Kill The Living, Raise The Dead - Ein Kommentar

Veröffentlicht am 06.02.2017

Wer hätte gedacht, dass der Schriftzug "Kill The Living, Raise The Dead" des imposanten Live-Bühnenbilds der Belgier ABORTED mal eine solch paradoxe, weil realistische Wendung erfahren könnte, wie es derzeit (fast?) geschieht? Für diejenigen, die sich nun fragen, was der Mr. Obscura von Stormbringer.at da nun wieder ausgebrütet hat, sei ein wenig Geduld empfohlen, denn die genauere Aufklärung wird folgen. Fangen wir bei diesem Thema aber erstmal von vorne an: Durch sämtliche Nachrichtenportale, Socialmedia und Co. erfährt man mittlerweile in Windeseile von allem. Von neuen Alben, anstehenden Touren, Vertragsunterzeichnungen, neuen Videos, Endorsement-Deals uvm.. Und mittlerweile leider auch immer häufiger vom Ableben vieler Künstler. Eine "Altersbegrenzung" gibt es mittlerweile nicht mehr, denn während beispielsweise eine Legende wie Prince oder Lemmy von uns geht, stirbt im nächsten Zug eben auch ein jüngeres Talent wie Tom Searle von ARCHITECTS oder Aleah von TREES OF ETERNITY an Krebs. 

Worauf ich hinaus will? Jeder hat seine Lieblingskünstler, jeder darf sich dementsprechend betroffen fühlen, denn auch wenn man die Person womöglich nicht mal persönlich kannte, hat einen deren Kunst beeinflusst, begleitet, berührt. Extrem schade ist, dass der ein oder andere kreisende Aasgeier das - bedauernswerterweise aktuell! - nun so gnadenlos wie im Falle von DIO, einem DER Metalgötter schlechthin, ausnutzen will. Bei dem man nun davon ausgehen muss, dass das eigentlich einmalige Hologramm-Gig-Special des letztjährigen Wacken Festivals jetzt auf eine richtige Tour ausgedehnt werden soll. Dass man solche Ideen für eine einzigartige Ehrerbietung umsetzt, ist dabei noch ansatzweise verständlich. Dass man das nun in Serie stattfinden lassen will hingegen überhaupt nicht und schlicht makaber. Schämt man sich wirklich vor gar nichts mehr und muss jetzt auch noch tote Menschen auf diese schäbige Weise ausnutzen? Wenn es im Vergleich schon als Normalität wirkt, wenn ein Label anlässlich des Ablebens eines Künstlers zigmillionen Best-Ofs und Re-Releases unter's Volk jubelt, um die Gunst der Stunde zu nutzen, sollten bei jedem endgültig die Alarmglocken läuten. 

Dabei muss man sich unweigerlich die Frage stellen, was denn als nächstes kommen könnte oder soll? Ein Drakkar-Bootstrip quer durch Skandinavien sowie anschließender Edda-Privatlesung mit einer lebensechten Quorthon-Nachbildung inklusive Sprachfunktion? Ein Pärchen-Kirchenbrand-Abend für zwei Personen mit den morschen Überresten von Euronymus? Ein Tech-Death-Gitarrenworkshop mit einem Schuldiner-Hologramm? Oder vielleicht doch ein oberkörperfreier Einhornritt mit Scott Columbus und einem MANOWAR-Klassiker im Background? Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich möchte keinen dieser unstreitbaren Ikonen lächerlich machen, nur ist diese Tourankündigung zum DIO-Holo-Projekt einfach eine Grenzüberschreitung zu viel. Eine Pietätlosigkeit, die gleichzeitig auch ein (weiteres) düsteres Bild von der Zukunft zeichnet, wenn man nun noch nicht mal mehr den Toten ihre letzte Ruhe gewähren, sondern sie stattdessen - kommerzgierig und maßlos - künstlich am Leben erhalten möchte.

Um zum anfänglichen Gedanken zurückzukehren: Was werden wir eigentlich machen, wenn unsere persönlichen musikalischen Helden irgendwann mal nicht mehr können und sich in den verdienten Ruhestand zurückziehen möchten? Eine Notschlachtung mit anschließender Digitalreinkarnation, damit wir möglichst lange von ihrem Schaffen kosten und sie live (und in Ultra-HD) auch noch über den Tod hinaus begaffen können? Oder sollten wir viel lieber in wohligen Erinnerungen schwelgen und ihnen den Respekt erweisen, den sie sich verdient haben? Den sich jeder verdient hat. Legt zur Ehrerbietung eine CD ein oder eine LP auf, hebt euer Glas oder das Horn und stoßt an, oder macht einfach, was auch immer würdevolles euch dazu einfällt, aber gebt Acht, dass ihr nicht diejenigen unterstützt, die selbst aus dem Tod noch Kapital schlagen und damit ihre Taschen füllen wollen. Vielleicht überdenken einige Schwachmaten dann auch mal ihre Denkweise, anstatt solche Leichenfledder-Aktionen auch noch mit irgendwelchen fadenscheinigen Argumenten rechtzufertigen oder gar schönzureden. Lasst die Toten ruhen!

PS: KREATOR machen mit ihrem neuen Video zu "Fallen Brother" vor, wie man Legenden würdevoll Tribut zollt. Danke dafür, Mille und Co.!


WERBUNG: Papa Roach
WERBUNG: SCARGOD - Stay In Track: Out Now!