Einer der absoluten Insidertipps aus Polen veröffentlicht nun endlich ein zweites Full Length Album.
2006 gab es das "Cusp Of Evil"-Demo, 2007 eines namens "Annihilation" und eine Split mit EMPHERIS. Beobachter der polnischen Szene und Liebhaber der sporadischen Veröffentlichungen von EMBRIONAL haben das Warten auf ein zweites (das erste, 2008 veröffentlichte, nahm sich den Demo-Titel "Cusp Of Evil") Album eigentlich schon aufgegeben. Zum Glück hat Eryk von Old Temple Records dann doch noch zugeschlagen. Steht zu hoffen, dass das Album auch außerhalb von Polen erhältlich und anständig beworben wird.
Death Metal aus Polen also. Was kann man davon erwarten? Natürlich wird gefrickelt. Ziemlich ordentlich sogar, nimmt man den Opener "Possessed By Evil", der BEHEMOTH und/oder DECAPITATED-Freunden auf jeden Fall gefallen wird. Sehr technisch, mal unterlegt durch Blastbeats dann wieder schon beinahe im Doom-Tempo. Nicht gerade eingängig, was uns zur Eröffnung des Albums geboten wird, wobei vor allem die zügigen Passagen zeitweise etwas aus dem Ruder laufen. Das nennt man dann wohl "brutal".
Song Nummer Zwei schließt dort an, wo "Possessed By Evil" aufgehört hat. Für Freunde vorgenannter Bands sicherlich ein Ohrenschmaus. Man wird hier aber erstmals auch etwas eingängiger und hebt sich dadurch vom reinen Gefrickel ab. Es wird.
Der Titeltrack kommt etwas gehackt aus den Startblöcken und wirkt ein wenig wie ein Zwilling des zweiten Songs "Disgraceful Enslavement". Wieder eingängigere Parts aber noch genug Schräges, um den Freund technischen Death Metals zu erfreuen.
Um jedem Musiker eine breite Plattform für die Darbietung seines Schaffens zu errichten, haben die Polen gleich zwei Instrumentalstücke mit auf das Album genommen und beide sind wirklich mehr als geglückt. Das erste, "Necropolis", mächtig hart und mit stimmigen Leads angereichert, das zweite, "Beyond The Abyss", ruhig und beinahe wie ein Intro oder Zwischenspiel angelegt.
Dazwischengequetscht einer der Höhepunkte des Albums, "The Last Step Into Nothingness", welches sämtliche Geschwindigkeitsfacetten souverän durchmisst und sehr schräge Gitarren auf ein wunderbar brutales Fundament legt. Der Song hat etwas von NILE in ihrer straighteren Ausrichtung, ohne jetzt groß eine Kopie zu sein. In diesem Umfeld entfaltet sich aber das Album hin zu einem wirklich starken Stück Todesmetall.
In diese Richtung steuert man auch mit "Maniacal Madness". Vertonter Wahnsinn, der aber dennoch auch für Nichtmusiker konsumierbar bleibt.
Die Polen schaffen in der zweiten Hälfte des Albums spielend den Spagat zwischen Anspruch und guter Hörbarkeit (jetzt nicht akustisch gesehen, wobei der Sound, von DECAPITATED-Arkadiusz "Malta" Malczewski vom Feinsten ist). Hätte ich nach den ersten drei Songs beim ersten Durchgang beinahe des Handtuch in den Ring geworfen, vermag mich der Rest des Albums wirklich zu begeistern. Das Rad im Todesmetall wird nicht neu erfunden aber ausreichend neu interpretiert, schon allein durch die Hinzunahme der bisweilen sehr schrägen, dissonanten Gitarren.
"Dismal Sign" nimmt den Fuß vom Gas und erinnert hier etwas an MORBID ANGEL in ihren zähen Momenten, aber auch hier wird Eigenständigkeit groß geschrieben und groß dargeboten. Klasse Song!
"A Game Of Two Halves" nennen Engländer so was (gut, eigentlich bezieht sich der Spruch auf ein Fußballspiel, aber ich nehme mir die Freiheit, Redewendungen anzuwenden wie es mir gefällt...), wobei sich hier die zweite Hälfte etwas in die Länge zieht und das ist gut so. Ein absolutes Klassealbum ab Song vier. Und selbst die ersten drei Lieder dürften Freunde finden.
Jetzt steht es zu hoffen, dass die Band auch den Weg aus Polen heraus Richtung Westen findet!
Wort des Tages: schräg!
Wertung: 4.0 von 5.0
Autor: Christian Wiederwald (27. Mai 2012)
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