31-03-2016, Backstage (Werk), München

DIRKSCHNEIDER & ANVIL & PALACE

Text: Anthalerero | Fotos: Anthalerero
Veröffentlicht am 08.04.2016

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Woran merkt man, dass man a) einen schlechten Tag hat und b) schön langsam alt wird? Da gibt es durchaus vielerlei subtile Hinweise, doch an diesem Donnerstagabend im zweiten Wohnzimmer Backstage, wurde es offensichtlich dass der österliche Konzertwahnsinn eines kleinen Stormbringer-Redakteurs nicht gesund für die Nerven war. Doch wenn Udo DIRKSCHNEIDER zur "Farewell for ACCEPT-Tour" ruft, dann muss man ganz einfach kommen, allen Widrigkeiten zum Trotz.

 

Der Abend startete bereits suboptimal, als gleich mehrere Staus infolge der Grenzkontrollen und des erhöhten österlichen Verkehrsaufkommens die zweistündige Fahrt nach München auf das doppelte ausdehnten. Da half alles Schimpfen und Meckern des Anthas, unter dem das Navi still und der Beifahrer etwas aufmüpfiger litten, nichts - als man fast eine halbe Stunde nach Beginn des Konzertes, nach endlosem Kolonnenverkehr und ebenso endloser Parkplatzsuche in das Backstage Werk hastete, da beendeten PALACE gerade mit dem letzten Song ihr Set. Da sich besonders der Berichterstatter sehr auf sie Formation, die ihn schon auf der letztjährigen Tour mit LORDI begeistern konnten gefreut hatte, ist es natürlich doppelt bitter, dass es nun weder Fotos noch Bericht von den Rheinländern geben kann. Berichten der Zuschauer zufolge, dürfte der Sound in über weite Strecken des Konzertes auch nicht so überragend gewesen sein, was den eher schaumgebremsten Schlussapplaus bei PALACE erklären könnte.

 

Als nächstes stand die Kult-Truppe von ANVIL auf dem Programm, zu dem dieser Schreiberling ein etwas zwiegespaltenes Verhältnis pflegt. Nach einer Begegnung mit einem mehr oder minder katastrophalen Auftritt am Christmas Metal Festival 2011, war man somit gespannt was einen an diesem Abend erwarten konnte. Ob das kanadische Dreigestirn wohl für positive Überraschungen sorgen konnte? Trotz beherzter Öffnung der Gehörgänge konnten ANVIL den Berichterstatter nicht überzeugen - eher im Gegenteil. Nachdem sich die Drei zunächst während der ersten Songs kaum auf einen gemeinsamen Takt einigen konnten, spielten sie sich im Verlaufe der weiteren Titel zwar etwas besser aufeinander ein, aber dennoch konnte man immer wieder bemerken, wie einer der Musiker entweder seinen Kollegen hinterher hechelte, oder querfeldein voraus preschte. An der Soundqualität gab es am wenigsten zu meckern - recht klar und druckvoll, verzieh der Mix aber auch kaum Sünden. Allem Kultfaktor zum Trotz: liebe Leute, das wird nix mehr. Ihr mögt ja die obersympathischen Kings der Herzen sein, aber das, was auf der Bühne abgeht, ist leider eher zum Davonlaufen. Selbiges tat der Stormbringer-Schreiberling dann auch - wäre er mal besser drinnen geblieben, denn auf dem Vorplatz des Backstage kackte ihm die ortsansässige Taube zum Drüberstreuen auf den Kopf. Herzlichen Dank auch, Mistvieh. Irgendwann hole ich dich da runter...

 

Nach der gefiederten Attacke (nicht alles Gute kommt von Oben!) musste die Wut erst einmal verrauchen, dann wagte man sich zurück ins bis auf den letzten Platz gefüllte Backstage Werk. Und es war bereits beim erneuten Betreten der Halle klar - heute würde ein denkwürdiger Abend werden. Nicht nur wegen des ausverkauften Hauses oder der Tatsache, dass Udo schlicht unter DIRKSCHNEIDER in U.D.O.-Besetzung ein letztes Mal die ACCEPT-Klassiker zum Besten geben würde - nein, es präsentierte sich auch das Backstage so heiß und stickig wie noch nie. Als häufiger Gast im Werk war man die Saunatemperaturen an sich schon gewöhnt, doch die Temperaturanzeige an diesem Abend musste wohl die Skala eines normalen Zimmerthermometers gesprengt haben. Alles klebte, es tropfte von der Decke, und selbst die Kameraobjektive beschlugen, ob der feuchten, stehenden Luft. Ein Wunder, dass nicht mehr Leute umkippten und eine GROSSE Hochachtung an Udo und Fitty auf der Bühne, die ja beide nicht mehr zu den jüngsten Semestern zählen.

