U.D.O. - Udo Dirkschneider

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Mich fragen oft Leute, wie man im tiefsten Sibirien touren kann. Ich sehe darin aber kein Problem, die Organisation klappt hervorragend, das Equipment ist teilweise sogar besser als in manchen Clubs im Westen.

Nicht Jürgens, nicht Lindenberg, ein Dirkschneider muss es sein. Anlässlich des bereits elften U.D.O.-Albums "Mastercutor", welches am 18. Mai erscheint, plauderte ich mit dem Chef persönlich und stellte einige interessante Dinge fest: Warum Udo privat auch BILLY TALENT hört, warum es leider kein Live-Dokument der (letzten?) ACCEPT-Tour geben wird und warum U.D.O. im eisigen Sibirien wärmstens empfangen werden. Lest selbst.

Veröffentlicht am 15.04.2007

Stefan: Hallo Udo, wie geht’s?

Udo: Mir geht’s gut, hervorragend, danke.

Stefan: Ich hab ja schon kurz ins neue Album reinhören können und frag mich: Wer oder was ist der „Mastercutor"?

Udo: Der „Mastercutor“ ist ein mutierter Showmaster, der seine Perversionen in irgendwelchen abgedrehten Game- und Realityshows auslebt.

Stefan: Ist der auf die falsche Bahn geraten?

Udo: Nein. Wenn man das Video nicht gesehen hat, ist das etwas schwierig zu erklären. Der „Mastercutor“ ist in einem Experiment entstanden und dann zu der Fratze mutiert, die man am Cover sieht und ist ein wenig irre geworden. Er bricht dann aus der Klinik aus und findet seine Plattform als Showmaster, um seine Perversionen in Game-Shows zu ausleben zu können.

Stefan: Legst du Wert darauf, dass sich die Hörer mit den doch immer auch kritischen Texten auseinandersetzen?

Udo: Kritische Texte gab’s bei uns schon immer. Ein Beispiel vom aktuellen ist z.B. „One Lone Voice“ wo es darum geht, dass eine Stimme nicht genügt, um gegen die ganze Umweltzerstörung anzukämpfen. Oder der Song „The Wrong Side Of Midnight“, der sich mit der Idee auseinandersetzt, zu altem Wissen z.B. von Merlin, Pandora, oder den Zeichen in den alten Pyramiden zurückzukehren. Diese Dinge kann man immer von zwei Seiten betrachten, wovon eine Interpretation der Sache dem Bösen die Chance gibt.

Stefan: Schreibst du die Texte dann mehr für dich, oder freut es dich, wenn sich das Publikum auch mit ihnen befasst und dich damit konfrontiert?

Udo: Naja, es gibt ja so das Gerücht, Heavy-Fans seien doof, was aber gar nicht stimmt. Sie setzen sich sehr wohl mit den Texten auseinander und gehen ein Album nicht nur mit der Einstellung „Ey, geile Mucke“ an. Ich versuche schon immer, Themen anzuschneiden, ohne aber einen auf Lehrmeister zu machen. Texte sollten Anstöße sein, über die man nachdenkt.
Wenn ich die mit dem Stefan (Kaufmann, git.) schreibe, dann finden die Thematiken ja auch tatsächlich statt und sind nicht an den Haaren herbeigezogen. Man braucht sich ja nur zwei Tage vor den Fernseher zu setzen und hat schon genügend Ideen für ein ganzes Album.

Stefan: Wie geht ihr generell beim Songwriting mit all eurer Erfahrung vor? Entstehen Songs im Proberaum, oder fokussiert sich der Prozess eher auf eine Person?

