Dornenreich - Eviga

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Als Künstler geht es mir darum, Momente des Wesentlichen, Echten, Nackten, Momente des unsterblichen Seins bewusst auszugestalten und mit anderen zu teilen.

DORNENREICHs Mastermind Eviga ist zweifellos ein interessanter Interviewpartner. Im Rahmen dieses Interviews spricht er über "Freiheit", die Karriere DORNENREICHs und vieles mehr!

Text: El Greco
Veröffentlicht am 02.05.2014

]Vor der Veröffentlichung von „Freiheit“ mussten eure Fans zur Kenntnis nehmen, dass es sich dabei um das letzte DORNENREICH-Album für eine undefinierte Zeitperiode handelt. Wie kam es zu diesem Entschluss? In welcher Form wird man euer künstlerisches Schaffen in Zukunft bewundern können?

Eviga: Im Grunde war das schon vor einigen Jahren klar, als wir knapp vor der Veröffentlichung unseres letzten Albums FLAMMENTRIEBE den kommenden Albumtitel FREIHEIT ankündigten. Und während der Ausarbeitung des Albums wurde es immer deutlicher. FREIHEIT ist weder musikalisch noch textlich ein Album, dem einfach das nächste Album nachfolgen wird. Es geht sehr tief, verdeutlicht unseren gesamten bisherigen Weg und weist in die Zukunft, indem es mehr als alle früheren Alben über sich selbst hinaus weist ... Man höre sich hierzu einfach das letzte Stück des Albums an, das einen bezeichnenden Titel trägt, nämlich „Blume der Stille“.

Und aus dieser Stille heraus haben wir vor, in der näheren Zukunft dem mehr Raum zu geben, was in unserm Ausdruck angelegt ist und was in den vergangenen Jahren auch bereits angeklungen ist: Konzerte in sehr speziellem Rahmen - mit sehr eigenwilligen Setlists und Abläufen, Konzerte an mitunter sehr besonderen Orten, Konzerte, die also oft mehr einem Ritual gleichen werden als einem Rockkonzert...

Trotz des partiellen Abschieds ist die Grundstimmung des Albums positiv: „Freiheit“ ist emotional, tiefsinnig, aber trotz aller Melancholie auch voller Hoffnung. Stimmst du meiner Einschätzung zu? Wie würdest du Quintessenz von „Freiheit“ beschreiben?

Eviga: Ja. Das Wesen des Albums ist öffnend, integrierend und zyklisch. Sein Spannungsbogen gleicht dem Verlauf einer Welle, die sich aufbaut, sich hingibt und sich langsam erneut aufbaut. Dieser Bogen wird in der Abfolge der acht Albumstücke deutlich und spiegelt sich sowohl in dem Meeres-Sample in Stück drei „Des Meeres Atmen“ als auch im Cover wider. Außerdem symbolisiert das Cover auch die besondere Schwelle zwischen zwei scheinbaren Gegensätzen - hier konkret die Grenze zwischen Tag und Nacht. Die Essenz des Albums wird im Titel des vierten Stückes erahnbar: Das Licht vertraut der Nacht.

Das Wort „Freiheit“ ist ein starker Begriff. Was bedeutet er für dich als Musiker, aber auch als Privatperson?

Eviga: Generell geht es mir dabei um einen positiven Selbst- und Weltbezug. Ich möchte mich - mir selbst und der Welt gegenüber - nicht destruktiv verhalten. Und dafür gilt, es die Zusammenhänge des Lebens zu erforschen. Und deshalb unterschiede ich in den Texten zu FREIHEIT etwa auch zwischen „Selbst“ und „Ego“.

Im Rahmen von Dornenreich bzw. als Künstler geht es mir darum, Momente des Wesentlichen, Echten, Nackten, Momente des unsterblichen Seins bewusst auszugestalten und mit anderen zu teilen. Es geht mir um diese Momente, die so tief berühren, dass sie einen im Kern nähren und immer wieder neu ausrichten auf das Wesentliche, die dabei helfen, sich zu zentrieren und einen darin auch dankbar und mitfühlend machen...

