15 vs. 25 Jahre LORDI - eine Retrospektive

Veröffentlicht am 03.01.2017

Scare Force One & Monsterimies

Als ob es den Befreiungsschlag gebraucht hätte, schaltete das, vielleicht nicht an den Erfolg eines „The Arockalypse“ anknüpfen könnende, aber immerhin für Achtung sorgende sechste Album bei LORDI wohl den Kreativ-Turbo ein. Kaum eineinhalb Jahre nach „To Beast Or Not To Beast“, standen die Monster 2014 auch schon mit der „Scare Force One“ auf der Startbahn bei AFM Records parat.

Nach dem suboptimalen, weichgespülten und von vielen Fans eher ungeliebten Wagener-Sound, klöppelte Produzent Mikko Karmila LORDI auf dem siebten Silberling endlich wieder einen richtig kernigen Sound mit ansprechendem Wumms, und auch das wunderbar trashige, wie immer von Mr. Lordi höchst selbst gezeichnete Coverartwork (wer sieht hier noch einen Dildo? Hand hoch!) erinnert den Fan wieder an gute alte Zeiten. Dazu setzen die Finnen das fort, was auf dem vorherigen Output begonnen wurde, und trauen sich sogar über ein paar progressivere Strukturen. Eine Entwicklung, die man als Fan nur goutieren kann, und die zeigt, dass Album Nummer sechs keine Eintagsfliege war.

Trackliste:
1. SCG7: Arm Your Doors and Cross Check
2. Scare Force One
3. How To Slice A Whore
4. Hell Sent In The Clowns
5. House Of Ghosts
6. Monster Is My Name
7. Cadaver Lover
8. Amen's Lament To Ra II
9. Nailed By The Hammer Of Frankenstein
10. The United Rocking Dead
11. She's A Demon
12. Hella's Kitchen
13. Sir, Mr. Presideath, Sir

Wo „To Beast Or Not To Beast“ noch einige Ecken und Kanten, sowie eine spürbare Unschlüssigkeit zeigte, präsentiert sich „Scare Force One“ weitaus runder und selbstsicherer, aber auch ein klein Bisschen weniger rebellisch als der Vorgänger. Nachdem uns der Flugkapitän die Sicherheitsanweisungen durchgegeben hat, brettern LORDI mit dem Titeltrack „Scare Force One“ (dazu gibt's auch ein Musikvideo) gleich wieder ordentlich los. Die auf dem Vorgänger eingeschlagene Richtung wird beibehalten und sogar ein wenig weiterentwickelt, öffnen sich doch LORDI auf dem neuen Silberling abseits der klassischen, simplen Hardrock-Songstruktur ein wenig mehr den Metal-lastigen Strukturen und geben den Kompositionen etwas mehr Raum und Spielzeit. Doch deswegen muss der Hörer nicht auf klassische Party-Kracher verzichten – das aberwitzig-makabere „How To Slice A Whore“ und das herrliche „Nailed By The Hammer Of Frankenstein“ leisten hier gute Dienste. Sinnfrei vor sich hin splattern oder übers Saufen und sexuelle Ausschweifungen grölen? Da passt der Lack!

"Hell Sent In The Clowns" überrascht mit Zirkusmelodie, und bei dem coolen "Monster Is My Name" darf das Obermonster wieder einmal herzhaft fluchen - auch das braucht der Mensch, äh, pardon, das Monster mal. Aber auch ruhigere Töne kommen auf Scare Force One nicht zu kurz - so darf sowohl Amen seinem Akustikwerk "Amen's Lament To Ra" einen zweiten Teil hinzufügen, als auch Hella einen Einblick in ihre persönliche Songküche geben, und bei ihrem Klavierstück "Hella's Kitchen" auch noch eigenen Gesang beisteuern. Mit "The United Rocking Dead" und "House Of Ghosts" sind auch zwei Midtempo-Stampfer im typischen Lordi-Stil vertreten. "She Is A Demon" wiederum, könnte mit seinem fetten Sound und dem cineastischen Aufbau auch von The Monsterican Dream stammen, während „Sir, Mr. Presideath, Sir!“ eher ein wenig Reminiszenzen an den „Deadache“-Stil in sich trägt.

Mit „Scare Force One“ liefern LORDI endlich wieder haargenau das ab, wofür man sie liebt: Ein fettes Album voll absurden Horror-Rocks der Extraklasse, das einfach von vorne bis hinten Spaß macht, und dabei die Hütte vom Keller bis zum Dachboden rockt. "Thank you for flying Monsterican Air!"

Um das Glück der zum Großteil wieder versöhnten Fans perfekt zu machen, erschien daraufhin, im Jahr 2015, auch endlich die lange angekündigte Lordi-Dokumentation „Monsterimies“. Fast schien es, als würde jetzt endlich einmal alles glatt gehen – doch dann erfolgte der Rückschlag. Anstatt einer Doku hatte Regisseur Antti Haase, ein Jugendfreund von Mr. Lordi, einen abendfüllenden Kinofilm mit konstruierter Story aus „Monsterimies“ (zu Deutsch: „Monstermann“) gemacht, der zu allem Überfluss auch noch ein Bandmitglied gegen dessen Willen unmaskiert zeigte. Zwar war der Film ziemlich gut geraten, und zeichnete auch ein durchwegs sympathisches Bild der Band und des Obermonsters, doch der Vertrauensbruch des Regisseurs sorgte dafür, dass LORDI sich offiziell von dem Film distanzierten und auch der Premiere fernblieben.

Übrig blieben die Fans, die, teilweise selbst im Film auftauchend, nun auch nicht mehr wussten, was sie davon halten sollten. Als Fan und Nahestehender der Band gleichermaßen, war es auch für mich schwierig, mir ein Bild von der ganzen Sache zu machen. Einerseits fand ich die Reaktionen kindisch-übertrieben, doch andererseits konnte ich sie, vor allem aus dem Blickwinkel der Band, die ich zu diesem Zeitpunkt schon seit mehr als zehn Jahren verfolgte, auch verstehen. Mr. Lordi sagte einmal, dass es ein „LORDI unmasked“, so wie bei KISS, niemals geben würde. Und so wie ich ihn einschätze, kann man ihm das auch glauben. Obwohl sich LORDI ihren Fans abseits der Bühne auch ohne Scheu unmaskiert zeigen, bemühen sie sich weiterhin den Nimbus der „echten Monster“ aufrecht zu erhalten – was ihnen, dank der stillschweigenden Übereinkunft mit den Fans, keine unmaskierten Bilder der Bandmitglieder zu schießen, und etwaige Schnappschüsse schlichtweg nicht zu publizieren, auch noch immer gelingt. Kindisch? Vielleicht. Aber immerhin beeindruckend konsequent.


Schlagzeuger Mana in Memmingen, 2015

 


 

Einleitung
Bend Over And Pray The Lord - Die Anfänge
Get Heavy - Das Debüt
The Monsterican Dream - Träume eines Monsters
The Monster Show
The Arockalypse und der Eurovision Song Contest
Deadache - Schwierige Zeiten
Zombilation & Dark Floors
Babez For Breakfast - Der Abstieg und ein Hoffnungsschimmer
Scarchives Vol. 1 - Rückblick und ein Neubeginn
To Beast Or Not To Beast - Sein oder Nichtsein?
Scare Force One & Monsterimies
Monstereophonic - Zurück zu den Wurzeln
...und es gibt sie noch immer! - Ein Fazit


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