SCORNAGE - Guido Grawe

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Wenn wir irgendwann mal stagnieren sollten oder die Leute sich lachend umdrehen und fragen: was machen die alten Männer da auf der Bühne? könnte das unsere Motivation vielleicht untergraben.

Die rheinischen Thrasher SCORNAGE geistern bereits seit über zehn Jahren durch den Underground. Mit ihrem bärenstarken vierten Album "reFEARance" und dem Wechsel zu Massacre Records schaffen die fünf Freunde nun hoffendlich auch den längstverdienten Durchbruch auf internationaler Ebene. Sänger Guido Grawe konferierte mit mir über KREATOR, Kirche und den Fluch und Segen der neuen Medien

Veröffentlicht am 16.10.2012

Tut mir leid wenn ich mich gleich so einschleime, aber "reFEARance" ist für mich eines der besten Death/Thrash-Alben der letzten Zeit und steht bei mir zur Zeit wesentlich höher in der Gunst als die letzte KREATOR - die zwar fein ist, aber halt KREATOR-mäßig vorhersehbar.

Nee, darfst ruhig schleimen! Wir freuen uns natürlich sehr darüber, dass die Scheibe so gut gefällt. Und Recht hast du: die letzte Kreator ist ebenfalls sehr fein geworden.

Der KREATOR-Vergleich soll nicht täuschen - ich sehe euch durchaus als eigenständige Band, die schön langsam auch ganz spezifisch klingt. Von "Wiedererkennungswert" möchte ich derweil aber noch nicht reden ...

Wobei der Vergleich mit KREATOR durchaus annehmbar ist, und uns natürlich auch ehrt. Die sind ja nicht irgendwer. Und was den Wiedererkennungswert angeht: ich denke wir werden das Genre des Thrash/Death nicht neu definieren, aber die typischen Trademarks des Genres, so gut es uns möglich ist, umsetzen.

Was genau denkst du macht euren Sound und die Chemie in der Band aus ?

Unser Sound ist sehr direkt, “in your face“ quasi. Wir verzichten auf Schnörkel und kommen schnell zum Punkt. Da wir alle schon eine Weile zusammen Musik machen, wissen wir was zu uns passt und wie wir es umsetzen müssen bzw. können, damit es gut klingt. In den seltensten Fällen kommt es dabei zu größeren Reibereien während des Songwritings. Außerdem sind wir auch außerhalb des Bandgeschehens gut miteinander befreundet, das hilft natürlich ungemein was die Chemie innerhalb der Band angeht.

Ihr werdet ja als "Old School Thrash" angepriesen, ich finde aber dass ihr einen nicht unwesentlichen Death-Anteil drinnen habt. Siehst du das auch so?

Unsere Wurzeln liegen ganz klar im „Old School Thrash“. Als unser niederländischer Gitarrist Tom Bronneberg 2007/2008 zu uns kam, brachte er den Death Metal-Einfluss in die Band, weil seine musikalischen Präferenzen eher in diese Richtung gehen. Darüber hinaus habe ich die Bandbreite meiner Stimme stetig erweitert und arbeite inzwischen mehr mit Growls, was den Death Metal-Anteil natürlich noch steigert. Auf der nächsten Platte probiere ich dann vielleicht wieder etwas neues aus, mal sehen.

Worum geht es in den Texten (die du ja zur Gänze schreibst)? Ich denke es geht um Angst in ihren verschiedenen Auswüchsen...

Die Hälfte der Texte auf „reaFEARance“ drehen sich um meine persönliche Befindlichkeit während der letzten knapp drei Jahre. Ich hatte emotional eine harte Zeit, was ich in den Texten zum Ausdruck gebracht habe. Insofern beschäftigen sie sich schon mit Ängsten. Die andere Hälfte bezieht sich eher auf „globale“ Ängste und Gegebenheiten. „We Bury Our Dead Alive“ beispielsweise, thematisiert mein Unverständnis darüber, dass wir Soldaten in einen, meiner Meinung nach, sinnlosen Krieg schicken, den die Herrschaften im Weißen Haus zu Washington der Welt auferlegt haben.

In "Holy Rape" geht es denke ich um Religion und Konsorten - wie stehst du dazu? Bist du religiös?

„Holy Rape“ entstand zu einer Zeit als in Deutschland immer deutlicher wurde, dass unschuldige Kinder in kirchlichen Einrichtungen missbraucht worden sind. Und das über Jahrzehnte! Und die in Seide gehüllten Würdenträger unternahmen nichts dagegen, sondern stellten sich, ganz im Gegenteil, auch noch vor die Verbrecher! Ein untragbarer Zustand.
Ich persönlich finde Religion zum Kotzen. Wenn man bedenkt, wie viel Leid Religion in den letzten Jahrhunderten über die Menschheit gebracht hat, dann kommt man ins Grübeln, ob das alles so richtig ist. Dabei ist es egal, ob wir über das Christentum, den Islam oder sonst wen sprechen. Ich zitiere an dieser Stelle gerne mal sinngemäß den deutschen Kabarettisten Hagen Rether: Die meisten Religionen sind nichts weiter als ein feuchter Männertraum.

Ihr habt diesmal mit Andy Classen (LEGION OF THE DAMNED, DISBELIEF, HOLY MOSES...) aufgenommen. Was war der Unterschied zu den vorhergehenden drei Langspielplatten - bei den Aufnahmen und im Endresultat?

Die Aufnahmen waren diesmal fast wie arbeiten! Der Andy ist extrem professionell und holt auch noch das letzte aus jedem Musiker heraus, damit das Ergebnis stimmt. Und genau dieses akribische Arbeiten hört man dem Endresultat auch an, da stimmt in meinen Augen alles. Die anderen Scheiben waren im Rahmen unseres Budgets natürlich auch gut, aber den letzten Kick hat uns der Herr Classen verpasst.

