U.D.O. - Udo Dirkschneider

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Der Vorteil für die Leute ist, dass sie ,Metal Heart' oder ,Balls To The Wall' in zweifacher Ausführung hören können. Einmal als Cover und einmal im Original.

Udo Dirkschneider ist eine Metal-Legende - no compromise! Für Stormbringer.at nahm sich der ex-ACCEPT-Mucker und U.D.O.-Boss 45 Minuten im verregneten Wien Zeit, um nicht nur über das neue Album "Steelhammer", sondern vor allem über seine Kinder, seine Wahlheimat Ibiza und die wieder aufgeflammte Fehde mit Wolf Hoffmann von ACCEPT zu unterhalten.

Veröffentlicht am 05.06.2013

Udo, „Steelhammer“ ist bereits das 14. Studioalbum deiner Band U.D.O. Im Gegensatz zu anderen Bands scheint es bei dir immer so locker funktionieren, alle paar Jahre wirklich gutes Material aus den Ärmeln zu schütteln. Sprudelst du noch immer so stark vor Ideen?

Was soll ich da sagen? Bis jetzt haben wir da noch nie ein Problem gehabt, mir sind immer wieder Sachen eingefallen. Ich glaube, das ist irgendwie auch Glück. Wenn man so viel herumkommt wie ich, hat man auch immer Ideen für Texte und dergleichen. Ich habe so eine Latte voll mit Hooklines und wenn du dann Nachrichten siehst, fallen dir immer irgendwelche Themen dazu ein. Dieses Album habe ich ja erstmals ohne meinen alten Gitarristen Stefan Kaufmann gemacht. Fitty Wienhold hatte auch andere, zu U.D.O. passende Ideen und dann habe ich ja noch zwei neue Gitarristen. Ich glaube nicht, dass uns in der Zukunft die Ideen ausgehen werden.

Deine beiden alten Gitarristen Stefan Kaufmann und Igor Gianola hast du ja nicht ganz freiwillig verloren.

Stefan mit Sicherheit nicht ganz freiwillig, aber Gesundheit geht vor. Die letzte Tour war schon eine Qual für ihn. Wir haben uns zusammengesetzt und beschlossen, livemäßig aufzuhören. Ich hatte geplant, dass er weiter produziert und wir zusammen Stücke schreiben, er meinte aber, dass er sich erst mal selber sortieren möchte. Die Verbindung ist aber weiterhin und wenn er Ideen für Stücke hat, wird es immer einen Platz bei uns geben. Inwieweit er das für sich umsetzt, weiß ich nicht. Der Ausstieg von Igor war überhaupt nicht geplant. Da muss ich jetzt ein bisschen ausholen. Stefan hat produktionstechnisch ganz anders als ich gearbeitet. Das war mir alles zu fremd mit den ganzen Computern. Ich wollte eine „Face 2 Face“-Produktion machen. Mit Igor trat dann ein altes Problem ganz extrem auf: Ich habe gesagt, dass ich ihn im Studio brauchen würde und er meinte nur, es wäre kein Problem und er könne alle 14 Tage für zwei Tage hochkommen. Dann habe ich ihn gefragt, wie lange denn das Album dauern sollte? (lacht) Ich meinte natürlich vier, fünf Wochen Studio am Stück. Das war für ihn dann nicht machbar, weil er ja noch eine Coverband hat. Ich hatte aber keine Lust auf diese Internetgeschichten und extra Einfliegen lassen und dergleichen. Er hat sich daraufhin nicht bewegt. Wir haben uns dann schon für Andrey Smirnov entschieden, obwohl er nur für eine Audition geplant war. Dann blieb er aber und spielte das ganze Album ein (lacht).

