DEFRAGE / ILLUMENIUM - von Hartnäckigkeit und zweifelhaftem Ruf

Veröffentlicht am 07.09.2015

"Do you speak English?" Das hört man dieser Tage öfter auf Parkplätzen, in Tiefgaragen und Fußgängerzonen im deutschsprachigen Raum. Eine Gruppe estnischer Musiker verwickelt mit dieser Einstiegsfrage und dem folgenden "Do you like Rock Music?" Passanten in ein Gespräch, um in der Folge mit diversesten Geschichten (angefangen von "unser Bus ist kaputt, wir brauchen dringend Geld" über "wir touren gerade und müssen uns alles selbst finanzieren" bis hin zu "habt ein Herz für junge Bands, wir haben es schwer genug") ihr Album an den Mann zu bringen.

Das klingt doch alles nach einer wirklich enthusiastischen Newcomerband, die alles tut, um nach oben zu kommen, oder? Hartnäckig sind sie auch wirklich die sechs Esten, die seit 2012 durchgehend auf Tour sind. Bisweilen auch zu hartnäckig, wenn sie ihr Produkt allzu vehement an den Mann oder die Frau bringen wollen, und sogar Leuten die mit Rockmusik so überhaupt nichts am Hut haben ihre CD andrehen. Als Schreiberling, besonders wenn man für ein renommiertes Magazin schreiben darf (was riecht hier so streng? Ach ja, das Eigenlob... Verzeihung.), lässt man sich sogar noch leichter einmal ein Album einer unbekannten Band andrehen, denn es könnte ja sein, dass man ein kleines Juwel entdeckt.


  

Cover von "Jackal" und Bandfoto aus 2011

Mit ihrem Debütalbum "Jackal", das sie 2011 veröffentlichten, gelang den jungen Esten auch ein gar nicht so schlechter Wurf - das Scheibchen hatte zwar so einige Längen, aber auch ein paar richtig starke Songs dabei und die Produktion war ebenfalls ordentlich fett geraten. Zugrunde lag dem Album die 2008 veröffentlichte EP "Save Us From Religion", für dessen Video die Band 2009 den estonischen MTV-Award in der Kategorie "Bestes Musikvideo" einheimsen konnte. Für so manche Band hätte das der Kickstart für eine erfolgreiche Karriere sein können - doch für DEFRAGE ging die Reise woanders hin. Verworrene Besetzungsänderungen geschahen und die Musiker machten mehr mit Eskapaden von sich reden, als durch ihre Musik, die sie eigentlich zu Bekanntheit bringen sollte. Reihenweise wurden in Estland in klassischer Rock'n'Roll-Manier Hotelzimmer demoliert, bis sie im Heimatland in keiner Schlafstätte mehr Aufnahme fanden.

So machten DEFRAGE aus ihrer "Not" eine Tugend und gingen auf Tour - und zwar durchgehend. Seit 2012 tingelte die Gruppe gemäß des von ihnen entworfenen Konzepts einer "All-Time Touring Band" kreuz und quer durch Europa. Spielte hie und dort Gigs (unter anderem im Vorprogramm von WHITESNAKE, und 2011 und 2013 am Nova Rock Festival in Österreich). Und die ganze Zeit über verkaufte die Band ihre CDs auf Parkplätzen und in Fußgängerzonen - sowohl das Debütalbum "Jackal" als auch das 2013 veröffentlichte "The Sick Letter".

Auf diese Weise stolperte auch ein kleiner Stormbringer-Schreiberling über den Haufen - und zwar gleich zweimal. Vor drei Jahren und vor einigen Tagen trug sich die eingangs erwähnte Szene irgendwo in oder um Salzburg zu. In beiden Fällen wurde das Interesse erweckt und das Scheibchen käuflich erworben. War man noch mit dem 17 Songs starken DEFRAGE-Debüt "Jackal" trotz seiner Längen ganz gut bedient, machte sich dann bei dem kürzlichst der Sammlung hinzugefügten Scheibchen von ILLUMENIUM namens "Towards Endless 8" ein wenig Skepsis breit. Und bei euch Lesern ebenfalls, stimmt's? Denn DEFRAGE und ILLUMENIUM sind die gleiche Band - nun, zumindest größtenteils. Denn vier Mitglieder von DEFRAGE gründeten nach der Auflösung der Band 2014 kurzerhand die Band ILLUMENIUM. Grundsätzlich nichts Schlechtes, denn dass passiert ja öfters, nicht wahr? Doch DEFRAGE / ILLUMENIUM sind speziell.

