CORONER - Autopsy

Artikel-Bild
VÖ: 23.09.2016
Bandinfo: CORONER
Genre: Thrash Metal
Label: Century Media Records
Lineup  |  Trackliste

Die kleine, schöne Alpenrepublik (nein, wir sprechen hier nicht von Österreich, sondern von der Schweiz) verfügt nicht nur über einen erstklassigen Ruf in puncto Bankwesen, Käse und Uhren, sondern auch über eine lange Tradition in Sachen harter wie dunkler Metal-Kost. Neben KROKUS sowie GOTTHARD und Undergroundigerem wie ALASTIS, CATARACT, POLTERGEIST, EMERALD, MESSIAH oder DRIFTER verfüg(t)en die Helveten auch über eine ins Blut übergegangene Tradition von Combos der dunklen Art, man denke etwa an SAMAEL, HELLHAMMER/CELTIC FROST oder neuerdings BÖLZER. Eine Combo, die all diese Attribute…Qualität, Dunkelheit und einen gewissen Underdog-Status auf sich vereint, ist CORONER, die nicht nur für Thrash-Conaisseure und Freunde gediegener Metal-Kultur seit Mitte der Achtziger zur absoluten Speerspitze europäischen Qualitätsmetals zählen. Die Schweizer übten sich zwar nie in abgefahrenen TechThrash-Gefilden a la WATCHTOWER und Konsorten, bestachen allerdings mit anspruchsvollem Songwriting, dunkel angehauchter Härte und trocken wie druckvoll gezocktem Thrash Metal. Die gesamte Werkschau der Schweizer mit „R.I.P.“ (1987), “Punishment For Decadence” (1988), „No More Color“ (1989), „Mental Vortex“ (1991), „Grin“ (1993) sowie die gleichnamige Compilation (1995) ist ein beispielhaftes Amalgam aus würdevoller Optik (die anspruchsvolle Ästhetik war maßgeblich von Drummer Marky geprägt, welche durch stilvolles schwarzes Bühnenoutfit vervollständigt wurde) und komplexen und dennoch stringenten Songstrukturen, Perlen voll dunkler Aura, immer mit einem Hauch Sperrigkeit und distanziert-kühlem Charme und wahrhaft trocken dargebracht.

Century Media gönnen den immer noch zahlreichen Verehrern dieser Ausnahmecombo nun die ultimative 3DVD/BluRay & CD/LP-Packung in Form einer Box mit rund sechs Stunden Spielzeit. Und diese bemühte Best Of-CORONER-CD/LP, die irgendwie die Achillesferse dieses Mörderpakets bildet, besticht gleich mit massiver akustischer Qualität und bietet Songs aller fünf Studioalben auf. Trotzdem fehlen naturgemäß einige Songs, die auf einer solchen Zusammenstellung legitim gewesen wären (etwa „Last Entertainment“ "Read My Scars", „Metamorphosis“, „Internal Conflicts“, „Son Of Lilith“, „Grin“, oder „Semtex Revolution“ - die man allerdings großteils dann im DVD-Teil findet) aus der gesamten Schaffensperiode, auch wenn das Grundgerüst hinsichtlich der Songauswahl an sich recht gelungen ist, und ja, „Divine Step“ oder „Die By My Hand“ sind kleine Genrehits. Die im Laufe der Jahre eingespielten Coversongs "Purple Haze" („Punishment For Decadence“) und "I Want You (She´s So Heavy)" („Mental Vortex“) werden dabei ausgespart, obwohl sie nicht unmaßgeblich die Karriere der Band gepusht hatten. Aufgrund ihrer Spezialität und sprödem Charme vermochten CORONER nie richtig durchzustarten und auch 1993, als sie im Zuge von „Grin“ im tirolerischen Wörgl ein legendäres Livegastspiel gaben, fungierten sie lediglich als Support von ANNIHILATOR, die just ihr drittes Album „Set The World On Fire“ veröffentlicht hatten.

