Mythery - Nikolaj Holger

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Als ich Mike Portnoy im Jahr 2000 zum ersten Mal daheim hörte hat das mein Leben auf den Kopf gestellt.

Wenn ein Album im Review die volle Punktzahl erzielt, dann ist das schon eine Seltenheit. Wenn es sich hierbei um ein Debütalbum handelt, dann ist das gar eine Besonderheit. Wenn die Band dann auch noch das Beste aus DREAM THEATER mit einem neuen, eigenständigen Klang verbindet, dann ist es Zeit, euch die Band MYTHERY in einem Interview näher zu bringen. Bandkopf und Hauptkomponist Nikolaj Holgar stand uns per E-Mail Rede und Antwort. Viel Spaß beim Lesen!

Veröffentlicht am 23.11.2013

STORMBRINGER: Erstmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns das Interview zu führen. Und Glückwünsche zu eurem Album "The Awakening Of The Beast". Es wurde im August veröffentlicht und ist jetzt schon eine ganze Weile auf dem Markt. Wie sind denn die Reaktionen bis jetzt? Bist du mit dem Erfolg zufrieden?

NH: Die Reaktionen waren überwältigend. Das Wichtigste für mich ist, dass die Leute, die das Album hören, verstehen, dass es in einer gewissen Weise herraussticht. Ob gut oder schlecht ist dem Einzelnen überlassen. Aber in meinen Augen ist es uns mit unserer Musik gelungen die Genregrenzen im Metal etwas zu pushen. Und hoffentlich haben wir es geschafft, dass man zukünftig mehr von uns hören will.

STORMBRINGER: Da dies das erste Interview ist, dass du mit unserem Magazin führst und da ihr wahrscheinlich vielen Lesern noch unbekannt sein dürftet, wäre es eine gute Idee, wenn ihr euch unseren Lesern erst mal vorstellt. Könntest du in ein paar Sätzen erklären, um was es bei MYTHERY geht und wo ihr euch in zehn Jahren seht?

NH: MYTHERY ist eine Symphonic-Prog-Metal-Band aus Kopenhagen und wurde im Jahre 2010 von unserem Drummer, Komponist und Texter Nikolaj Holger gegründet. Der Sound variiert von pompösen und epischen Parts bis hin zu fragilen und melancholischen Momenten. Die herzergreifenden Vocals von Laurits Emanuel und der magische Sound unserer Violinistin Michala Hoj steuern die Musik. Heavy Gitarren von Simon Rabenhoj und die schweren Beats von Nikolaj Holger treiben sie an. Und mit Tobias Dalls Bass und Mikkel Rosenbecks Keyboards als Bindeglied, will die Band neue Perspektiven in den Metal mit einbeziehen. In zehn Jahren hat die Band hoffentlich viele Konzeptalben im Backkatalog und betourt die Welt als ein etablierter Symphonic-Metal-Act.

STORMBRINGER: Wo habt ihr euch getroffen und wie kam die Idee von MYTHERY zu Stande?

NH: Ich hatte 2009 angefangen die Musik zu schreiben, ohne zu wissen zu was sich das Projekt letztendlich hinentwickeln soll. Ein Jahr später gründete ich die Band und habe Leute vom [Rhythmic Music] Conservatory in Kopenhagen rekrutiert, an dem ich zu dieser Zeit studiert habe. Während der nächsten eineinhalb Jahre hatte sich unser genereller Sound insofern entwickelt, dass ich die nächsten Schritte vorsichtig angehen musste. Für mich hatte das Projekt noch keinen roten Faden. Während eines Drei-Monats-Trips nach New York im Herbst 2011 nahm ich mir die Zeit, um die musikalischen und lyrischen Ideen für die Band zu verfeinern. Ich schrieb ein komplett neues Arrangement und neue Lyrics für das Titelstück des Albums, welches ursprünglich ganz anders klang als die aufgenommene Version. Mit diesen neuen Ideen hatte ich ein gutes Gefühl, also bin ich die letzten vier Stücke des Albums ein Paar Monate bevor wir ins Studio gegangen sind genauso angegangen. So gesehen entwickelte sich die Idee von MYTHERY im Laufe dieser drei Jahre.

