METAL GOES SCIENCE - Tagungsbericht „Hard Wired III: Heavy Metal And Society“

Veröffentlicht am 11.06.2013

„Heavy Metal Studies“ – Made in Austria

Der Grundstein dafür wurde mit der weltweit ersten Heavy Metal-Konferenz bereits im Jahre 2008 in Salzburg gelegt. Seit dem erweitert sich das Feld durch zahlreichen Publikationen und einer stetig wachsenden Anzahl von ForscherInnen auch im deutschsprachigen Bereich. An diesem Juni Wochenende gastieren die ReferentInnen aus Deutschland, Schweiz und Österreich an der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien um ihre laufenden und abgeschlossenen Arbeiten zu präsentieren. Das abwechslungsreiche Programm bietet dabei einen Themenmix aus Gesellschafts-, Politik- oder Musikwissenschaft. Auch wenn es sich im Diskurs um ernstzunehmdende und spezialisierte Bereiche handelt, entsteht keine Sekunde lang der Eindruck, dass hier eine elitäre WissenschaftlerInnenschaft über ihre Musik diskutiert. Vielmehr begegnet man sich auf Augenhöhe und durch das lockere Miteinander schafft die Diskussion den Brückenschlag zwischen Alltagspraxis und Theoriegerüst.

In Metalias Res

Während der einleitenden Worte knistern noch die Begrüßungs Goodie-Packs zwischen den Füßen der Teilnehmer. Neben den ReferentInnen und den Leuten von Fach haben sich am heutigen Freitag an die fünfzig Besucher im Fanny Hensel-Mendelssohn-Saal eingefunden. Die Atmosphäre im Kreise der Wissenshungrigen lässt die allgemeine Neugierde auf die kommenden Stunden noch größer werden. Um 14:00 Uhr, gleich nach der Eröffnungsrede und dem Blättern im prallen Programmheft tritt auch schon der erste Redner hinters Pult.

Unter dem Titel „Die Schwarze Seite des Spießbürgertums“ präsentiert der Münchner Rainer Sontheimer seine Ansichten zum Konservatismus im Metal. Mit Events wie dem „Full Metal Cruise“ und Merchandise-Produkten wie dem METALLICA-Babystrampler oder der KISS-Pyjama-Hose wird eine Annäherung der Metalfans an eine Art „Bürgerlichkeit“ dargestellt, von welcher sich das Genre seit jeher abzugrenzen versuchte. Dabei muss man nicht von vorn herein mit den Unterschieden zwischen Wert- und Strukturkonservatismus vertraut sein, denn der Redner führt die Zuhörer behutsam an seine Grundlagen heran. Beispiele zum Angreifen wie der „Reise-Reise Rammstein Koffergurt“ oder der abnehmbaren Tattoo-Ärmel verdeutlichen schließlich die „Paradoxie zwischen symbolischer wie inszenierter Nonkonformität und gelebten Konservativismus“. Harte Worte. Jedoch ist das Fazit nach den Darstellung der derzeitigen Bewegungen in Richtung „No-Risks For Fun“ oder „Green-Metal“ ein positives. Das Credo lautet in seinen Augen: „Spießig, aber Spaß dabei“, und auch die anschließende Publikumsdiskussion zeichnet eine gewisse Ironisierung des Metalbereichs durch Fangemeinde sowie Musiker als zeitgenössisch. Das Zeitbudget ist leider knapp bemessen und so muss nach dem kurzen Gedankenaustausch schon zum nächsten Beitrag übergeleitet werden.

Vom Schlaf der Gegenwartsvernunft zu Adornos Nightmare

„Retrotestosteron. Recycling und Simulation von Metal-Subkultur im Chartbereich“ wird den Saal für die kommenden 30 Minuten beschäftigen. Uwe Breitenborn thematisiert dabei die Beliebtheit von Revivals, Reunions und natürlich Retrobands im Metalbereich. Wir sind „besessen vom Gestrigen“ und die Fragestellung, was das „gute alte“ eigentlich ist und warum es sich lohnt es zu Wiederholen hängt nicht unwesentlich von Mediendiskursen und Auseinandersetzungen in der Community ab. Der Wunsch nach Konstanz und eine Rückbesinnung auf etwas vermeintlich Archaisches wird als Triebfeder dieser Entwicklungen präsentiert. Kann „Retro“ also etwas über die „Essenz“ eines Stils vermitteln und so Eigenschaften herausarbeiten, die so wertvoll sind, dass sie wiederholt werden müssen? „Oder spüren wir eine Sehnsucht nach einem Zustand, in denen es noch Aussicht auf Zukunft gab?“, fragt Breitenborn. Bei dieser Diskussion dürfen natürlich Songbeispiele von Bands wie GRAVEYARD oder KADAVAR nicht fehlen. Aber auch der „Neo-Thrash“ ist mit EVILE oder MANTIC RITUAL im aktuellen Retrotrend angekommen. Wer entscheidet jetzt aber was „Retro“ eigentlich ist und wie lange muss etwas tot(geglaubt) sein um schließlich als Retro wieder auferstehen zu können? Darüber darf man sich in der Anschlussdiskussion noch ein bisschen den Kopf zerbrechen.

