At The Gates - At War With Reality

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VÖ: 24.10.2014
Bandinfo: AT THE GATES
Genre: Melodic Death Metal
Label: Century Media Records
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Lineup  |  Trackliste  |  Credits  |  Trivia

Dass Reunions im Metalsektor nicht zwangsweise scheiße sein oder nach Ausverkauf riechen müssen, haben etwa die britischen Hobby-Chirurgen CARCASS im letzten Jahr eindrucksvoll bewiesen. „Surgical Steel“ kam mit einer immensen Strahlkraft, einer federleichten Unbeschwertheit und vor allem dem Gefühl, auch wirklich nur aus Eigeninteresse ohne kommerziellen Hintergedanken gehandelt zu haben ums Eck. Ein gutes Jahr später versuchen das die schwedischen Stilpioniere AT THE GATES, ihres Zeichens Mit-Erfinder des legendären Göteborg-Death-Metal und wohl auch des Metalcore. „At War With Reality“, das erste Langeisen seit dem wegweisenden 1995er Brecher „Slaughter Of The Soul“, war dabei keinesfalls konzipiert.

Wie Frontmann „Tompa“ Lindberg schon in unserem ausführlichen Interview bekräftigt, kam das Kultgespann während lässigem Herumjammen eher zufällig drauf, dass sich die einzelnen Riffs und Hooks Richtung Hauptband orientieren würden. Nach zwei Live-Comebacks (2007 bis 2008 und kontinuierlich seit 2010) im allseits beliebten Original-Line-Up war auch längst wieder die Chemie hergestellt, diverse Probleme und unreife Aktionen aus der Vergangenheit in der Kammer des Vergessens begraben. Herausgekommen ist – so klischeehaft und wässrig das auch klingen mag – tatsächlich ein Album von Freunden für Freunde. Von Freunden, die nicht nur die skandinavische Metalwelt revolutionierten, sondern eine globale Duftmarke setzten für Freunde, die sich auch durch die lange Pause nicht abschütteln ließen und ihren Faves stets treu zur Seite standen.

Und fürwahr, Tompa hat schon Recht wenn er die Sell-Out-Vorwürfe mit einem flapsigen „Warum? Schließlich haben wir ja was Neues erschaffen“ konterkariert. Ein allumfassendes, bahnbrechendes Konzept schwebte ihm vor, die textliche Vielschichtigkeit ist trotz Zurückschraubens auf das für den Rezipienten Verdaubare geblieben. Vom mystischen Intro „El Altar Del Dios Desconocido“ weg spürt man den Geist der alten Tage und auch wenn der erste richtige Song, „Death And The Labyrinth“, noch bei weitem nicht den Facettenreichtum der Neuzeit-AT THE GATES feilbietet, ertappt man sich selbst unweigerlich beim lockeren Headbangen.

AT THE GATES machen es uns aber auch nicht schwer – im Gegensatz zu Landsleuten wie THE HAUNTED, EVOCATION oder THE CROWN lehnen sich die Gebrüder Björler und Co. nicht zu weit aus dem Stilfenster, sondern zitieren sich angenehmerweise selbst. Doch keine Angst! Hier wird niemals schnöde aus der eigenen Vergangenheit abgepaust, sondern der Sound vielmehr mit Ehrgefühl und Respekt vor sich selbst in die Moderne transferiert. Wer mehr Melodie möchte ist bereits beim Titeltrack richtig angekommen. Hier spüren mitgewachsene Fans erstmals das wohlige Feeling seliger „Terminal Spirit Disease“-Zeiten, als ihre Helden noch richtig geil, aber angenehm unbekannt waren. Ebengenanntes Album und „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ sind auch auf dem neuen Rundling wesentlich präsenter als der große Schlusspunkt „Slaughter Of The Soul“. Zu ruppig, zu schnell und zu wenig durchdacht sei dieser einst geworden – wohl niemand geht mit diesem Referenzwerk so kritisch ins Gericht wie die Band selbst.

Gottseidank, denn dieser Hang zur Selbstkritik und Perfektion bürgt für ehrgeizige Arbeitsweise. Die ganz großen Highlights auf „At War With Reality“ sind angenehmerweise über die gesamte Albumdistanz verstreut, was durchgehende Hörfreude garantiert. „Heroes And Tombs“ etwa, das neben all der einnehmenden Atmosphäre auch nicht die kompromisslose Punkcore-Schlagseite von Tompa vernachlässigt. „Order From Chaos“, bei dem sich unter saftiger Doublebass-Begleitung ein Hauch von postmoderner Progressivität eingeschlichen hat, oder „The Book Of Sand (The Abomination)“, wo sich vor allem Drummer Adrian Erlandsson und die Saitenfraktion mit Ruhmesblättern bedecken dürfen, so eingängig und dennoch spannend schlängelt sich der Song durch die Gehörgänge.

Gegen Ende hin gibt es noch das knackig-wühlende „Eater Of Gods“ und den rühmlichen Schlusspunkt „The Night Eternal“ zu bestaunen. Vor allem der Finisher ruft mit seinem sägenden End-Riff und dem gänsehautverursachenden Fade Out Film-Erinnerungen in den Sinn. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr nach einem eindringenden Film beim Abspann geplättet und erstarrt vor dem Kasten sitzt? „At War With Reality“ beweist, dass dieses Gefühl auch ein Musikalbum heraufbeschwören kann. Ein Comeback voller Glanz und Gloria, ein Wiederhören mit immenser Freude, ein mit Rufzeichen gesetztes Statement, dass man Alt und Neu sehr wohl zu trauter Einigkeit verbinden kann. Aufgrund dieser Monsterleistung drücken wir beim schnarchnasigen Cover-Artwork gerne ein Auge zu.



Bewertung: 4.5 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (17.10.2014)

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