Igor hat sich dann gar nicht mehr bewegt und ich muss ehrlich sagen, dass ich nach 15 Jahren Zusammenarbeit was anderes erwartet habe. Dann herrschte Totenstille und erst als wir mit dem Album fertig waren, meldete er sich und meinte: „Ich weiß, dass war nicht so toll. Aber ich freue mich auf die Tour in Amerika und die Zusammenarbeit mit Andrey“. Ich dachte mir: „Ok, kein Problem“. Dann bekamen wir ein Angebot, bei einem Festival in Ecuador zu spielen und als ich ihm davon berichtete, bekam ich einen Tag später eine E-Mail von ihm, dass er aussteigen würde. Ich habe ihn dann angerufen und er meinte, er hätte sich das doch noch überlegt und es ginge nicht so kurzfristig bei ihm. Er bräuchte die Informationen mindestens zwei, drei Monate im Vorlauf und ich habe ihm dann gesagt, dass das in diesem Business nicht so ganz umzusetzen ist. Er hat dann quasi 15 lange Jahre einfach so in die Tonne gekickt. Lange Rede, kurzer Sinn.

Dann standen wir vor dem Problem, dass wir schnell einen zweiten Gitarristen brauchten. Von den etwa 300 Demos, die wir uns anhören, blieben vier Leute in der engeren Auswahl. Davon war Andrey schon da. Wir hatten aber den ganzen Leuten schon abgesagt und es blieben eben übrig ein Norweger, ein Deutscher und ein Finne. Zwei Mann waren schon anderweitig beschäftigt und Kasperi Heikkingen blieb über. Wir haben ihn angerufen und wir hatten einen zweiten Gitarristen. Manchmal kommen die Dinge eben anders als man denkt. Das soll jetzt nicht verkehrt verstanden werden, aber was ich jetzt mit diesen beiden Gitarristen habe, eröffnet für U.D.O. eine ganz neue Welt.

Wurden die neuen Songs schon von Andrey mitgeschrieben?

Nein, für Andrey war alles neu und als er nach zwei Tagen mal so drinnen war, fragte er ganz vorsichtig, ob er dort vielleicht mal ein Riff verändern könne. Er hat schon noch an den Gitarrenlinien rumgebastelt, aber das habe ich mir auch so gewünscht. Komponiert haben das Album aber Fitty und ich. Eigentlich freue ich mich jetzt schon auf das nächste Album, weil ich schon Sachen von den Jungs gehört habe (lacht). Das wird dann noch viel besser.

Ich finde es interessant, dass deine neuen Gitarristen nicht aus Deutschland oder deiner Wahlheimat Spanien kommen.

Wir sind ja gar keine deutsche Band mehr (lacht). Russe, Finne, Italiener und zwei Deutsche, die in Spanien leben. Wie das alles geht? Es gibt immer einen zentralen Punkt, wo wir proben. Der ist nach wie vor in Deutschland, wo unser ganzes Equipment steht. Von da aus gehen wir auch auf Tour. Es ging aber auch sehr schnell. Kasperi hatten wir genau 14 Tage vor dem Ecuador-Festival und nach drei Tagen hatte er das Set verinnerlicht. Die beiden sind so große U.D.O.-Fans, die wissen mehr über die Band als ich selbst (lacht). Das ist total irre, aber die können alles spielen. Auch Songs, die wir üblicherweise nicht oft spielen – Hut ab.

Ich war vor dem ersten Festival auch ziemlich nervös, weil es doch absolut kaltes Wasser war. Aber es hat funktioniert und mittlerweile, seit der US-Tour, kommt es mir schon so vor, als ob ich mit den Jungs schon seit Jahren auf der Bühne stehe. Ich habe auch junge Leute gesucht, die diese Art von Musik, wie wir sie spielen können. Sie spielen das aber anders und du kriegst damit einen moderneren Touch rein. Unter „modern“ verstehen immer alle einen Lady-Gaga-Sound, aber für mich bedeutet das, wie die heutige Generation klingt. Wir klingen auch nicht komplett anders, aber es ist ein anderes Feeling, frischer Wind. Und das macht viel Spaß.