STORMBRINGER: Fast jedes Bandmitglied hat einen komplett anderen musikalischen Hintergrund. Soweit meine Informationen reichen haben Tobias (Bass) und Mikkel (Keyboards) ihre Wurzeln im Jazz. Wie hast du alle davon überzeugen können, ihren Ehrgeiz in eine Metal-Band zu stecken?

NH: Ich hatte Glück mit engagierten und inspirierenden Musikern zusammenzuarbeiten, die an das Projekt geglaubt haben, ganz egal, was sie für eigene musikalische Wurzeln haben. Wir alle sind musikalisch sehr offen. Und das ist meiner Meinung nach das Wichtigste, was ein Musiker zu lernen hat. Außerdem weiß ich, dass meine eigene Hingabe zum Projekt die anderen inspiriert hat und dafür bin ich sehr dankbar.

STORMBRINGER: Wie du sagst kommen die hauptsächlichen Einflüsse bezüglich der melodischen und progressiven Elemente von DREAM THEATER, in Bezug auf die symphonischen Elemente von NIGHTWISH. Die Parallelen zu DREAM THEATER leuchten mir ein, die NIGHTWISH-Referenzen verstehe ich allerdings nicht ganz. Klar, eure Orchestrierungen sind sehr weit ausgearbeitet, das Endergebnis klingt allerdings ganz anders als das, was NIGHTWISH üblicherweise fabrizieren. Letztere sind opulenter und dramatischer, die symphonischen Elemente bei MYTHERY klingen für meine Ohren weitaus subtiler und atmosphärischer. Wo siehst du die Ähnlichkeiten und/oder die Unterschiede?

NH: Es gibt definitiv Unterschiede im Sound von MYTHERY verglichen mit NIGHTWISH. Was ich an NIGHTWISH stark finde ist das cineastische, Musical-artige. Zukünftig hätte ich gerne mehr Bombast in unserer Musik. Auf der anderen Seite finde ich, um ehrlich zu sein, diesen Straight-Forward-Symphonic-Metal schnell monoton. Dahingehend ist das progressive Element essenziell für mich.

STORMBRINGER: "Straight-To-The-Point"-Melodic-Power-Metal habt ihr aber auch auf dem Album mit drauf ("The Crusade"). Gibts da auch aus diesem Sektor Bands, die dich inspiriert haben?

NH: Gemeinsam mit "Epoch Of Destruction" ist der Song eine Art Hommage an die Gründer des Heavy Metals. Wir könnten es als "unser Enter Sandman" oder unser "Two Minutes To Midnight" bezeichnen. Wenn ich in der Stimmung bin, dann höre ich diesen In-Your-Face-Metal wirklich gerne.

STORMBRINGER: Für "The Crusade" habt ihr ein Video veröffentlicht. Hier sehe ich tatsächlich eine Parallele zu NIGHTWISH, es erinnert mich ein bisschen an das, was sie bei "Amaranth" gemacht haben. Welches Konzept steckt dahinter? Wo, mit wem und wie lange habt ihr gedreht? Ihr habt ein paar schöne Panoramen dabei, wo und wie sind die entstanden?

NH: Das Material, auf dem die Band performt und auf dem das singende Mädchen zu hören ist (meine Nichte Embla Reiff) wurde von meinem Bruder gedreht, dem talentierten Video-Produzenten Jacob Waage. Er hat auch das Album-Cover designt. Der Song handelt von Menschen, die in den Krieg ziehen um für ihre Freiheit zu kämpfen. Das Gesicht des Mädchen ist praktisch die Personifikation der Erlösung und ihr Gesang steht für den Sieg. Das Material wurde außerhalb Kopenhagens in zwei Tagen gedreht. Die Panoramen stammen von einer Website namens Videoblocks.com. Für kleines Geld kommst du da an großartiges Bildmaterial heran, was wir selbst nicht hinbekommen würden.

STORMBRINGER: Gibt es spezifische Stilistiken, Songs oder Alben von DREAM THEATER, die dich besonders beeinflusst haben? Speziell in "Godforsaken" meine ich ein bisschen "Systematic Chaos" rauszuhören, während das Titelstück die großen Epen wie "Metropolis", "Six Degrees Of Inner Turbulence" oder "Octavarium" mit dem typischen MYTHERY-Sound vereint. Knüpfe ich da die richtigen Verbindungen oder bin ich komplett auf dem falschen Dampfer?

