70.000 TONS OF METAL 2012

Veröffentlicht am 11.02.2012

Aber der Reihe nach. Donnerstag früh stehe ich erst mal noch in Wien am Flughafen, es hat -1 Grad und gefrierenden Regen, das beste Wetter zum wegfliegen. Mit Zwischenstation Frankfurt, wo das Wetter auch nicht besser ist, geht's über den großen Teich nach Miami. Standesgemäß im Airbus A-380, man gönnt sich ja sonst nichts. Nach fast zehn Stunden schlafen, lesen und mit dem Sitz-Monitor vor mir spielen lande ich in Florida, es ist halb Drei am Nachmittag und hat 26 Grad - Plus wohlgemerkt! So mag ich das.

Nach den üblichen Ami-Formalitäten wie Fingerabdrücke und Gesichtsfoto sieht mich der Grenzbeamte erst mal verdutzt an, als ich als Grund meiner Reise "A Cruise" angebe. Ich sehe wohl nicht aus wie das gängige Kreuzfahrtpublikum, aber ich darf in die USA und nehme den "Airport Flyer"-Bus, der mich in 40 Minuten direkt ins Zentrum von South Beach trägt. Nach kurzem Einchecken im Hotel treffe ich mich noch mit den ersten, tröpfchenweise eintrudelnden Freunden und Bekannten aus Norwegen, USA, Schweden und sonst woher, und begutachte den Strand. Ich komme mir vor wie auf einem fremden Planeten, vor nicht mal 15 Stunden stand ich noch im Winterjackerl vor meiner Haustür - jetzt stehe ich in Shorts, T-Shirt und Schlappen am Strand und tauche meine Zehen ins 22 Grad warme Atlantik-Wasser.

Unsere „Reisegruppe“ ist eine illustre Schar an Leuten verschiedener Nationalitäten, und am Freitag treffen sich alle zur gediegenen Housewarming-Party im Hotel "Jetset Franklin", das mit seinen modernen, geräumigen Apartments reichlich Platz zum Feiern und gegenseitig Kennenlernen bietet.

Und auch der Ocean Drive mit seinen schicken Bars ist nur kurz mal ums Eck. Am Samstag steuern wir mit einer kleine Gruppe raus in die Everglades, nach Coopertown, wo wir uns einen Ritt mit einem der bekannten und beliebten Airboats geben. Das Ding schwebt quasi übers Wasser, irgendwie sieht es hier aus wie im Schilf am Neusiedler See, bis auf die Alligatoren, die überall sein können - und von denen wie ganze fünf Stück erspähen. Abends, nachdem wir erstmals in den Genuss eines Staus auf dem "MacArthur Causeway" gekommen sind, geht's wieder zur Party mit unseren Freunden, man muss sich schließlich adäquat auf die Cruise vorbereiten.

Das kann man dann am besten am Sonntag. Ein gewisser Bryan Zakala aus New York hat via Facebook zur "Metal Beach Party" aufgerufen. Um halb drei liegen wir in der Sonne und brutzeln, als bereits die ersten Nasen eintreffen. Am weißen Strand von Miami, wo sonst fast nur "normale" Leute herumliegen, erkennen sich Metalheads gegenseitig natürlich bereits aus mehreren Kilometern Entfernung. Jeder scheint hier wieder mal jeden zu kennen, viele noch vom Vorjahr, und man lernt binnen kurzer Zeit Gleichgesinnte aus aller Herren Länder kennen. Ich treffe sogar zwei Headbanger aus Saudi Arabien!

Musiker haben auch Wind von der Sause bekommen, und so geben sich unter anderem Christopher von ALESTORM, Kirk von CROWBAR/DOWN und Jeff Waters von ANNIHILATOR ein Stelldichein am Strand. Wir sind selig, inmitten etwa 200 Freaks in dieser bizarren Szenerie zu stehen, und süffeln Bier aus in braunen Papiertüten versteckten Bierdosen. Vivan los Estados Unidos.