Fritz-Fabian Soll (Bielefeld) schließt mit seinem Bericht „Heavy Metal: Im Teufelskreis der Kulturindustrie“ den ersten Themenblock der Veranstaltung ab. Anknüpfend an Adorno und Horkheimer ( "Dialektik der Aufklärung", 1944) beleuchtet er Metal im Lichte der „Kulturindustrie“. So können sich einzelne Bands durch die Selbstpositionierung im Underground oder die Akzentuierung des Avantgardismus noch so sehr versuchen von der Masse abzuheben. Klassifizierungen und Genrezuweisungen sorgen durch ihren Schematismus dennoch für eine schnelle Orientierung seitens des Konsumenten und dadurch für eine ökonomischen Effektivierung der Kulturindustrie (sprich „Metal als Markt“). Wo hier die potentiell subversiven Momente für den Heavy Metal bestehen bleibt offen. Die Reaktionen aus dem Publikum sich jedoch vielzählig und hallen auch noch in der wohlverdienten Pause nach.

Werk und Klasse

Ab 16:00 Uhr präsentieren zwei Redner ihre Perspektiven zu den „Wechselwirkungen zwischen ‚Werk‘ und ‚Klasse‘ “. Während der erste Vortrag Heavy Metal als Subfeld zwischen Hochkultur und Mainstream verortet, präsentiert der darauf folgende Beitrag Ergebnisse aus dem soziologischen Feld. Unter dem Titel „Mit Metal zu Mozart“ setzt sich Matthias Lehmann mit den Zuschreibungen des Metal sowie seiner soziodemographischen Struktur auseinander und stellt diese den Deutungen der sogenannten Hochkultur gegenüber. Kurz: Wer hört neben Klassik auch Metal? Aus welchem Milieu kommen diese Leute und wie unterscheiden sie sich zum idealtypischen Klassikkonzertbesucher? Nach den vielen Zahlen, Daten, Linien- und Balkendiagrammen kommt die nächste Verschnaufpause wie gerufen.

"In Grind We Crust“

Mit einer kleinen Verspätung findet man sich um 17.45 wieder im Vortragssaal ein. Die beiden Abschlussberichte des heutigen Tages sind die einzigen die aus Österreich kommen und werden von Andreas Salmhofer (Wien) und Frederic Luftensteiner (Salzburg) gehalten. Salmhofer stellt Fragen nach der „Diskursivierung des Grindcore“ im Heavy Metal Bereich und verweist auf die Eigenständigkeit eines Feldes, welchem bisher eher wenig Bedeutung zugeschrieben wurde. Mit dem Aufzeigen historischer Entwicklung und konstitutiver Elemente, wird für die Greifbarkeit eines Begriffes plädiert, welcher aus Gründen der geringen Anerkennung durch bisherige Definitionsraster eher durchgefallen ist. Im Heavy Metal Diskurs erscheint der Grindcore „bestenfalls nur als 'extreme' Mutation am Rande des Spektrums“, so Salmhofer. Die folgenden Klangbeispiele sorgen für eine gewisse Auflockerung und dienen der Zuhörerschaft zur Verdeutlichung einerseits, und willkommenen Erheiterung andererseits.

Wo wir schon bei Definitionen sind: Was ist eigentlich Djent? Zum Abschluss zeichnet Luftensteiner ein Genre-Profil, das eigentlich keines sein will und macht sich im Zuge seines Musikwissenschaft Studiums Gedanken über neue Technologien, extremen Metal und das „Drum Kit From Hell“. Die Publikumsreaktionen zu dieser Thematik sind nicht enden wollend, doch leider wird um etwa 18:45 Uhr das Podium geschlossen.


Vorläufiger Abschluss und Ausblick

Gut viereinhalb Stunden lang gab es heute Heavy Metal vom Feinsten. Obwohl man dem wissenschaftlichen Aspekt stets im Auge behaltet, lässt sich auch außerhalb des Konzert-Settings ausgelassen und ohne Berührungsängste über die favorisierte Musikrichtung debattieren. Von BLACK SABBATH über KISS, GRAVEYARD, METALLICA bis hin zu NAPALM DEATH oder MESHUGGAH waren heute außerdem Genregrößen vertreten, die man in einem gemeinsamen Festival Line-Up vergeblich suchen würde. Wer möchte kann den erste Tag des „Hard Wired III“ beim gemeinsamen Besuch der „Black Metal Invasion Vol. III“ im Wiener Escape ausklingen lassen. Hauptsache man trifft sich morgen wieder pünktlich um 9:30 Uhr zum zweiten Tag der Heavy-Metal Konferenz.


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