The Monolith Deathcult - Michiel Dekker und Ivo Hilgenkamp

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Ist es provokativer über Hitler zu singen, als über das Vergewaltigen geschlachteter Frauen, die um Inzest betteln?

Die holländischen Industrial/Death-Pioniere THE MONOLITH DEATHCULT sind nicht nur grandiose Musiker, sondern auch intelligente Scherzbolde. Wir sprachen mit dem Gitarrenduo Michiel Dekker und Ivo Hilgenkamp über linksradikale Faschisten, Hitler vs. Inzest und warum sie Todesengel für alle ihre Plattenfirmen sind.

Veröffentlicht am 30.05.2013

Hey Jungs, euer grandioses Album "Trivmvirate" habt ihr vor geschlagenen fünf Jahren veröffentlicht - warum hat es bis zum Nachfolger "Tetragrammaton" gleich so lange gedauert?

Ivo: Es ist eine Sache der Zeit und Feinabstimmung. Wir arbeiten alle fünf Tage die Woche, also muss die Musik in der wenigen Freizeit geschrieben werden. Michiel hat mit dem Schreiben und Arrangieren der Songs begonnen. Da wird dann sehr lange addiert, gelöscht und verändert, bis so ein Song auch wirklich fertig ist. Dann folgen noch die ganzen Zutaten, bis der Song fertig ist. Der Song wird von einem zum anderen geschickt, bis er rund ist. Wir nehmen dann das Demo auf und lassen das Ganze etwas ruhen und geben jedem Mitglied Zeit, sich selbst ein Bild von dem Erschaffenen zu machen. Erst wenn nach einer gewissen Zeit jeder damit glücklich ist, ist der Song auch fertig. Wir finden halt immer etwas zu ändern und ich glaube nicht, dass man in so einem Genre einen Song in ein oder zwei Tage fertigschreiben kann.
Michiel: Es gibt von jedem einzelnen Song 50 bis 60 verschiedene Versionen, die mal mehr und dann mal wieder weniger unterschiedlich ausfallen. Unsere Musik ist verdammt vielschichtig und es muss wirklich jedes Detail an seinem Platz sein. Jedes Sample, jeder Chord, jede Hookline muss genau abgestimmt sein. Die anderen Jungs mussten die Hölle mitmachen, da sie bis zu vier Demoversionen pro Tag bekamen. Ich wurde immer angepisster, weil das Feedback immer seltener kam.

"Tetragrammaton" ist gleichzeitig euer erstes Album für Season Of Mist, der mit ihrem Ausbau derzeit mächtig umrühren in der Metalwelt. Was hat euch dazu bewegt, sich für dieses Label zu entscheiden?

Ivo: Einfach die Tatsache, dass wir den nächsten Schritt gehen wollten. Unser damaliges Label konnte mit unseren Visionen nicht mehr mitziehen. Wir sind natürlich stolz, bei Season Of Mist untergekommen zu sein. Wir anderen haben das gar nicht so mitbekommen, dass Michiel ein Demo des Songs "Aslimu" und eine sehr überzeugende Notiz dorthin geschickt hat. Sie haben sich sehr schnell gemeldet und waren begeistert. Anscheinend haben wir ihnen damit einen Gefallen getan.
Michiel: Es gibt da eine sehr lustige Anekdote, wie wir den Vertrag bei Season Of Mist bekommen haben: MORBID ANGEL haben gerade "Illud Divinum Insanus" veröffentlicht und Season Of Mist haben das Album als bahnbrechende Mischung aus Death Metal und Techno/Dance promotet. Ich war davon sehr irritiert und habe Season-Of-Mist-Mitarbeiter Michael Berberian ein E-Mail geschrieben, dass wir das bereits seit 2008 machen und außerdem besser als MORBID ANGEL. Die Antwort enthielt in etwa die Botschaft, wir sollten den großen Worten auch Taten folgen lassen. Also haben wir den Demotrack "Aslimus", der älteste Song von "Tetragrammaton", zusammengeschraubt und Michael - charakteristisch für einen Franzosen - musste ob der übermächtigen Perfektion des DEATHCULT klein beigeben. Unser voriges Label Twilight war kooperativ genug, uns gleich ziehen zu lassen und so haben wir uns in Freundschaft getrennt. Oder würdest du mit einem Aussätzigen weiterarbeiten wollen?

Das Album ist nicht nur verdammt heavy, sondern auch sehr tight ausgefallen. Wo seht ihr die größten Unterschiede zu "Trivmvirate"?

