Saor - Guardians

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VÖ: 11.11.2016
Bandinfo: Saor
Genre: Black Metal
Label: Northern Silence Productions
Lineup  |  Trackliste  |  Credits

Letztens, nach einem besonders stressigen Tag, kam eine gute Freundin meinerseits mit dem mir natürlich äußerst fremden Denkanstoß (*g*) an, warum man das Urlaub-Arbeit-Verhältnis nicht einfach umkehren könne. Es gäbe doch so viele Dinge, die sich zu entdecken lohnen, die das Leben viel mehr bereichern würden als tagein tagaus zum immergleichen Trott anzusetzen. Stimmt zwar, aber wenn man es nicht allzu sehr übertreibt, arbeitet man ja auch, um zu leben (und lebt nicht, um zu arbeiten), um sich etwas gönnen zu können. Und wenn man gerade mal keinen Urlaub zur Verfügung hat, gibt es immer noch die Kunstgattung namens Musik, die als magisches Tor zu einer anderen Welt fungieren kann. Damit spannen wir auch direkt den Bogen zu einem schottischen Pagan-Black-Metal-Projekt namens SAOR, auf dessen Zweitling (oder Drittling, wie man möchte) ich prinzipiell schon seit dem Release des letzten Werks "Aura" wartete - mit immens hohen Erwartungen natürlich. Nun ist "Guardians" aber endlich verfügbar und als im titelgebenden Opener die Bagpipes sowie die melancholischen Cleangitarren das allererste Mal erklingen, weiß ich abermals: ich bin zurück. Zurück in den Highlands. Zurück in einer fantastischen, entschleunigenden und vor allem glaubwürdigen "Parallelwelt".

Gut dort angekommen, zieht sich der Himmel allerdings schon allmählich zu. Während sich bei anfänglicher Sonne-Wolken-Mischung mitsamt einem herrlich wehenden Lüftchen noch die volle Pracht eben jener Highlands entfaltete, taucht "The Declaration" das Himmelszelt und die goldgelbe Szenerie alsbald in düsterere Farben voll von Wehmut und der Wind wird schroffer - es ist Herbst geworden, die anmutigen Gitarrenharmonien und Streicher (gespielt von Meri Tadić und John Becker) reißt umgehend mit. Dabei kündet Andy Marshall einmal mehr und immer noch voller Leidenschaft und Begeisterung von längst vergangenen Tagen und kreiert mit seiner Flöte eine folkige Note. Doch irgendetwas scheint er dieses Mal anders zu machen, der Eindruck ist nicht mehr ganz so unbeschwert wie noch vor zwei Jahren, als er mit seiner Authentizität und seinem musikalischen Talent offenbar mühelos Bilder schuf, die andere Interpreten nicht zu schaffen vermochten und vermögen. Schon gar nicht in diesem Alter. Betrachtet man die Lyricbeigabe, merkt man, dass er spärlicher, gleichzeitig aber auch deutlicher verfasst hat und grundsätzlich viel lieber die Musik und ihre Panoramen für sich sprechen lässt. So schreiten wir voran, als allmählich der "Autumn Rain" auf uns herabnieselt und für kühle, reinigende Luft sorgt.

Geht man die Sache etwas weniger metaphorisch an, kann man "Guardians" als düsterer und etwas schwermütiger als "Aura" beschreiben. Das bezieht sich einerseits darauf, dass der Einsatz von Klargesang, der in dieser Form nur noch in "Hearth" stattfinden darf, beträchtlich gedrosselt wurde, diese Ode an die Heimat aber gleichzeitig deutlich aufwertet. Diese Eigenschaft wird für "Aura"-Liebhaber zunächst gewöhnungsbedürftig sein, das Hörerlebnis aufgrund des andererseits ohnehin weniger warmen Soundbildes nicht weiter beeinträchtigen. Man könnte aber auch einfach sagen, dass der Post-Anteil zurückgefahren wurde und "Guardians" schlussendlich mehr im atmosphärisch-schwarzmetallischen Boden ("Tears Of A Nation"; erneut mit auflockernden, kitschfreien Bagpipes) verwurzelt ist, ohne an Marshalls Parallelprojekt FUATH und dessen Debüt "I" zu erinnern oder gar Abnutzungserscheinungen erkennen zu lassen. Dadurch ist es sicherlich ein Grower, aber eben einer dieser Grower, bei dem es sich lohnt, Unmengen an Zeit zu investieren. Eben weil es sich einmal mehr wie ein musikalisches Bilderbuch anfühlt, das einen mit etwas Geduld in eine andere Welt versetzt, welche nunmal reichhaltig an Details ist, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Dabei fällt es stimmungstechnisch glücklicherweise überhaupt nicht in's Gewicht, dass SAOR dieses Mal sogar als Band agiert und das Ganze etwas professioneller eingespielt haben, was zunächst durchaus Bedenken förderte. Gerade die Jungs von den ebenfalls famosen CNOC AN TURSA (unbedingt reinhören!) kennen sich in diesen musikalischen Bereichen bestens aus und sind wohl eine echte Erleichterung/Bereicherung für die Arbeitsbedigungen.

Ich musste mich also - natürlich sinnbildlich gesprochen - zu meinem Dachboden aufmachen, die Kiste mit bereits abgeschlossenen Rezensionen rauskramen, sie entstauben und mir meine Rezension zu "Aura" bzw. das Fazit dazu noch einmal genauer vor Augen führen. Warum? Weil ich mich hier sonst wiederholt hätte. Sprach ich bei den Vorgängerwerken nämlich noch davon, dass Andy Marshall auf dem besten Wege sei, sich selbst ein Denkmal zu errichten, so hat er dieses mit "Guardians" endgültig erbaut und darüber hinaus mit allerlei Zierrat veredelt, der so dermaßen detailverliebt eingearbeitet wurde, dass man hier, wenn man sich mal die oft zitierten Größen wie MOONSORROW, AGALLOCH, PRIMORDIAL oder auch WINTERFYLLETH kurzzeitig wegdenkt, bedenkenlos von einem Meisterwerk, von einem Referenzwerk reden kann und eigentlich sogar muss, an dem sich ein Gros dieses Pagan-Black-Metal-Sektors unumgänglich messen lassen muss. "Guardians" ist in vielerlei Hinsicht düsterer und ruppiger, unterscheidet sich dadurch auf angenehme Weise von seinem Vorläufer, beherrscht aber ebenso prächtig die Kunst, Bilder aus der Musik und den darin untergebrachten Emotionen zu erwecken, und sprüht dabei abermals nur so vor Leidenschaft und Eigenständigkeit. Wenn sich die erhabenen schottischen Highlands vor einem aufbauen, wenn der Regen garstig in's Gesicht prasselt und einem der klirrend-kalte Wind entgegenpeitscht, weiß man, dass die Kunst in diesem Fall einmal mehr an den äußersten Rand der Perfektion getrieben wurde und SAOR als Gesamtkunstwerk nun endgültig ganz oben angekommen ist. Vor dem jungen Schotten Andy Marshall kann man sich als Außenstehender schlussendlich nur noch verneigen und hoffen, dass er diesen Weg konsequent weiterbestreiten wird.



Bewertung: 5.0 / 5.0
Autor: Pascal Staub (10.11.2016)

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