Underground von Unten - österreichische Musik gehört gehört! Vol 5

Veröffentlicht am 02.01.2016

Auch im neuen Jahr heißt es für Stormbringer wieder: Abtauchen in die tiefsten Tiefen der österreichischen Musikszene, um den Underground von Unten zu beleuchten. Denn österreichische Musik gehört gehört! Nach einem überwiegend aufwühlenden, einer stürmischen See gleichzusetzenden Special beim letzten Mal, als der Überhang aus etwas härter orientierten Bands bestand, soll der Neujahres-Tauchgang nun in etwas ruhigerem Gewässer stattfinden. Wohl auch, um die Neuzugänge, die sich die Underground-Betrachtungen das erste Mal zu Gemüte führen, nicht zu erschrecken. Wobei, wenn ihr hier gelandet seid, dann habt ihr euch vermutlich die Birne schon bis zum Anschlag mit Rock und Heavy Metal vollgepumpt, ohne jemals genug zu kriegen. Genau wie wir.

Und nachdem man bekanntlich von Musik nicht genug kriegen kann, haben wir für euch wieder im Musikteich Österreichs gefischt und fünf neue Fischlein an Land gezogen. Dieses Mal wird es auch einen Gastbeitrag eines hochgeschätzten Kollegen geben, der sich freundlicherweise dazu bereit erklärt hat, eine Band aus seinem eigenen Bundesland näher zu betrachten. Na gut... er wurde mit vorgehaltener Waffe und unter Androhung von körperlicher Gewalt dazu gezwungen. Aber das heißt nicht, dass ihm das nicht gefallen würde - und überhaupt... ach, lassen wir das. Viel Spaß beim Tauchgang zu fünf Underground-Fundstücken aus Österreich!

 


 

LEUTNANT UNGUSTL (Rock, Wien)

Den ersten Tieftauchgang treten wir gleich einmal in Wien an, wo LEUTNANT UNGUSTL die Niveaulatte irgendwo auf dem Niveau des Marianengrabens versenkt haben. Also alle Mann anschnallen und ab geht es, ohne Sicherungsleine, direkt ins Challengertief. Womit sonst sollte man LEUTNANT UNGUSTL vergleichen, wo sie sich doch schon selbst als grantiger als ROTZPIPN bezeichnen, grindiger als die HINICHEN, angsoffener als ALKBOTTLE daherkommen und sowieso leiwander als TURBOBIER sind? Was sogleich einmal klarstellt, dass man die vier Musiker, die ihren Stil selbst als "Grantlrock" bezeichnen, nicht allzu ernst nehmen sollte. Für eventuelle Schäden durch den Konsum des vorliegenden Tonmaterials (körperliche sowie emotionale) übernehmen die Wiener ebenfalls keine Haftung. Übernommen haben sie sich dafür ein klein wenig mit der (Eigen-)Produktion ihres vorliegenden Albums "Scheiss ois", welches zwar sehr ambitioniert einher kommt, aber leider tonal etwas schwachbrüstig aufgestellt ist. Zumindest letzteres sollte aber nicht allzu sehr stören, ist doch das Songmaterial von LEUTNANT UNGUSTL darauf ausgelegt, live sowohl stromverstärkt als auch unplugged ohne größere Umarrangements gezockt zu werden.

Entsprechend, nennen wir es einmal "schräg", klingt das Ganze dann auch. Mit einer Mischung aus Rock, (Austro-)Pop, Metal und Punk pöbeln sich die Vier quer durch das musikalische Meer und klingen dabei ungefähr so wie das "Vegane Gulasch", das sie besingen - so ganz g'schmackig ist es nicht, aber dennoch hat es seine Daseinsberechtigung. Mal rüpelt man gar garstig von "I bring di um", dann gibt es ein "zerrissenes Oaschloch" (jetzt musste ich gerade an frittierte Calamari-Ringe denken...) und schließlich wird mit "Red net, geh" eine klare Ansage gebracht. In der Mixtur aus eher nichtssagendem Rock heben sich die akustischen Teile von angenehmer Qualität hervor - blendet man den, ähm, Gesang aus. Dieser kommt gleich von drei verschiedenen Leuten - so wie die Positionen an Gitarre und Bass ebenfalls fröhlich durchgetauscht werden, hat man doch gleich derer drei Musiker im Talon, die das Saitenschrubben beherrschen. Wie vorher erwähntes Gulasch: LEUTNANT UNGUSTL schmecken bestimmt nicht jedem, aber irgendwer findet sich immer! Wohl bekomm's!

