OPETH - Der "Sorceress"-Gangbang

1. Einleitung:

"Sorceress" stellt bereits den dritten nicht-metallischen Output unserer schwedischen Freunde von OPETH dar ("Freunde" ist natürlich als lockere Floskel zu interpretieren. Andererseits: wer wäre nicht gern mit solchen Helden der anspruchsvollen Musik befreundet?).
Allen Unkenrufen zum Trotz (z.B. von ehemaligen Fans oder von zur Gattung der Arschlöcher zu zählenden Individuen, die einfach immer etwas zu Beanstanden haben) beschreiten die Mannen rund um Mastermind Mikael Åkerfeldt seit fünf Jahren konstant neue Wege, die mit "Heritage" (2011) und "Pale Communion" (2014) gepflastert wurden.

"Stormbringer ist ein Metal-Magazin, was zur Hölle haben OPETH hier noch verloren?" wird sich der ein oder andere Vollblut-"Alles-was-kein-Metal-ist-ist-auch-keine-Musik"-Metaller, "Nicht-mehr OPETH-Freund" oder irgendein Arschloch (das könnte auch der Verfasser dieser Zeilen sein, oder Du, lieber Leser) sicher fragen. Ziel der vorliegenden musikwissenschaftlichen Abhandlung ist es, dieser hochkomplexen Fragestellung auf den Grund zu gehen.


2. Hypothese:

Die grenzgeniale Avantgarde Death Metal-Band OPETH ist dazu in der Lage, sich nach etwa 20 Jahren Schaffenszeit ad hoc in eine phänomenal gute Progressive Rock-Band mit 60er-, 70er- und 80er-Einflüssen zu verwandeln, ohne dabei an Klasse, Eigenständigkeit und Kreativität zu verlieren. Die musikalische Todesblei-Vergangenheit ebendieser Band ist zudem trotz Metamorphose nicht vollständig unkenntlich geworden.

Diese Hypothese soll anhand folgender Prüfungen verifiziert werden:

  • a) Könnten OPETH in den 60ern, 70ern und 80ern ihre jetzige Musik machen, ohne als blasphemisch / satanisch zu gelten und am Scheiterhaufen verbrannt zu werden? (Um das zu testen, müsste natürlich eine Zeitmaschine konstruiert werden. Aufgrund des mickrigen Forschungsbudgets wurde jedoch darauf verzichtet und Prüfung a) wurde lediglich theoretisch durchgeführt.) Gewichtung: 30%
  • b) Finden sich in "Sorceress" Reminiszenzen an die glorreiche Vergangenheit OPETHs, beispielsweise "My Arms, Your Hearse", "Blackwater Park", "Ghost Reveries" oder "Watershed"? – Gewichtung: 30%
  • c) Erfolgte OPETHs Metamorphose ausreichend schnell und unvorhersehbar, um tatsächlich als ad hoc bezeichnet werden zu können? – Gewichtung: 10%
  • d) Lassen sich in "Sorceress" mindestens die gleichen Quantitäten an Klasse, Eigenständigkeit und Kreativität nachweisen wie bei den prä-metamorphischen OPETH? (Ungeachtet der Ergebnisse von a) und b) und unter der Annahme, OPETH hätte die genannten Aspekte vor der Metamorphose überhaupt besessen)Gewichtung: 20%
  • e) Spielt es eine Rolle, dass ein französischer Pfarrer UND Metal-Fan (sic!), der sogar eine Biographie (hier erhältlich, leider nur in Französisch) über seine Lieblingsband OPETH veröffentlicht hat, deren neuen Stil scheiße findet? – Gewichtung: 10%

3. Material & Methoden:

Folgende Apparaturen bzw. Versuchsbedingungen dienten der Ermittlung der Daten:

  • "Sorceress" – vorliegend im mp3-Format (was schon mal nicht mit den 60ern, 70ern und 80ern konform geht).
  • Ein aurikulärer Funkwellen-Empfänger, speziell für Hippie-Frequenzen adaptiert.
  • Eine Zeitmaschine eben leider nicht.


