POSSESSED - Jeff Becerra

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Wir wollten den Namen POSSESSED nicht sterben lassen, nur weil vielleicht jemand verstorben ist oder andere Interessen entwickelt hat.

Mehr Kult als POSSESSED ist im Extrem-Metal-Sektor kaum möglich. Nach zwei gefeierten Shows in Innsbruck und Wien haben wir uns Sänger und Bandboss Jeff Becerra am Bühnenrand geschnappt, um mit ihm über die guten alten Tage, seinen Eintritt ins normale Leben und die Zukunft seiner Kultband zu reden.

Veröffentlicht am 28.07.2014

Die US-amerikanische Death-Metal-Begründer POSSESSED gaben Mitte Juli in Österreich ein doppeltes Gastspiel. Während die hochverehrten Kollegen Thomas Patsch, Daniel Laich und Christoph Marberger im Berg-umfassten Innsbruck für eine Vollbedienung an Live-Atmosphäre (Live-Report und Fotos) sorgten, habe ich mir Bandgründer, Sänger und Vollblut-Metaller Jeff Becerra tags darauf in der Wiener Arena zum Interview geschnappt. Der hatte beim nicht mehr ganz nüchternen Talk um Mitternacht so einiges zu erzählen.

Jeff, einmal mehr bist du mit deiner Kultband POSSESSED gerade in ganz Europa unterwegs. Wie läuft’s bislang?

Das Feedback ist die meiste Zeit fantastisch. Es ist nicht nur überall eine so dermaßen gute Stimmung wie sie hier in Wien war, aber im Großen und Ganzen viel besser als ich je erwarten durfte. Ich nenne sie übrigens nicht Fans, sondern Unterstützer. Metal ist gleichermaßen für mich als auch für sie eine Lebenseinstellung, die sich in Seele und Kopf manifestiert hat. Wir alle sind damit aufgewachsen und ich hoffe, ich kann das noch viele Jahre so machen. Auf der Bühne zu sein ist für mich allabendlich die Erfüllung eines Traums.

Du warst bei POSSESSED durch das 1984er-Demo „Death Metal“ der Begründer eines ganzen Genres. Wie siehst du dich in der Rolle des Urvaters einer ganzen Szene?

Das kann ich mit Worten gar nicht beschrieben. Dass ich von vielen als Urvater des Death Metals bezeichnet werde ist vielleicht das größte Kompliment, das ich in meinem ganzen Leben erhalten habe. Es ist doch großartig, wenn die Leute dir die Credits für so etwas Fundamentales zuschieben.

Ich finde es recht amüsant, dass du mit MOTÖRHEAD und Punk-Bands groß geworden bist, dann aber von Tag eins an mit POSSESSED dem Thrash- und Death-Metal gefrönt hast.

Da muss ich natürlich auch Dank und Lob an meinen damaligen Gitarrenpartner und Band-Mitbegründer Mike Torrao aussprechen. Wir haben uns damals zusammengesetzt und darüber diskutiert, wie wir die schnellste, brutalste und satanischste Band des Planeten werden könnten. Natürlich gibt es heute unzählige Bands, die brutaler als wir klingen, aber damals haben wir dieses Vorhaben wirklich in die Realität umsetzen können. Wir haben einfach nur gespielt, was wir selbst hören wollten. Warum das niemandem vor uns eingefallen ist, weiß ich selbst nicht. Es fühlte sich jedenfalls gut an.

War es für euch anfangs schwierig, diese Härte zu projizieren, da es doch niemanden gab, der damit rechnen konnte?

Es gab wirklich Unmengen von Menschen, die sich persönlich angegriffen und beleidigt fühlten – rein nur durch unsere Musik. Ein paar Typen haben aber von Anfang an gecheckt, was hier ins Rollen gebracht wurde und glücklicherweise hatte ich anfangs auch so viele Freunde aus der High School und der aufkommenden Szene, die uns supportet haben. Die ersten Konzerte hatten minimalen Zuschauerzuspruch. Aber es ging dann plötzlich alles unheimlich schnell. Die Bands stießen wie Schwammerl aus dem Boden und die Szene wuchs in rapidem Tempo. Wie ich schon sagte – damit wurde ein Traum wahr.

Ich finde es – auch am Beispiel von dir – immer besonders interessant, dass man das permanent sonnige Kalifornien als Heimat hat und trotzdem derart dunkle Musik fabriziert.

Ja (lacht). Kalifornien kann auf der anderen Seite aber auch ein ganz furchtbarer Staat sein. Es gibt dort unheimlich viele Verbrechen und die Leute haben ein massives Drogenproblem – das betrifft gleichermaßen die Reichen auf den Hügeln und die Armen im Tal. Da gab es immer schon genug Potenzial, mit wütender Musik dagegenzubrettern.