Udo: Wir haben das seit dem Jahr 2000 umgedreht. Früher haben wir zuerst die Musik gehabt, dann wurden die Texte geschrieben und dann daraus die Gesangsmelodien entwickelt. Dann sind wir draufgekommen, dass es für uns wesentlich besser ist, zuerst die Texte zu schreiben. Die sind dann zu 80 % fertig, da stehen die Hooklines, also die Titel, die sich aber natürlich noch verändern können. Dann machen wir ein Brainstorming, da fang ich schon an Melodien zu singen und Stefan oder Igor (Gianola, Git.; Anm. d. V.) sind mit der Gitarre dabei. Dieser Prozess wird mit ganz einfachen Mitteln aufgenommen, dass man ja nichts vergisst. Dann wird alles gesammelt und am Schluss aussortiert. Da sagen wir: Diese Melodie könnte zu dem Text passen. Und bei diesen Ideen, die manchmal nur 20 Sekunden lang sind, sortiert man dann aus, wobei da schon mal die Hälfte wegfällt. Dann bleiben meistens so 20 Ideen übrig, wies bei „Mastercutor“ war. Von den 20 haben wir dann direkt wieder 3-4 Ideen entfernt. Mit dem Rest wird dann im Studio richtig zu arbeiten begonnen.

Stefan: Gibt’s eigentlich Stücke, wo ihr sagt: Da erkennt uns ja keiner als U.D.O., das Stück schmeißen wir wieder raus! ?

Udo: Wir machen eigentlich keine Nummern, wo uns die Fans nicht erkennen würden. Dennoch ist es auch beim aktuellen Album vorgekommen, dass zwei Stücke, die schon relativ weit waren, wieder von der Platte gekickt worden sind. Die konnten - einfach gesagt – gegen die anderen Nummern nicht anstinken. Wenn du Songs wegschmeißt, dann war auch was krumm an der Sache. Gott sei Dank ist es bei uns nicht so, dass wir Songs draufpacken müssen, nur um ein Album zu füllen (lacht).

Stefan: Wie viel Platz für Experimente ist auf euren Platten - sowohl instrumental, als auch gesanglich?

Udo: Wir haben nach langer Zeit unseren Live-Sound-Mann mit ins Boot gezogen und auch unser Studio wurde komplett „digitalisiert“. Da Stefan Kaufmann der komplette analog-Freak ist, brauchte er auch wen, der ihn in diese Sache einführt. Bei der „Thunderball“ und der „Mission No. X“ haben wir so ein wenig auf Sicherheit gebaut. Zwar gute Songs, aber halt keine Experimente. Der Gesamtsound wird weiterhin U.D.O. bleiben, aber wir wollen jetzt ein wenig moderner klingen. Zu dem Sound-Mann hab’ ich dann gesagt: Wie klingen U.D.O. eigentlich vorne?. Daraufhin hat er begonnen, am Sound rumzudrehen, das Resultat ist der „Mastercutor“. Und ich glaube, mit dem Album und dem stark veränderten Gitarren- und Schlagzeugsound haben wir uns ganz gut in die neue Zeit gebracht. Bei „Master Of Disaster“ existiert gar kein Gitarrensolo, sondern ein Synth-Solo. Wenn ich die ganze Sache mit dem Stefan alleine gemacht hätte, wäre manches sicher nicht so geworden.

Stefan: Verfolgst du persönlich auch neuere Bands im Metal- und Rock-Sektor?

Udo: Hmm, wenn ich zu Hause bin, hab’ ich meistens das Radio an. Ich höre nicht den ganzen Tag Heavy Metal – das sollte man auch nicht tun. Aber ich habe einen 13-jährigen Sohn, der auch in Richtung Metal/Punk Rock tendiert. Daher höre ich pausenlos neue Sachen. Ich bin dann schon informiert. Was mir aber ein wenig peinlich ist, ist, dass ich mir die komplizierten und langen Namen der Bands nicht merken kann (lacht). Ich frag dann meinen Sohn immer, wer das eben war und so. BILLY TALENT beeindrucken mich momentan sehr, die hab’ ich mir auch live angeguckt.

Stefan: Fühlst du dich auch anderen Musikstilen verbunden?

Udo: Ich hör vieles. Von Klassik über PHIL COLLINS, TINA TURNER, QUEEN usw. Auch im Popbereich gibt es z.B. Produktionen, die mich interessieren. Von Schubladendenken halte ich sehr wenig. Vor allem als Musiker sollte man nicht mit Scheuklappen durch die Gegend laufen.

Stefan: Ich war kürzlich auf eurer Homepage und hab’ Fotos von Shows in Russland gesehen, wo ihr in wirklich großen Hallen vor zigtausend Leuten spielt. Was macht dieses Publikum so begeisterungsfähig?