Das passt ja auch zum derzeitigen Revival des 70er- und 80er-Jahre Metal. Du ziehst ja auch nach wie vor neue junge Leute an. Das muss ja für eine altgediente Band ganz besonders toll sein oder?

Das ist ganz toll. Mir ist schon in den letzten Jahren aufgefallen, wie viel junges Publikum zu unseren Konzerten pilgert. Gerade in den USA. Ich spiele ja auch Songs, da waren die noch alle flüssig (lacht). Die kennen das aber alles, können voll mitsingen und das ist irre zu sehen. Das sagt mir auch, dass diese Musik nie verschwinden wird. Ich erlebe in meinen 40 Jahren im Geschäft immer so ein rauf/runter, rauf/runter.

Vor allem in den 90er-Jahren war es hart für den Metal.

Das war die schlimmste Zeit. Das war wirklich heavy und es haben sich viele Bands in den 90er-Jahren verbogen und das habe ich nie gemacht. Da wollte ich nicht mitschwimmen und das hat sich letztendlich ausgezahlt. Die Bands, die dabeigeblieben sind, ihrem Sound treu geblieben sind, sind auch heute noch dabei. Die haben überlebt (lacht).

In den USA warst du immer recht populär – vor allem natürlich ACCEPT. Davon hast du ja auch etwas gezehrt oder?

Mit U.D.O. war ich zwölf Jahre nicht mehr in Amerika. Bei der Tour jetzt im April wusste ich nicht, welches Backup wir dort hatten. Es kamen dort auch keine Alben von uns raus und dann hat das keinen Sinn, dort rüber zu gehen. Jetzt hat die Plattenfirma aber ein Büro in den USA aufgemacht und wir haben auch ein Management drüben. Die Tour im April war mehr oder minder eine Promotion-Tour mit Liveauftritten. Ich habe dort abartig viele Interviews gegeben. Das hat aber gut funktioniert und damit hatte ich nicht gerechnet. Da wird auch künftig viel passieren und es wird auf jeden Fall eine Wiederholung geben. Gerade im kalifornischen Wiskey-A-Go-Go, wo eigentlich die Musiker-Polizei sitzt, war ich sehr überrascht, was da abging. Es hängt vielleicht ein bisschen mit ACCEPT zusammen, weil wir damals populär waren. Es hört sich blöd an, aber die haben hier doch mehr den Fokus auf U.D.O. gelegt. Ich habe natürlich immer ein paar ACCEPT-Songs im Set, aber es ist nicht so, dass man mit ACCEPT konfrontiert wird.

Bist du nicht manchmal müde, immer noch alte ACCEPT-Klassiker zu spielen?

Nein, das ist für mich kein Problem. Wir machen ja Musik für die Leute und die wollen auch bestimmte Sachen hören. Dank den beiden neuen Gitarristen werden wir natürlich viele Nummern von der „Steelhammer“ spielen und auch viele alte U.D.O.-Songs, die wir früher nicht spielen konnten. Dazu werden wir noch etwa vier ACCEPT-Songs im Programm haben. Das werden die absoluten Klassiker sein und das war’s dann. Es gibt mittlerweile 14 U.D.O.-Alben und ich habe da auch genug Material. Die ACCEPT-Sachen wollen die Leute hören und die werde ich – das ist ja kein Geheimnis – ganz zum Schluss und als Zugabe spielen.

Ich hatte zuletzt schon zwei ACCEPT-Songs in der Setlist und zwar „Screaming For A Love-Bite“ und „Head Over Heels“, was ja eher ungewöhnlich ist und wo die Leute auch gestaunt haben. Waren aber genau die richtigen Nummern und ich habe erst bei der Zugabe „Metal Heart“ und „Balls To The Wall“ ausgepackt. Das hat aber vielen Leuten gefallen. Man will sich natürlich selbst verwirklichen, aber man spielt eben Musik für die Leute. Ich gebe dir ein Beispiel: DEEP PURPLE ohne „Smoke On The Water“ würde niemals funktionieren. Da wartet einfach jeder drauf. So ist das bei uns auch und ich habe auch kein Problem damit. Wenn ein „Balls To The Wall“ nach 30 Jahren noch immer funktioniert, bin ich selbst begeistert. Das ist tatsächlich ein Evergreen.

