Leprous - Tor Oddmund Suhrke

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Es geht darum den besten Song zu schreiben - nicht wer welchen Credit abstaubt.

Die norwegischen Prog-Metal-Künstler LEPROUS waren mit "Bilateral" die Durchstarter 2011. Gitarrist und Bandgründer Tor Oddmund Suhrke verrät im ausführlichen Gespräch mit Stormbringer.at, warum man beim neuen Album "Coal" nicht viel Druck verspürte, weshalb coole Riffs nicht inspirierend wirken und warum es in Graz die besten Tapas des Landes gibt.

Veröffentlicht am 15.05.2013

Tor, zwei Jahre nach dem sensationell starken Album "Bilateral" biegt ihr jetzt mit "Coal" um die Ecke. Wie viel Druck habt ihr beim Songwriting-Prozess verspürt, nach dem der Vorgänger ja allerorts über den grünen Klee gelobt wurde?

Nun ja, der Druck während des Songschreibens für "Coal" hatte jedenfalls nichts mit "Bilateral" zu tun, weil wir niemals ein abgeschlossenes Album als Startpunkt für das nächste sehen. Natürlich schätzen wir das großartige Feedback, das wir für "Bilateral" bekommen haben sehr, aber bei "Coal" haben wir wieder auf weißen Zetteln zu schreiben begonnen und wollten eine Verbindung aus etwas Neuem und bereits von uns Veröffentlichtem abliefern. Ich kann dir gar nicht wirklich beschreiben, welche Energie durch uns geflossen ist, als wir das Produkt schließlich zu Ende gebracht haben. Durch diese Energie konnten wir uns von all dem Druck rund um uns herum befreien.
Wir haben uns für "Coal" erstmals selbst eine Deadline gesetzt und wollten mit dem Material jedenfalls bis Sommer 2012 fertig sein. Da wir erst im Februar damit begonnen haben, hatten wir bei Weitem nicht so viel Zeit für unsere Vorgängeralben. Wir haben im Vorfeld auch nicht gewusst, wie sich dieser Stress auf unser Songwriting auswirken wird, aber es hat sich dann herausgestellt, dass dieser Zeitdruck uns spezielle Kräfte verlieh und das Material wesentlich direkter und ehrlicher ausfallen ließ. Wir haben auch mehr Zeit damit verbracht, die Grundideen für jeden Song besser aufzuziehen. Wir haben uns mehr auf die fundamentalen Themen konzentriert und nicht mehr für jeden einzelnen Song alle Ideen in einen komplexen Mix verwandelt.

Mit dem Erfolg von "Bilateral" konnte ja wirklich niemand rechnen. Wart ihr da nicht selbst überrascht davon?

Es ist gibt einen großen Unterschied wie ich einen Song sehe und wie er schlussendlich auf das Publikum wirkt. Es hat sehr viel Spaß gemacht, all die guten Kritiken über "Bilateral" zu lesen und es war schwierig zu realisieren, in welchem Ausmaß das Album so stark auf die Hörer gewirkt hat. Wir sind natürlich sehr dankbar und auch sehr stolz darauf, so viele Leute mit unserer eigenen Musik berührt zu haben, aber nachdem wir schon immer unseren eigenen Songs vertraut haben, wäre es etwas untertrieben zu behaupten, wir wären überrascht. Wir nehmen diesen Erfolg natürlich nicht als selbstverständlich hin und sind schon sehr gespannt, wie denn die Reaktionen auf "Coal" ausfallen werden.

"Coal" klingt für mich wesentlich dunkler, aber auch entspannter als "Bilateral". Was waren für euch die wichtigsten Schritte beim Songwriting, um das neue Album vom Vorgänger abzugrenzen?

Wir haben bei "Coal" dasselbe wie immer gemacht - wir haben einfach die für uns richtige Musik zum richtigen Zeitpunkt geschrieben. Nachdem das "Bilateral"-Material schon etwa zwei Jahre auf den Buckel hatte war es klar, dass wir uns natürlich auch selbst verändert haben. Nachdem wir uns bereits erwähnten Zeitdruck ausgesetzt haben, mussten wir ich bei den Entscheidungsprozessen wesentlich effizienter sein. Auch das hat sich auf "Coal" abgefärbt. Das meinte ich auch mit "frischer" und "ehrlicher" - wir hatten nicht die Zeit, die neuen Songs vorher live auszutesten.

Steckt hinter den Songs auf "Coal" etwa auch ein Konzept? Mit welchen Themen habt ihr euch dieses Mal befasst?

