Avantasia - Ghostlights (Track By Track)

Text: Sonata
Veröffentlicht am 16.11.2015

01. "Mystery Of A Blood Red Rose" (Tobias Sammet)
Der Opener wird mit melancholischen Pianoklängen eingeleitet, die in Begleitung von Drums und Gitarren trotzdem kraftvoll nach vorn preschen. Uns begegnet hier eine sehr positive, fast schon träumerische Grundstimmung, die von Mr. Sammet höchstpersönlich toll in Szene gesetzt wird. Hier und dort lassen sich leichte QUEEN-Einflüsse nicht weglügen, doch wer Tobias Sammet kennt, der weiß um seine QUEEN-Affinität. Ein relativ obligatorischer Start, der dennoch sehr gut ins Geschehen einführt.

02. "Let The Storm Descent Upon You" (Tobias Sammet, Jorn Lande, Ronnie Atkins, Robert Mason)
Hier erwartet uns zu Beginn gleich mal ein echter Brecher. Mit seinen fast 13 Minuten hält sich „Let The Storm Descent Upon You“ fast schon in Gefilden von „The Seven Angels“ auf. Das Monstrum erwartet uns mit einem düster angehauchtem Beginn und sich steigernden Drums, die erneut von Pianoklängen umrandet werden. Das Ding nimmt etwas mehr Fahrt auf und wird von orchestralen Klängen (die extrem authentisch wirken) begleitet. Ein gewisses Oldschool-Feeling kommt auf und erfüllt zumindest mein Herz mit Freude. Die erste Strophe teilen sich Tobi und Jorn, die sich bereits in der Vergangenheit sehr gut zu ergänzen wussten, das bleibt auch hier nicht aus. Der Refrain kommt kraftvoll daher, versprüht ein weiteres mal sehr positive Vibes, lässt aber irgendwie was vermissen… in der zweiten Strophe gesellt sich diesmal Ronnie Atkins zu Jorn Lande und gemeinsam leiten uns diese beiden Ausnahmekünstler in Richtung des zweiten Refrains. Und siehe da - als hätte ich es geahnt, beschert uns der Longtrack einen fetten Doppelchorus, der nach dem positiv angehauchten Part eher wieder melancholische Klänge anstrebt. Großes Kino! Im Mittelteil toben sich Jorn und der brilliante Robert Mason aus, die für den ein oder anderen Gänsehautmoment zu sorgen wissen. Das Ganze bewegt sich im Anschluss in eine ruhigere Richtung, wo alle Sänger des Songs nochmal eindrucksvoll eingebunden werden. In der Folge gibt es einige Tempowechsel und immer mal wieder die prägnanten orchestralen Parts, ehe uns ein letztes Mal der fulminante Refrain um die Ohren geschmettert wird. Das Ding ist ein Brocken, der den Hörer förmlich auffrisst und das soll durchaus als positiv gewertet werden!

03. "The Haunting" (Dee Snider, Tobias Sammet)
Piano anyone? Richtig, auch „The Haunting“ wird von Pianoklängen eingeleitet, die - wie der Titel eventuell schon verrät - eine extrem düstere Atmosphäre versprühen. Dee Snider voll in seinem Element, „Death Is Just A Feeling“ lässt grüßen. Passend dazu legt auch hier der Chorus eine fette Explosion hin, die den Hörer gänzlich für sich beansprucht. Ein gewisses "Alice im Wunderland"-Feeling kommt auf und die Nummer könnte dementsprechend gut auf dem OST zu jenem Film stehen. Im Mittelteil geht Tobi ordentlich aus sich raus und überzeugt stimmlich auf ganzer Linie.

04. "Seduction Of Decay" (Geoff Tate, Tobias Sammet)
„Seduction Of Decay“ ereilt uns mit einem stampfenden Sound, der umringt ist von orientalischen Klängen. Geoff Tate's Vocals sind leicht verzerrt und tragen einen leicht mysteriösen Touch nach außen. Die Bridge ist sehr ausladend und zeigt den Herrn in Höchstform. Wahnsinn, wie er den Ton am Ende hält und den extrem druckvollen Chorus einleitet, der mit fetten „HEY“-Shouts ausgestattet ist. Im zweiten Teil wird’s etwas melodischer und Tobi darf ebenfalls seinen Senf dazu geben. Der Mittelteil zeigt sich mal wieder sehr vielfältig, beginnt mit Mr. Tate in ruhigeren Gefilden und steigert sich folglich wieder. Die Leadmelodie wird aufgegriffen und Herr Sammet tobt sich erneut aus. Ein sehr experimentelles Stück!

