CRIPPLED BLACK PHOENIX - die Refraktion PINK FLOYDs

Veröffentlicht am 03.12.2015

Sie sind kein Kollektiv, vor allem keines, das Namedropping benötigt. Die Schublade „Post Rock“ passt nicht, greift zu kurz. CRIPPLED BLACK PHOENIX sind, um vielleicht doch etwas Boden unter den Füßen zu gewähren, die PINK FLOYD der Neuzeit. Etwa in der „klassischen Phase“ bei „Wish You Were Here“ anknüpfend, entziehen sich die Musiker um Gründer Justin Greaves auch hier konsequent jedweder Kategorisierung, steht die Musik im Fokus, mit Blick auf raumschaffende Klangkonstrukte und Endzeitballaden mit immenser Wehmut. Unverfälscht emotional wird so ein Stimmungsbild irgendwo zwischen SIGUR RÓS, WOVENHAND, den BAD SEEDS, SLEEPYTIME GORILLA MUSEUM, WOVENHAND, KARYN CRISIS‘ GOSPEL OF THE WITCHES und eben PINK FLOYD kreiert.

„Geboren in einem Blizzard aus gehörnten Katzen, gewähren CRIPPLED BLACK PHOENIX eine cineastische Erfahrung nie dagewesenen Ausmaßes, handgefertigt von einer Söldnergruppe musikalischer Außenseiter“, so umschreibt man selbst die Ich-Werdung, das Erblühen eines Stimmungsbildes, welches die letzten 40 Jahre und mehr der Musikhistorie durchforstet, und aus all jenen Einflüssen den Soundtrack zur Apokalypse schneidert. Aus dem Urgestein „ELECTRIC WIZARD mit MOGWAI-Ektoskelett“ löste man sich schnell, die Hinterköpfe barsten, das Resultat war eine Eschatologie, ein dunkler, pulsierender Hybrid, eine eklektische Kopulation genialer Geister. Die misanthropische Truppe anarchistischer Schergen zelebriert mit archaischer Gewalt ein avantgardistisches Inferno, gerät zu einem theatralischen Experiment, welches in den Werken Ionescos wohl eine literarische Umsetzung gefunden hätte – durch die Korridore vom Borromeo Colmi wandernd.

Vom chimärenhaften Lamento, das die einsiedlerische Tristesse von „A Love Of Shared Disasters“ rührt, über das Anti-Pop-Statement von „200 Tons Of Bad Luck“, einer bleiernen Knöchelfessel mit schleppendem Piano, „Majesthetik“ (Neologismus! Eat that, bitches!) und trunkenem Chor, der durch ein Maelstrom-Ambiente taumelt.
Vom kunstvollen Todeskapellen-Panorama von „The Resurrectionists / Night Rider“, auf denen die Hydra an der postapokalyptischen Ewigkeit, der Auslöschung sämtlichen Raum- und Zeitgefühls werkelt, bis hin zur Implosion des Kosmos auf „I, Vigliante“, mit seinen tiefschürfenden Klageliedern. Hier bewiesen die Briten bodenlose Elegie, bohrten zärtlich ihre Dornen ins berstende Fleisch, ließen die Ranken unter der Hautoberfläche wuchern, vollzogen die Kreuzigung des Menschen, hin zurück zum Ursprung.
2011 dann das Pulverfass „(Mankind) The Crafty Ape“, reichlich mit nihilistischer Verdrießlichkeit gesegnet: Der Mensch wurde hineingeboren in eine Vulva aus Korruption und Frevel, und doch stößt der Funke Hoffnung durch die fleischige Todeshülle durch – schmerzhaft intim und gegenwärtig. Erneut stellt man Kunst über alles andere. 2012, als Intermezzo zum aktuellen Monolith „White Light Generator“, streift man auf „No Sadness Or Farewell“ nochmals melancholisch durch leere Straßen über abgetretenes Kopfsteinpflaster, bis der stets zirkulierende Kreativnukleus rund um Justin Greaves schließlich birst – wenn auch nur für einen Moment, im Disput mit dem ehemaligen Kollaborateur Karl Demata.

Doch nun: Herzlich Willkommen in einem neuen, dunklen Millennium. Beinahe wurden dem Phoenix die Flügel gestutzt, doch nun strebt er erneut majestätisch dem Himmel entgegen – es wäre auch gar wundersam gewesen, hätte man einen derart kreativen Koloss wie jenen von Greaves erdrücken können; da steht selbiger doch eher Atlas gleich mit der Last der Welt geschultert und entwirrt, den rauen, über die karge Landschaft fegenden, postapokalyptischen Stürmen trotzend, weiterhin seine gordischen Knoten.

 

Livekonzert von CRIPPLED BLACK PHOENIX am Samstag, 5. Dezember, im Wiener Chelsea (Doors: 20:30 Uhr, keine Vorband, Show-Beginn: 21 Uhr). Vorverkaufskarten erhältlich bei wienXtra-jugendinfo.


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