ACCU§ER - The Forlorn Divide

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VÖ: 11.03.2016
Bandinfo: ACCU§ER
Genre: Thrash Metal
Label: Metal Blade Records
Lineup  |  Trackliste

Sollte es einem als Wörterbuchverfasser, aus welchem hanebüchenen Grund auch immer, nach einer neuen Bedeutung für das Wort ACCU§ER dürsten, hätte ich an dieser Stelle einen Vorschlag zu machen, bei dem wohl viele Metalfans ohne weitere Worte zustimmend nicken würden: Unterbewertetste Thrash-Metal-Institution des gesamten Sonnensystems und darüber hinaus. Ihr kennt die gar nicht? Erziehungsschelle incoming, ihr Lausbuben*innen (war das politisch korrekt?). Gut, ein paar durchwachsene Silberlinge hat das Siegener Quartett in seiner Laufbahn schon unter's Volk gebracht, aber welcher Künstler kann schon behaupten, in 30 Jahren Bandgeschichte zu keinem Zeitpunkt nachgelassen zu haben? Eben. Achja, pünktlich zum 30-jährigen Jahrestag der Band schlagen Frank Thoms und Co. mit ihrem neuen Album "The Forlorn Divide" auf. Können die Herren mit den im Januar mit "The Raging Tides" bereits sackstark abgeliefert habenden Kollegen von EXUMER mithalten und ihrem imposanten Jubiläum einen angemessenen auditiven Rahmen formen?

Sie können, wenn auch nicht durchgehend. Zumal man direkt dazu sagen muss, dass man ACCU§ER musikalisch auch nicht hundertprozentig mit den Frankfurtern EXUMER vergleichen kann, die eigentlich auf sämtlichste Groove-Metal-Zitate verzichten und eher darauf bedacht sind, das Gaspedal durchzutreten. Unabhängig von dieser Betrachtung glückt ACCU§ER mit "Lust For Vengeance" und dem im Tempo variierenden "Unreal Perception" aber wie schon auf "Diabolic" ein rasanter Einstieg, der die seit jenem Longplayer wieder stark ansteigende Formkurve betont und vom zweiten Frühling der Truppe träumen lässt.

Überhaupt kann einen "The Forlorn Divide" sehr zügig mit seiner Vehemenz und Dynamik überzeugen, die man von der ersten Sekunde an in jedem Bereich verspürt. Die Produktion beispielsweise ist wunderbar transparent ausgefallen und wuchtet aus der Anlage, Frank Thoms röhrt über die volle Dauer wie Max Cavalera zu seinen besten Zeiten und auch der Instrumentalfraktion gelingt häufig der forcierte Klammergriff, der sich nennenswerterweise nicht nur auf blitzschnelle Riffattacken beruft, sondern in einem "Arbitrary Law" oder auch "Impending Doom" auf passend akzentuierte Tempowechsel, vereinzelte Melodien und schmissige Grooves zurückgreift, die wohl auch live sehr gut funktionieren werden. Das ist insofern bemerkenswert, weil ACCU§ER sich gewissermaßen treu bleiben und keine Anstalten machen, mit der falschen Herangehensweise an mehr Beachtung zu gelangen.

Davon mal abgesehen gilt es auch den 2014-Neuzugang, Dennis Rybakowski, zu loben, der an der Lead-Gitarre viel Schwung (man beachte bspw. die harmonischen Spielereien in "Tribulation" oder die unzähligen geilen Soli) mitbringt und das Niveau der Band noch einmal anheben kann. Das führt dazu, dass man auf "The Forlorn Divide" das für ACCU§ER-Verhältnisse seit langer Zeit einheitlichste Gesamtbild vernehmen kann, bei dem sich wirklich alle zehn Stücke auf ein und demselben Level befinden und man tatsächlich Schwierigkeiten hat, sich einzelne Songs rauszupicken und hervorzuheben. Im Umkehrschluss vermisst man dafür aber auch einen richtigen Smashhit (das wütend-thrashende "Fifth Column" ist verdammt nah dran), was letztlich aber auch nur nebensächliche Erbsenzählerei darstellt.

Denn unter dem Strich ist "The Forlorn Divide" eine außergewöhnlich heftige Offensive, die ich von ACCU§ER nicht mehr so ganz erwartet hatte. Aber genau diese Potenzsteigerung scheint ja langsam wieder in Mode zu kommen, wenn man sich die jüngsten Thrash-Veröffentlichungen aus aller Welt (abgesehen von ANTHRAX) mal zu Gemüte führt. Diese Scheibe wird also definitiv noch desöfteren rotieren und für Eskalationen aller Art verantwortlich sein - bald auch hoffentlich auf Tour!



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (24.03.2016)