KOLDBRANN - Kvass & Mannevond

Artikel-Bild

Wir haben uns immer einen Dreck um Schubladen und Kategorisierungen geschert. Egal ob das jetzt True Norwegian Black Metal oder was anderes ist.

Nach fast siebenjähriger Abwesenheit haben sich die norwegischen Schwarzheimer KOLDBRANN mit dem dritten Studioalbum "Vertigo" tatkräftig zurückgemeldet. Stormbringer.at erklärten Gitarrist Kvass und Sänger Mannevond, warum man den Stil wechselte, wie viele Gaststars auf dem Album zu hören sind und warum die norwegische BM-Szene noch lange nicht tot ist.

Veröffentlicht am 01.03.2013

Jungs, zwischen eurem letzten Album "Moribund" und der aktuellen Scheibe "Vertigo" sind fast sieben Jahre ins Land gezogen. Was habt ihr in dieser Zeit denn getrieben?

Kvass: Zwischen 2006 und 2009 waren wir wohl aktiver als du glaubst. Wir haben in dieser Zeit so einige Touren gehabt und außerdem das Minialbum “Stigma – På Kant Med Livet” und die 7” Single “Russian Vodka” herausgebracht. Danach haben sich leider einige Spannungen innerhalb der Band aufgetan, woraufhin wir einige Line-Up-Wechsel hatten und die Band eine Zeit lang auf Eis legten. Nachdem wir mit Voidar (git) und Folkedal (dr) zwei neue Mitglieder begrüßen konnten, haben wir quasi wieder vom Start weg neu mit dem kreativen Prozess begonnen. Wir waren müde, die immergleichen Sachen zu spielen und haben beschlossen, unseren Stil etwas zu verändern und neue musikalische Gebiete zu erforschen. Wir haben das gesamte Jahr 2010 und auch Teile des Jahres 2011 damit verbracht Songs zu schreiben - der Aufnahmeprozess hat dann insgesamt bis Ende 2012 gedauert. Danach haben wir ein paar Monate gebraucht, bis wir den Plattenvertrag mit Season Of Mist in trockene Tücher bringen konnten. Bis zum Release von "Vertigo" war verdammt viel Papierkram zu erledigen. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, gibt es das Album schon in jedem vernünftigen Handel und das fühlt sich sehr gut an.

"Vertigo" ist ja wesentlich progressiver ausgefallen, nicht mehr so derbe Black-Metal-lastig wie eure alten Alben. Warum denn eigentlich dieser Gesinnungswandel?

Kvass: Wir haben diese Stiländerung nicht bewusst vollzogen. In meinen Augen klingt "Vertigo" noch immer sehr stark nach KOLDBRANN, ich kann aber verstehen, dass die Leute während unserer langen Abwesenheit erst einmal befremdlich auf das Material reagieren. Wir haben unsere Ziele im Vergleich zu früher aber natürlich um einige Facetten erweitert. Das liegt zum einen daran, dass wir als Musiker allesamt gewachsen sind und zum anderen eben am Einfluss unserer zwei neuen Bandmitglieder. Wir wissen schon selbst was wir mögen und gut für uns ist. Wir haben uns immer einen Dreck um Schubladen und Kategorisierungen geschert. Egal ob das jetzt "True Norwegian Black Metal" oder was anderes ist.
Die offensichtlichste Innovation auf "Vertigo" ist sicher, dass wir bei gewissen Songs analoge Synthesizer verwendet haben. Wir hatten einfach das Gefühl, ein paar Extraschichten Atmosphäre zu benötigen und haben dann unseren guten Freund Fredrik Frøislie (ANGST SKVADRON, IN LIGUA MORTUA) gebeten, das Keyboard zu bedienen. Wir reden hier keinesfalls von Gothic-Elementen, sondern einfach nur von traditionellen, guten alten 70er-Jahre Synthesizern, die zusätzlich für klaustrophobische und psychedelische Effekte sorgen.

Nachdem ihr also seit 2010 an dem Album gearbeitet habt - warum hat es trotzdem so lange bis zur Veröffentlichung gedauert?

Kvass: Meiner Ansicht nach sind drei Jahre eine durchaus legitime Zeit, um ein Vollblut-Album mit durchgehenden Killer-Songs zu veröffentlichen. Üblicherweise muss man ja zuerst mal die Ideen entwickeln und wachsen lassen, was immer eine sehr persönliche Phase mit sich zieht, bei der man in seiner Umgebung immer nach möglichst vielen Inspirationsquellen sucht und beginnt, ein paar Riffs und Licks zu kreieren. Dann kommt die Phase, wo die restliche Band deine Ideen weiterentwickelt, bis sich eine Art "übergreifendes Thema" oder eine "Ideologie" für das Album ergibt. Dann kommt noch die Aufnahmephase und der Marketingprozess, der ja auch schon mal einige Monate andauern kann.