Der kleine Stormbringer-Schreiberling hielt also das Scheibchen namens "Towards Endless 8" von ILLUMENIUM in Händen und studierte die Trackliste. War schon bei der Masche mit dem Ansprechen auf einem Parkplatz ein kleines inneres Glöckchen angetippt, herrschte nach Ansicht der Songs ein wahres Kirchengeläute im Schädel. Flugs das DEFRAGE-Album herausgekramt und verglichen - Tatsache, ein Teil der Titel ist gleich und auch das Logo, das einen stilisierten Anubis darstellt, taucht auf beiden CDs auf. Ab mit den Scheibchen in den Player und vergleichen - es sind tatsächlich dieselben Songs, lediglich neu (und in deutlich schlechterer Qualität) aufgenommen. Eine kurze Nachforschung im Internet gibt Preis, dass ein weiterer Teil des Albums aus Songs des zweiten DEFRAGE-Albums "The Sick Letter" besteht - lediglich ein Viertel des groß als Debütalbums angekündigten Scheibchens ist sozusagen neu. Interessant...

Cover: "The Sick Letter" (2013)

Interessant wird es auch, wenn man sich die Suchergebnisse so ansieht, die eine große Suchmaschine zu DEFRAGE und ILLUMENIUM ausspuckt... speziell in Österreich sind die Herren keine Unbekannten - und zwar nicht bei den Musikfans, sondern bei der Polizei. Gleich mehrere Vorfälle mit verwüsteten Backstagebereichen oder Hotelzimmern gehen auf das Kerbholz der estnischen Musiker. Dazu gesellen sich noch Zechprellerei und Keilereien auf offener Straße und abgerundet wird das ganze davon, dass auch schon einmal die Exekutive dafür sorgen musste, dass ein Konzert von DEFRAGE endlich beendet werden konnte. Erst vor wenigen Monaten gab es einen weiteren Vorfall mit ILLUMENIUM in Österreich - Kunden eines Supermarktes in der Steiermark fühlten sich durch die aggressive Bedrängung der Musiker belästigt und im Zuge der Wegweisungs-Versuche des Marktleiters kam es zu einer Prügelei, die ein Einschreiten der Polizei erforderte.

Gräbt man tiefer, fördert man noch Weiteres zu Tage: Randale in Hotelzimmern, Diebstahl, Sachbeschädigung, gezielte Provokation von Polizeibeamten und Videos, in denen die Band mehr als zweifelhafte Aussagen tätigt. Viele Artikel befassen sich mit einer der beiden Bands - und beängstigend viele davon sind nicht sehr positiv. Es kursieren Gerüchte über Lokalverbote und unter Bands munkelt man, dass bei gemeinsamen Gigs mit den Esten auch schon einmal Teile des Equipments verschwunden sein sollen.

Echte Bad Boys, oder alles Zeitungsenten die eine zutiefst unverstandene Band fertig machen wollen? Eine kurze Nachfrage in der Stormbringer-Redaktion führt zu Tage, dass die Vorwürfe an DEFRAGE / ILLUMENIUM wohl nicht so ganz ungerechtfertigt sind, hatte doch ein guter Teil der Redaktion bereits Erfahrungen mit den Esten gemacht.

Redakteur Stefan Baumgartner kleidete seine Begegnung mit den Esten bereits vor einiger Zeit wie folgt in Worte:

"Sommer 2014, Parkplatz einer großen Lebensmittelkette im beschaulichen Sankt Veit an der Glan in Kärnten. Kaiserwetter, Bombenstimmung: Grillgut soll gekauft werden. Die euphorische Grundladung war wohl auch Grund dafür, dass man sich von - zugegebenermaßen freundlichen - jungen Kerlchen, die sich als DEFRAGE aus Estland vorstellten, ihre Promo-CD aufschwatzen ließ. Dies, und dass man eigentlich ein paar Minuten nett plauderte, über die Metalszene in Estland - teilen sie sich immerhin mit meinen geschätzten NEOANDERTALS die Heimat. Dass man die Promo nicht für lau ans interessierte Volk bringen wollte, sondern auch eine kleine Entschädigung dafür, fiel nicht stärker ins Gewicht, den Fünfer für eine Leberkassemmel und ein Bier wollte man dann doch nicht verwehren. Es schienen auch ganz passabel investierte Euros gewesen zu sein, die Musik präsentierte Musiker mit Potential, irgendwo zwischen Melo-Core, Heavy Rock und Neo-Thrash angesiedelt, bewiesen sie durchaus ein Geschick für überaus passable Hooks und überaus hörenswerte Melodienbögen und selbst der Sänger, oftmals hier die Krux, beherrscht sowohl die cleanen, getragen, wie auch die aggresiv-preschenden Passagen. Ja, und selbst die Produktion ist für ein Promo-Demo pipifein geraten. Allerdings, dann die Recherche im Internet: Bereits Wikipedia verkündet, Defrage seien bekannt "durch ihr Konzept "Alltime-Touring-Band" zu sein, was den ausschließlichen Verkauf ihrer CDs auf offener Straßen während sowie jederzeit außerhalb der Tournee beschreibt". Während diverse heimische Tageszeitungen im Westen des Landes von "aggressiver Werbung" auf öffentlichen Plätzen schreiben, und all dies liest sich leider nicht danach, dass lange Haare allein schon für "Aggressivität" synonym herhalten musste: Ein Marktleiter soll angegriffen, mehrere Rechnungen im Zuge ihrer Auftritte sollen nicht beglichen worden sein, von Randalen wird geschrieben, und ja, selbst Aussagen wie "nur ein toter Polizist sei ein guter" sollen gefallen sein. Werbung, liebe Herren, ist schön und gut - aber eure Musik hatte durchaus die Qualität, dass ihr es nicht nötigt hättet, ein mehr als diskutables, inakzeptables Spiel zu treiben."

Cover "Towards Endless 8" (2015)

Ein weiterer Stormbringer-Redakteur machte diesen Frühsommer in Leoben Bekanntschaft mit ILLUMENIUM, während ein weitere Redakteur den Haufen schon zum fünften Mal unter altem und neuem Bandnamen in St. Pölten sichtete. Auch ein Besuch im Viper Room in Wien artete in den bekannten Street-Terror der Marke ILLUMENIUM aus, von dem eine Stormbringer-Fotografin sogar im schweizerischen Bern (damals allerdings noch unter dem Banner von DEFRAGE) aufgespürt wurde. Nach zehnminütiger Quasi-Verfolgung und bitten um Geld wurde die Truppe mit einem Fünfer (Franken, wohlgemerkt!) bedacht - doch anstatt sich zu bedanken wurde die Nichterwerbung der CD bitterlich beklagt.

Ob am McDonalds in Oberwart oder der Innsbrucker Innenstadt - an allen möglichen und unmöglichen Ecken und Enden stolperten Stormbringer-Redakteure bereits über diese Band, und durften sie dabei beobachten, wie sie ihre CD mit teilweise penetranten Keilermethoden an den Mann oder die Frau brachten. Grund genug, ihnen hier einmal einen Artikel zu widmen - der aber aufgrund der Tatsachen über diese beiden Bands nicht sehr schmeichelhaft ausgefallen ist. Zu viel machten und machen DEFRAGE und ILLUMENIUM durch Eskapaden von sich Reden und nicht durch ihre Musik.

Die scheint in dem Weltenbummler-Dasein der sechs Esten schon länger nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen - das uninspirierte, irgendwo im Genre-Nirwana angesiedelte "Towards Endless 8" von ILLUMENIUM spricht eine klare Sprache über den Abstieg einer Band, die man mit ihrem unter dem Namen DEFRAGE veröffentlichten Debüt "Jackal" noch als Hoffnungsträger bezeichnen hatte können. Zwar ringt einem das Konzept einer stetig tourenden Band, die sich damit eine Fanbase erspielen will Respekt ab - doch die Anzahl an fragwürdigen Aktionen die dem gegenüber steht, schmälert die Leistung der Band deutlich. Wie man sich kontinuierlich und mit harter Arbeit eine große Fanbase erspielt, haben die inzwischen zur Größe gewordenen SABATON eindrucksvoll bewiesen - allerdings haben es diese auch durch harte Arbeit und Publikumsnähe geschafft, und nicht durch das Demolieren von Hotelzimmern und das Anschwatzen von Passanten. DEFRAGE / ILLUMENIUM haben längst ihr eigenes Konzept durch ihr Verhalten in Grund und Boden gestampft, und haben sich damit selbst des Anrechts auf Unterstützung beraubt. Tut uns leid - aber SO NICHT. 


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