Unfassbare fast zweieinhalb Stunden wurde ein ACCEPT-Klassiker nach dem anderen ins Publikum geschossen, das jeden der Songs frenetisch abfeierte. Selbst bei sanfteren Titeln wie "Winterdreams" ging die Meute steil und was dann bei Krachern wie "Son Of A Bitch" oder dem Ein-Riff-Brecher "Princess Of The Dawn" los war, darüber braucht man gar keine Worte mehr zu verlieren. Es ging einfach nur noch Schlag auf Schlag, ein Klassiker nach dem anderen, direkt in die verschwitzte Fresse und immer wenn man glaubte, es ginge nicht mehr, brüllte man sich zum nächsten Song doch wieder die Seele aus dem Leib. Was für ein Abriss! Wo die Live-Brecher SABATON oder POWERWOLF das Publikum gerade einmal die Hälfte dieser Spielzeit bei Laune halten können, ehe sie verschwitzt von der Bühne schleichen, laufen DIRKSCHNEIDER erst zur richtigen Hochform auf.

"Up To The Limit" heißt die Devise und auf geht's, auf dem "Midnight Highway" mitten in den "T.V. War". Das Publikum schreit nach einem Love-Bite, und im Zugabenblock brechen dann alle Dämme und die Leute verlieren ihr "Metal Heart" an den alten Knacker auf der Bühne, der ihnen nach allen Regeln der Kunst die Leviten liest. "I'm A Rebel" kreischt er mit seiner Heliumstimme, galoppiert "Fast As A Shark" über die an der Belastungsgrenze hechelnden Besucher hinweg und schmettert selbst die allergrößten "Balls To The Wall". Da passt der Schlusssong "Burning" einfach nur noch wie die Faust aufs Auge, da kocht es, da brennt es im Werk, und selbst der Letzte wird noch nach allen Regeln der Kunst durchgegart. Ein Saunagang der Extraklasse, und jeder der verdammt noch mal nicht dabei war - SELBST SCHULD! Das, traue ich mich zu sagen, war das Konzerthighlight des Jahres! Mehr geht nicht mehr, bestimmt!

Setlist des Wahnsinns:

  • Starlight
  • Living for Tonite
  • Flash Rockin' Man
  • London Leatherboys
  • Midnight Mover
  • Breaker
  • Head Over Heels
  • Neon Nights
  • Princess of the Dawn
  • Winterdreams
  • Restless and Wild
  • Son of a Bitch
  • Up to the Limit
  • Wrong Is Right
  • Midnight Highway
  • Screaming for a Love-Bite
  • Monsterman
  • T.V. War
  • Losers and Winners
  • Metal Heart
  • I'm a Rebel
  • Fast as a Shark
  • Balls to the Wall
  • Burning


Und nun schlagen wir noch die Brücke zurück zur Einleitung - der Berichterstatter gibt nun offiziell zu, alt zu werden. Zum ersten Mal musste das kleine Antha bei einem derart mitreißenden Konzert gegen Mitte des Sets für einen kurze Weile nach draußen flüchten, um ein wenig frische Luft zu schnappen und einen kühlen Wind in die verschwitzten Klamotten zu bekommen. Das ist es, das ist der Abstieg aus dem Olymp der Konzertgeher, Zeit, sich um Konzerte mit Sitzplätzen umzusehen und die Einreihung in die vormals so verhasste Kategorie der alten Säcke. Aber hej - wenn ich im gleichen Alter wie Udo DIRKSCHNEIDER, der gerade sämtliche junge Headliner-Combos paniert und nach allen Regeln der Kunst demontiert hat, noch genauso gut drauf bin und mir diesen geilen Scheiß noch immer reinziehe - dann empfange ich das Alter mit offenen Armen! So schauts aus - wann gibts das nächste Konzert? Mal den Terminplan konsultieren....

P.S.: Eigentlich hätte sogar die Aufnahme der DIRKSCHNEIDER-DVD an diesem Abend im Backstage stattfinden sollen, was jedoch leider aufgrund der polizeilichen Auflagen für Pyrotechnik im Backstage nicht durchführbar war. So erhielt das zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkaufte Konzert zwei Tage später im Kaminwerk Memmingen den Zuschlag für die Aufnahme.


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