Drei lange Jahre sind mittlerweile einher gezogen, seit uns die kalifornischen NWOAHM-Spitzenreiter AS I LAY DYING mit „An Ocean Between Us“ ein ungewohnt thrashiges Manifest durch die Ohren gespült haben. Der standardisierte Metalcore wurde einst ad acta gelegt und von pfeilschnellen Riffs und vertrackterem Drumming ersetzt. Bis auf die DVD/Livealbum Auskoppelungen „This Is Who We Are“ hat sich Mastermind Tim Lambesis in den letzten Jahren hauptsächlich auf sein Schwarzenegger-Scherzprojekt AUSTRIAN DEATH MACHINE konzentriert. Die Auszeit hat dem Quintett hörbar gut getan, das fünfte Studioalbum „The Powerless Rise“ erweist sich als ein mehr als legitimer Nachfolger von „An Ocean Between Us“ und geht den härteren Weg der San Diego-Truppe linear weiter.
Von kraftlos kann hier nicht die Rede sein. Nach der Veröffentlichung des Vorgängers vollzogen die Jungs einen Tausch am Viersaiter und der neu installierte Josh Gilbert brummt nicht nur weitaus druckvoller, sondern sorgt auch für die gewohnten Background-Vocals. Bereits zu Beginn auffallend ist das mächtige Tempo, mit dem AS I LAY DYING anno 2010 durchs Gebälk bolzen. Die von den Vorgängern gewohnten Half-Tempo Songs werden auf „The Powerless Rise“ komplett ausgeklammert, Lambesis und Konsorten schwingen den Prügel im Highspeed-Takt. Der kurz gehaltene Opener „Beyond Our Suffering“ weist den weiteren Weg: grandios abgestimmte Gitarrenläufe, eingängige Blastbeat/Doublebass Vollbedienung und tief gelegtes Gegrowle, das dem Ganzen einen zusätzlichen Schub an Härte verleiht. Modern Thrash Metal? Ja genau! Den extremen Drucklevel mögen die Burschen dann nicht beibehalten, kommerzielle Hintergedanken will man jetzt mal nicht andenken. Das rasende „Anodyne Sea“ inkludiert die ersten Clean-Gesänge; ohne metallische Mainstream-Anbiederung kommen die Amis nicht durch.
Einzelne Songs hervorzuheben würde dem Gesamtwerk dennoch nicht gerecht werden. Zwischen hochmelodischen Hooklines („The Plague“, „Vacancy“) und alles vernichtenden Blastattacken („Without Conclusion“, „Condemned“) verfeinern AS I LAY DYING ihre vorbildhafte Definition von der New Wave Of American Heavy Metal. Das melodiegetränkte und ungemein tighte „Anger And Apathy“ bleibt unterm Strich auch als einzige Reminiszenz an die alten „Shadows Are Security“-Zeiten haften. Das Tinnitus-fördernde Clean-Gedudel (warum zum Teufel sind Clean-Parts noch immer so beliebt und erfolgreich?) nimmt dem Song aber unheimlich viel an Drive und Eigenständigkeit. IN FLAMES lässt leise grüßen. Zu den wenigen Ausrutschern gesellt sich aber eine Handvoll Top-Tracks. Vor allem das Gitarren-Duo Phil Sgrosso und Nick Hipa scheint in den letzten Jahren anständig geübt zu haben, so exakt und schnell gleiten ihnen die Riffs von den Spinnenfingern. Das Bandboss Lambesis zum Großteil growlt und sein Metalcore-Organ fast gänzlich entfernt hat, tut dem Gesamtsound der Band unheimlich gut.
AS I LAY DYING haben nach stolzen zehn Jahren Bandgeschichte ihr mit Sicherheit bestes Werk aus dem Boden gestampft. Waren die ersten Auswüchse noch zu Trend anbiedernd, und „An Ocean Between Us“ ungewohnt hart, drehen die Jungs auf „The Powerless Rise“ am richtigen Regler. Instrumental über alle Zweifel erhaben, passt diesmal auch das Shouting. Würde die Produktion nicht ach so übermodern-steril aus den Speakern tönen und das unsägliche Clean-Gesülze aus dem Songwriting entfernt werden, hätten die Burschen diesmal einen richtigen Brecher aus dem Köcher gezogen. Die Verkaufszahlen werden weiterhin steigen, der Hype nicht nachlassen: AS I LAY DYING machen alles richtig und trauen sich mittlerweile auch schon richtigen Metal zu. Gut so! 1:0 gegen KILLSWITCH ENGAGE im anhaltenden Kampf um den Thron der NWOAHM.
Wertung: 4.0 von 5.0
Autor: FO (11. Mai 2010)
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