Im visuellen Teil zollen Granden der Metalwelt den Schweizern (DVD 1, „Rewind“ betitelt) angemessen Respekt. Die Riege von Genregrößen wie Mikael Akerfeldt (OPETH) („literally the are like SABBATH to me“), Mille (KREATOR) & Co. loben Arrangements und vor allem auch die Gitarrenarbeit von Tommy Vetterli und beteuern, welche Inspirationsquelle und Vorbild das Trio vor allem auch in Bezug auf Härtegrad, gepaart mit technischem Anspruch war. Max Cavalera zieht Vergleiche hinsichtlich der Schweiz mit Brasilien und gesteht, dass er sich beim Gedanken an die Schweizer Barbaren vorgestellt hatte, die in Höhlen in den Alpen hausten, SODOM´s Tom Angelripper deklariert, dass CORONER SODOM „musikalischen haushoch überlegen“ waren, Martin Ain (CELTIC FROST) meint, dass CORONER „Wegbereiter des Erfolgs von Bands wie ELUVEITIE“ waren und Tom G. Warrior himself gesteht gar, dass CORONER besser gewesen seien als CELTIC FROST und er eigentlich so spielen wollte wie sie. Aber auch die Schweizer Szene im Allgemeinen - u.a. KROKUS-Mastermind Chris von Rohr, Franz Treichler (YOUNG GODS), Stephan Eicher (bei dem Gitarrero Tommy Vetterli nach dem Auseinanderbrechern der Band als Sixstringer anheuerte) oder ELUVEITIE (Chrigel Glanzmann) - kommen zum Thema zu Worte.

Die Band selbst plaudert im Schein des Kaminfeuers aus dem Nähkästchen (natürlich in breitem Schwyzerdütsch, „chchch“ und so…) und lässt alle relevanten Aspekte der Bandgeschichte Revue passieren. Von den Haupteinflüssen AC/DC (Ron), KISS (Marky) und Eddie van Halen (Tommy) über die Anfänge der Band, als die Urversion von CORONER schon zu seligen HELLHAMMER-Zeiten am Start war und wie sich Tommy und Ron, die bei DIAMOND zockten und Marky, der sich bei VOLTAGE verdingte, zusammenfanden. Das Trio bekennt sich zu seinen Inspirationsquellen wie MERCYFUL FATE, YNGWIE J. MALMSTEEN, NASTY SAVAGE, EXODUS und SLAYER und plaudert von der Leber weg über Lampenfieber und den Exotenstatus von Bands aus der kleinen Schweiz, aus der anfänglich nur der AC/DC-Klon KROKUS international reüssieren konnten bzw. dass die Schweiz mit Acts wie YELLO oder den YOUNG GODS über eine feine Musikszene verfügt(e).

Der Querschnitt über das gesamte Schaffen vom ersten Demo 1986 (mit Guest Vocals von CELTIC FROST´s Tom G. Warrior, der ein Freund von Drummer Marky war und dank schon gewonnener Erfahrungen und einem Plattenvertrag in der Tasche das Fortkommen des Trios pushen konnte) bis hin zu den Reunion-Gigs ab 2011 führt dem Fan die Höhen und Tiefen der Bandgeschichte vor Augen, die dem Trio nie den wirklichen Durchbruch bescherte und sich trotz durchwegs toller Kritiken nie in barer Münze niederschlug. CORONER waren mehr als nur Roadies von CF (die Tommy und Marky auf deren erster US-Tour begleiteten), das führt einem diese Doku eindrucksvoll vor Augen. Karl Walterbach berichtet von den Noise Rec.-Tagen, man erfährt, dass das Bandlogo klar von MOTÖRHEAD inspiriert war und alle, die es noch nicht wussten, erfahren, dass Tommy der musikalischer Kopf der Band war, das ästhetische Konzept sowie die Texte aber von Drummer Marky kreiert wurden. Zudem kann man auch erfahren, was es mit SM-Ledermasken und SLIPKNOT und „Schweizer Schweinen“ auf sich hat und welche Rolle der französische Künstler Auguste Rodin in der Bandgeschichte spielt. Rares Videofootage aus den Archiven samt Proberaum-, Liveschnipseln rundet das Ganze ab und macht die Dokumentation zu einer kurzweiligen Angelegenheit.

Sagenhafte Auflüge in die Anfangstage sind visuell nachvollziehbar, wie etwa das erste Konzert 1986 im Volkshaus Zürich mit CELTIC FROST und KREATOR, Erfahrungen von der ersten US-Tour mit ihren Labelmates KREATOR werden geschildert und schaudrige Anekdoten über die ersten großen Gigs mit MOTÖRHEAD zum Besten gegeben, wie es ist, ohne Soundcheck den Opener zu geben, inklusive Songabbruch. Doch auch authentische Studiostories werden aufgeboten, wenn etwa der damalige Produzent Harris Johns berichtet, dass die Schweizer schnell spielten und auch allen zeigen wollten, dass sie es draufhaben oder über das Mixing von „Mental Vortex“ im damals hippen Morrisound Studio berichtet wird. Besonders berührend ist dabei die Phase des Auseinanderdriftens der Band nach „Mental Vortex“. Intensiv dabei das Kamingespräch, bei dem Drummer Marky sein zunehmendes Problem ausführt, damals das Gefühl gehabt zu haben, in einer verstaubten Band zu spielen, die primär das technisch interessierte Publikum anspricht. Eindringlich die Entfernung von Marky, der sich weit mehr Emotion inmitten des handwerklichen Anspruchs von CORONER wünschte und auch die bandintern trennende Dualität zwischen Technik und Gefühl wie auch die schwierigen Aufnahmen zum finalen Studioalbum „Grin“ eindrücklich verdeutlicht.

