PARADISE LOST - Greg MacIntosh

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Wir haben alles aufs wesentliche reduziert um zu sehen, was die Essenz von PARADISE LOST anno 2012 ist.

Manche Bands sind trotz einiger Orientirungslosigkeiten in der Vergangenheit einfach nicht tot zu kriegen. Kann sich jemand eien Welt ohne PARADISE LOST vorstellen? Eben, ich auch nicht. Und Band-Capo Greg MacIntosh scheinbar auch nicht. In einem Telefonat spätnachts referiert er entspannt über das neue, ziemlich starke Album "Tragic Idol", aber wir landen irgendwie auch immer wieder in der Vergangenheit. Eine kleine Bestandsaufnahme zum Status Quo einer der wichtigsten Bands der Gegenwart.

Veröffentlicht am 16.04.2012

Greg, ich finde das neue Album geht ein wenig in die "Icon"/"Shades Of God"-Ecke, und im gleichen Moment führt es das "Faith Divides Us..."-Album logisch fort. Siehst du das auch so?

Also, wenn das so ist, ist es nicht geplant, das passiert einfach so. Wenn wir neues Material für eine Platte schreiben, denken wir nicht daran, was wir davor gemacht haben, wir denken an das, was wir im hier und jetzt machen wollen. Wenn man sich zu sehr auf seine alten Platten konzentriert, dann kommt man zu sehr ins Grübeln. Einige Songs haben sicher einen "Icon"-Anstrich. Was bei "Tragic Idol" passiert ist, ist denke ich, dass wir eine Menge Melodie in die Songs gepackt haben. Als wir die Songs geschrieben haben, waren wir gerade auf der "Draconian Times"-Anniversary Tour. Und ich denke, dass das auch Auswirkungen auf "Tragic Idol" hatte. Man kann also sagen, die Platte ist sehr in der Gegenwart und bedient sich manchmal Elemente älterer Scheiben wie "Icon".

Also war es eher "Draconian Times", das auf die neuen Songs abgefärbt hat...

Naja, unser Songwriting und die Fertigkeit an den Instrumenten hat sich über die Jahre kontinuierlich verändert. "Draconian Times" ist eigentlich viel zu aufpoliert, zu perfekt, als das ich es als Referenz heranziehen würde.

Für mich sind beispielsweise Songs wie "Theories From Another World" oder "In This We Dwell" eure härtesten seit ... nun, zumindest seit einer langen Zeit.

Ja, ich sehe was du meinst. Wir sind eine Band, also sind wir eine Art Demokratie. Wenn es nur nach mir gegangen wäre, hätte ich ein Album nur mit solch harten Songs abgeliefert. Und wenn mal wer von den anderen daherkommt mit Riffs, die den Song an sich auffetten, dann freut mich das natürlich.

Glaubst du, dass das VALLENFYRE-Album irgendwo Auswirkungen auf "Tragic Idol" hatte?

Gute Frage. Ich denke, dass es schon irgendwo Einfluss hatte, aber nicht bezüglich der Härte, eher im Gegenteil. Als ich mit dem VALLENFYRE-Material fertig war, ging's eigentlich nahtlos an die neuen PARADISE LOST-Songs. Und ich hatte dadurch eine sehr genaue Vorstellung was in der Musik von uns etwas zu suchen hat und was nicht. Und das Resultat war dann eben: mehr Melodie auf "Tragic Idol", weil die bei VALLENFYRE ein wenig zu kurz kam.

Also die klassische "Back to Basics"-Geschichte?

Ja, so in der Art. Wir haben alles aufs wesentliche reduziert um zu sehen, was die Essenz von PARADISE LOST anno 2012 ist.

Denkst du, "Tragic Idol" hätte anders geklungen, wenn du vorher nicht die VALLENFYRE-Scheibe gemacht hättest...?

Ich denke schon. Ich denke es wäre weniger melodiös ausgefallen, und vielleicht noch viel zorniger, aber nicht im positiven Sinne. Ich hatte ja vorher noch nie irgendein Side-Project am Laufen. Und das Alles kam zu einem sehr guten Zeitpunkt, um zu differenzieren, was für die Musik von PARADISE LOST gut ist und was nicht.

Wenn du schon von Zorn redest...ich denke, Nick's Vocals sind bei weitem die besten, die er jemals eingesungen hat, und sie klingen sehr zornig, fast schon resignierend.

Nun, weißt du, Nick geht an jeden Song anders heran, er sieht sich genau an, was wo hinpassen könnte. Und manche Songs haben es einfach verlangt, wie du sagst, "zornig" zu singen, mit sehr viel Leidenschaft den Ärger in die Welt zu schreien. Andere Songs wiederum verlangten mehr nach diesem Gothic-Style, wo alles etwas melancholischer klingt. Es ist immer angenehm, Licht und Schatten in den Songs zu haben, und nicht alles im Niveau von "Theories From Another World" runterzocken zu müssen.