Vergönnst du ACCEPT den Erfolg, den sie jetzt wieder haben?

Ich sag mal so, das erste Album, „Blood Of The Nations“, war ein sehr starkes Album. Das hätte mich ansonsten aber auch schwer enttäuscht, immerhin hatten sie 15 Jahre Zeit, Songs zu schreiben. Dann sollte man sich wohl ein gutes Album erwarten (lacht). Ich käme da wahrscheinlich mit einem Doppelalbum. Nein, aber es ist wirklich gut geworden. Anfangs war ein großer Hype da, der sich mittlerweile wieder gelegt hat. Das ist wieder alles auf einem normalen Level angekommen. Sie hatten mich ja gefragt, ob ich bei der Reunion mitmachen wolle und ich habe mir mal alles angehört. Ich hatte ja schon eine Reunion hinter mir und ich habe gesagt, dass es schon nach meinen Vorstellungen laufen muss. Und sollten wir uns wieder mal trennen, dann kann ich nicht noch einmal U.D.O. machen. Den Namen ACCEPT hat mir der Hoffmann ja geklaut, das kann man so sagen. Das war so Anfang der 80er-Jahre zu Zeiten von „Breaker“, wo ACCEPT so explodiert sind, da musste man viele Sachen unterschreiben. Dazwischen befand sich so ein bewusster Schrieb, dass der Name ACCEPT auf Wolf Hoffmann übergeht. Das hatte ich in den ganzen Jahren gar nicht so richtig registriert.

Den Rausschmiss hatte er mir damals 1986 mehr und mehr versüßt. Da sind viele Sachen passiert, damit ich ja nicht wach werde und vielleicht einen Anwalt einschalte wegen dem Namen. Ich habe ihm ganz offen gesagt, dass er den Namen geklaut hat und wenn ich eben noch einmal was mit ACCEPT mache, kann ich nicht wieder mit U.D.O. anfangen. Das wollte er nicht, und damit war die Sache erledigt. Ich glaube, ich hätte ansonsten wirklich mitgemacht bei der Reunion, es waren ein paar vernünftige Ansätze da. Ich habe guten Erfolg mit U.D.O. und muss die Band nicht aufgeben. Ich wünschte ihnen viel Spaß und viel Glück und seitdem ist auch wieder Schweigen im Walde. Wir haben keinen Kontakt mehr. Als ACCEPT dann wiederkamen hat Wolf ein paar Sachen losgelassen, die waren wirklich unter der Gürtellinie.

Er hat dann mal behauptet, er hätte wieder Kontakt mit mir aufgenommen und ich sagte nur: „Hallo? Soll ich euch allen einmal die ganze E-Mail-Konversation zeigen bezüglich der Reunion?“ Dann haben sie dort und da etwas Mist gebaut, das Ganze umgedreht und gesagt, Udo wäre ja ganz toll. Ich habe mir das Ganze bewusst lächelnd angeschaut, denn ich habe ja nichts zu verlieren. Das soll nicht arrogant klingen, aber ich habe eine funktionierende Band und das passt. Mit „Blood Of The Nations“ hatten sie den großen Hype und dann kam „Stalingrad“ und da gab es schon die ersten Schwankungen und alles hat sich wieder normalisiert. ACCEPT ist für mich wie MOTÖRHEAD – eben eine Band. Der Vorteil für die Leute ist, dass sie „Metal Heart“ oder „Balls To The Wall“ in zweifacher Ausführung hören können. Einmal als Cover und einmal im Original (lacht). Ist ja nicht böse gemeint, ich mache nur Scherze darüber.

