Zurück in die Zukunft: Das Wiedererwachen der wilden 70er

Veröffentlicht am 13.11.2015

Im Marketing-Sprech „rockt“ heute einfach alles: ANDREAS GABALIER, der Eurovision Song Contest und vermutlich sogar JUSTIN BIEBER. Im Gegenzug zu dieser dreisten Verwahrlosung kehren die tatsächlichen, wilden Siebziger immer stärker zurück in den Fokus.

Die Musikbibel "Rolling Stone" bezeichnete dereinst die EP „(I Can’t Get No) Satisfaction“ ihrer Namenskollegen als Geburtsstunde der Rockmusik, einer Musikrichtung, die aus den „rollenden“ Fünfzigern – von ELVIS, JERRY LEE LEWIS und LITTLE RICHARD – den Karacho zog, gleichzeitig aber auch in der amerikanischen Garage- und Surf-Musik der Sechziger, wie auch den antik anmutenden afroamerikanischen Stilen, dem Blues und dem Jazz, wütete. Von dieser simplifizierten Genealogie ausgehend, verästelte sich ab den Siebzigern der Stammbaum rapide und bis heute hin stark, das sei an jener Stelle aber nur peripher erwähnt.

 

Heaven & Hell

Den Fokus möchten wir auf zwei Namen legen, beide im 68er-Jahr gegründet – zum einen die „New YARDBIRDS“ LED ZEPPELIN, zum anderen EARTH, die wenig später als BLACK SABBATH Geschichte schreiben sollten. So divers sich die Veröffentlichungen beider Briten anhören mögen – ein psychedelischer Blues auf der einen, ein Kokettieren mit satanischen Symboliken und basslastige Würgelaute auf der anderen Seite –, ihnen gemein ist: Auf jene Töne, die erklingen, wenn man (insbesondere die heute ikonischen Frühwerke) „I“ bis „IV“ und „Black Sabbath“ bis „Sabbath Bloody Sabbath“ übereinanderlegt und womöglich noch rückwärts abspielt, fußt jene Vintage-Welle der Rockmusik, die ab etwa 2005 mit THE ANSWER, ORCHID, GRAVEYARD und WITCHCRAFT anfangs zaghaft, in den letzten Jahren immer stärker an die Oberfläche, hinein in einen „reduzierten Mainstream“ drängte.

Jene Sparte „zwischen Psychedelic, Stoner und Doom“ passierte freilich nicht von ungefähr, bereits nach LED ZEPPELIN und BLACK SABBATH gab es immer wieder (insbesondere ab den 1990ern) aufkeimende Rückbesinnungen auf die wilden Siebziger – von THE MELVINS und KYUSS über ELECTRIC WIZARD und NEUROSIS bis hin zu CATHEDRAL und vielen anderen. Aber das, was zuvor vorrangig und vereinzelt im „Heavy“-Genre passierte und mehr einen „Geheimtipp“ darstellte, ist seit den letzten wenigen Jahren eine reversible Domino-Dynamik: Komische Gesichtsbehaarung, fragwürdige Mode, verkehrte-Kreuz-Ketten, Vinyl und Okkultismus ist wieder mehr als in, auch angefeuert von den lasziven Bewegungen des stets wachsenden Frauenanteils (BLUES PILLS, PURSON, JEX THOTH) und genährt durch Massenveranstaltungen wie dem Roadburn Festival in Tilburg, den Desertfesten in London, Berlin und Antwerpen, oder hierzulande allmonatlich im Rahmen der Roadtrip-To-Outta-Space-Reihe der Wiener Arena.

Künstler, die einst auf Nischenlabels wie Rise Above oder Relapse zu finden waren, stoßen heute bei den größeren Brüdern auf Anklang: Die führenden Independent-Labels Nuclear Blast und Napalm sorgen mittlerweile für steten Nachwuchs, während die Altväter freilich bei den Majors Universal Music (BLACK SABBATH) und Warner Music (LED ZEPPELIN) daheim sind. Ihnen allen gemein ist: Sie bedienen einen Zeitgeist, der heute tatsächlich nicht nur den musikalischen Neandertaler, sondern immer mehr junges Publikum „vor den Ofen“ lockt.

 

Auf Seite 2 unseres Specials findet ihr ein Interview mit der Wiener Arena zur RTOS-Reihe, auf Seite 3 mit Markus Jakob von Nuclear Blast, sowie auf Seite 4 unser Gespräch mit Sebastian Muench von Napalm Records.


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