Das Metalmuseum: IN FLAMES - The Jester Race

Veröffentlicht am 09.01.2017

IN FLAMES, der Name eine Legende. Kaum eine Band hat die musikalische Klanglandschaft im Metal der 90er Jahre bis hin zur heutigen Zeit dermaßen geprägt und verändert. Beginnend im Underground der schwedischen Metalszene, über eine der Pionierrollen in der Entwicklung der „Göteborger Schule“ bis hin zur von vielen gehöhnte Bekehrung zum Alternative Metal. Wo wir schon dabei sind, der Relsease des letzten Albums der Band („Battles“), das ja wieder für eine mehr als gespaltene Meinung der Fanbase gesorgt hat, stand ja in den letzten Wochen ins Haus. Wäre das nicht der perfekte Anlass, auch etwas in Erinnerungen an die „gute alte Zeit“ zu schwelgen? An die Zeit, als sich noch jeder geschworene Fan der Band am liebsten die Kleider vom Leib gerissen hätte wenn auch nur der Name der Band fiel? An die Zeit, in der IN FLAMES gerade ihren langen und erfolgreichen Weg in den Olymp des Metal antraten? An die Zeit, in der der Sound der Band noch ein gänzlich anderer war? Lasst mich hier euer Reiseleiter sein, der euch nochmals in Erinnerungen an ein Album schwelgen lässt, das bis heute eines der Referenzwerke im Melodic Death Metal darstellt: "The Jester Race".

 

Bei der Besetzung der Band hatte sich in der Mitte der 90er Jahre ja einiges getan: Durch den Gewinn von Musikern wie Anders Fridén, der ja zuvor bereits die Vocals für DARK TRANQUILITY beisteuerte, konnte sich die Besetzung der damals noch jungen Band weiter festigen, was sicher der Effizienz in ihrem Schaffen nicht abdinglich war, vor allem, wenn man es aus heutiger Sicht sieht und weiß, was die Band in ihrer damaligen Konstellation bereit war zu leisten. Aber auch der aufmerksame Zuhörer aus der damaligen Zeit dürfte relativ schnell begriffen haben, dass sich bei der Band, die sich ja schon vor „The Jester Race“ mit Werken wie „Lunar Strain“ und der „Subterranean EP“ beweisen konnte, so einiges getan hat. Der Sound wirkte ausgereifter, noch runder als zuvor. Die erste Minute Spielzeit des legendären Songs „Moonshield“, der das Konzeptalbum über die Schwäche der Menschen einleitete, zeigte einen noch melodischeren Ansatz als alles, was die Band zuvor gemacht hatte.

 

Aber was genau liegt nun an diesem Album, dass es bis heute die Herzen von Metalheads um den Globus höher schlagen lässt? Es ist schwer, so etwas genau festzulegen, wenn man bedenkt, wie viele Dinge das Album ausmachen. Sieht man es jetzt rein aus musikalischer Seite, so hat man im Vergleich zu „Lunar Strain“ das Gefühl, dass das gesamte „The Jester Race“ viel besser durchdacht ist. Es scheint, als hätte die Band hier eine gänzlich andere Vision im Kopf gehabt, was sich auch erheblich auf den Hörfluss des Albums auswirkt. So sind beispielweise die Folk-Anleihen, die ja kaum mehr als zwei Jahre zuvor noch deutlich vorhanden war, fast vollständig verschwunden und wurden durch Akustikpassagen ersetzt, die sich wie ein roter Faden durch das Album ziehen, manchmal sogar gesamte Songs einnehmen. Mit dieser in sich geschlossenen Stimmigkeit gewinnt der Sound der Band auch eine gwisse Eingängigkeit, Songs wie „Moonshield“ mit seinem unverwechselbaren Thema oder „Dead Eternity“ mit seinen in Verzweiflung und Resignation getränkten Sprechpassagen sind da perfekte Beispiele. Dinge wie diese bleiben im Kopf, einerseits eben durch ihre Eingängigkeit, andererseits aber auch dadurch, dass sich hinter den kryptischen Lyrics auch eine große Faszination verbirgt.