"Coal" ist ein Konzeptalbum, das jedes Lied mit dem nächsten verlinkt, aber die musikalischen, als auch textlichen Emotionen korrelieren miteinander. Bis auf "The Cloak", dass von unserem Sänger Einar geschrieben wurde, stammen die Lyrics alle von mir und die dort enthaltene Stimmung könnte das Album etwas dunkler färben, wie du ja vorher gemeint hast. Der Albumtitel bezieht sich direkt auf die Lyrics im Song "Coal". Es geht darum, dass es in vielen Lebenssituationen nicht notwendigerweise darum geht, was du bekommst und wie du dich dadurch entwickelst, sondern es geht eher darum, wie du deine Ressource einsetzt, um an dein Ziel zu kommen. Diese Metapher ist die Verbindung zwischen Kohle und Diamanten. Beide bestehen aus Karbon und sind einfach nur in verschiedenen Wegen zusammengesetzt worden.

Da passt ja auch das starke Cover-Artwork von Jeff Jordan dazu. Was wird damit symbolisiert?

Danke dir - ich finde auch, dass das Cover wirklich großartig ausgefallen ist. Das Motiv entstand durch Ideen, die Jeff und auch wir in der Band vermischt haben und es zeigt einen Diamanten-Totenschädel in einem Haufen Kohle. Diese Illustrierung soll eben die Zusammensetzung der verschiedenen Materiale visualisieren. Was du in den Schädel, dem die Juwelen aus dem Mund kullern, reininterpretierst, ist ganz deine Sache. Auch ich habe meine Variante.

Ich finde auch, dass die Songs auf "Coal" nicht mehr so heavy wie auf "Bilateral" ausgefallen sind. Es wirkt fast so, als wolltet ihr diverse Metal-Anleihen zu Gunsten des Prog-Rock zurückschrauben. Warum denn eigentlich?

Ich kann mich zwar nicht erinnern, dass wir uns aktiv dafür entschieden hätten, den Härtegrad zurückzuschrauben, aber es kann gut sein, dass es weniger harte Tracks auf "Coal" zu entdecken gibt. Wir haben schon vor den Aufnahmen darüber gesprochen, dass wir dieses Mal stärker auf die Stimmung weniger auf musikalische Stile achten wollten. Wir wollten uns aus sämtlichen Zwängen befreien und als wir die neuen Songs arrangierten haben wir beschlossen, die Songs quasi solange selbst leben zu lassen, bis wir damit auch zufrieden waren. Schließlich hat auch jeder in der Band aktiv mitgearbeitet.

Mein persönlicher Favorit ist "Contaminate Me", weil ihr dort so unwiderstehlich Heavy-Riffs mit Prog-Elementen verknüpft. Seid ihr mit dem Ergebnis im Nachhinein zufrieden, oder würdet ihr schon noch gerne am Album herumschrauben?

"Contaminate Me" ist derzeit auch meiner absoluten Favoriten, vor allem das Ende des Songs steckt voller Emotionen. Im Momenten würde ich nichts am Album verändernt, wohlwissend, dass es unmöglich ist, ein zu 100 Prozent zufriedenstellendes Ergebnis zu bekommen, weil man halt immer noch etwas besser machen kann. Wir haben mittlerweile gelernt, dass das Ausprobieren unendlicher Varianten, Riffs und Licks keinen besseren Song ergeben, sondern nur unsere experimentellen Fähigkeiten befriedigt. Auch das war ein Mitgrund für die straffere Deadline. Wir geben uns aber die Möglichkeit, mit den Songs live alles Mögliche anstellen zu dürfen. Das bedeutet nicht, dass wir sie bis zur Unkenntlichkeit verändern werden, aber wenn die Ideen auf der Bühne sprießen sollten, werden wir sie nicht ignorieren.

Wer ist denn für das Songwriting bei euch verantwortlich und wie schwierig ist es, so lange und komplexte Songs zu schreiben?

Wir sind alle wichtige Bausteine, weil jeder am Arrangement der Songs beteiligt ist. Jeder hat auch die Erlaubnis, eine bereits vorhandene Grundidee aufzupeppen. In der Realität arbeitet jeder zuhause an seinen Ideen, welche dann beim Proben vorgestellt werden. Dort entscheidet sich auch, ob man mit einer Idee weiterarbeitet oder eben nicht. "Coal" ist auch das erste Album, an dem wirklich jeder in der Band wichtige Parts begeisteuert hat, obwohl Einar schon der Hauptsongwriter ist. Es gibt bei da bei uns einen total objektiven Weg und es geht uns auch darum, den bestmöglichen Song zu schreiben und nicht darauf zu schauen, wer welchen Credit abstauben kann. Was Länge und Komplexität anbelangt, fällt das bei unseren Songs einfach natürlich. Wenn sich ein 3-Minuten-Song gut anfühlt, werden wir ihn nicht sinnlos ausbauen - dasselbe gilt aber auch auf umgekehrtem Wege. Vielleicht liegt es daran, dass eben fünf Leute an einem Song basteln aber prinzipiell finde ich, dass es wesentlich leichter ist, lange Songs zu schreiben, als kurz und prägnant zu bleiben.