NH: Als ich Mike Portnoy im Jahr 2000 zum ersten Mal daheim hörte hat das mein Leben auf den Kopf gestellt. Ein Freund meines Bruders zeigte mir "Scenes From A Memory" und ab dann gab es für mich keinen Zweifel mehr. Ich musste lernen, genau so wie er Drums zu spielen. Daraufhin begann ich in ihr gesamtes musikalisches Spektrum hineinzutauchen. Daher stammt auch die meiste Inspiration als Komponist von dieser Band. Das Titelstück hat definitiv einen "Six Degrees"-Vibe, insbesondere die gesamte Struktur des Stückes.

STORMBRINGER: Könntest du das Konzept hinter "The Awakening Of The Beast" näher erläutern, speziell vom Titelstück? Erzählt es eine durchgehende Geschichte oder konzentriert sich dieser Teil auf das Titelstück?

NH: Das Titelstück steht getrennt von den ersten vier Songs des Albums, welche ihre eigene, kürzere Story erzählen. Jedes Kapitel des Titelstückes repräsentiert ein eigenes Setting. Dieses Setting verändert sich bei jedem Track, so wie bei einer Oper in fünf Akten. "Overture" stellt, wie bei der Oper, die verschiedenen musikalischen Themen der nächsten Akte vor. Es gibt von jedem der vier folgenden Akte eine Referenz in "Overture". Bezüglich des lyrischen Konzeptes, stell dir vor, du lebst in einer Welt bestehend aus zwei göttlichen Mächten - die eine gut, die andere böse. Die "Brotherhood Of Apotheoses" repräsentiert die gute Macht, der "Ghost Of Inquity" die böse. Vor langer Zeit trafen diese Zwei in einer Schlacht aufeinander, in der die "Brotherhood" die Mächte des Bösen in die Schatten verdammt hat - was bedeutet, das Böse existiert, kann aber nicht mit den Lebenden interagieren. Der Priester, der in "The Dark Epiphany" vorgestellt wird, kämpfte an der Seite der Bruderschaft. Aber etwas in ihm will das Böse wiedererwecken. Also geht er in die "Chamber Of Divinity", in der die Statuen, welche das Böse gefangen halten versteckt sind.

Als er sie in Brand steckt zerstört das große Feuer, was man am Anfang zu "Awoken By The Fire" hört, alles, was es umgibt. In diesem Song erklärt der Priester, wieso er getan hat, was er getan hat. Der "Ghost Of Inquity", der Herrscher der Schattenwelt, lockte ihn mit dem Versprechen, einen höheren, gottgleichen Status zu erreichen. Die Szenerie verwandelt sich in eine Schattenwelt, in der man sich eine endlose Anzahl an wandernden Seelen vorstellen muss. Hier wird der Priester von einem der Brüder adressiert, welcher ihm ein unbekanntes Buch aus Schattenseiten überreicht. Dieses hat die Macht, den verlorenen Seelen Erlösung zu gewähren und die Schatten zurück in die Verdammnis zu schicken, was dann auch im fünften und letzten Teil, "The Words Of Salvation", passiert.

STORMBRINGER: Wer ist bei euch der Hauptverantwortliche fürs Songwriting und wie lange habt ihr für die Gesamtkomposition gebraucht? In wie fern hat sich jedes Mitglied ins Songwriting eingebracht?

NH: Ich schreibe die Musik, die Lyrics und die Arrangements für die Band. Ich arrangiere sie zunächst auf meinem PC als MIDI, bringe sie in den Proberaum und dann beginnen wir daran zu arbeiten. Einen Song zu schreiben, inklusive Lyrics und Arrangements, das dauert bei mir ungefähr zwei Monate. An diesem Album haben wir circa drei Jahre gearbeitet, obwohl einige Ideen viel älter sind. Beispielsweise das Violin-Thema, was Michala Hoj direkt vor dem Einsetzen der Vocals in "A Dark Epiphany" spielt sowie dessen Chorus stammen aus meiner High-School-Zeit.

