From Beneath Billows - Monolith

Artikel-Bild
VÖ: 08.11.2013
Bandinfo: From Beneath Billows
Genre: Sludge Metal
Label: Eigenproduktion
Hören & Kaufen: Amazon | Ebay
Lineup  |  Trackliste

„Monolith“. „Callous, in their method. Murderers, murderers. Horrific infiltration, monolith“, tönte es mir 1996 entgegen, als „Vile“ aus dem Hause CANNIBAL CORPSE sich dem Ende neigte. „Monolith“? Was zum Teufel, frug ich mich damals, wollen die Herren mir damit sagen, wenn sie neben zerfleischendem Ungeziefer, Stacheldraht-Sodomie und raserischem Zerstückel ein Stück nach einem schnöden Gestein zu betiteln? Troubadix, so schoss es mir später ein, kann wohl ein Liedchen davon singen (oder besser nicht) – bekam er immerhin schon des Öfteren von Obelix einen Hinkelstein über die Rübe gepfeffert, und wenngleich ein Schlag auf den Hinterkopf das Denkvermögen fördert, so ist eine derart liebevolle Retourkutsche wohl ähnlich unangenehm wie der Klippensturz von Derek in „Bad Taste“, der beim Aufprall nicht nur ein paar Seemöwen das Garaus machte, sondern auch das Gehirn freilegte.

Oder auch – nie probiert, niemals vor – Kopulation mit einer adipösen Person: Wenn es dir die inneren Organe bereits zerdrückt, kann einfach kein Blut in den Schaft fließen, beim besten Willen nicht. Zwar nicht „between pillows“, dafür aber „beneath billows“, also statt zwischen den Kissen unter den Wogen, bewegen sich die fünf Norweger, und wer die Macht der Strömungen, sich aufbauschenden Wellen erkannt hat, der hat wohl eine Ahnung, eine Idee von der Begrifflichkeit etwas „Monolithischen“, einer Kraft, die in sich ruht, von Gliedern einer Kette – vielleicht filigran, aber aufgrund ihrer untrennbaren Verbundenheit zu einer Einheit verschmolzen, die selbst Atlas zur Fall bringen vermögen.

Musikalisch umgelegt kann dies nur auf wenige Sparten zutreffen – hier benötigt es Feingefühl, Spitzfindigkeit einerseits, andererseits aber auch die unbarmherzige Wucht, eine halsstarrige Unnachgiebigkeit, die in gekonnter Symbiose nicht nur Berge und Täler, sondern Welten und Universen gar versetzen vermögen. Jenes Zusammentreffen findet man, sofern gekonnt fabriziert, in einer Sparte, in einer allein – und jene ist überaus divers: All das, dem „Post“ vorangestellt werden darf, ja: muss, nährt aus Kraft wie beinahe hinterrückser Überrumpelung gleichermaßen, ganz gleich ob Post-Rock, Post-Doom, Post-Black, Post-Stoner oder Post-Sludge; „Wenn's wirklich wichtig ist, dann lieber mit der Post“, versprechen die Herren im gelben Automobil und lügen dabei gekonnt das Blaue vom Himmel, doch musikalisch gesehen, da sprechen wir von „Wenn's wirklich wuchtig ist, dann Post“, Brummi-Maut inklusive.

In Olso weiß man, wie der Postmann zweimal zu klingeln hat – einmal hart, einmal zart. „Groß!“ ist das einzige, das SIE zu wimmern wusste, als sie IHN das erste Mal erblickte. Da ist Atmosphäre, da ist Ausbruch: Der Vulkan, er spuckt Magma (was nun eigentlich Lava heißt), aber aus dem verbrannten Boden sprießt Grün gesund und reich wie nie zuvor. Die Gitarren duellieren sich nicht im Stakkato, im Akkord, sondern überaus fies und hinterrücks, wie ein Spinnengetier, das nächtens durch die Nasenhöhlen in den Rachen kriecht, sein Netz spinnt und Eier legt. Dazwischen flüstert das Getier, meist leis und sanft, beschwörerisch gar, wie auch Lars Sundsbø, ein Wiegelied, das den Wirten in Sicherheit wahrt, ein Wiegelied, das aber – gekonnt gesetzt – Pennywise aus dem Kanal grapschen lässt und unbarmherzig die Gliedmaßen, den Rumpf und Körper zu sich in die Untiefen zieht. Das ist eine Meditation, die den ganzen Körper, den ganzen Geist fordert, sich zu entleeren und nach einer Dekonstruktion neu zu sammeln.