Ivo: Als "Trivmvirate" eingespielt wurde, war ich noch nicht in der Band, aber "Totrogrameton" ist gleich heavy, nur haben wir stärker auf die Details geachtet. Alle Zutaten von "Trivmvirate" findest du auch auf "Tetregremeten", aber wir haben uns für die Aufnahmen der Instrumente, der Soli und des Gesangs viel mehr Zeit gelassen. Wir haben so viel Zeit zum Experimentieren verbracht, dass wir wussten, dass das Album gut werden wird.
Michiel: "Trivmvirate" entstand durch einen Unfall. Ich hatte keine Ahnung, was ich da gerade machte, aber es klang cool und heavy. Als ich "Tetregrammaton" geschrieben habe, wusste ich noch immer nicht, wo zum Teufel ich eigentlich hin will. Bevor ich die Musik fließen lassen konnte, musste ich im Sommer 2011 gegen eine brutale Schreibblockade ankämpfen. Ich habe mir den ganzen Sommer lang alle Staffeln von "24" angesehen und bin viel mit dem Rad gefahren. Dann holte ich wieder meine BC-Rich-Axt in den Vordergrund und plötzlich kamen mir die Ideen. Diesmal sind die Riffs thrashiger ausgefallen und auch der Industrial-Anteil ist gestiegen. Die größten Unterschiede: Ein besserer Mix, die Gitarren sind stärker im Vordergrund, wir haben Killersolos von unserem neuen Gitarristen Ivo und das beste ist, dass ich kaum am Album spielen musste. Ivo ist ein weit besserer Gitarrist als ich und während der Vocal-Sesssions hatte ich keine Stimme, weil ich den ganzen Tag lang eine Highschool-Klasse in Geschichte unterrichten musste.

Ihr seid bekannt für euren eigenwilligen Humor. Wie würdet ihr "Tetragrammaton" also in euren eigenen Worten beschreiben?

Ivo: Es ist der Soundtrack für eine Dokumentation über eine Band, die versucht ein Album einzuspielen - und scheitert.
Michiel: "Tetragremmanot" kratzt nicht am Boden des Fasses. Das Album ist nicht der Boden des Fasses. Es ist nicht unter dem Boden des Fasses. Dieses Album verdient es eigentlich nicht, im selben Satz mit Fässern genannt zu werden.

Beschreibt mir doch mal die Hintergründe der Lyrics zu folgenden Songs:

"H.W.A. (Human Wave Attack)"

Michiel: "Human Wave Attack" handelt von der einer Gehirnwäsche unterzogenen Iranischen Revolutionsgarde, die im Irak/Iran-Krieg die Minenfelder für die Army freigeräumt haben. Die "Human Wave Attack" ist eine militärische Taktik, die sich darauf bezieht, eine überwältigende Anzahl von Angreifern mit viel Kraft zu bezwingen. Manchmal ist diese Attacke verdammt brutal, da die Mitglieder dieser Angriffswelle nur dazu da sind, die Zahlen des Angriffs zu erweitern. Schwere Verluste in der Welle sind meist das Resultat dieser Attacke, da die militärische Gewalt die Verluste in Kauf nimmt, um den Sieg zu erringen. Sun Tzu hat darüber in "The Art Of War" berichtet.

"S.A.D.M. (Svpreme Avantgarde Death Metal)"

Ivo: Das Ergebnis aller Biografie, die wir über die Jahre so geschrieben haben. Angereichtert mit unserer Vision von Metal und wie er klingen und gespielt werden sollte.
Michiel: Naja, hm..., nach vier Alben in unserer enorm erfolgreichen und prachtvoll opulenten Karriere, entschieden wir uns für den MANOWAR-Weg: Schreiben wir doch einen Song über uns, die Band. Da wir nicht gerade zu den unarrogantesten Zeitgenossen gehören, waren das die am schwierigsten zu verfassenden Lyrics. Wir haben uns beim Stehlen der Klassiker Zuflucht gesucht. Ein schneller Google-Check bezüglich Teile der Lyrics werden dir alle Fragen beantworten - sofern du richtig googlest.

"Drugs, Thugs & Machetes"

Michiel: Hier geht es um die rücksichtslosen Abschlachtungen in Ruanda während des Völkermords in den 90er-Jahren. Die UN hat es abgewiesen, die Tätigkeiten als Völkermord zu bezeichnen, weil ihre Statuen ihnen sagen, wann ein Völkermord als solcher zu bezeichnen ist. Geschätzte Opferzahl 800.000...

