Iron Maiden - The Book Of Souls

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VÖ: 04.09.2015
Bandinfo: IRON MAIDEN
Genre: Metal
Label: Warner Music
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Es ist dies nicht nur der Sommer, der wiederkehrenden und gleichermaßen verhassten wie geliebten Hitze, es ist auch der Sommer der Alten. MOTÖRHEAD, SLAYER, IRON MAIDEN – drei der mit Sicherheit zehn größten Nummern im erweiterten Metal-Segment hauen im Zeitraum eines halben Monats neue Studioalben auf den Markt. Ein Fest für den Gaumen, ein Desaster für die Geldbörse. Vor allem dann, wenn man sich die Super-Special-Hardcore-Fanbase-Limited-Editions in den Schrank stellt oder auf die Wand nagelt – doch die Zugpferde, die ziehen bekanntermaßen ohnehin von selbst. Da können auch mal durchschnittliche Alben, wie der letzte MAIDEN-Output „The Final Frontier“, auf den Markt kommen, während hervorragende Underground-Acts wie NIGHT DEMON, TRIBULATION oder DROWNED um jedes verkaufte Exemplar kämpfen, laufen und ackern müssen, reicht der eisernen Jungfrau bereits ein kryptischer Social-Media-Eintrag, um die Vorbestellungen ins Astronomische zu treiben.

Gute Stimme, mieser Sound
Aber gut, so soll und darf es ruhig auch sein, denn ohne Bands wie den oben Genannten würde es die Jungschar vielleicht auch gar nicht geben und solange Steve Harris und Co. auch im fünften Jahrzehnt ihres Bestehens meist (!) überdurchschnittlich ans Werk gehen, sei den Working-Class-Heros der Ruhm vergönnt. Was hat der treue Fan im Vorfeld des epischen, erstmaligen Doppelschlags „The Book Of Souls“ nicht alles an Schreckensbotschaften überleben müssen: Bruce Dickinson an Krebs erkrankt, Album-Release und Touren müssen verschoben werden, Bruce Dickinson hat den Krebs besiegt. Starker Tobak, der, und das ist die eigentliche, größte Sensation an diesem epischen 92-Minüter, scheinbar problemlos an Mr. Dickinson vorbeiging, denn obwohl er einen erklecklichen Teil seiner Gesangsspuren mit zwei Tumoren auf Zunge und im Rachenbereich eingesungen hat, wird man auch mit den besten Sennheiser-Kopfhörern keine Qualitätseinbußen registrieren. Ganz im Gegenteil zum Gesamtsound, denn Haus- und Hofproduzent Kevin Shirley hat es leider einmal mehr geschafft, der wohl epischsten und größten Heavy-Metal-Band eine Holzpaletten-Produktion umzubinden. Wenn die Synths also nach Plastik klingen und ihr manchmal glaubt, Nicko McBrain würde auf seinen Regeneimer klopfen, dann schreibt doch einfach dem guten alten Shirley ein Beschwerdemail - es wird ihm nur wurscht sein.

Auch wenn sich MAIDEN gerne der nostalgischen Rückschau verwehren, strotzt dieses opulente Werk nur so vor Vergangenheitsglorifizierung. Einerseits hat man erstmals seit dem eher mauen 1995er Werk „The X-Factor“ den originalen IRON MAIDEN-Schriftzug verwendet, andererseits übersiedelte man für die Aufnahmen in die Pariser Guillaume Tell Studios, wo der dritte Teil der MAIDEN-Karriere mit Dickinsons glorreichem Comeback auf „Brave New World“ 2000 begann. Ein Schritt zurück sollten also zwei nach vorne sein und das gelingt zumindest partiell. Bevor wir uns auf die einzelnen Songs einlassen, sei noch ausdrücklich vorgeschickt, dass sich die Briten einmal mehr in Progressive-Sphären bewegen, ohne eigentlich progressiv zu sein. Das bedeutet – noch vertrackter, noch epischer, noch hintergründiger, aber ein neuartiger Sound oder eine klangliche Revolution ist (für viele wohl gottseidank) nicht zu hören.

Sieg gegen die Faulheit
Also rein ins Getümmel und los geht’s mit dem ersten von gleich zwei Bruce-Dickinson-Songs namens „If Eternity Should Fail“. Erstmals also seit dem 1989er „Bring Your Daughter… To The Slaughter“ hat sich der wiedergenesene Bruce alleine austoben dürfen und dem großen Herrscher Steve Harris ein bisschen die Schneid abgekauft. Mitunter auch ein Sieg gegen die eigene Faulheit. Der Startschuss fängt mit seinem Cowboy-esken Intro und mehr als acht Minuten Länge schon einmal zünftig aus und lebt neben einem typischen MAIDEN-Galopp-Riff vor allem von Bruce’s intensiver Stimme. Die Synthies krachen – wie gesagt – etwas billig aus dem Äther, aber mit dem markanten Refrain und der bandtypischen Hookline geht hier wenig daneben.