Interessenten können bei Facebook in die Grantlrock-Welt abtauchen, oder sich bei Bandcamp und YouTube selbst ein Bild machen.

 


 

THE CHAOS CIRCLE (Psychedelic Rock, Wien)

Wir steigen wieder etwas auf und reisen gleichzeitig in die Vergangenheit, mit THE CHAOS CIRCLE aus Wien. 2007 als Trio gegründet, veröffentlichte man zwei EPs, ehe es wieder still um die Band wurde. 2013 folgte die Wiederauferstehung, mit den Aufnahmen zu dem vorliegenden Album "Suburbia", für welches auch die Besetzung um eine zweite Gitarre sowie eine Orgel erweitert wurde. Wenn man von einer musikalischen Reise in die Vergangenheit spricht und gleichzeitig das Wort "Orgel" in den Mund nimmt, kann es sich doch fast nur um eines handeln - die klassische Hammond-Orgel natürlich! Doch THE CHAOS CIRCLE begnügen sich nicht damit ein blasser Abklatsch der Mitte der zweiten Hälfte des Jahrtausends zu sein - vielmehr bringen sie mit markanten Stoner-Riffs und dem Einsatz von Bläsern (Trompeten und Posaune) frischen Wind mit sich.

"Suburbia" besticht durch seine filigrane Gitarrenarbeit, die oft in den psychedelischen Bereich hinüberkippt, sowie die bereits erwähnte Hammond-Orgel, die an allen Ecken und Enden hervorlugt. Titel wie "Man On The Run" oder "St. James" verbreiten wunderbares Retro-Feeling und erinnern oftmals an Klassiker, ohne jedoch das Gefühl eines lauen Aufgusses der 70s zu erwecken. Die seltenen, aber hochmarkanten Einsätze des Bläsersatzes sorgen für frischen, teils poppigen, aber bisweilen auch etwas in den jazzigen Bereich gleitenden Wind. Weil niemand so gänzlich perfekt ist, darf es in all den melodischen Arrangements aber auch einmal ein wenig haken, wie beim Gesang in "The Quitter". Neben all der Verspieltheit und Leichtigkeit, die THE CHAOS CIRCLE auf Suburbia" an den Tag legen, verlieren sie aber nie den roten (Songwriting-)Faden, sodass die Titel zu jeder Zeit schlüssig wirken. Bisweilen weisen die Songs auch enormen Groove auf, wie beispielsweise "Not That Kind", oder auch "One In A Million", das sich mit der Schwere monotoner Stoner-Riffs ins Gehör fräst. Im Verein mit einer klaren, zu keiner Zeit steril wirkenden Produktion kann man hier einen ganz klaren Insider-Tipp verorten. Abtauchen und zugreifen!

Mehr zu THE CHAOS CIRCLE gibt es auf Facebook oder auf ihrer Homepage - und selbstverständlich wird die obligatorische musikalische Kostprobe auch gleich aus der Tiefe gehievt...

 


 

EARASED (Rock, Niederösterreich)

Der Einfachheit halber fischen wir gleich im Osten Österreichs weiter und tauchen mit der Harpune in der Hand in niederösterreichischen Musikgewässern ab. Dort schwimmt uns mit EARASED eine weitere Rock-Formation über den Weg, die um die Gunst der Hörer buhlt. Ein bisschen Stoner, ein bisschen alternatives Feeling, ein paar moderne Einschübe und darunter ein erdiges Rock-Gerüst - fertig ist das, was die fünf Niederösterreicher selbst als "Diesel Rock" bezeichnen. Dazu ein wandelbares Gesangsorgan, das mal wüstenrau agiert und sich dann wieder der stimmlichen Prägnanz eines Myles Kennedy anzunähern versucht - eine ambitionierte Mischung, die EARASED da auf die Beine stellen! Was die Produktion angeht machen die Niederösterreicher auch absolut nichts falsch, denn die Songs brettern gar amtlich aus den Boxen und der Bass bringt die heimatlichen Wände schnell zum Wackeln - die Nachbarn freut's!