4. Ergebnisse:

  • a) 1969: OPETH betreten die von einer, nennen wir es Dunstwolke eingehüllte Bühne von Woodstock – Jimmy Hendrix hat diese gerade verlassen – und spielen "Will O The Wisp", den vierten Song von "Sorceress". Schon nach wenigen Minuten werden sie gnadenlos ausgepfiffen. Die Festival-Besucher glauben, OPETH wären JETHRO TULL, sozusagen als Special Guest hier, und sind angepisst, dass Ian Anderson seine Querflöte vergessen hat.
    1971: Ein Casino in Montreux (Schweiz) brennt und DEEP PURPLE schreiben gerade "Smoke On The Water". Mikael Åkerfeldt raucht noch ein paar Kräuter, die er in Woodstock geschenkt bekommen hat, beobachtet die Flammen und lauscht seinen Rock-Idolen, deren Hit jedoch nicht, wie fälschlicherweise angenommen, vom Rauch über dem Genfersee inspiriert ist, sondern von Mikaels "Smoke" handelt. Als Blasphemie wird das von keinem der Anwesenden empfunden und das Feuer ist zwar prächtig, aber trotzdem kein Scheiterhaufen.
    1985: Rock in Rio. Ozzy Osbourne hat Heavy Metal bereits erfunden und IRON MAIDEN verlassen gerade die Bühne. OPETH versuchen es erneut mit einer Live-Performance. Doch sie werden nach ihrem Auftritt von der Fachpresse als sinnlose Retro-Band und weiche Pussies bezeichnet.
    OPETH werden in den 60ern, 70ern und 80ern definitiv nicht als blasphemisch / satanisch empfunden und landen somit auch nicht auf dem Scheiterhaufen: Ergebnis: 100%
  • b) Bei genauerer Inspektion des Titelstücks "Sorceress" lassen sich eindeutig Metal-artige Rhythmusgitarren ausmachen, was lediglich durch die sanft-rockigen Amp-Einstellungen etwas verschleiert wird. Auch bei "Era" und "Chrysalis" finden sich metallisch anmutende Vibes, signifikante Korrelationen mit den genannten Alben konnten jedoch nicht festgestellt werden. Leichte Bezüge bestehen höchstens mit dem 2003er Output "Damnation" oder einzelnen Songs wie etwa "Harvest" von "Blackwater Park". Reminiszenzen lassen sich somit nur bei genauerer Betrachtung ausfindig machen: Ergebnis: 50%
  • c) Wenn man "Heritage" (2011) mit dem unmittelbaren Vorgänger "Watershed" (2008) vergleicht, ist diese Frage definitiv mit "Ja" zu beantworten. Wo bei "Watershed" noch OPETH-typisch die Death Metal-Axt geschwungen wird, sind die harten Elemente bei "Heritage", dem ersten Album der Hippie-Phase, gänzlich hinter einem Rauch-Schleier verborgen: Ergebnis: 100%
  • d) "Sorceress" bzw. OPETH generell haben Klasse, Punkt. Sollte irgendein Musikwissenschaftler zu abweichenden Ergebnissen kommen, darf dessen Expertise ernsthaft angezweifelt werden. Eigenständigkeit ist ebenfalls nach wie vor vorhanden, sonst hätte die dieser Arbeit zugrundeliegende Hypothese gar nicht erst aufgestellt werden müssen. Kreativität ist der einzige untersuchte Faktor, der bei "Sorceress" lediglich in reduziertem Ausmaß messbar war, immerhin ist der aktuelle Stil von OPETH schon in den 60ern, 70ern und 80ern existent gewesen, wenn auch in weniger professioneller Form.
    Die post-metamorphischen Quantitäten haben teilweise abgenommen: Ergebnis: 75%
  • e) Nein, auch wenn allein die Tatsache sehr geil ist. Ergebnis: 100%


5. Captain’s Fazit

Nach Adam Riese erreicht "Sorceress" ein Gesamtergebnis von 80%. Somit ist die Hypothese mit einem ausreichend hohen Korrelationskoeffizienten bestätigt.
OPETH sind also tatsächlich eine phänomenal gute Progressive Rock-Band mit 60er-, 70er- und 80er-Einflüssen, sie haben lediglich etwas an Kreativität verloren. Klasse und Eigenständigkeit sind in ausreichendem Maß vorhanden geblieben, die ruhmreiche metallische Vergangenheit scheint jedoch fast vollständig zu Grabe getragen worden zu sein. R.I.P. grenzgeniale Avantgarde Death Metal-Band. Welcome phänomenal gute Progressive Rock-Band!

Bewertung: 4.0 / 5.0 - Captain Critical

 


 

Einleitung
Captain Critical
Lucas Prieske
Mike Seidinger
Manuel Ennser
Christian Wilsberg
Florian Dammasch
Anthalerero
Phillipp Annerer
Sonata


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