Gleich danach gibt es das bereits mit Computergame-animiertem Video veröffentlichte „Speed Of Light“, ein geradliniger Rocker, der gerade am Anfang an späte 80er-Rockbands (GUNS N' ROSES anyone?) erinnert und im Prinzip so etwas wie das „El Dorado“ von „The Book Of Souls“ ist. Das eher flotte Getümmel nutzt sich bei mehrmaligem Durchlauf aber leider ziemlich schnell ab, da sich der Refrain bis zur Unerträglichkeit wiederholt und dabei der Redundanz Vorrang lässt. Da wäre mehr drinnen gewesen, vielleicht klingt’s im nächsten Jahr als Live-Output ja stärker?

Das darauffolgende Adrian Smith/Steve Harris-Stück „The Great Unknown“ rückt vom Aufbau her stärker in die Suspense-Ecke und strahlt erstmals eine dunkel-mystische Atmosphäre aus. Mit Dickinson als anfänglichen Geschichtenerzähler müht sich der Track etwas träge in seine leicht angeproggte Grundstruktur. Ein feines Gitarrensolo im letzten Songdrittel rettet die Nummer aber auch nicht vor ihrer offensichtlichen Unentschlossenheit, in welche Richtung man jetzt gehen wollte.

Richtung Götterwerk
„The Red And The Black“
, mit 13:33 Minuten die erste der drei „Marathon-Nummern“, ist dann das erste und einzige Steve-Harris-Solo auf dem Album und – man muss es einfach sagen – ein absolutes Meisterwerk. Schon nach wenigen Sekunden wird klar, dass die Richtung hier eindeutig gen „Rime Of The Ancient Mariner“ geht und dieses unsterbliche Götterwerk zumindest im Ansatz erreicht wird. Die abermals galoppierenden Riffs paaren sich mit der unwiderstehlichen Melodie-Hookline und den doch recht hastig vorgetragenen Dickinson-Vocals, die sich perfekt an den Rhythmus der Sologitarre schmiegen. Üppige Gitarrensoli und 80er-Synths folgen, bevor man im Schlussdrittel noch einmal unwiderstehlich zur akustischen Reise in ferne Klangländer lädt. Ein Gewaltstück.

Nach so einem wuchtigen Kracher tut eine kleine Ausruhphase gut und „When The River Runs Deep“ ist die perfekte Nummer dafür. In seiner eher flotten Ausrichtung geht der Song noch am ehesten zurück zu den glorreichen 80er-Jahren, ohne diese aber billig zu kopieren. Eine gute, flotte Mischung aus alten und neuen „Dickinson-MAIDEN“, der nur ein prägnanter Refrain fehlt. Aber gut, denn gibt es ja ohnehin sonst zuhauf.

Die große Klammer
Beschlossen wird das erste Album mit dem monströsen Titeltrack „The Book Of Souls“, nicht nur vom Namen, sondern auch thematisch und in der Platzierung die Klammer zwischen den restlichen Kompositionen. Die Gers/Harris-Nummer leitet mit sanfter Akustik-Instrumentierung ein und formt sich dann mitunter durch Nicko McBrain’s dissonantem Drumming und dem ägyptisch-anmutendem Riffing zu einer klanglichen Perle, die aber gut und gerne vier, fünf Durchläufe braucht, um sich auch wirklich prägnant ins Großhirn einzufügen. Etwa zur Hälfte nimmt der zähflüssige Track nämlich auch ordentlich Fahrt auf und hoppelt in bester „Somewhere In Time“-Manier über die Ziellinie. Chapeau, meine Herren, Chapeau!

Album zwei beginnt dem Gesetz der Serie wieder etwas flotter und versucht mit dem sonderbar-dünnen Sound und der nostalgischen Rhythmik einmal mehr die glorreichen 80er-Jahre einzufangen. „Death Or Glory“ fängt die WK-I-Thematik ein und ist ausnahmsweise einmal ein richtig flotter Metalbrecher, den man MAIDEN in seiner Einfachheit gar nicht mehr zugetraut hätte. Manchmal ist weniger halt doch mehr.

Redundanz bei den Riffs
„Shadows Of The Valley“
lässt dann keine Zeit zum Verschnaufen, denn hier wartet schon das nächste Highlight auf die Scharen von Maniacs. Das Intro erinnert nicht zufällig an die erfolgreiche „Halloween“-Filmreihe, denn Dickinson und Co. versuchen eindeutig eine spannende Horror-Atmosphäre aufzubauen, bevor sie sich in eingängige Riff-Stakkati fallen lassen, um den Melodienreichtum bis an die Grenze auszureizen. Einziges Problem dieser Nummer – die ständigen Riff- und Refrainwiederholungen beginnen mit der Zeit zu langweilen und die Langzeitwirkung dieses Tracks darf somit zurecht in Frage gestellt werden.