Udo: Unsere erste Russland-Tour war vor neun Jahren. Damals war das ein großer Aha-Effekt, wie in anderen osteuropäischen Ländern auch. Der ist zwar teilweise schon wieder verflogen, aber es ist noch immer interessant, durch den ehemaligen Ostblock zu touren. Diesmal gehen wir das erste Mal auch nach Rumänien.

Und ich habe das Gefühl, dass das Ganze dort noch mehr ein Ereignis ist. In Moskau und St. Petersburg ist die Situation aber schon sehr ähnlich wie bei uns in Westeuropa. Man bekommt viel zu sehen und auch die Promoter kriegen sich in die Haare. Eine andere Sache sind Touren hinter dem Ural. Das ist manchmal wie eine Zeitreise und sehr spannend.

Stefan: Sind solche Touren denn rentabel?

Udo: Oh ja. Mich fragen oft Leute, wie man im tiefsten Sibirien touren kann. Ich sehe darin aber kein Problem, die Organisation klappt hervorragend, das Equipment ist teilweise sogar besser als in manchen Clubs im Westen. Die nächste Tour ist die sechste in Russland und das klappt alles hervorragend.

Stefan: Wird man nach so vielen Alben und Touren nicht auch mal müde? Die Abstände zwischen den Alben sind ja nicht sehr groß bei euch.

Udo: (lacht) Ja, wir sind eine fleißige Band. Mir macht das aber immer noch Spaß. Vor allem wenn dann ein neues Album herauskommt und man gespannt ist, wie es ankommt. Auch bei der Listening-Session jetzt in Hamburg war ich noch aufgeregt. Ich formuliere das in einem Satz: Wenn mir die ganze Sache keinen Spaß mehr machen würde, würde ich aufhören.

Oft fragen mich auch Leute: Was sind deine Wünsche, wo willst du noch hin? Aber beweisen muss ich nach 30 Jahren im Musikzirkus nichts mehr. Dennoch kann ich noch nicht abschließen, irgendwas fehlt noch, was ich noch nicht erlebt habe. Da gibt es schon noch so ein paar Sachen, die ich mit U.D.O., als Musiker in Angriff nehmen möchte.

Stefan: Wird’s so ein Song-Voting, wie für die letzte Tour, auch wieder geben?

Udo: Ja, aber nicht mehr für alle Songs, sondern nur für Songs vom aktuellen Album.

Stefan: Das heißt, dass theoretisch alle Songs von „Mastercutor“ auch live funktionieren?

Udo: Im Prinzip ist das das erste Mal, und das ist kein Scheiss, was ich dir hier sage, dass ich am Liebsten das ganze Album am Stück durchspielen möchte. Leider wird das nicht gehen, aber wir werden vielleicht wieder einen Song-Block variieren.

Stefan: Eine ACCEPT-Frage habe ich nur. Nach eurer Sommer-Tour war großes Rätselraten um ein Live-Dokument. Wird es so was geben?

Udo: Leider nicht. Eigentlich sollte ja das ganze Wacken-Konzert aufgenommen werden. Wurde es ja auch, aber nach der Sichtung des Materials stand fest, dass das nichts werden würde. Ohne jetzt jemandem die Schuld zu geben, aber einen Tag vor dem Konzert zu sagen, lass uns mal auf das Knöpfchen drücken, reicht nicht aus. Man hätte sich einfach früher damit beschäftigen müssen. Ist leider schade.

Stefan: Zum Schluss eine erheiternde Geschichte. Ich habe vor ca. zwei Jahren in einem Nachtbus in Wien einen Mann getroffen. Mit dem bin ich wegen meinem RUNNING WILD-Pulli ins Gespräch gekommen und er hat dann irgendwann mal gesagt, er sei dein Schwager, wenn ich mich recht erinnere, und er habe früher auch in einer Band gesungen, die im Fahrwasser von ACCEPT geschwommen ist. Kann das sein?

Udo: Mein Schwager?? Das glaub ich nicht. Mein Bruder hat früher Musik gemacht und auch gesungen ja, das könnte sein.

Stefan: Naja, egal. Danke für das Interview und schönen Abend noch!

Udo: Danke, tschüss!


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