Klar, die Mischung macht's aus. Zum Song "Honesty In Death" habt ihr ein Video gedreht. Ich hab jetzt die Message dahinter nicht ganz verstanden, vielleicht kannst du mir ein wenig drüber verraten...?

Nun, es geht im Prinzip um Reue. Ein Mann bereut Dinge, die er in der Vergangenheit getan hat, die bis in seine Gegenwart hineinspielen. Das Kind dient dabei eher Symbolisch als Selbstreflexion. Persönlich denke ich, dass es das beste Video ist, das wir je gemacht haben (klar... d.Verf.). Ich mag Videos, die Emotionen wecken, egal was der Inhalt genau sein mag. Das passiert hier denke ich, und es passt stimmig zum Song.

Ihr selber habt ja nur einen klitzekleinen Cameo-Auftritt, wo man schon ganz genau hingucken muss um euch zu erkennen ...

Ja, das ist natürlich ironisch angehaucht. Wir wollten einfach keine Performance machen, wo wir mit unseren Instrumenten zu Playback posen. Ganz wollten wir aber nun auch nicht verschwinden, also lief es auf diesen kurzen Auftritt hinaus. Und, egal, ob man das Video oder den Song nun mag oder nicht - es ruft Emotionen hervor. Es ist einfach nicht das klassische Metal-Video, das man vielleicht erwartet.

Und das ist gut so, denn von denen gibt's ja schon mehr als genug.

Naja, aber solche Videos will die breite Metal-Masse eben sehen, haha! Obwohl ja viele Metal-Bands mit ihren Videos auch zum Nachdenken anregen und die Aussage eine andere ist als reines Gepose.

PARADISE LOST waren ja auch nie eine Band, die für ein Video großartig herumposen musste....

Eben, und wir wollen unsere Message rüberbringen und nicht das produzieren, was man vielleicht von uns als Metal-Band erwartet.

Vor einigen Jahren hast du mal darüber gesprochen, dass du der Idee, das ganze "Draconian Times" Album als Live-Set zu spielen, nicht sehr viel abgewinnen kannst. Nun kam kürzlich sogar eine DVD mit eben dieser Show raus. Du hast da offenbar deine Meinung geändert, warum genau?

Tja, genau gesagt hab ich meine Meinung nach der ersten "Draconian"-Show geändert. Ich komme ja aus einem sehr traditionellen Rock/Punk-Umfeld und war immer sehr gegen so Zeug wie Autogramme schreiben müssen oder Videos drehen und so, wahrscheinlich hab ich das seit meiner Jugend mitgeschleppt. Nach dieser ersten Show habe ich mit einem Typen aus dem Publikum geplaudert, und der war so happy an diesem Abend, strahlte vor Freude. Einfach nur, weil er sich so lange gewünscht hatte, dieses Album mal komplett live erleben zu können. Als es 1995 rauskam, war er noch zu jung um sich die Tour anzusehen. Und plötzlich machte das irgendwie Sinn. Ich dachte: hey, es geht hier ja nicht nur um mich, sondern es geht um die Leute, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Das klingt ein wenig schwammig, ich weiß, aber es macht Sinn. Und deswegen machten wir auch nur diese paar Shows und keine große Tour, denn das hätte es irgendwie als Kommerz rüberkommen lassen.
Es hat bei mir eben sehr lange gedauert, um die Relevanz von "Draconian Times" zu erfassen.

Also hast du es im Nachhinein auch keinesfalls bereut, das Ganze auf DVD rauszubringen...

Nein, nein. Es war das richte Album zur richtigen Zeit für uns damals. Und es ragt in unserem Schaffen denke ich immer noch heraus.

Wenn wir schon in der Vergangenheit wühlen...danach kamen ja eure alternativ angehauchten Alben wie "Host" oder "One Second", die damals vielen Kritikern und Fans sauer aufstießen. Waren diese Platten im Nachhinein in ihrer Form wichtig für das damalige Überleben der Band?

Also ich denke schon, ja. Jedes unserer Alben hatte zu seiner Zeit seine absolute Berechtigung. Wir hatten nicht den Willen und die Energie, ein zweites "Draconian Times" zu machen. Um unser Interesse an der Sache zu bewahren, mussten wir einfach etwas anderes ausprobieren. Weißt du, so etwas kann schnell sehr langweilig werden. Es ist eine Sache, Metal zu hören oder zu spielen. Aber vier Jahre nahezu ohne Days-Off - wir haben "Icon" und "Draconian Times" ja unmittelbar hintereinander eingespielt bzw. betourt - da waren wir einfach schon so gelangweilt von uns selbst, dass wir einfach was anderes machen mussten!