Mit nicht einmal fünf Minuten Spielzeit ist „Tears Of A Clown“ die kürzeste Nummer auf dem epischen MAIDEN-Masterpiece, umso verwunderlicher, dass Adrian Smith und Steve Harris gerade in diese kurze Spielzeit derart ungewöhnliche Hooks und abgehackte Riffs eingebaut haben. Dass der Song dem Suizid-Comedian Robin Williams gewidmet ist, gibt der Nummer eine zusätzlich tragische Note. "Maybe it's all for the best, lay his weary head to rest“ – traurig, berührend, atmosphärisch.

Niederlage im Direktvergleich
Bevor es zum lang erwartenden Grande Finale kommt, packen IRON MAIDEN mit „The Man Of Sorrows“ noch einmal eine eindringliche Ballade aus, die fast zur Hälfte von Bruce Dickinson getragen wird, bevor sich die wieder an den Prog Metal angelehnten Instrumentalisten langsam, aber stärker in den Vordergrund schieben. Mit Fortdauer des Songs verliert die Nummer aber deutlich an Pfiff und den „Test Of Time“ wird „The Man Of Sorrows“, fürchte ich, nicht bestehen. Im Direktvergleich zu einem Glanzstück wie „Out Of The Shadows“ von der „A Matter Of Life And Death“ ist das leider nicht viel.

Nun ist es soweit. Was wurde im Vorfeld nicht schon gemunkelt und geschrieben. „Empire Of The Clouds“, 18 Minuten lang, der längste IRON MAIDEN-Track aller Zeiten, länger als die komplette „Japan“-EP und außerdem ein reines Solo von Bruce Dickinson, dessen Bruchstücke er eigentlich einst für seine grandiose Solophase verwenden wollte, dann doch versteckte, bis Steve Harris daherkam und ihn dazu animierte, die Nummer gefälligst für MAIDEN zu verwenden. Selbst die Presse stürzte sich im Vorfeld fast ausschließlich auf das Opus Magnum der Bandgeschichte, mit dem – auch wenn sich das niemand wünscht – man als großen Abschluss getrost in Pension gehen könnte. Doch sind die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt? Ist es wirklich der beste MAIDEN-Song, der je geschrieben wurde?

Perfektes Pensionsstück
Natürlich nicht, aber auf jeden Fall der epischste. Auch wenn ich nicht in die Lobeshymnen des Gros der Kollegenschaft einstimmen will, hat „Empire Of The Clouds“ natürlich eine markante Langzeitwirkung, allein schon deshalb, weil man den Song nicht einmal nach Tagen des Hörens in seiner vollen Ganzheit zu fassen kriegt. Dickinson hat sein elektrisches Piano von daheim gegen einen zufällig im Pariser Studio herumstehenden Steinway-Flügel getauscht und sein „Lebenswerk“ in akribischer Kleinarbeit nach und nach fertiggestellt, während die anderen an den restlichen Songs schraubten. Herausgekommen ist dabei fast schon eine Musical-artige Abhandlung, die MAIDEN laut Dickinson nicht auf eine normale Konzertbühne bringen werden, die sich aber nach der großen 2016er-Tour durchaus als doppelt so lange Musical-Version entpuppen könnte. Was mag da noch auf uns zukommen?

„The Book Of Souls“ als solches ist auf jeden Fall eine Steigerung zum lauen Vorgänger, wirkt im Vergleich zu den „Neuzeit-Geniestreichen“ „Brave New World“ und „A Matter Of Life And Death“ aber doch etwas zu opulent und bemüht in die Länge gestreckt. Ein paar schwache Ausreißer können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Harris, Dickinson und Co. songwriterisch noch immer in anderen Sphären befinden und hier ein Altersmanifest an das Licht der Öffentlichkeit gebracht haben, von dem andere Bands nur träumen können. Und die vielleicht wichtigste Info für Doppelalbum-Heavy-Metal-Freaks: ein „Nostradamus“-Bauchfleck á la JUDAS PRIEST ist hier weit und breit nicht in Sicht. Auf die große Europa-Tour samt Shows im deutschsprachigen Raum 2016 darf man sich freuen, auch wenn die wohl stärksten Tracks des Albums live keinen Platz finden werden. Die englische Flagge darf der gute Bruce aber weiterhin voller Stolz wehen, denn IRON MAIDEN sind noch immer dick im Geschäft. Und auch wenn man die 80er-Songs natürlich mehr schätzt und liebt – so gute Songwriter wie heute waren sie noch nie. Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einer Band machen kann, die ohnehin schon alles hat. Up The Irons!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Robert Fröwein (05.09.2015)

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