Die Zeit nach dem Auseinanderbrechen der Band, als Tommy als Live-Gitarrist für Stephan Eicher fungierte (und später als Sixstringer bei KREATOR, mit denen Tommy zwei Studioalben einzimmerte) bzw. die Projektarbeiten für CLOCKWORK und APOLLYON SUN und die Produzenten-Tätigkeit, nimmt für meinen Geschmack zu breiten Raum ein. Fest steht, dass nach dem gleichnamigen 1995er Compilation-Album (mit neuen Songs) und nach der 1996er quasi „Funeral“-Tour (damals war auch schon Daniel Stössel (Keyboards) dabei, der die Band auch bei den Reunion-Gigs begleitete) und dem letzten Konzert in Essen, Schicht im Schacht bei CORONER war. Interessanter der Teil im Vorfeld der Reunion, in der auch über die Ängste, mit einer schlechten Liveshow das Vermächtnis zu zerstören, gesprochen wird. Gepusht durch Social Media und Festivalanfragen konnte die Band nach vielen langen Jahren zur ersten Live-Show in Lausanne 2011 motiviert werden. Von da an durfte die Reunion-Parade ihre Kreise ziehen, die auf DVD 2 dokumentiert ist.

DVD 2 ("Reunion") präsentiert einen ansprechenden Live-Querschnitt von den diversen Gigs nach der Reunion ab 2011 und zeigt die Band auf Festivals wie dem holländischen Roadburn, dem französischen Hellfest, dem englischen Bloodstock oder dem amerikanischen Maryland Deathfest, ebenso wie bei kleineren Gigs in Zürich, Lausanne, dem Einhoven Metal Meeting oder in Athen. Hervorzuheben ist dabei die Performance der DAF-Coverversion „Der Mussolini“, das von Roadie Lui Cubello eingesungen ist. Die restliche Songauswahl umfasst ein weites Spektrum von Standards und anderem hochqualitativen Material.

DVD 3 ("Archives") macht schließlich den Sack zu. Kurz nach der Wende krachte Noise Records mit seinem Bandpaket TANKARD, KREATOR, SABBAT und CORONER in den jüngst nach dem Fall der Berliner Mauer wartenden, gierigen Pit aus Metalfans. Das „Thrashing East“-Festival vom 4. März 1990 ging als eine der ersten richtig großen Veranstaltungen nach dem Mauerfall in die Metalgeschichte ein und zeigt die Band als Opener bei diesem legendären Konzert, das die Band auf der vergleichsweise riesigen Bühne in seiner Dreierbesetzung doch ein wenig verloren und zwar musikalisch im tollen Livesound mächtig präsent, aber showtechnisch deutlich unterrepräsentiert zeigt. Professionell gefilmt und mit gelungenem Sound ausgestattet, zeigt diese historische Performance die große Klasse der Schweizer, welche die gesamte Bandbreite des damaligen Schaffens inklusive des JIMI HENDRIX-Covers „Purple Haze“ umfasst. Als Draufgabe gibt es noch alle Videoclips der Band sowie zusätzliches Videomaterial.

Mittlerweile ist klar, dass es ein neues Studioalbum von CORONER geben wird. Der 2014 über die Bühne gegangene, letzte Gig mit Marky in Zürich darf sicher als Wendepunkt im Werdegang der Schweizer gesehen werde, die ihr angekündigtes neues Studioalbum mit Neo-Drummer Diego Rapacchietti, aber ohne die stilvoll ausgewählen Artworks und Texte von Marky einspielen müssen. Man darf gespannt sein…möge der einprägsame Triple-Skull auch in modernen Zeiten Altfans befriedigen wie auch Neo-Fans dazugewinnen und seine mächtige dunkle Strahlkraft weiter verstärken!



Ohne Bewertung
Autor: Thomas Patsch (06.10.2016)

WERBUNG: Hard
WERBUNG: District19 Events