall zu beklagen war) thronte über der endgeilen Setlist, die kaum Wünsche offen ließ, der Circlepit-Aufforderung von Rob Dukes wurde nur zu gern nachgekommen. Bei „Piranha“ erhielten EXODUS noch Unterstützung von SUICDAL ANGELS-Gitarrist Nick und Dukes-Buddy Peter Tägtgren. Inmitten der saucoolen Thrashing Madness sorgte wie immer Lee Altus für fette Grinser und Sympathiepunkte, als er bei „War Is My Shepherd“ „Rock You Like A Hurricane“ von den SCORPIONS oder METALLICA´s „Motorbreath“ intonierte. Genau diese perfekte Mischung aus einstudierter Bühnenprofessionaliät und lockerer Spontaneität war es, was dieses Konzert zu einem Speziellen machte.
Man kann es drehen wie man will: EXODUS sind trotz der Gewehr bei Fuß stehenden jungen Thrash-Garde neben OVERKILL noch immer die unangefochtenen Kings of Club-Thrash! Fetter Sche*ß, das! Alle Fans, welche die Band mit „Exodus, Exodus“ – Chöre bedachten, wurden mit dem finalen Brecher „Strike Of The Beast“ und einer amtlichen Wall of Death belohnt.
Setlist:
Last Act Of Defiance
Iconoclasm
Scar Sprangled Banner
Shroud Of Urine
Metal Command
A Lesson In Violence
And Then There Were None
Blacklist
Pleasures Of The Flesh
Piranha
Impaler
Bonded By Blood
War Is My Shepherd
Toxic Waltz
Strike Of The Beast
Mit dieser geilen Thrash-Show ging das Bang Your Head-Festival 2012 zu Ende, das mit einigen fulminanten und wenigen mäßigen Gigs die volle Dröhnung für die Fans bereithielt und die meisten Bands punkten konnten. Aus den vermeintlichen Fehlern des heurigen Jahres haben die Veranstalter gelernt und teilten schon auf dem heurigen Festival das nächstjährige Progamm Marke „Bang Your Head-typisch und auf Nummer Sicher“ mit, das mit ICED EARTH, RAGE, LORDI, den kultigen SANCTUARY, HELL, THUNDER und den APOKALYPTISCHEN REITERN schon einige Kracher sowie mit SAXON und ACCEPT würdige (Co-?)Headliner für 2013 bereithält.