Würdet ihr euch eher als Festival- oder als Club-Band sehen? Was spielt ihr denn lieber? Oder nimmt man was so kommt?

Wir spielen alles! Aber Spaß beiseite: ich persönlich spiele beides gerne. Im Club hat man natürlich eine viel engere Atmosphäre und die Leute sind zum Großteil für uns gekommen, das heißt man hat es tendenziell einfacher, das Publikum zu packen. Auf Festivals spielen in der Regel jede Menge Bands und man ist eine von vielen. Das macht natürlich die Herausforderung spannender, auch die Leute zu überzeugen, die eigentlich nur auf die Band nach uns warten.

Für drei Songs vom neuen Album habt ihr auch Videos gemacht. Rein für YouTube oder gehen die auch sonst wo "on air" ?

Die Clips zu „Face The Blade“ und „We Bury Our Dead Alive“ sind ja quasi „home-made“ und deswegen eher als reine Promo anzusehen. Gerade an diesem Wochenende sind die Dreharbeiten zum Video für „Fury“ beendet worden. Unser erster professioneller Clip.
Der wird natürlich auch erst mal bei den einschlägigen Videoplattformen im Internet zu sehen sein. Verbunden mit der Hoffnung, dass wir mit dem Clip eine noch größere Anzahl an Leuten für uns begeistern können. Wir haben eventuell aber auch noch andere Pläne mit dem Clip, aber das steht noch nicht fest. Wir müssen jetzt erst mal warten, bis die Post-Production abgeschlossen ist, hoffen aber, dass das Ding im November on air gehen kann.


Glaubst du, dass trotz YouTube das Medium Video noch zeitgemäß ist für eine Band? Ich meine im Zeitalter der Musik-DVD mit Dolby Surround und wo doch auf den ganzen "Musik"-Sendern ohnehin nur noch Werbungen für Klingelton-Abos laufen ...

Wenn ich überlege, wie viel Zeit ich bei YouTube und Konsorten verschwende, dann auf jeden Fall, hahaha. Ich habe über YouTube tatsächlich schon interessante Bands für mich entdeckt, auf die ich ansonsten vielleicht nicht gestoßen wäre. Und die sogenannten Musiksender haben doch eigentlich immer schon eher den Mainstream bedient, insofern waren sie für Underground- Bands, bis auf wenige Ausnahmen, eh uninteressant. Und: was hast du eigentlich gegen die Klingeltöne? Was wäre die Welt ohne den „Crazy Frog“? Hahaha!

Und was hältst du von neuen Medien a la YouTube, iTunes oder Facebook - einerseits als privater Nutzer, andererseits als Musiker, der seine Produkte bewerben und an den Mann bringen möchte...?

YouTube kann durchaus als Sprungbrett fungieren. Facebook ist für uns als Band eine schöne Plattform, um aktuelle Informationen direkt an unsere Fans und Freunde weiterzugeben. Insofern ist das eine feine Sache. Privat nutze ich Facebook hauptsächlich, um Leute zu beleidigen und/oder Quatsch zu erzählen, hehehe.

Warum eigentlich der Wechsel von Remedy Records zu Massacre ?

Wir hatten eine schöne Zeit bei Remedy, haben uns aber nach zwei Platten in gegenseitigem Einverständnis getrennt. Wie sich das bei funktionierenden Beziehungen eben gehört. Mit Massacre sind wir jetzt einen Schritt weiter gegangen, weil wir uns erhoffen mit diesem größeren Label im Rücken noch bekannter zu werden, und bis jetzt klappt das auch gut.

Gibt es in eurer Heimatstadt Aachen eigentlich eine gute Metal-Szene...?

Definiere „gut“! Hahaha... In Aachen existiert eine überschaubare Anzahl an Leuten, die Metal hören. Als ausgeschriebene Studentenstadt ist man natürlich immer einer hohen Fluktuation unterworfen. Sprich: es gibt starke Metal-Jahrgänge innerhalb der Studentenschaft und weniger starke.

Ihr seid alle jenseits der Dreißig. Was hält euch als Band am Laufen und womit motiviert ihr euch ?

Wer sagt denn, dass wir noch motiviert sind? Und nein…ich bin Anfang 20. Hehehe. Nee hast schon Recht. Wie schon erwähnt sind wir auch privat alle gut befreundet, was der Band unheimlich zu Gute kommt, dazu kommt die regionale Nähe untereinander. Wir leben alle in einem Umkreis von 50 Kilometern, was das regelmäßige Proben erleichtert. SCORNAGE existiert nun seit knapp 15 Jahren. Und solange wir sehen, dass wir immer Schritt für Schritt vorankommen, motiviert uns das genug. Wenn wir irgendwann mal stagnieren sollten oder die Leute sich lachend umdrehen und sich fragen: was machen die alten Männer da auf der Bühne? …dann könnte das unsere Motivation vielleicht untergraben. Andererseits denken wir dann vielleicht auch: jetzt erst recht! Ihr werdet uns also so schnell nicht los .

Kennst du unsere schnuckelige STORMBRINGER-Seite? Was hältst du davon und was möchtest du den Lesern mit auf den Weg geben?

Da ich gerne im Internet stöbere, kenn ich natürlich auch Stormbringer! Finde eure Seite sehr gelungen und informativ. Und für eure Leser: es muss viel mehr SCORNAGE gehört werden!!! Hahahaha...

Und wie sieht's dann mal aus mit einem Gastspiel in Österreich ?

Wir sind zu jeder Schandtat bereit!


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