STORMBRINGER: Und wie lange dauerte die eigentliche Produktion? Wer hat euch produziert und wie seid ihr mit ihm in Kontakt gekommen?

NH: Ins Studio gegangen sind wir im Juni 2012. Wir haben vorab eine Woche Aufnahmezeit im CSI Music Studio von Christoffer Stjerne und Soren Itenov gebucht. Unseren Produzenten Kristian Martinsen haben wir nach einem unserer Gigs in Kopenhagen im Frühjahr 2011 getroffen. Er mochte unseren Stil wirklich und hat uns gefragt, ob er von einem unserer Songs einen Mix machen dürfte. Und da das Ergebnis ein echter Killer war, entschied ich, dass er der richtige Mann für den Job ist. Kristian Martinsen hat den Album Mix im Dezember 2012 fertiggestellt.

STORMBRINGER: Eine Geige als Lead-Instrument zu setzen ist zumindest beim Progressive Metal etwas, was bis jetzt noch niemand versucht hat. Wie kam es dazu?

NH: Wie schon gesagt, DREAM THEATER hatten einen riesigen Einfluss auf meine musikalische Identität und darauf, wie ich komponiere. Anfangs war Michala Hoj noch kein Mitglied bei MYTHERY und unser Line-Up war komplett gleich gesetzt wie bei DREAM THEATER. Glücklicherweise haben wir Michala dazubekommen. Sie ist nicht nur eine wunderbare und talentierte Musikerin, sie spielt eine unbedingte Rolle darin, unserer Musik einen neuen und einzigartigen Klang zu verpassen. Ohne sie gäbe es ein Risiko, wie viele andere Bands zu klingen. Das wäre per se nicht schlecht - aber unsere Absicht war es, eigenständig zu sein.

STORMBRINGER: Die prominente Platzierung der Violine könnte dazu verleiten, MYTHERY hauptsächlich in die Folk-Ecke abzuschieben. Und vor allem die ersten zwei Songs auf dem Album haben einen starken Folk-Touch. Hast du dich von Dänischen/Nordischen Sagen, Geschichten oder Folk-Songs inspirieren lassen?

NH: Sicherlich beinhaltet die Musik eine gewisse nordisch-melancholische Mentalität. Mir würde es nichts ausmachen, wenn unsere Musik zur traditionellen und respektierten skandinavischen Metal-Tradition beitragen würde. Der Fokus liegt auf dem Zusammenspiel aus Klassik und Rockmusik. Der Folk-Touch stammt wahrscheinlich von dem skandinavischen Blut, das durch meine Venen fließt.

STORMBRINGER: Jetzt wo Album und Video raus sind, was sind eure nächsten Schritte? Ihr habt zwei Gigs in Dänemark geplant. Wie sieht es mit einer Tour danach aus? Vielleicht ein paar Festivals im Sommer?

NH: Im Frühjahr 2014 werden wir zum ersten Mal auf Deutschland-Tour gehen. Die Termine werden gerade ausgemacht. Und nebenher haben wir noch weitere Shows in Dänemark, unter anderem auf dem Rock Island Festival auf Bornholm, einer schönen dänischen Insel in der Nordsee.

STORMBRINGER: Hast du eine witzige Geschichte für uns, die während der Produktion des Albums oder des Videos passiert ist?

NH: Im CSI Music Studio hatten wir einen Raum zu wenig. Simon, Tobias und ich waren im Hauptaufnahmeraum, Mikkel und Laurits waren beim Mischpult untergebracht und für Michala war kein Platz mehr. Also musste sie ihre Geigen-Ques in den Toilettenräumen einspielen. Die haben da drinnen eine echt gute Akustik!

STOMRBRINGER: So, dann vielen Dank nochmal, dass du dir für uns Zeit genommen hast. Wir hoffen definitiv, das Biest wurde erweckt und dass wir von euch zukünftig noch viel mehr zu hören bekommen. Hast du irgendwelche letzten Worte für unsere Leser?

NH: Vielen Dank an Stormbringer für das Interview und die großartige Albumkritik. Danke an euch Leser, die es bis hierhin geschafft haben und macht euch bereit für mehr MYTHERY! Viele Grüße, Nikolaj Holger / MYTHERY


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