Ihr seid allesamt schon länger die Live-Band für die norwegische Metal-Legende IHSAHN. Inwieweit beeinflusst er euch selbst und warum war auf "Coal" kein Gastbeitrag für ihn drin?

Unsere Beziehung zu Ihsahn dauert wirklich schon lange an, etwa seit 2001, wo auch LEPROUS gegründet wurden. Ihsahn und seine Frau Heidi waren die wichtigsten Faktoren für eine ganze Welle an Bands aus unserer Heimatstadt Notodden - viele Bands sind noch immer aktiv. Sie haben uns von Beginn an geholfen und waren mehr oder weniger direkt an all unseren Veröffentlichungen beteiligt. Gitarrist Øystein und ich hatten ihn auch als privaten Gitarrenlehrer, als wir vor etwa zehn Jahren das Gitarrespielen erlernten. Nachdem wir vier, fünf Jahre lang seine Songs gespielt hatten, hat uns das natürlich auch selbst stark inspiriert. Ich würde aber trotzdem keine direkte Linie zwischen seinen und den LEPROUS-Songs erkennen. Bei "Coal" war er bei den Aufnahmen der Drums und der Gitarren beteiligt. Auf "Contaminate Me" hörst du auch kurz seine Stimme - außerdem war er bei manchen Songs am Back-Growling beteiligt.

Bleibt da immer noch Zeit, mit Ihsahn zu touren? Ich denke, dass das durch euren Erfolg etwas schwierig geworden ist.

Ich denke schon, dass sich die Kooperationen zwischen LEPROUS und IHSAHN etwas weiter entfernen. Es wäre gelogen, würden wir nach den Erfolg der letzten Jahre nicht zunehmend Probleme kriegen, alles unter einen Hut zu bringen. Für 2013 haben wir einen perfekten Weg gefunden, beide Tätigkeiten zu verbinden, da wir meist bei den gleichen Festivals auftreten, was alles wesentlich erleichtert. Für den Rest des Jahres wollen wir möglichst viel als seine Band spielen - dann werden wir weitersehen.

Welche Schritte werden LEPROUS jetzt beschreiten? In welche Richtung wird sich die Band entwickeln und plant ihr schon das nächste Material?

Niemand weiß, welche Richtung die Band einschlagen wird, zumal wir seit dem Fertigstellen des Albums auch nichts Neues gemacht haben, aber wir werden auf jeden Fall weiter musizieren und als Band wachsen. Wir wollen auch weiterhin verstärkt unseren Ideen nachgehen und auch in Zukunft weit mehr auf Emotionen in Songs setzen, anstatt einfach coole Riffs aneinander zu reihen und dadurch die Inspiration zu verlieren. Wir wollen auf jeden Fall die Tradition beibehalten, alle zwei Jahre neues Material zu publizieren, also könnt ihr mit einem Album 2015 rechnen. Jetzt geht es vorwiegend darum, "Coal" zu promoten und möglichst viele Shows zu spielen.

Im Herbst werdet ihr das Album auch auf einer großen Tour präsentieren. Welche Erwartungen steckt ihr in die Gigs?

Ich freue mich irrsinnig auf die Shows, vor allem auf die Tour zwischen September und November, wo wir endlich Zeit haben, die neuen Songs standesgemäß vorzustellen. Wir hoffen natürlich, dass unsere Fans nach den letzten Touren noch immer hungrig sind und das die Zeit ähnlich lustig wird, wie zuletzt. Die Menge an Besuchern ist entscheidend, wenn es um die Größe weiterer Touren in der Zukunft geht, also hoffen wir natürlich auf wirklich großen Support.

Am 18. Oktober seid ihr auch im Wiener Replugged zu Gast - ich habe euch vor etwa zwei Jahren im Grazer Explosiv gesehen. Was blieb dir von Österreich noch in Erinnerung?

Als Supportband für THERION und AMORPHIS haben wir schon viermal in Österreich gespielt, aber im Replugged werden wir erstmals als Headliner auftreten. Wir hatten hier auch einige Day-Offs, die wir zum Erkunden dieser wunderschönen Stadt genutzt haben. Ich kann mich auch erinnern, dass wir in Graz nach der Show in einem hervorragenden Tapas-Lokal gegessen haben, in Wien landen wir immer bei einem Musikgeschäft in einem Einkaufszentrum nahe einer U-Bahn-Station, um alles was auf Tour so kaputt geht zu ersetzen. (Klangfarbe - Anm. d. Red.)

Dann bleibt ja noch Platz für letzte Worte.

Wir sind wirklich ganz heiß darauf, im Herbst wieder bei euch zu spielen und hoffen stark, dass wir euch alle im Replugged begrüßen dürfen.


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