Ein schlechtes Zeugnis kann man EARASED somit nicht ausstellen, dennoch mag ihr selbstbetiteltes Album nicht so recht zünden. Teilweise wirken die Songs zu schematreu aufgebaut und klingen mit Fortdauer des Albums zunehmend ähnlich. Wohl können Titel wie "Better Now" oder das nachdenklich groovende "Opus 69" Pluspunkte hinsichtlich Aufbau und Spannungsbogen sammeln, doch im Großen und Ganzen erfinden EARASED trotz handwerklicher Stärke das Rad auch nicht wirklich neu. Leider hat man das alles schon irgendwo einmal gehört und es bleibt nur wenig wirklich im Gedächtnis haften. Für Freunde erdiger, etwas alternativ angehauchter Rockmusik kann man dennoch die Empfehlung aussprechen, den Niederösterreichern eine Chance zu geben, denn für jeden Topf gibt es bekanntlich den passenden Deckel!

Weiterführende Informationen zu EARASED findet ihr auf Facebook oder - Achtung, Nostalgie! - bei MySpace! Einen Shop hätten die Herren überdies auch noch zu bieten. Einfacher geht's natürlich per Video:

 


 

EXIT TO EDEN (Gothic Rock, Wien)

Für die nächste Entdeckungstour im musikalischen Gewässer von Österreich gehen wir noch einmal zurück nach Wien und treffen dort auf EXIT TO EDEN. Nein, nicht die grottige, aber dennoch erheiternde Verfilmung des BDSM-Romans von Anne Rice, die einige goldene Himbeeren abräumte, sondern die gleichnamige Band. Für den Film konsultiert bitte Dr. Google, er ist euch dabei gerne behilflich. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt! Also zurück zur Band EXIT TO EDEN, die sich bereits seit 2002 einen Ruf in der österreichischen Gothic-Szene erarbeitet haben. Seit September sind die vier Musiker mit einem neuen Album am Start, das ganz schlicht "II" betitelt wurde. Musikalisch gibt es bei EXIT TO EDEN Futter für die Kajal-Fraktion - um einmal das Klischee zu bemühen - aber auch der Teil der schwarzen Szene, der sich genauso wie meine Wenigkeit über den eingangs erwähnten Film amüsieren würde, könnte hier mitunter neue akustische Untermalung für traute Zweisamkeit entdecken.

Als Goth'n'Roll bezeichnen sich EXIT TO EDEN selbst, was in den rockigeren Momenten des Albums auch tatsächlich ganz gut hin kommt. Eine dunkeldüstere Stimme lädt zum Entschwinden in melancholische Sphären ein, wo sich Hoffnung und Verzweiflung zu einem Kaleidoskop aus Klängen vermengen. Sphärische Gitarrenläufe bei "Is Suicide A Way?" stoßen den Hörer hinab in die Tiefen düsterster Gedanken, ehe er unversehens mit einem eruptiven, garstigen Ausbruch purer Verzweiflung konfrontiert wird. Beinahe exotische Ideen greift "Lady In Red" auf, welches von einem an ENNIO MORRICONE gemahnenden Mundharmonikapart akzentuiert wird. In krassem Gegensatz zu melancholischen Songs wie "Neon Sun", steht dann das locker-rockige "Shake Your Hips", das mit geradezu tanzbarem, punkigem Rhythmus glänzt. Wo andere Gothic-Bands gerne der Versuchung erliegen, ihre Songs mit allzu viel Samples zuzukleistern und damit weit in den Elektro-Bereich vorstoßen, klingen EXIT TO EDEN angenehm organisch und erdig und schaffen es damit einen großen stilistischen Bogen zu schlagen, der viele unterschiedliche Präferenzen bedient. Ihr habt es gehört, hier dürfen also gerne auch Leute zugreifen, die nicht unbedingt im melancholischen Genre zu Hause sind, denn "II" hält doch einige Überraschungen bereit.

Natürlich haben auch EXIT TO EDEN eine Homepage und sind auf Facebook vertreten - musikalisch kann man sich mit einem Live-Video auf YouTube kundig machen. Und wie gesagt, für gewisse Filme empfiehlt sich Dr. Google.

 


 