 

Die Lyrics, der nächste Punkt, der sich mit „The Jester Race“ deutlich verändert hat und aus heutiger Sicht fast schon befremdlich wirkt. Anders als auf späteren Werken, die beispielweise während der Umbruchphase in den frühen 2000ern entstanden, dominieren 1996 noch fast durchgehend tiefere, monotonere Growls, noch keine Spur von den markanten, hohen Screams von Fridén, wie man sie von Songs wie „System“ aus „Reroute to Remain“ kennt und liebt. Andererseits muss man sich auch eingestehen, dass derartige Vocals wohl nicht mit den noch viel harmonischeren Klängen und der noch deutlich spürbaren Nähe zum „herkömmlichen“ Death Metal, wie man sie auf „The Jester Race“ wahrnimmt, so gut harmoniert hätten wie die agressiven Growls Fridéns. Im Endeffekt lässt sich also doch sagen, dass die vielleicht etwas simpler gehaltenen Vocals der Stimmung nicht abdinglich sind und sich gut in das gesamte Klangbild und Stimmung einfügen.

 

Ach ja, die Stimmung des Albums, der Grund, warum ich „The Jester Race“ zu meinen absoluten Favoriten unter den Werken von IN FLAMES zähle. Diese kann man wohl am besten mit einer bildlichen Metapher beschreiben: Stellt euch ein schier endloses Ödland vor, in dem es kein Leben gibt, für das es keine Zukunft gibt. Ein ehemals möglicherweise wunderschöner Ort, an dem es keinem an irgendetwas mangelte. All dies ist Vergangenheit, alles, was von einer einst schönen Welt übrig ist, ist eine einzelne Hütte, zermürbt und unliebsam. Ihr sitzt in diesem Haus, und seht, wie es draußen im Ödland zu regnen beginnt, während sich langsam aber sicher nie enden wollende Dunkelheit über das Land zieht und ihr wisst, dass eure eigene Sippe es war, die dieses Szenario angerichtet hat. Beklemmendes Szenario? Ja, durchaus, doch genau so fühlt sich „The Jester Race“ nun mal an. Beklemmend. Resignierend. Melancholisch. Das Album schreit schon fast nach dem Verderben, dass langsam aber sicher über die Welt kommt. Doch in diesem wüsten Klangbild schafft es IN FLAMES, Schönheit zu zeigen. So etwas ist schwer zu erklären, doch in der Dunkelheit, die das Album zeigt, liegt Ästhetik. Dieser Widerspruch in sich macht das Album zusehens interessant und lässt den Hörer zusehens im musikalischen Szenario versinken.

 

Was macht also abschließend „The Jester Race“ zu dem Klassiker, das es heutzutage ist? Es ist eine seltsame Mixtur aus Harmonie, Agressivität und gleichzeitiger Schönheit. Zugegeben, etwas Nostalgie spielt für viele ganz gewiss auch eine Rolle. Kurzum: Es stellt genau das dar, was den frühen Melodic Death Metal ausmacht. Zusammen mit Bands wie DARK TRANQUILLITY und AT THE GATES haben IN FLAMES mit Werken wie diesem ein Erbe geschaffen, dass bis heute von vielen Bands weitergetragen wird und zurecht seinen festen Platz im Metal gefunden hat. Wie würde die heutige Metalszene wohl aussehen, wenn es damals nicht ein paar junge Musiker wie Jesper Strömblad gegeben hätte, die den Mut hatten, den Lauf der Geschichte zu verändern und etwas zu erschaffen, das noch nie zuvor jemand gehört hatte? Wo stünde die Musik heute allgemein ohne diejenigen, die den Mut haben, etwas anders zu machen als alle anderen und damit zu riskieren zu scheitern? Ich sag's euch, es wäre ziemlich langweilig ohne Visionäre.

 

In diesem Sinne gibt es eigentlich nur mehr eins zu sagen: IN FLAMES WE TRUST.

 

 


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