Als Privatperson versuche ich freilich auch, einigermaßen bewusst zu leben und dementsprechend zu konsumieren und einer - nennen wir es hier - verträglichen Arbeit nachzugehen...

„Freiheit“ erscheint auch in einer Sonderedition als 2CD-Buchedition mit exklusiven Bonusstücken. Wie kam es zu dieser Idee? Die Bonustracks liegen mir leider nicht vor. Würdest Du unseren Lesern demnach etwas über den Inhalt der Bonus-CD erzählen?

Eviga: Dass wir „Reime faucht der Märchensarg“ in Akustikversion und „Jagd“ in Metalversion aufnehmen wollten, war bereits vor Jahren klar. Andere Inhalte der Bonus-CD bzw. die Idee einer eigenen Bonus-CD entwickelten sich dann aber erst im Zuge der konkreten Aufnahmen und Albumarbeiten. So wurde etwa der Gesangspart von Thomas Helm (Empyrium) bei „Traumestraum“ immer umfangreicher, weswegen wir uns schließlich dazu entschlossen, eine komplette Alternativversion zu erarbeiten, die rein auf seiner Stimme basiert. Was sehr gut zu den neuen Versionen von „Reime faucht der Märchensarg“ und „Jagd“ passt; denn all diese Stücke bzw. Versionen unterstreichen, wie sehr es in DORNENREICH um den Ausdruck selbst geht um die Tiefe der Musik - ganz abgesehen von dieser oder jener Instrumentierung oder Stimme. „Schlangenheil“, das nun auch Teil der Bonus-CD ist, ist ein Stück, das zu den spieltechnisch forderndsten Stücken gehört, die Inve und ich bislang erarbeiteten. Es ließ uns über die vielen Jahre, die es uns nun schon begleitet, nie los; allerdings fühlte es sich auch nie an wie ein Albumstück.

Jedoch passt es gut zu „Jagd“... Zu diesem Zeitpunkt war dann auch die Idee einer eigenen Bonus-CD geboren, weswegen wir dann noch drei weitere Stücke hinzufügten. Denn wir wollten dem Medium einer eigenen Bonus-CD dann auch möglichst umfangreich gerecht werden.

Die Idee, diese Buchform zu wählen, kam dann auf, als ich mit unserem Label besprach, dass ich gerne ausführliche Kommentare zu den einzelnen Stücken und zum Konzept des Albums im Booklet abdrucken möchte.

Die Texte sind seit jeher wichtig für DORNENREICH. Wie wichtig ist es Dir, dass die Menschen Deine Texte lesen und zu verstehen versuchen? Die Poesie eurer Texte wird nicht auf Befehl entstehen können: Wie kann man sich den Prozess des Textens in der Praxis vorstellen?

Eviga: Es ist mir durchaus wichtig, dass meine Texte verstanden werden oder jedenfalls etwas berühren oder auslösen, dass einige Zeilen bei dem geneigten Hörer bleiben...

So versuche ich mich immer wieder neu, der Balance zwischen offener Symbolik und inhaltlicher Präzision zu nähern. Dabei vertraue ich oft auf die Magie der Sentenz...

Will meinen: es gibt für das Album und auch für jeden Text ein Großthema, doch jeder Text setzt sich aus vielen Sätzen zusammen, die auch für sich verstanden werden können - zuweilen also auch in sich rund sind... Besonders anschaulich wird das an den meisten Titeln, die ich den Stücken gebe. In diese Titeln selbst ist die wesentliche Aussage des Textes in äußerst verknappter Form enthalten - wie zum Beispiel in „Das Licht vertraut der Nacht“, „Aus Mut gewirkt“, „Traumestraum“, „Blume der Stille“.

Die Texte entstehen in Zeiten völligen Verschmelzens mit dem Ausdruck bzw. Gestus der Musik. Ich höre mir dann den Rohmix eines Albums wieder und wieder an - und fasse die Texte den Eindrücken entsprechend ab.