05. "Ghostlights" (Michael Kiske, Tobias Sammet, Jorn Lande)
Der Titeltrack geht sofort in die Vollen, bringt eine fette Portion Nostalgie mit und reißt mit der positiven Grundstimmung mit. In den Strophen kommt niemand Geringeres als Dauergast Michael Kiske zum Einsatz. Das Tempo wird weiterhin hoch gehalten, legt sich nur in der von Tobias Sammet interpretierten Bridge ein wenig, um im Refrain dann wieder Fahrt aufzunehmen. Kiske darf solo ran, Tobi wird von fettem Chor umrandet. Ein Fest für jeden Fan von schnellem, melodischen Power Metal! Neben dem vielseitig gestalteten Solo duellieren sich im Mittelteil noch Jorn und Tobi, die nie besser miteinander harmonierten. Für mich persönlich ein absolutes Highlight! Wem Konsorten wie „Where Clockhands Freeze“, „Shelter From The Rain“ oder „Wastelands“ zu gefallen wussten, der wird hier definitiv nochmal eine weitaus höhere Stufe erleben…

06. "Draconian Love" (Herbie Langhans, Tobias Sammet)
„Baby Join Me In Death…“ oh sorry, falsche Band oder doch nicht? Im ersten Moment habe ich nicht schlecht gestaunt, als die ersten Klänge von “Draconian Love” ertönten. Ich fühlte mich durchaus an die Finnen von HIM erinnert und die fast schon Gothic-artigen Strophen unterstreichen jenes Gefühl umso mehr. Normalerweise kenne ich den guten Herbie Langhans ganz anders, wenn ich mir seine „Taten“ bei SEVENTH AVENUE oder SINBREED mal so anschaue… beeindruckend, wie tief der Mann mit seiner Stimme kommt und noch beeindruckender, was für einen wunderbaren Kontrast das zu Tobi's weicher Stimme darstellt. Der Chorus wird hier von Tobi sehr energisch und catchy eingeleitet, ehe Herbie („Hey Hey Hey“) erneut in einer sehr tiefen Stimmlage das Geschehen bestimmt. Wie gesagt, im ersten Moment fühlte ich mich ein wenig überrumpelt, doch je länger die Nummer lief, umso krasser wurde ich in ihren Bann gezogen. Ich kann definitiv behaupten, dass wir AVANTASIA noch nie so gehört haben und der Vergleich mit HIM soll hier auch durchaus ein positiver sein. Ganz toll präsentiert sich der letzte Refrain, wo beide Sänger endgültig miteinander verschmelzen, Gänsehaut pur! Am Ende bleiben nur die Stimmen der beiden Protagonisten…

07. "Master Of The Pendulum" (Marco Hietala, Tobias Sammet)
Bei diesem Titel kam sicherlich kein Zweifel daran auf, dass dieser Song für Marco Hietala geschrieben wurde. Das Teil beginnt mal wieder sehr düster, Tobi gibt sich ruhig und mysteriös… doch dann wuchtet die Nummer mit Tobi’s Schrei brutal nach vorn und zeigt AVANTASIA in einem relativ harten Gewand. Mr. Hietala veredelt die Strophen und die „Tik Tok“-Bridge schmückt sich mit einer netten Anekdote zu einem NIGHTWISH-Song. Der Refrain selbst verbreitet witzigerweise einerseits einen fast schon positiven Vibe, wirkt gleichzeitig aber auch wiederum ein wenig beängstigend in seiner Atmosphäre. Genau darin liegt die Kunst und wenn nicht Marco Hietala so einen Song interpretieren könnte, wer dann? Im Mittelteil erwarten uns verzerrte Riffs und das Pendel schwingt erneut sehr heavy. Die Melodie hallt selbst jetzt noch in meinen Ohren wider…

08. "Isle Of Evermore" (Sharon Den Adel, Tobias Sammet)
Es geht erneut ein wenig experimentell zur Sache. „Isle Of Evermore“ verzückt mit einem elektronischen Sound, der von seichten Streichern begleitet wird. Kein Zweifel, die erste Ballade! Die erste Strophe präsentiert sich dementsprechend sehr ruhig und fast schon abwartend. Tobi weiß allerdings, wie er einen bei der Stange hält und spätestens bei der einsetzenden Bridge, die von der wunderbaren Sharon Den Adel veredelt wird, brechen alle Dämme. Im Chorus kommt hier ein gewisses Disney/Musical-Feeling auf, was dem einen oder anderen eventuell zu viel sein könnte, mich weiß es jedenfalls zu begeistern, zumal Sharon und Tobi gemeinsam eine sehr tiefgreifende emotionale Atmosphäre erzeugen. Dennoch hat der Song ein sehr modernes Gewand, was sich in den elektronischen Sounds sowie diversen „Beats“ immer wieder zeigt. Ein nettes Experiment, das in meinen Ohren geglückt ist!