Die Lyrics auf "Vertigo" sind auf Norwegisch gehalten oder? Worin siehst du da die Vorteile zur englischen Sprache?

Kvass: Das stimmt nicht - die Aufteilung zwischen Norwegisch und Englisch ist etwa Halb/Halb, außerdem gibt es auch Spuren von Russisch zu entdecken. Die Aufteilung der Sprachen verlief eher willkürlich, da wir 14 Songs verfasst haben, die großteils auf Norwegisch gesungen wurden. Nachdem wir im Endeffekt die acht Songs für das Album ausgewählt haben, haben wir eben diese 50/50-Lösung gefunden. Es gibt Vor- und Nachteile, wenn du Norwegisch als Sprache verwendest. Auf Norwegisch zu texten ist im Direktvergleich viel schwieriger, weil der Pool an Wörtern und Möglichkeiten einfach kleiner ist. Auf der anderen Seite ist es leichter, Wörter zu kombinieren oder erfinden - außerdem finde ich die norwegische Sprache wesentlich kraftvoller. Natürlich ist das für Leute, die unsere Sprache nicht sprechen ein bisschen unglücklich, aber während wir hier das Interview machen, stellen wir auch die englischen Texte dazu auf unsere Homepage.

Beim Albumtitel musste ich erstmal an den legendären Film von Alfred Hitchcock denken. Hat es damit zu tun und liegt ein bestimmtes Konzept dahinter?

Kvass: Weder das eine, noch das andere, obwohl der Film natürlich großartig ist. Der Albumtitel entspringt dem Song "Introvertigo", der eine sehr klaustrophobische und düstere Stimmung versprüht. Im Laufe der Arbeit am Album hat sich "Vertigo" einfach als perfekter Titel herausgestellt, da er die ganzen Songs auf dem Album am besten zusammenfasst.
Vertigo an sich ist das Gefühl wenn du glaubst, die Welt dreht sich in einer unkontrollierbaren Art und Weise. Für uns spiegelt das Wort die unsichtbare Kraft der Welt wieder, die dich nach unten drückt und schwächt. Das kann in der heutigen Gesellschaft durch viele Formen repräsentiert sein - zum Beispiel durch totalitäre Regime, bedrückende Gedankenkonstrukte oder die ewige Präsenz der Angst vor dem Tod. Die Lyrics spielen mit diesen Themen und wie sie dein Gehirn beeinflussen. Songs wie “Totalt Sjelelig Bankerott” und “Stolichnaya Smert” sind sehr nihilistisch. "Goat Lodge" und "Phantom Kosmonaut" drehen sich darum, den Alltag zu verlassen und Plätze extremer Einsamkeit zu suchen. "Introvertigo" und "Inertia Corridors" sind sehr düster und pessimistisch geraten. Wir haben wirklich sehr viel Arbeit darin reingesteckt, dass die Texte auch wirklich zu den Stimmungen der Songs passen.

"Inertia Corridors" beispielsweise ist ein für KOLDBRANN völlig untypischer Song und erinnert mich vielmehr an WATAIN, ENSLAVED oder SUMMONING. Auch die Black'n'Roll-Elemente sind bei euch stark gestiegen. Hast du keine Angst, einige der älteren Fans zu verlieren?

Kvass: Wenn wir Songs schreiben, achten wir niemals darauf, was Fans oder Publikum denken könnten. Da geht es schlichtweg darum, die bestmöglichen Songs zu schreiben, ohne uns selbst zu limitieren. Bei diesem Album wollten wir eben die charakterlichen Züge unserer neuen Bandmitglieder austesten, wollten sehen, wie sie unsere Musik formen können. "Inertia Corridors" hat unser Drummer Folkedal geschrieben. Er kommt aus der progressiven Ecke, insofern war es für ihn also natürlich, diese Art von Song zu schreiben. Als er ihn uns präsentierte wussten wir sofort, dass er auf jeden Fall auf das Album muss, weil er einfach zu gut war. Wie auch immer - ich glaube nicht, dass ihn die von dir genannten Bands inspiriert haben, sondern eher KING CRIMSON oder TOOL.
Um ehrlich zu sein weiß ich auch nicht wirklich, was ich mit "Black'n'Roll" anfangen soll, da diese Bezeichnung irgendwie nicht zu meinem Vokabular gehört. Wir haben die Mid-Tempo-Parts ausgeweitet und noch eine kräftige Dosis Groove dazugelegt. Auch das ist per se nichts Neues, weil Groove immer schon ein wichtiger Bestandteil der Band war.
Grundsätzlich ist es schwer vorherzusagen, wie die alten Fans die neue Scheibe aufnehmen werden. Alles was du tun kannst, ist das Beste und möglichst Richtige zu machen und dazu zu stehen. Es ist natürlich nett, wenn der Fan sich beim Hören in die selbe Emotion wie ich versetzen kann, aber darauf kann ich wirklich keine Rücksicht nehmen, wie ich bis spät in die Nacht hinein mit Stift und Gitarre an neuen Songs tüftle.