Stell‘ uns doch mal bitte die Hintergründe eines ausgewählten Liedtextes von „Freiheit“ dar, sofern Du über die Bedeutung der Lyrik sprechen möchtest.

Eviga: An dieser Stelle möchte ich kurz auf das zu sprechen kommen, was ich noch im Kontext von FREIHEIT in lyrischer Hinsicht am wichtigsten finde. Es ist dies der konsequente Verlauf hin zu einer verbalen bzw. gedanklichen Stille. Ich gebrauche auf diesem Album Worte also so konsequent wie nie zuvor primär dazu, um mittels ihrer kommunikativen Qualität über ihre Grenzen hinaus zu gelangen. So wird die textliche Quantität ab der Hälfte des Albums immer geringer und mündet ein - in aller Folgerichtigkeit - ein in die äußerst mitteilsame verbale Stille in: „Blume der Stille“.

Artworks sind definitiv ein weiterer wichtiger Aspekt von DORNENREICHs Kunst. Für „Freiheit“ habt ihr ein Foto gewählt. Welche Beweggründe hattet ihr bei der Auswahl des Covers? Sollte das Cover „nur“ den Albumtitel unterstreichen oder steckt mehr dahinter?

Eviga: Ich verstehe ein Cover im Sinne eines geschmackvollen und unaufdringlichen Bucheinbands, der dezent hinführt zur Stimmung des Werkes, sich dabei aber keinesfalls in den Vordergrund spielt.

Allerdings ist das Cover bzw. Artwork im Falle Dornenreichs immer sehr stark mit der Botschaft des Albums verbunden - und das ist in diesem Fall nicht anders.

Hier ist die Schwellensymbolik zentral. Das Cover visualisiert in gewisser Hinsicht einen Moment zwischen Momenten, den höchst lebendigen und flüchtigen Augenblick zwischen Entscheidungen, zwischen vordergründig Gegensätzlichem, in dem alles Sein in unserer Wahrnehmung erscheint. Im Rahmen unsers Front-Covers als Übergang zwischen Tag und Nacht bzw. Nacht und Tag erkennbar...

„Freiheit“ ist (vielleicht mehr als jedes DORNENREICH-Album zuvor) ein Album mit zwei Gesichtern. Einerseits mit einer akustischen, sanften Seite, andererseits auch mit Metal-Elementen und bisweilen härteren Momenten. Vor allem „Das Licht vertraut der Nacht“ erinnert an eure eigene musikalische Vergangenheit. Inwiefern war diese Reise in die eigene Vergangenheit geplant?

Eviga: Gar nicht. Auch „Das Licht vertraut der Nacht“ entstand auf Akustikgitarren und hat von allen Stücken die meisten Entwicklungsschritte hinsichtlich Instrumentierung und Struktur hinter sich. Tatsächlich war die Basis aller Stücke die akustische Gitarre; jedoch bin ich sehr glücklich mit der finalen Gewichtung in der Instrumentierung der Stücke.

Wie arbeitet das Team Eviga und Inve bei der Komposition der Stücke? Handelt ihr eher intuitiv oder steht eine musiktheoretische Herangehensweise hinter dem Komponieren?

Eviga: Das Zentrum ist bei uns beiden Intuition. Wir vertrauen auf unser Gefühl. Und nur dann, wenn wir das Gefühl haben, dass ein Stück oder Part noch nicht das transportiert, was wir fühlen, wenn wir es bzw. ihn spielen, nur dann greifen wir auf unser musiktheoretisches Wissen zurück, um rascher melodische oder harmonische Alternativen testen zu können...

Einer meiner Favoriten auf „Freiheit“ ist „Aus Mut gewirkt“ mit seiner Vielschichtigkeit und der einzigartigen Atmosphäre. Kannst Du mir etwas über die Entstehung dieses Songs erzählen?