KÁLA (Alternative/Post-Hardcore, Tirol) - Gastbeitrag Daniel Laich

Als Bewohner von Krrkistans gebührt mir die Ehre als Underground-Gastautor (danke Mistress, für das Vertrauen in mein Semi-Musikexperten-Fachwissen) eine in meinen Landen heimische Combo abzuwatschen und wie eine rituell geopferte Katze an die Wand zu nageln – wenn ich das Wort Post höre, stellt es mir doch normal schon alle Nackenhaare auf (Info für humorbefreites Armrudervolk: ja, ihr habt es erkannt, das folgende ist durchaus im satirischen Spektrum angesiedelt). KÁLA betiteln sich da als Post-Rock/Hardcore, was meistens doch ein Indikator für verträumte Hipster mit dem Hang zu Indie-Rock-Riffs und pseudointellektuellen Lyrics ist, welche man in der letzten Philosophie-Vorlesung irgendwo zwischen Nietzsche und Platon aufgeschnappt hat – nein, streicht den Nietzsche wieder raus, das sind die schwarzwurzelfressenden Pandabären. Genau so klingen die Innsbrucker auch – man schafft es 16 Minuten zu gefühlten Stunden in die Länge zu ziehen, ohne sich sonderlichen Höhepunkten hinzugeben. Ein melancholischer Brei aus dahinplätschernden Songs mit dem Anschein auf intellektuellen Anspruch – Gefühlsduselei für die Hornbrillenfraktion. Aggressivität sucht man vergeblich, der Hardcore ist wohl in seiner postapokalyptischen Form nur mehr ein braves Miezekätzchen und kein Raubtier mehr, so wie einst, als SICK OF IT ALL und Konsorten uns noch die Gehirnmasse aus den Schädeln gequetscht haben… wir sind wohl wieder im Biedermeier angekommen? Discite iustitiam moniti et non temnere divos!

Soweit die wohl überkritische Sicht eines der NAPALM-DEATH-aufs-Maul-Fraktion angehörigen Krawallaggros mit Hang zu Kettengefährten. Bei aller Zahmheit muss KÁLA zu Gute gehalten werden, dass man ihnen ihre Musik als ernstgemeint abkauft – auch wenn man persönlich, aufgrund des fehlenden Seek-and-Destroy-Faktors, relativ wenig damit anfangen kann. Post-was-auch-immer ist die (mehr oder weniger) logische Weiterentwicklung des aus dem Dreck der Gosse entstandenen NY-Hardcores und wie bei Thomas Mann beeinflusst jede Generation ihr Schicksal selbst. Nicht dass wir Buddenbrooks ähnliche, musikalische Dekadenz zum Vorwurf bringen würden - nein, KÁLA fangen den musikalischen Zeitgeist ein, ob mir das jetzt gefällt oder nicht! „Thesis“ ist am Puls der Zeit einer Szenerie, der der gestandene Metalhead in seiner „elitären Kuttenromantik“ (O-Ton ein x-beliebiger Straight-Edge-Core-Mensch) niemals auch nur den Hauch einer Daseinsberechtigung geben würde. Meine unwissende, ungewaschene und dem Krawall zugetane Person springt deswegen über ihren Schatten und vermeldet als Conclusio (mit implizierten Veganerwitz – kein Core-Review ohne solchen!): KÁLA sind nichts zum Robben kloppen, nichts für die eingesessene Trve-Keeper-Fraktion, jedoch für die sich aus dem urbanen Melting-Pot erhebende Generation der Core-Fangemeinde - und das in ihrem Metier auf einem durchaus respektablen Level mit entsprechenden Potential, wobei ein Tick mehr destruktive Energie und Wut im Bauch wohl noch gut zu Gesicht stehen würde. Meine Wenigkeit ballert sich deswegen jetzt wieder ABORTED ins Cerebrum und wälzt sich in frischem Robbenfell!

Wer jetzt noch immer etwas über die Tiroler Truppe wissen will, der kann sich bei Facebook informieren - oder sich gemütlich das Beispielvideo reinziehen!

 


 

Und damit wäre das Neujahrstauchen auch schon wieder zu Ende! Vielleicht habt ihr ja die eine oder andere Perle bei diesem Ausflug in die musikalischen Unterwasserwelten entdeckt? Ja? Dann vergesst nicht den Bands auch mal ein Like auf Facebook zu hinterlassen, ein paar Euros in einen legalen Download investieren, oder überhaupt ganz altmodisch auf einem Konzert vorbeizuschauen und den Leuten vielleicht eine CD oder ein Shirt abzukaufen. Das können sie wirklich gut gebrauchen und ihr sorgt damit dafür, dass die Musikwelt Österreichs auch weiterhin so bunt bleibt wie sie jetzt ist, wo für wirklich jeden Geschmack etwas dabei ist!

Falls euch der heutige Tauchgang nicht so zugesagt habt, dann wartet einfach auf das nächste Monat, wenn wieder von unten Licht auf den österreichischen Musikunderground geworfen wird! Auf ein frohes neues Jahr - auch im Untergrund!

Hier noch die letztjährigen Tauchgänge:    Vol. 1   Vol. 2   Vol.3   Vol. 4


WERBUNG: MORE // THAN // FEST