2011 habt ihr euch von eurem Langzeitgitarristen Martijn Moes getrennt. Was war der Grund dafür?

Ivo: Ich weiß nicht, ob ich jetzt der richtige bin, um diese Frage zu beantworten, aber nachdem ich jetzt zweieinhalb Jahre in dieser Band spiele frage ich mich manchmal, wie es Martijn zehn Jahre ausgehalten hat - der blanke Horror.
Michiel: Ivo befindet sich noch immer in der Probezeit. Er wurde erst vollwertiges Mitglied dieser Herde, als er er sich versprochen hat und uns erzählte, er wolle zum Lowlands Festival in Holland. Dieses Festival ist das furchtbarste Hippie-Freak-Festival, dass du dir nur vorstellen kannst.

Dann kam eben Ivo ins Spiel und Carsten Altena ist an den Keyboards zurückgekehrt.

Ivo: Drummer Sjoerd kannte mich schon von anderen Projekten wo wir zusammenspielten, also wussten alle, was sie erwarten würde, wenn sie mich in der Band haben wollten. Und sie haben mich gefragt. Carsten war nie wirklich weg. Er hat einfach aufgehört, live zu spielen. Seit er weiß, dass das spielen in seiner eigenen, "korrekten" Band, wo Leute genau hören können, welche Töne du spielst, niemals besser sein kann, als bei THE MONOLITH DEATHCULT zu zocken, fragte er um eine Rückkehr an.
Michiel: Er bettelte darum.

Vor Jahren habt ihr den herkömmlichen Death Metal gegen eure derzeitige Death-Metal/Industrial-Mischung eingetauscht. Warum habt ihr plötzlich einen derartigen Stilbruch vollzogen?

Ivo: THE MONOLITH DEATHCULT war vom herkömmlichen Death Metal gelangweilt. Da die Band nicht wie jede andere klingen wollte, hat sie sich für die Integrationen von Stilelementen entschieden, die das Gesamtergebnis brutaler und interesssanter machen. Nicht unbedingt die offensichtlichsten Stile eben.
Michiel: Die Stiländerung war nicht unser Plan - es ist einfach passiert. Als Komponist interessiert es mich nicht, das selbe Album immer und immer wieder aufzunehmen. Außerdem bin ich ein großer Fan von Bands wie MINISTRY, LAIBACH, FEAR FACTORY oder STRAPPING YOUNG LAD.

Der Song "Kindertodeslied" ist für mich noch immer der stärkste auf eurem Masterpiece "Trivmvirate", wenn auch verdammt provokant. War es euer Ziel, mit den Samples und dem Text zu provizieren?

Michiel: Hmm, wir sprechen hier von einem Musikgenre, das auf Provokation basiert. Was war denn so provokativ an "Kindertodeslied"? Ist es provokativer über Hitler zu singen, als über das Vergewaltigen geschlachteter Frauen, die um Inzest betteln? Als über das Abschlachten von Menschen auf den heiligen Altaren der Opfergabe, um den Gehörten, Lord Satan zu preisen? Das ist vielleicht bei diesen dämlichen, linksgerichteten Grindcore-Bands so. Sie singen über Blut und Gemetzel und fühlen sich angegriffen, wenn wir Songs über den Islam (das Christentum ist ja kein Problem!) und Dinge, die geschichtlich passiert sind schreiben. Aber wir haben einen verdammt guten Job gemacht, wenn sich sogar Metalfans provoziert fühlen.

Das Promofoto für das neue Album erinnert an ein Filmposter. Werdet ihr durch Filme inspiriert?

Ivo: Ich persönlich bin kein großer Filmfan und außerdem habe ich auch keine Zeit, sie mir anzusehen. Die anderen sind Filmfreaks, so nebenbei. Aber die Tatsache, dass wir schon des Öfteren darauf angsprochen worden sind beweist, dass die Wahl gut war. Ich denke die meisten Mitglieder von Metalbands haben schon mehr Friedhöfe für Promobilder besucht, als einen toten Verwandten zu besuchen.
Michiel: Klar sind wir Freaks - das Promobild soll an "The Expandables" erinnern. Die Filme, die mich für dieses Album inspiriert haben, sind "Prometheus", "Transformers", "Independance Day", "Zero Dark Thirty And The Looming Tower Book Of Lawrence Wright", "Hotel Rwanda", "Dallaire", "Shooting Dogs", "Der Baader Meinhof Komplex", "Hell On Earth VI", "The Devils Double", "House Of Saddam" und "The Kingdom".