Eviga: Auch dieses Stück hat eine lange Reise hinter sich, was das Arrangement betrifft. Es ist allerdings ganz bewusst in der Mitte des Albums positioniert. In seiner Kraft und höchst eigenwilligen Verspieltheit, will meinen, in seiner musikalischen Lebenslust ist es eins mit der lyrischen Botschaft, die Vertrauen, Hingabe und Mut als Eckpfeiler menschlicher Entwicklung vorstellt.

Würde man dich bitten, einen Song von „Freiheit“ als deinen Favoriten zu bezeichnen – welcher Song wäre dies? Aus welchem Grund würdest du diesen Song auswählen?

Eviga: Das ist kaum möglich, weil jedes einzelne Stück einen wichtigen Entwicklungsschritt thematisiert und entsprechend bedeutsam ist. So bedeutet mir etwa auch die ringende, sehr physische Kraft in „Das Licht vertraut der Nacht“ viel, wenngleich mich die große universale Kraft, in so klar arrangierten und fließenden Stücken wie „Im Fluss die Flammen“, „Des Meeres Atmen“ oder „Traumestraum“, im Augenblick selbst mehr beschäftigt.

Bei Rezensionen zu DORNENREICHs Veröffentlichungen fällt nicht selten der Begriff „Kunst“. Doch wie wichtig ist es dir, „Kunst“ zu kreieren? Stört es Dich, wenn manche Hörer Deine Musik nur oberflächlich rezipieren?

Eviga: Nein, das stört mich nicht. Ich finde es schön, dass DORNENREICH auf recht vielen Ebenen etwas zu geben hat - und dass man es sich auch einfach wegen des musikalischen Flusses und der Spannungsverläufe anhören kann. Nur finde ich persönlich ich es schön, dass das Album aber weit mehr bereit hält, je nachdem, wo sich der geneigte Hörer selbst gerade wieder findet - im Denken und Fühlen.

Was bedeutet „Metal“ nun für dich? Fühlst du dich eher als Teil einer (Metal-)Gemeinschaft oder als Musiker, der sich partiell der Ausdrucksmittel des Metal bedient?

Eviga: Für mich persönlich bedeutet „Metal“ im Kern authentischen und freien Ausdruck. Wie viel davon im heutigen „Metal“ als Genre oder Gemeinschaft zu finden ist, kann ich nicht einschätzen. Ich bin ein leidenschaftlicher Musiker und Dichter und großer Bewunderer hand- und herzgemachten künstlerischen Ausdrucks - Punkt.

Nach 18 Jahren im Musikgeschäft blickt man auf eine Vielzahl an Erinnerungen und Eindrücken zurück. Wie lautet dein (Zwischen-)Fazit zu DORNENREICHs Karriere und was erhofft ihr euch für die Zukunft?

Eviga: „Ich habe lange über diese Frage nachgedacht und hingefühlt - und möchte mich hier so ausdrücken:
Warum habe ich damals auf den Weg gemacht mit DORNENREICH? Das ist die Frage, die ich mir heute oft stelle nach diesem langen Weg, der unweigerlich auch vom Übergang vom Prä-Internet- zum Internetzeitalter geprägt wurde.

Und ich weiß es noch. Es war dieses magische Etwas vor mehr als zwanzig Jahren, das ich empfand, als ich meine erste Akustikgitarre entdeckte und feststellte, dass sich scheinbar subjektive Empfindungen in mir über die Saiten und den Korpus der Gitarre auch äußerlich erfahrbar machen lassen... Was für ein Zaubermittel zwischenmenschlicher Kommunikation...

Und zwischen mich und diesen Zugang zu künstlerischem Ausdruck werde ich versuchen, weiterhin nichts kommen zu lassen.


Wollt Ihr unseren Lesern am Ende dieses Interviews noch etwas mitteilen?

Evoga: Ich kann euch allen an dieser Stelle nur für euer Interesse danken und euch nahe legen, FREIHEIT als Ganzes auf euch wirken zu lassen.
Wir freuen uns auf das Wiedersehen mit euch im Rahmen der Tour im April und Mai!

Vielen Dank für Deine Zeit!

Eviga: Danke für dein Interesse und deine engagierten Fragen.


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