OPETH - Der "Sorceress"-Gangbang

Wenn zur Halloweenparty der Dresscode ein Einhornkostüm vorschreibt, wenn zum Sommerfest in Wintergaderobe geladen wird, wenn zum Grillabend nur Gemüse gereicht wird und wenn ehemalige Death Metaller akustischen Folk kredenzen, ja, dann sind wir mal wieder in der Welt von OPETH. Natürlich ist jedem Kenner nach "Heritage" klar, dass Åkerfeldt und Co. keine Lust mehr auf typische Extreme haben. Doch immer, wenn ein neues Album der Kopfschmerz induzierenden Schweden erscheint, fühlen Anhänger und Interessierte zu gleichen Teilen Neugier, Vorfreude und wahnsinnige Angst bezüglich dem, was sie auf dem neuen Opus erwarten dürfen. Auch heute darf keine Entwarnung gegeben werden, denn "Sorceress" ist die Vernichtung aller Hoffnung für diejenigen, die sich eine Rückkehr zu alten Tugenden wünschen. Ebenso ist das Album meilenweit von "Heritage" entfernt.

"Persephone" eröffnet die Reise mit zarter, harmonischer, spanischer Folklore und akustischen Gitarren, bevor das Titelstück mit seinen einleitenden Dissonanzen die aufgebaute Harmonie sprichwörtlich zerreißt. Der Song an sich tritt dann allerdings eher auf wie der Wolf im Schafspelz, denn eigentlich handelt es sich um einen sehr simplen Stoner Rock-Song, der durch das Intro und einen kurzen Mittelpart "aufgeproggt" wird. Stichwort simpel: Die erste Albumhälfte wird durch für OPETH sehr einfache Songstrukturen geprägt. "The Wilde Flowers" ist ein dürsterer Seventies- / Hard Rock- / Prä-Metal-Bastard mit einer genialen Hookline, welche man eher von GHOST erwarten würde denn von Åkerfeldt. "Will O The Wisp" geht als sogar vollkommen straighte Folk (Rock) Nummer durch, bevor es mit "Chrysalis" zum ersten Mal etwas ausführlicher wird. Aber auch nicht zwingendermaßen verkopft, vielmehr bewegt sich der Song mit seinen üppigen Hammond-Soli in DEEP PURPLE- und LED ZEPPELIN-Gewässern. Dabei sind Abwechslungsreichtum, musikalische Finesse, sowie die richtige Dosierung von Härte und Melodie derart auf den Punkt, dass man aus dem Sabbern kaum herauskommt. Waschechtes Albumhighlight! Apropos DEEP PURPLE: Ein gelungenes Blackmore- Gedächtnis-Riff durchschlägt auch die Ruhe in dem Edelprogger "Strange Brew". Viel Sphäre, klassischer Prog, arschtretender Hardrock und zum Schluss ein episches Gänsehautfinale. Ganz großes Kino.

Natürlich werden allerdings nicht alle Klangexperimente auf Gegenliebe stoßen. Mit "Sorceress 2" nimmt das Album mit einem akustischen Kontrapunkt Tempo heraus und setzt auf pure Atmosphäre. Das Instrumental "The Seventh Sojourn" hingegen passt so wirklich gar nicht zum Rest. Arabische Weltmusik, Sitar, Streicher, sind wir bei BLACKMORE'S KNIGHT angekommen? "A Fleeting Glance" will auch nach zig Durchläufen nicht in den Kopf. Ein ruhiger Song im Dreiviertel Takt und zögerlich abweichenden Folk- und Funk-Elementen, der aber, zumindest im nüchternen Zustand, nicht funktioniert. Der Rausschmeißer "Era" hingegen zieht wieder an der Temposchraube, allerdings ist dieser Song bei weitem zu repetitiv geraten. Erst ab der 3:30-Marke schlägt der Song einige Haken und kreiert ein gewisses Momentum, bevor es auch schon wieder vorbei ist.

Was ist "Sorceress" nun also? Unterm Strich ein überraschend straightes Album von OPETH, welches in den Hauptmomenten gutklassigen Prog produziert, sowie klassischen Hard Rock wie DEEP PURPLE oder LED ZEPPELIN zelebriert. Versetzt wird das Ganze mit einer bei OPETH gewohnten Prise Folk, diesmal noch zusätzlich etwas Weltmusik. Eine gute, warme Produktion und einige starke Momente auf instrumenteller Seite veredeln die Scheibe. Einige Experimente wollen indes nicht gelingen, und ungewohnter Weise gibt es kompositorische Schwächen anzumeckern. Daher reicht es dieses Mal nicht zum Meisterwerk, aber wir reden von OPETH, also sind wir immer noch mehrere Levels über Normal Null, was die Finesse anbelangt.

Bewertung: 4.0 /5.0 – Christian Wilsberg

 


 

Einleitung
Captain Critical
Lucas Prieske
Mike Seidinger
Manuel Ennser
Christian Wilsberg
Florian Dammasch
Anthalerero
Phillipp Annerer
Sonata


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