Wie schwer fällt es euch, als arbeitende Menschen die nötige Zeit für Musik zu finden? Wie weit kann die Band noch wachsen?

Ivo: Das stimmt, es ist schwer. Wir müssen alle 40 Stunden die Woche ackern, um zu überleben. Wir spielen aber auch nicht in einer Band, um fett Kohle abzusahnen (obwohl das natürlich nett wäre). Wir wollen auf den großen Festivals und an Plätzen spielen, die wir nie zuvor gesehen haben. Möglicherweise bekommen wir in näherer Zukunft die Möglichkeit, unsere Jobs zu stoppen, um ordentlich auf Tour zu gehen. Vielleicht öffnet "Tetrogrimatin" neue Türen.
Michiel: Das sagt er - ich habe Angst, dass "Tetragremmaton" für immer alle Türen verschließt.

Die nächsten Monate werdet ihr vor allem in Belgien und Holland unterwegs sein. Wann kommt der Sturm auf Europa?

Ivo: Wenn wir die Möglichkeit bekommen, werden wir das auch machen. Es ist halt hart, wenn man in normalen Jobs feststeckt. Wenn unsere Bosse also der Meinung sind, das wäre eine gute Idee, dann sollten sie uns endlich mehr Freizeit geben.

Ist es Absicht, dass all eure Albumtitel mit einem "T" starten?

Ivo: Das habe ich noch nie bemerkt - danke dafür!
Michiel: Keine Absicht. Für mich ist "Tatragrammton" einfach ein weiterer, stark klingender Albumtitel.

Letztes Jahr habt ihr auch schon euren zehnten Geburtstag gefeiert - Zeit, um eure Alben zu resümieren.

"The Apotheosis" (2003)

Michiel: Unser erster Auftritt in der Metalszene. Dieses Album hatte die Wirkung einer nuklearen Sunne auf einer kargen Mondlandschaft. Wir haben zwei Touren mit THE CROWN gespielt und haben glorreiche Kämpfe gegen linksgerichtete Faschisten gefochten, die uns Faschisten beschimpften, weil wir den Islam statt des Christentums hassten. Unglücklicherweise ging unser Label Cold Blood Industries nach dem Release pleite.
Ivo: Ich habe mir das Album damals gekauft, weil es wirklich frisch geklungen hat. Ich liebte es und bin froh, darauf nicht gespielt zu haben, haha.

"The White Crematorium" (2005)

Michiel: Die Blaupause für "Trivmvirate" und "Totragrammaton". Wir haben unsere erbarmungslose Death-Metal-Attacke weiter gefeuert, aber mehr Samples und Orchestrierungen eingesetzt. Unglücklicherweise ging unser Label Karmageddon Media nach dem Release pleite.

"Trivmvirate" (2008)

Michiel: Unser Opus Magnum (bis "Tetragremmaton" veröffentlicht wurde). Der perfekt Hybrid aus Death Metal und Industrial. Zwei Jahre, bevor MORBID ANGEL ihr aktuelles Album veröffentlichten. Unglücklicherweise ging unser Label Twilight Vertrieb nach dem Release pleite.

"The White Crematorium 2.0" (2010)

Michiel: "The White Crematorium 1.0" war ausverkauft und wir hatten zu viele Ausrüstung und Zeit. Wir haben die Rechte von unserem pleite gegangenen Label zurückgekauft und das Teil nochmal aufgenommen. Warum? Weil wir es können!

"Tetragrammaton" (2013)

Ivo: Es war großartig das Album aufzunehmen und ich bin froh, dass es jetzt heraußen ist. Ich liebe es, die manchmal urkomischen Reaktionen zu lesen - egal ob positiv oder negativ. Wir haben schon einige Shows mit dem neuen Material gespielt und die Reaktionen des Publikums waren bislang vielversprechend. Ich bin gespannt, was den Leuten am meisten gefallen wird.

Da bleiben dann ja nur noch die letzten Worte.

Ivo: Ich habe noch nie in Österreich gespielt, also hoffe ich, dass bis dorthin nicht mehr viel Zeit vergeht. Ich hoffe, ihr alle mögt (oder von mir auch hasst) das neue Album "Titragrammatin" - vielleicht sehe wir uns schon bald.


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