Wenn das nicht die perfekte Einstimmung für den morgigen Tag ist? Mit unserer mittlerweile auf stattliche zwanzig Leute angewachsenen Partie steuern wir noch einen ziemlich guten Thailänder an und anschließend gibt's nochmal deftig Feier mit den trinkfesten Skandinaviern.

Und obwohl Miami nun so absolut keine Stadt für Metaller ist - eher entspricht sie jedem Hip-Hop-Klischee eins zu eins, und neben den Unmengen an Touristen sieht man auch immer wieder bittere Armut auf den Straßen - fühle ich mich hier mittlerweile so richtig wohl.

Montag, zehn Uhr vormittags. Die beiden bestellten Taxibusse trudeln ein und wir schaufeln uns durch den wieder mal dichten Verkehr zum Port Of Miami, dem größten Kreuzfahrt-Hafen der Welt. Und da liegt sie dann vor uns - die "Majesty Of The Seas". Dazwischen steht aber noch das Terminal, und wir müssen die selben Prozeduren wie auf einem Flughafen über uns ergehen lassen. Nach knapp einer dreiviertel Stunde halte ich die heißersehnte "Sail Card" in Händen. Die sperrt die Kabine auf, dient als Kreditkarte und eigentlich braucht man sonst auf dem Kahn nix einzustecken (außer vielleicht die Playlist des jeweiligen Tages, die man frühmorgens gleich auf die Kabine geliefert bekommt). Noch ein obligatorisches Gesichts-Foto, und wir stehen schon mitten im Atrium des Riesenschiffes - es sieht aus wie in der Lugner City, nur noch kitschiger, in Glas, Gold, Brauntönen und inmitten von allem ein weißes Piano. Und Metal-Heads.

Und erst einmal beschleicht mich das Gefühl, ich bin hier am falschen Dampfer. Sprichwörtlich. Das passt alles so überhaupt nicht zusammen. Das Ambiente aus den späten Achtzigern, überall nett gekleidete Angestellte, und mittendrin wir, die "wilden" Metaller, die vermeintlichen Assis, die langhaarigen Tätowierten. Dass das alles natürlich wie immer nur Vorurteile sind, soll sich im Laufe dieser Reise noch als ziemlich deutlich herausstellen.

Den gesamten Ablauf an Bord jetzt im Detail widerzugeben, das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, der auch so schon lang genug ist. Also versuchen wir's mal so...

Das Schiff ist verhältnismäßig "alt" und mittelgroß, und man orientiert sich eigentlich relativ schnell im Gewirr der zwölf Decks. Ganz Oben am "Pool Deck" ist die Hauptbühne, und das Ambiente hier ist echt mit nichts zu vergleichen. Einer der zwei Pools wurde abgedeckt, da steht jetzt quasi das Publikum. Und im anderen Pool und den zwei Jacuzzis darf nach Herzenslust geplanscht werden - meistens auch gleich mit der kompletten Montur, und zumindest mit einem Bier oder einem Cocktail in der Hand. Über der Szenerie thront die markante "Viking Crown Lounge", von der man ein herrliches Panorama übers Schiff hat, wo es uns aber meistens zu kühl ist - der Klimaanlagen-Wahn der Amis kostet mich Nerven und verursacht offene Nasenschleimhäute. Zur Belustigung gibt's an Deck noch eine Kletterwand (!) und einen Basketball-Platz, und angeblich haben sich einige Leute sogar zu den Yoga-Stunden an Bord verirrt. Nötig gehabt hätten es ja die meisten ohnehin. Wobei wir auch bereits beim Kernthema wären - Alkohol.

