Schatz, wir müssen reden.

Veröffentlicht am 04.02.2017

Leute, wir müssen reden. Und das hier ist kein ironisches ich-sage-wir-müssen-reden-aber-in-Wirklichkeit-geht-es-um-nichts – Reden, sondern das hier sind fünf Minuten eurer Zeit, die ich einfach mal beanspruchen muss. In letzter Zeit lief vieles gut, aber auch so manches nicht. Und genau wie ich sind auch viele andere dazu bereit, bei den meisten schwarzen Schafen unserer Szene wegzuschauen, aber manchmal bringt einfach ein Tropfen das Fass zum Überlaufen. Der Tropfen heißt in diesem Fall Emily.

Emily hört gern Hardcore, und besucht auch gern Hardcore-Shows. Wahrscheinlich mag sie das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein, oder liebt es einfach nur, wie wir alle hier wahrscheinlich, die Songs ihrer Lieblingsband live zu erleben. So war es vermutlich auch während der Show der amerikanischen Band CODE ORANGE in Salt Lake City am Abend des 21.01.2017, bei der sie sich am Rand des Moshpits aufhielt (ich setze hier einfach voraus, dass jeder weiß, was ein ‚Moshpit‘ ist). Wie den meisten bekannt sein sollte, kann beim Moshen oder auch einfach im adrenalingeladenen Treiben vor der Bühne der ein oder andere blaue Fleck entstehen, mit etwas Pech auch größere Unfälle. Aber dahinter steht niemals die Absicht, jemanden ernsthaft und wissentlich zu verletzen. Wer das tut, betreibt sogenanntes Crowd-Killing. Wer sich jetzt an dieser Stelle denkt: Ach, das würde doch niemand tun! – weit gefehlt. In bester Chuck-Norris-Manier entschied sich ein Crowd-Killer (deren summierter IQ pro Konzert per Naturgesetz unter Raumtemperatur liegt) dazu, Emily mit seinen Stahlkappen-Stiefeln einen Tritt ins Gesicht zu verpassen. Ohne Ankündigung, ohne Grund. Einfach so. Die Konsequenz – neben den offensichtlichen Schmerzen – waren ein vierfach zertrümmerter Kiefer sowie Hirnblutungen. Anstatt Hilfe zu leisten, suchte der besagte Crowd-Killer schnellstens das Weite und ist bisher auch (leider) noch nicht identifiziert worden. Nach sechs Tagen auf der Intensivstation kann Emily immer noch kaum sprechen; geschweige denn feste Nahrung zu sich nehmen.

An dieser Stelle möchte ich nicht Crowd-killend die Moralkeule schwingen und jeden verteufeln, der mit harten Bandagen in den Moshpit geht. Auch möchte ich nicht zu einer Hetzjagd auf Crowd-Killer aufrufen, wie ich es bereits in einigen Blogs gelesen habe. Ich möchte an euch appellieren (ja, DU bist gemeint), euch zu erinnern, aus welchen Gründen ihr Konzerte besucht und was euch die Musik gibt. Denn ich glaube nicht, dass sie euch Hass gibt. Hass lässt mich nicht 30€ für ein Ticket einer aus Australien eingeflogenen Underground-Band bezahlen, die in einem Kellerclub 200km entfernt von meiner Wohnung spielt. Hass lässt mich nicht jedes Wort mitschreien, bis meine Kehle trocken und blutig ist. Hass trägt nicht die Crowdsurfer über mir und Hass hilft auch nicht denen auf, die hinfallen. Hass vereint nicht, Hass trennt. Es ist etwas anderes, das verbindet. Aber darüber dürft ihr selbst nachdenken.

Eigentlich wollte ich in diesem Artikel viel wütender sein, viel ungebremster. Ich wollte den Typen verteufeln, der dafür verantwortlich ist, dass ein Mädchen im Krankenhaus liegt und vermutlich Jahre mit ihrer Verletzung zu kämpfen hat. Ich wollte sagen „Ich hab’s euch ja gesagt“ und mit dem Finger auf die zeigen, die mich selbst bei der ein oder anderen Show schon sauer haben aufstoßen lassen. Aber das ist nicht, worum es hier gehen soll; Nicht um rechthaberische Selbstzufriedenheit. Es geht um Zusammenhalt, um ein gemeinsames Gefühl. Und um mein Unverständnis gegenüber denen, die es absichtlich zerstören wollen. Ob ihr es zugeben wollt oder nicht: Letztendlich geht es allen um mehr als Musik, um mehr als die bloße Abfolge von Tönen, die euch gefällt.

Emilys Statement im Krankenhaus:

“When you go to a show where there will be moshing and you wear steel toe boots, your intentions are to hurt someone. When you swing kick your feet in your steel boots you're trying to hurt someone. When you hit someone in the face then you see her unconscious and you run off to not get caught. You're something else, I really don't have the words for what you are.”

“Wenn du zu einer Show gehst, auf der gemosht wird und du trägst Stahlkappen-Stiefel, dann ist es deine Absicht, jemanden zu verletzen. Wenn du in deinen Stahl-Stiefeln um dich trittst, dann versuchst du, jemanden zu verletzen. Wenn du jemanden damit im Gesicht triffst und du siehst, wie er bewusstlos wird und du rennst weg um nicht erwischt zu werden; dann bist du etwas anderes, und ich habe nicht die Worte für das was du bist."

Bildcredits: Emily Jane Hofmann


WERBUNG: Hard
WERBUNG: Rockhouse Bar