Ist dir selbst bei deinen Konzerten, vor allem im Angesicht zum jüngeren Publikum, bewusst, dass du ein Miterfinder der gesamten Heavy-Metal-Welle warst?

Man hört auf Ausdrücke wie „Erfinder des Heavy Metal“, „Metal-Legende“ oder „Metal-Gott“ – liebe Güte. Einerseits macht mich das natürlich stolz, weil ich sehe, dass ich in diesem Business was geschaffen habe. Auf der anderen Seite bin ich dafür zu wenig Rockstar. Als Mensch versuche ich so normal wie möglich zu bleiben und ich denke, dass mir das immer sehr gut gelungen ist. Manche Leute, die sich um Autogramme anstehen sind oft so nervös, dass ich mir selbst denke: „Um Gottes Willen“. Das ist toll, natürlich, aber ich versuche nicht abzuheben. Ich bin kein Metalgott. Ich sage dann immer: „Komm Junge, ist ja kein Thema. Kannst auch gerne noch ein Foto machen“ (lacht). Dass ich auf dem Boden der Tatsachen bleibe, das merken die Leute auch und das ist mir sehr wichtig. Es gibt Leute, die sind immer auf der Bühne, machen immer Showtime. Das war für mich nie ein Thema, ich will privat abschalten.

Was hat dich am Boden gehalten? Familie, Freunde?

Ich habe drei Kinder und, wenn ich nicht Musik mache, ein ganz normales häusliches Leben, wo die Türe auch mal zugemacht wird. Das war auch wirklich für mich, dadurch hatte ich immer eine gute Balance. Das Business ist schon sehr verrückt und zuhause lief immer alles so herrlich normal. Das war gut so.

Eifern dir deine Kinder beruflich nach?

Meine Tochter nicht. Ein Sohn von mir hat bei mir schon gespielt letztes Jahr in Wacken und hat eine eigene Band. Ich könnte mir vorstellen, dass er eventuell eine ähnliche Richtung einschlägt. Ich habe ihn aber am Boden gehalten, er sollte zuerst seine Lehre machen – da war ich schon konsequent. Er wollte natürlich schon meine Kontakte ausnutzen und ich habe ihm immer gesagt, dass ich das nicht mache. Er hat jetzt seine Lehre fertiggemacht und hat derzeit ein Loch, bis er mit dem Job anfangen kann. Er wird im Herbst als Drumroadie die ganze U.D.O.-Tour mitmachen, um Geld zu verdienen und sich das ganze anzusehen. Ich habe ihn unter Aufsicht (lacht).

Hast du in deiner Jugendzeit auch diese Konsequenz beweisen, und Lehre oder ähnliches vorher beendet?

Ich habe bei meinen Eltern, die zuhause eine Firma hatten, eine Ausbildung gemacht. Da habe ich eine Lehre gemacht und bei ihnen gearbeitet. Der eigentliche Plan war, die Firma zu übernehmen, aber das macht jetzt mein Bruder. Musik war immer mein Ding, aber ich habe nie darauf hingearbeitet, das mal professionell zu machen. Das war eigentlich immer Hobby. Nach dem „I’m A Rebel“-Album musste ich aber eine Entscheidung treffen. Ich habe mich dann für Profimusiker entschieden. Mein Vater fragte mich schon, ob ich mir da vollkommen sicher sei und ohne meine Eltern hätte ich das auch nicht so durchziehen können. Mein Vater war immer ein guter Supporter. Das war schon eine schwere Entscheidung. Ich hatte ja eine eigene Wohnung und konnte in der Firma meiner Eltern gut verdienen. Am Anfang ging es dann finanziell schon ziemlich runter und da haben mich meine Eltern unterstützt. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar. Es hat ja funktioniert.