Und das taten wir auch, in erster Linie für unser eigenes Seelenheil, daher haben wir auch damit leben können, dadurch einige Fans zu verlieren. Ich könnte heute nicht mit dir drüber plaudern, geschweige denn eine Platte wie "Tragic Idol" einspielen, wenn wir damals nicht dieses Zeug gemacht hätten.

Glaubst du dass ihr mit euren letzten, sagen wir, drei Alben inklusive dem neuen ein paar Fans, die ihr damals vergrault habt, zurück gewinnen konntet?

Das hängt davon ab. Viele von ihnen haben zwischenzeitlich vielleicht überhaupt das Interesse am Metal verloren. Musik ist ja nicht alles im Leben. Was ich mir wünsche ist, dass Menschen, die damals "Icon" geil fanden vielleicht auch das gleiche beim neuen Album empfinden. Aber das wird man erst in einiger Zeit wirklich sagen können. Ich möchte da ja niemandes Perspektive beeinflussen. Ich weiß, dass wir ein starkes Album am Start haben, auf dem jeder Song seine absolute Berechtigung hat. Und das ist ein gutes Gefühl nach all den Jahren. Und vielleicht wird es einige Leute überraschen, die uns schon länger verfolgen.

Also ich selber bin mit quasi "Gothic" und "Shades Of God" großgeworden, und finde "Tragic Idol" wirklich stark. Es hat irgendwie so diese alten "Vibes" von euch drin...

Weißt du, das freut mich echt zu hören, denn die kommenden Wochen, bis das Album auf den Markt kommt, sind für mich die schwersten. Wir können uns momentan ja nur auf die Meinung von Journalisten wie eben dir stützen.

Gibt's denn ein Album in eurer Karriere, das du heute so gar nicht mehr anhören kannst und - rückwirkend gesehen - vielleicht besser nicht gemacht hättest?

Ich denke, es passiert nichts ohne Grund, und jedes einzelne Album ist dafür verantwortlich dass ich heute hier mit dir reden kann. Aber "Believe In Nothing" etwa - es hat zwar einige tolle Songs drauf, aber das Gesamtprodukt war für uns zu sehr Kompromiss, und die gesamte Band war damals nicht zu hundert Prozent happy mit dem Resultat. Die Lehre die ich daraus gezogen habe ist: keine Kompromisse mehr. Und "Lost Paradise", unser allererstes Output, würde ich, so ich könnte, vom Sound her vielleicht eher wie unser zweites Demo klingen lassen.

Was denkst du über das Remastern alter Alben? Ist des für dich akzeptabel, oder ist es besser, den alten Originalsound zu bewahren, auch wenn er nicht immer das Gelbe vom Ei ist?

Das hängt von den Originalbändern ab und vor allem davon, wer sie remastert. Das einzige Album, bei dem wir da groß Mitsprache hatten, war eben "Draconian Times" vor kurzem. Und es macht da echt etwas aus, der Drumsound ist besser, und der Gesamtsound hat mehr Biss. Remastering von einer digitalen Kopie halte ich allerdings immer für ein wenig zweifelhaft, und wir sind halt nicht mehr im Besitz all unserer Originaltapes. Es ist ein zweischneidiges Schwert, denn Platten sind zu ihrer jeweiligen Zeit ja auch deswegen modern, weil sie diesen bestimmten Sound haben. "Draconian Times" etwa war zu dieser Zeit das richtige Album, die Frage ist, wäre es genauso populär, wenn es heute erscheinen würde? Das weiß eben keiner so genau.

Haha, ich denke wir sind beide in wenig "old-fashioned", was das Thema betrifft ...

Ja, da hast du wohl recht! Und außerdem mach ich mir über solche Sachen manchmal zu viele Gedanken, haha.

"Lost Paradise" habe ich noch auf Platte, und ich mag den Sound eben deswegen, weil's eine Platte ist. Vielleicht ist der Sound nicht cool auf CD, aber auf Vinyl ist er völlig in Ordnung.

Da stimme ich dir zu. Der Mastering-Prozess beim Vinyl ist ja ein völlig anderer als bei der CD. Vinyl zu mastern und zu re-mastern ist sehr kompliziert.

Also lieber die Sachen so lassen wie sie sind...?

Glaub mir, wenn alles in meiner Entscheidungsgewalt stünde, dann würde ich das, ja.

"Tragic Idol" ist übrigens euer dreizehntes Album. Abergläubisch?

Haha, also ich selber bin sicherlich nicht abergläubisch. Vielleicht fragst du mich morgen nochmal, wenn ich nicht vorher in einen Bus laufe, haha....


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