Wie geht's? Zuerst muss es brüten, dann köcheln, bevor sich ein Unwetter entfaltet, losprescht wie eine wahnwitzige Stampede, die nicht nur das ihr in den Weg stellende, egal ob Mensch, Pflanze oder Getier, sondern auch sich selbst und gar in sich selbst in Raserei niedertrampelt. Der Sturm auf die Bastille? Ha! Die 300 Spartaner gegen die Übermacht der Perser? Doppel-Ha! Wüterei in der Wiener Innenstadt der Vermummten gegen die rechten Lämmchen? Tripple-Ha! Eine wahre Urgewalt ist, die wiegt, schließlich für Unwohlgefühl sorgt, sich dann kaltblütig zu erkennen gibt und mit grimmigem Grinsen auf den Lippen spricht: „Hallo da bin ich, und du warst gewesen.“ Da gefriert das Blut in den Adern, birst die Landmasse, bricht die Welt entzwei.

Gleich der Nordischen Mythologie kündigt sich auf „Monolith“ in jedem einzelnen der sechs Epen ein eigenes Ragnarök mit vorangestelltem Fimbulwinter an – Skalli und Hati verschlingen die Sonne, die Sterne fallen vom Himmel, die Erde beginnt zu beben. Der Fenriswolf reißt sich los, Jormungand überschwemmt peitschend das Land; Feuer und Gift entzünden Luft und Meer, ein Tumult entsteht. Das Gjallarhorn ertönt, ein Blick aus dem Fenster gleicht dem aus Helms Glamm, vor dem Sarumans Truppen warten. Der Weltenbrand lodert lichterloh – und dann: die Asen einen sich am Idafelde, das Böse bessert sich: „Þá kemur inn ríki að regindómi öflugur ofan, sá er öllu ræður.“

„Monolith“ nimmt ein, wie Tod und Verderben auf der einen, Liebe und Zuversicht auf der anderen Seite; Schier unglaublich, dass ein derartiges Geschick, das vielleicht noch TOOL anheim ist, bereits mit dem zweiten Longplayer gelingt – auch wenn das Vorwissen mitschwimmt, dass ein Gros der Mitglieder bereits unter dem Banner THE GOON KILLING seit 2003 gemeinsam werken. Dennoch hätte man sich eine derart nötigende, aufdringliche Atmosphäre nicht erwarten dürfen – derart durchbohrende Momente erlebt man vielleicht beim gemeinsamen Mahl mit Vlad Tepes, wenn einem das kredenzte Menü nicht mundete und dies ungeschickter Weise auch lautstark kundtat. Aber hier? Derart spielerisch, derart locker-flockig eine solchermaßen potente, intensive Atmosphäre zu erschaffen, beweist Geschick und Können.

In Stephen Kings „Rose Madder“ wandert Rose durch eine Leinwand hinein in ein labyrinthisches Inferno, und gleichermaßen wandert der geneigte Zuhörer hier in eine Gefühlswelt aus drohender Düsterheit, durch dessen Schwaden sich hie und da auch ein sonniger Strahl bahnt.

FROM BENEATH BILLOWS? Enorm, verlockend und wahrlich ein Monolith. Herzlich willkommen, Wandersmann, im Fegefeuer, tritt ein und bring Glück herein.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Stefan Baumgartner (31.01.2014)

WERBUNG: Hard
WERBUNG: Escape Metalcorner