Albert Mudrian - Choosing Death (Erweiterte Neuauflage)

Text: Luka
Veröffentlicht am 14.10.2016

Kinder, wie die Zeit vergeht! Liest man die ersten Seiten von „Choosing Death”, der mittlerweile neu aufgelegten (inoffiziellen) Chronik von Death Metal und Grindcore, wird einem bewusst, dass diese Genres in ihren diversesten Ausprägungen seit mittlerweile ungefähr 25 (!) Jahren existieren. Alle, die etwas vom Aufstieg vom Death Metal mitbekommen haben, sind also schon verdammt alt, für das Erleben von Niedergang und Wiedergeburt kann man auch etwas jünger sein.

Andererseits haben diese alten Säcke auch das Privileg, in einer der spannendsten musikalischen Zeiten gelebt zu haben. Das wird einem nämlich bewusst, wenn man den Anfangs-Schock überwunden hat und weiter in „Choosing Death“ liest. Wie sich zunächst in Amerika (eher Death Metal) und England (Grindcore) die ersten pubertierenden Jungs zusammenschließen, um schnellere, härtere und brutalere Musik als die Weicheier von METALLICA oder TESTAMENT zu machen, liest sich spannend wie ein Krimi.

Die größte Aufmerksamkeit erhalten dabei NAPALM DEATH in England und DEATH über dem großen Teich. Die Geschichten dieser zwei Bands werden erschöpfend erzählt. Ein bisschen zu kurz kommen vergleichsweise Vorläufer wie POSSESSED, MASTER oder DISCHARGE weg, aber irgendwo musste Autor Albert Mudrian wohl anfangen. Dafür sind NAPALM DEATH und DEATH auch eine gute Wahl, da diese zwei Bands wohl für das jeweilige Genre ganz klar zu den prägendsten gehör(t)en.

Der Aufstieg vom Death Metal geht dann vor allem in Florida weiter, wo sich Bands wie MORBID ANGEL oder OBITUARY formieren und ebenfalls zu stilprägenden Vorreitern werden. Im kontinentalen Europa werden in „Choosing Death“ hauptsächlich ENTOMBED (bzw. NIHILIST) beleuchtet. Leider gibt es für den skandinavischen Bereich nur ein Kapitel – Freunden des Schwedentods sei an dieser Stelle das hervorragende „Swedish Death Metal“ von Daniel Ekeroth ans Herz gelegt. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der holländischen Szene (PESTILENCE!), bevor es schon langsam zum Untergang der Szene Mitte der 1990er Jahre kommt.

Damals stießen die Verkaufszahlen an ihre natürliche Obergrenze – von derart extremer Musik riesige Verkaufszahlen zu erwarten war damals wohl vermessen (und auch heute gibt es wenige Bands in dem Genre, die mit extremer Musik viel Geld machen können, von mainstreamkompatiblen Bands wie SLIPKNOT oder diversen Metalcore-Kapellen mal abgesehen). So kommt es zum allmählichen Niedergang (mit gleichzeitigem Aufschwung von Black Metal), der noch lange anhält – erst durch den Erfolg eigentlich genrefremder Bands wie SLIPKNOT oder ähnlichen, die sich explizit auf frühe Death Metal-Klassiker als Inspiration berufen, gibt es Mitte der 2000er Jahre wieder einen Aufschwung der Szene.

Hier hörte die erste Auflage von „Choosing Death“ auf – in der neuen Auflage geht es noch munter weiter. Der technisch ausgeprägte Death Metal von NECROPHAGIST und Konsorten kommt noch ausführlich zur Sprache, ebenso wie ein angenehm kritisches Kapitel zu den massenweisen Reunions altgedienter Bands wie z.B. AUTOPSY. Und auch ein wunderschönes neues Titelbild von Szene-Ikone Dan Seagrave hat man für die Neuauflage spendiert.

Bei so einem weitgespannten Thema kommen natürlich viele Bands nicht oder gefühlt zu wenig zur Sprache – jeder Fan wird hier ab und zu einige Favourites vermissen, etwa die für den progressiven Death Metal höchst einflussreichen ATHEIST. Nähme man aber alle beteiligten Bands zu gleichen Teilen in ein Buch auf, würde das wohl mehrere tausend Seiten haben, da ist „Choosing Death“ mit knappen 350 Seiten noch angenehm lesbar.

Allzu viel Neues oder wenig bekannte Anekdoten findet man in „Choosing Death“ nicht, und auch die vielen Rechtschreibfehler fallen auf (Props hier an die STORMBRINGER-Redaktion – die kriegen das besser hin!). Und ein paar Worte zu weiteren Entwicklungen – wie z.B. Deathcore – wären auch interessant gewesen.

Trotz dieser kleinen Mängel hat Albert Mudrian mit „Choosing Death“ ein hervorragendes Buch geschrieben, dass bei älteren Semestern die Nostalgie und bei Jüngeren die Neugier auf diese glorreichen Zeiten weckt. Und auch in heutigen Zeiten bleibt relevant, was die Pioniere damals leisten wollten: sie wollten einfach nur härter, schneller und brutaler sein als ihre Vorbilder und brachten so ein ganzes Genre hervor. Dessen könnten sich auch aktuelle Genrepäpste, Trveness-Bewacher und Reinheitsgebot-Bewahrer bewusst werden, die Neuerungen und Weiterentwicklung als Teufelszeug bewerten und am liebsten die Musik so belassen würden, wie sie vor mittlerweile 25 Jahren war.


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