Der ist hier - fast wie im Paradies - immer und überall verfügbar, und gezahlt wird gleich mit der Sail-Card, so muss man nicht ständig Bargeld mit sich herum schleppen. Kellner wuseln überall herum und kümmern sich aufopfernd um das leibliche Wohl der rund 2.000 Metalfans aus 55 Nationen. Ein Bier ist mit etwa 4 Euro auch nicht ganz so teuer wie erwartet, und diesmal hat man scheinbar auch genug davon gebunkert. Steht man irgendwo mit einer leeren Bierflasche rum, kommt sofort jemand und trägt einem ein neues Getränk an - sowas ist man als Metaller natürlich nicht wirklich gewöhnt. Den Kellnern macht die Metal-Cruise auch sichtlich Spaß, und obwohl viele überhaupt nichts mit dieser Musik am Hut haben, sieht man sie nach Dienstende gemeinsam mit den anderen Leuten vor der Bühne headbangen. So was wäre auf einer "normalen" Kreuzfahrt undenkbar, was vielleicht auch mit dem Umstand zu tun hat, dass die Bediensteten in diesen paar Tagen nicht als Untergebene, sondern als Freunde behandelt werden.

Da muss man echt auch mal wieder eine Lanze für das metallische Volk brechen: so "böse" vielleicht manche aussehen, so wild sie sich auch manchmal gebärden, so laut sie auch immer schreien und gröhlen - auf dem Schiff gibt's keine zwischenmenschlichen Reibereien, ich habe keinen einzigen Menschen kotzen sehen (!), alles ist relativ sauber (trotz Teppichböden im fast gesamten Schiff), nichts wird beschädigt, zumindest nicht mutmaßlich. Und die Beschwerden an der Rezeption gehen bei dieser Cruise auf etwa ein Zehntel der normalen Kreuzfahrten zurück - dafür steigen die Trinkgelder für die Kellner auf das etwa Fünffache an. Aber trotz aller Heiligsprechungen gibt's natürlich auch hier ein paar Mankos, die sich aber in angenehmen Grenzen halten. Die Hauptbühne wird am Montag viel zu spät freigegeben, da sich der verlegte Boden als sehr widerspenstig erweist. Dadurch werden ein paar Bands - unter anderem OVERKILL - auf Mittwoch verschoben, und ELUVEITIE spielen am ersten Abend dadurch überhaupt erst, als fast schon wieder die karibische Sonne aufgeht. Und dann wäre da noch der "Day Off" auf Grand Cayman, einer relativ unspektakulären Insel, die außer einigen schönen Stränden, drei sauguten Biersorten und dem legendären Ort "Hell" nicht viel zu bieten hat.

Die Zeit von 11 bis 16 Uhr reicht nicht für vieles, und wer so voreilig war, eines der Angebote wie "Tauchen mit Stachelrochen" direkt am Schiff zu buchen, der stellt an Land schnell fest: hier hätte man das alles um die Hälfte bekommen. Trotzdem, ein netter Ausflug. Und wir können stolz behaupten: We've been to Hell and back - wie es auch am offiziellen 70.000-Tons Shirt steht. Natürlich schaffen es ein paar Schnapsnasen nicht, rechtzeitig zur vereinbarten Zeit um 17.30 wieder auf dem Schiff zu sein, weswegen der OVERKILL-Gig am Pool-Deck erneut um fast eine Stunde nach hinten verschoben wird. Aber dennoch - die New Yorker Veteranen legen einen furiosen Set ausschließlich mit Klassikern hin, während unser Kahn wieder Kurs auf Florida nimmt und wir romantisch in den Sonnenuntergang tuckern.

Es ist relativ schwer, das dicht gedrängte Programm hier an Bord voll und ganz mitzubekommen. Die Gigs starten um die Mittgaszeit und enden nicht vor drei Uhr morgens, und die Bands spielen alle zweimal. Dadurch kommt es dann vor, dass man manche Band zweimal sieht - so wie ich CORONER und ANNIHILATOR - und manche vielleicht gar nicht - so wie ich etwa SUFFOCATION und TRISTANIA. Ein gutes Stehvermögen und jederzeit Kontrolle über den Alkohol-Konsum sind auch kein Nachteil, denn man macht ja diesen Trip nicht, um dann zuhause zu sagen "ich kann mich daran echt nicht mehr erinnern, ich war zu besoffen".