Welchen Beruf hättest du denn sonst ausgeführt?

Ich wäre Werkzeugmacher geworden. Meine Eltern hatten eine Firma mit Abisolierzangen und Rohrzangen und solche Geschichten. Das war ja üblich für die „Stahlschmiede“ Solingen.

Würdest du heute, wo die Albumverkäufe jährlich dramatisch sinken, wieder dieselbe Entscheidung treffen oder auf die sicherere Seite wechseln?

Ich sag mal so – vielleicht ja. Viele verteufeln ja die heutige Zeit mit all den Downloads. Aber ich habe mich damals schon ziemlich früh für die vertraglichen und geschäftlichen Belange interessiert. Hätte ich damals das gleiche Wissen gehabt wie heute, dann würde ich einfach keinen Plattenvertrag mehr unterschreiben. Sondern das ganze selbst über Internet vertreiben und dort Promotion machen. Wenn man das Internet richtig nutzt und die Plattenfirmen ausklammert, wovor ja alle die ganz große Angst haben, dann könnte das funktionieren. Ich weiß das auch von meinem Bruder, der ja mit VENICE auch eine Band hatte. Die haben das letzte Album auch nur übers Internet vertrieben und da kann man nicht meckern.

Das wäre für dich eine konkrete Überlegung?

Auf jeden Fall. Wenn du die Neuen Medien richtig nutzt und den Plattenfirmen sagst, euch braucht kein Mensch mehr, dann kann da schon was dabei herausschauen. Mittlerweile sind die Labels ja wachgeworden und haben auch schon Leute, die nur mehr auf YouTube herumwühlen und sich dort Bands herauspicken. Da wurden von einigen Plattenfirmen schon einige Bands gefunden. Früher waren die A&R-Leute in Proberaumzentren oder in Clubs und haben dort bewusst nach Bands gesucht, heute machst du das halt übers Netz. Im Prinzip ist ja alles gleich, es hat sich nur verlagert. Wenn du heutzutage clever bist, kannst du auch auf dem modernen Weg Erfolg haben.

Wenn Bands bereits übers Internet gut verkaufen, dann kriegen die irgendwann auch ein richtiges Angebot von Plattenfirmen. Ich war früher schon dreimal die Woche bei Plattenfirmen und habe Terror gemacht (lacht). Es gibt ja heut auch Firmen, die für mich Promotion machen können. Das ist ja im Prinzip nichts anderes. Vielleicht haben da auch viele junge Bands Angst davor, aber für mich ist das der Weg, der funktioniert. Vom Plattenverkauf allein kannst du nicht mehr leben, da musst du nebenbei arbeiten. Außer du hast so viele Liveauftritte, aber als junge Band kriegst du ja auch nicht die Gagen dafür. Da regiert ja das amerikanische System, dass du Kohle mitbringen willst, wenn du wo spielen möchtest. So wie früher wie früher, geht’s heute aber nicht mehr.

Wie lange lebst du eigentlich schon auf Ibiza?

Ich gehe jetzt in das fünfte Jahr.

Warum genau Ibiza?

Ich bin da bereits jährlich seit meinem 16. Lebensjahr und kenne da viele Leute. Wenn man die Texte auf „Steelhammer“ durchforstet, kommt man da auch leicht drauf. Außerdem hat sich meine Frau gedacht, sie müsse sich nach 25 Jahren noch mal neu verlieben und daraufhin habe ich ganz schnell einen Satz gemacht und war weg (lacht). Das war für mich der Punkt zu sagen: „Auf Wiedersehen!“ Ich bin hier sehr glücklich.

Wie kann man in der lockeren, spanischen Atmosphäre Metal-Alben schreiben?