Mannevond, dich kann man getrost als Workaholic bezeichnen. Du warst bei URGEHAL und ENDSTILLE am Start, jetzt bist du auch noch bei DJEVEL und NETTLE CARRIER integriert. Live grölst du noch dazu bei ENTHRAL. Wie lässt sich das alles verbinden und worauf liegt denn dein Fokus?

Mannevond: KOLDBRANN ist und wird immer meine Hauptband bleiben. Das war auch der Hauptgrund, warum ich URGEHAL 2011 verlassen habe. Bei DJEVEL und NETTLE CARRIER spiele ich keine so wichtige Rolle. Dort bin ich nur für den Bass und ein paar Vocals zuständig, kümmere mich aber nicht um den Songwritingprozess. Dafür sind T. Ciekals und Dirge Rep verantwortlich.
Am meisten Zeit kostet ohnehin das Livespielen und Proben und beides mache ich weder mit DJEVEL, noch mit NETTLE CARRIER - außer mit einer Ausnahme: Dem Bunker Festival in Oslo. Somit kriegt KOLDBRANN also die meiste Aufmerksamkeit von mir.

Auf "Vertigo" sind ja so einige Gäste zu hören. Wen aller habt ihr da integriert und wie haben sich die Kooperationen ergeben?

Mannevond: Richtig, wir sind sehr glücklich, dass einige unsere besten Freunde sich entschieden haben, bei dem Projekt mitzumachen. Sie alle wurden wegen ihrer einzigartigen Fähigkeiten und Verbindungen zu unseren Songs von uns gefragt und haben schlussendlich eine wichtige Rolle für das Spielerische und Kreative am Album gespielt.
Am Wichtigsten war der schon zuvor erwähnte Lars Fredrik Frøislie, der bei den Songs "Introvertigo", "Phantom Kosmonaut" und "Inertia Corridors" für alle Synthesizer, Keyboards und Vintage-Klänge verantwortlich ist.
Kim Sølve aka Blitzkrieg Baby hat die drei Industrial/Ambient-Interludes aufgenommen. Er ist auch die eine Hälfte von Trine & Kim, die uns das Artwork gemacht haben.
Die Guest Vocals auf "Totalt Sjelelig Bankerott" hat Erlend Hjelvik von KVELERTAK übernommen.
Das Gitarrensolo auf "Drammen" stammt von Destructhor (MYRKSKOG, MORBID ANGEL).
Gitarrensolo und Guest Vocals auf "Stolichnaya Smert" sind von Sergeant Salsten und Bowel Ripper von DEATHHAMMER. Die Trumpete spielt übrigens Renton Of Death (ex-URGEHAL, TROLLFEST) und zu guter Letzt ist für die unheilige Todesstimme auf "Goat Lodge" S. Northgrove von BEASTCRAFT und VULTURE LORD zuständig gewesen.

Norwegischer Black Metal. Gibt es in Norwegen noch eine Szene dafür? Die Bands dort werden oft harsch kritisiert, da Combos aus Frankreich oder den USA euch in punkto Kreativität und Einfallsreichtum teilweise schon überholt haben.

Mannevond: Black Metal in Norwegen ist lebendig und gesund. In letzter Zeit wurde sehr viel Augenmerk auf die sogenannte "Nidrosian-Scene" gelegt, die einige interessante Acts hervorgebracht hat. Aber wenn du mich persönlich fragst, freue ich mich eher auf das neue MYSTICUM-Album, so es jemals fertiggestellt wird. Nicht zu vergessen natürlich auch das abschließende URGEHAL-Werk.

Werdet ihr "Vertigo" auch mit einer anständigen Tour promoten, die euch eventuell auch in österreichische Lande führt?

Mannevond: Wir können es kaum erwarten, wieder auf die Bühnen zu steigen, unser neues Material zu spielen und die Action dazu zu sehen. Wir sind für einige Festivalshows gebucht, unter anderem das Hellfest und Under The Black Sun, und arbeiten auch an einer Tour. Mal sehen. Wir waren seit der Tour mit TAAKE 2007 nicht mehr in Österreich, also wird es verdammt noch mal wirklich Zeit, wiederzukommen!

Willst du noch ein paar berühmte letzte Worte hinterlassen?

Mannevond: Danke für das Interview. Seid sicher, dass ihr euch eine Kopie von "Vertigo" krallt und stalkt uns ruhig regelmäßig auf unserer Facebook-Seite.


WERBUNG: Hard
ANZEIGE