Das Rahmenprogramm auf der "Majesty of Disease", wie wir sie mittlerweile liebevoll nennen, ist auch recht stattlich. Erstens kann man hier auf 'All Inclusive'-Basis fast ständig irgendwo essen. Das riesige Frühstücks-Buffet ist dabei genauso Pflicht wie zumindest ein Abendessen im "Starlight Dining Room": wo normalerweise Anzugpflicht herrscht, pfeifen sich heute hunderte Metalheads das dreigängige Menü á la Carte rein, die Servietten fein säuberlich am Schoß und den teuren Rotwein im Glas. Zur Krönung der bizarren Szenerie wird jeder Tisch noch von zwei Kellnern betreut. Und in dem ganzen Gewirr kommt's dann schon mal vor, dass man zusammen mit TRISTANIA fein diniert, am Nebentisch MY DYING BRIDE und THERION hocken, und das alles irgendwie selbstverständlich zu sein scheint. Der Kern dieser Cruise ist ja auch der, dass es keinen gesonderten Bereich für die Musiker gibt - außer ein paar winzige Backstage-Areas. Dadurch trifft man alle paar Meter diverse bekannte oder weniger bekannte Gesichter, manche "Stars" sieht man täglich dutzende Male, manche dafür so gut wie gar nicht.

Erwähnenswert wäre auch noch die tägliche Karaoke-Disco, wo sich Bands und Fans mit teils spektakulären Performances gegenseitig die Freudentränen in die Augen treiben. Es gibt Drum- und Gitarren-Clinics, ein riesiges Casino, in dem man sich die Nacht um die Ohren schlagen kann, und ein breites Angebot an Merchandise und Autogrammstunden. Und wenn man es intelligent genug anstellt und zwischen den drei Bühnen (Pool Deck, das größere "Chorus Line Theater" und die winzige "Spectrum Lounge") hin- und her-pendelt, erhascht man von jeder Band zumindest eine halbe Stunde Live-Spektakel.

Jeder Spaß hat aber auch mal sein Ende. Am Freitag Vormittag erreicht die Sause wieder Miami, nachdem wir den Donnerstag Abend mit AMORPHIS, IN EXTREMO und CHANNEL ZERO standesgemäß zelebriert haben, während unser Kahn an Kuba vorbeigeschippert ist. Und einmal mehr bewiesen haben, dass Heavy Metal über alle Grenzen hinweg völkerverbindend ist - denn es ist völlig egal, woher man kommt oder wer man im "richtigen Leben" ist - auf diesem Schiff sind wir alle gleich. Somit wird auch die "Majesty" am Schluss zur Botschafterin an die Welt da draußen: hier stehen Fans aus Ägypten und Saudi Arabien neben Amerikanern und Russen, und es funktioniert. Man muss nur wollen.

Mit viereinhalb Tagen ist die Cruise weder zu lang noch zu kurz, auch wenn man sich an den lockeren Rhythmus an Bord schnell gewöhnt, und auch das ständige Geschaukel stecken die meisten locker weg. Ist ja auch irgendwo lustig, wenn man sich seine Lieblingsbands anguckt und dabei ständig von einem Fuß auf den andern steigen muss, um die Schiffsbewegungen auszugleichen. Wir haben uns die Seemannsbeine also hart erarbeitet, und jetzt bin auch ich kein "70K Newbie" mehr. Sobald man von Bord ist, trifft auch schon das Publikum der nächsten Cruise ein, und man weiß umgehend: da will man dann auf keinen Fall mit.

Dafür wird man ein Event wie dieses definitiv in Erinnerung behalten, und vielleicht ist man nächstes Jahr ja wieder mit von der Partie. So etwas sollte aber nicht zum Standard werden, denn sonst verliert es seinen Reiz. Zusammenfassend stehen für mich die Worte unseres amerikanischen Freundes Matt, der beim ersten Anblick des Pool Decks am Montag zu mir meinte "This all feels so wrong - but it's so right!". Und dem ist nichts mehr hinzu zu fügen.


(spezieller Dank an Ulli Kinkal für das eine oder andere Foto!)


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