09. "Babylon Vampyres" (Robert Mason, Tobias Sammet)
Was darf man bei so einem Titel erwarten? Richtig, hymnischen Power Metal! Genau das erwartet uns auch bei diesem Track, der einen schnellen Beginn hinlegt, ehe verspielte Gitarren die erste Strophe einleiten. Diese teilen sich Tobi und Robert, der zeitweise sogar wie Tobi klingt. Selbiges gilt für die Bridge. Der Refrain hält dann das, was der Titel verspricht. Er wirkt extrem catchy, hymnisch und mitreißend. Die Gitarrenarbeit an sich erinnert mich an „Another Angel Down“ und die Grundstimmung schwingt hier des Öfteren von positiv zu melancholisch/düster. Hervorheben möchte ich das sehr lange Gitarrensolo, wo alle drei Gitarristen (Oliver Hartmann, Sascha Paeth, Bruce Kulick) ihre Finger im Spiel haben. Durch diese Tatsache präsentiert sich der Part unfassbar vielfältig und verspielt zugleich. Allgemein zögert der Song den letzten Chorus sehr lange hinaus, aber genau das erfüllt den Hörer letztendlich mit seinen Sehnsüchten, die auch gestillt werden.

10. "Lucifer" (Jorn Lande, Tobias Sammet)
Ballade again! Der Song erzeugt eine unfassbar traurige Stimmung, die Jorn in Weltklasseform zeigt. Auch hier fällt der tolle Kontrast zu Tobi’s sanfter Stimme wieder sehr positiv ins Gewicht. Der mehrstimmige Refrain, den diese beiden Ausnahmesänger völlig für sich beanspruchen, wirkt im ersten Moment zwar etwas unscheinbar, fügt sich aber sehr gut in das Gesamtpaket ein. Anschließend geht die Nummer nochmal etwas aus sich heraus und besticht mit einer vielseitig gestalteten Drumpassage. Der hardrockige Sound lässt die Ballade gen Ende nochmal druckvoller wirken, aber ehe man sich versieht, ist es auch schon wieder vorbei. Ein kurzer Song, der vielleicht erst mit der Zeit seine ganze Stärke ausspielen kann.

11. "Unchain The Light" (Michael Kiske, Ronnie Atkins, Tobias Sammet)
Ruhiger Beginn, der aber verhältnismäßig schnell an Fahrt gewinnt und mit wunderschönen kristallklaren Keyboardsounds zu bestechen weiß. Tobi leitet die erste Strophe ein, Ronnie übernimmt in der Folge und haut mich mit der sehr energischen Bridge förmlich aus dem Sessel. Der Chorus ist dann mal wieder pures Gold… solche aussagekräftigen Nummern haben mir auf „The Mystery Of Time“ größtenteils gefehlt und hier reiht sich Highlight an Highlight. Kiske verzückt mal wieder mit engelsgleicher Stimme, Jorn und Tobi werden jeweils von Chor begleitet. Kiske lässt uns im Mittelteil mit einer träumerischen Melodie nochmal dahinschmelzen, ehe ein sich steigerndes Solo den letzten Refrain einleitet. So will ich AVANTASIA hören!

12. "A Restless Heart And Obsidian Skies" (Bob Catley, Tobias Sammet)
Ein relativ obligatorisches Stück als Rausschmeißer. Uns ereilt eine leichte Winteratmosphäre und Bob Catley lässt uns durch seine mitreißende Performance wieder träumen. Tobi macht uns in der Bridge Mut und der Chorus könnte gut und gerne als „Story Ain’t Over Part 2“ durchgehen. Im Endeffekt ein Song, der hinter dem großartigen Rest zurückbleibt, sich als entspannter Rausschmeißer aber dennoch sehr gut macht.

„Ghostlights“ ist ein wunderbares Erlebnis, das ich im Zuge von AVANTASIA ehrlich gesagt gar nicht mehr für möglich hielt. „The Mystery Of Time“ hat mich persönlich teilweise kalt gelassen und dementsprechend gedämpft war die Erwartungshaltung in Bezug auf die neue Scheibe. Der Impact fiel umso größer aus und trotz des durchaus vorhandenen Hype schreibe ich diese Zeilen mit einem gewissen Abstand zur Listening-Session nieder. Die Songs finden nach wie vor sehr schnell ihren Weg in meine Gehörgänge (was ein sehr gutes Zeichen ist) und allgemein bin ich der Auffassung, dass „Ghostlights“ das vielseitigste, aber auch aussagekräftigste Werk verkörpert, welches die neuere AVANTASIA-Ära zu bieten hat. 


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