Du bist irgendwie anders drauf und kreativer. Das klingt blöd, ist aber so. Wir haben im Norden ziemlich hohe Klippen, da fahr ich oft hin, setze mich, schaue 100 Meter runter und genieße die Ruhe, während ich Texte schreibe. Ich habe auch oft mein Handy mit und summe irgendwelche Melodien drauf. Der Fitty hat ja auch ein Studio auf Ibizia, das wir gerade umbauen, um es professioneller zu machen. Ich kann das nicht beschreiben, aber das ist eine ganz andere Art des Arbeitens. Das hat im Prinzip gar nichts mit Metal zu tun, aber du bist dort einfach viel relaxter. Das ist irre.

Du gehst ganz anders an Sachen heran. Das beste Beispiel sind meine eigenen Kinder. Als ich mal eineinhalb Jahre unten war, meinten sie: „Papa, du bist ein komplett anderer Mensch, so viel entspannter“. Ibiza ist eine spezielle Insel, wir leben da auch mit so vielen verschiedenen Kulturen zusammen. Alles Open-Minded. Wenn du Deutschland gewohnt bist, dort lebst und plötzlich einen Handwerker brauchst, musst du halt Geduld beweisen. Das kann schon passieren, dass der dich dann anruft und sagt, er kommt erst am nächsten Tag. Aber damit kann ich gut umgehen.

Im Sommer spielst du auf einigen Festivals und dann kommt schon die große Europa-Tour mit Schwerpunkten in Russland und Deutschland.

Ab Mitte September fangen wir für länger in Russland und dann komplett Europa. Da fehlen bislang aber noch die ganzen Spanien-, Belgien-, Holland-, Österreich- und Schweiz-Termine. Das ist noch in der Mache. Es kann aber sein, dass wir die Europatournee unterbrechen, weil wir ein anderes Angebot gekriegt haben. Kann sein, dass wir uns nach Amerika verflüchtigen. Geplant ist Europa bis Mitte Dezember. Dann stehen noch Südamerika und die USA am Plan.

Fällt es dir mit zunehmendem Alter schwerer, so lange Touren zu spielen und zu reisen?

Das macht mir nichts aus, ich bin früher schon immer gerne und viel gereist. Solange es mir Spaß macht, werde ich auch weitermachen. Merke ich mal, dass es mich zu nerven beginnt, würde ich wohl sofort aufhören. Dann wäre es auch nicht mehr echt, sondern nur mehr Krampf.

Spürst du nach so vielen Jahren noch immer ein Kribbeln, wenn du auf die Bühne kommst?

Bevor es raufgeht, schon. Wenn ich oben bin, nicht mehr. Nervosität ist vielleicht nicht mehr so extrem wie früher da, aber schon noch vorhanden. Das ist auch ein Faktor, den ich brauche, um weiterzumachen. Auch das neue Bandgefüge hat so einen Schub gegeben. Solange ich gesund bleibe und die Stimme funktioniert, mache ich das sicher noch zehn Jahre.

Pflegst du deine Stimme in einer besonderen Art und Weise?

Nein, ich habe vor acht Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber ansonsten mache ich gar nichts. Da habe ich viel Glück damit, ich musste auch noch nie ein Konzert absagen. Ich wärme mich auch nicht auf, ich gehe raus und singe.

Und du freust dich ja schon auf das nächste Album.

Ja, bis dahin werden schon noch zwei Jahre vergehen. Ich habe aber schon Sachen, wo ich mir denke, da muss ich dran weiterarbeiten. Da freue ich mich schon sehr darauf. Zum Aufhören müsste ich gesundheitliche Probleme kriegen und die kann ich zurzeit überhaupt nicht feststellen. Ich versuche so gesund wie möglich zu leben. Wenn man den Job macht, muss man schon einigermaßen fit sein.

Außer man ist Ozzy Osbourne.

Ja, also Blutwäschen oder so zu machen, darauf hätte ich keinen Bock (lacht). Da könnte ich dir so einige Musiker nennen, wo du dir denkst, die müssten die Blümchen schon von unten sehen. Da passiert so einiges.


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