Nach den beiden Alben „Seven Churches“ (1985), „Beyond The Gates“ (1986) und der EP „The Eyes Of Horror“ war 1987 aber bereits das erste Mal Schicht im Schacht bei euch.

Das stimmt, wir haben damals nur etwa vier Jahre zusammengespielt.

Warum kam das Ende so schnell?

Ich kann nicht für die anderen in der Band sprechen, aber der Stress mit den vielen Touren hat uns ordentlich zugesetzt. Zudem war damals alles etwas zu schnell und zu viel. Mike zum Beispiel wollte sich nicht völlig der Band hingeben, sondern auch ein normales Leben führen können. Ich habe selbst eine insgesamt 18-jährige Pause eingelegt, bin aufs College gegangen, habe geheiratet, zwei Kinder in die Welt gesetzt und meine Karriere außerhalb der Musik gefördert. Ich spreche jetzt noch einmal nur für mich – aber wir hatten schon damals eine Art Horrorvision, dass du dich vielleicht plötzlich in deinen 40ern befinden könntest und nie etwas anderes gemacht hast, als in einer Band zu spielen. Ich respektiere die Jungs aber alle, dass sie die Eier hatten, ihr Leben so zu führen, wie sie es immer wollten. Im Endeffekt gelang uns das ja fast allen. Jetzt bin zumindest ich wieder da – ich habe all meine Ziele außerhalb der Musik erreicht, habe ordentlich was weitergebracht, aber die Liebe zur Musik nie verloren. Mich hat es einfach wieder gereizt, in die Szene zurückzukehren und den Leuten hoffentlich auch das geben zu können, was sie hören wollen.

Die erste große Comeback-Show war in Wacken 2007. Warum hat es dich denn wieder gereizt, mit POSSESSED für Unruhe zu sorgen?

Das hatte stark damit zu tun, dass mir so viele Menschen Mails und Briefe geschrieben, oder mich einfach auf der Straße gefragt haben, warum wir denn nicht endlich wieder zurückkommen. Lange Zeit haben wir das nicht gemacht, weil die Originalmitglieder keinen Bock darauf hatten. Irgendwann habe ich aber entschlossen, dass es eine Tragödie wäre, den POSSESSED-Namen sterben zu lassen. Solange ich am Start war, waren auch die meisten Leute von dem Projekt überzeugt und wollten es unterstützen. Anfangs hatten wir schon Angst, ob das ohne Mike und Co. funktionieren würde, aber wir wollten den Namen POSSESSED nicht sterben lassen, nur weil vielleicht jemand verstorben ist oder andere Interessen entwickelt hat. Es wurde einfach zu viel Herzblut und Seele in die Band investiert, um das Kapitel zu schließen.

War die Wacken-Show anfangs als einmaliges Ereignis geplant?

Was ihr Europäer meist nicht wisst – wir haben davor schon zuhause in Hollywood ein paar Shows gespielt und das Feedback der Leute war schlichtweg phänomenal. Die Leute haben teilweise sogar geheult, als wir gewisse Songs spielten. Das hat uns darin bestärkt, die kommenden Herausforderungen anzunehmen und POSSESSED wieder aktiv in die Welt zu tragen.

Es gibt aber dennoch sehr viele alte Fans von euch, die POSSESSED ohne Mike Torrao, der ja fast alle Songs schrieb, nicht mehr als richtige Band anerkennen. Was denkst du darüber?

Wie ich schon sagte – für mich ist noch immer sehr viel vom POSSESSED-Geist in dieser Band. Ich habe auch das Recht, diese Band aktiv zu halten und viel Spaß daran. Wenn jemand diesen Weg nicht mitgehen will, dann kann ich auch nichts machen.

Schon seit Jahren wird über ein neues Album gemunkelt und du hast schon oft gesagt, dass du an neuen Songs schreibst. Wann ist es endlich soweit?

Derzeit haben wir neun Songs fertiggestellt, wollen aber noch ein paar dazupacken und dann mit den Aufnahmen beginnen. Wir müssen jetzt selber wirklich Gas geben und hoffen, dass es bereits Ende des Jahres endlich ein drittes POSSESSED-Album geben wird.

Wann kam für dich der Zeitpunkt, wo du selber wieder unbedingt auf die Bühne zurückkehren wolltest?

Dieser Wunsch ist in mir eigentlich nie gestorben. Ich muss aber zugeben, dass ich sehr viele Jahre in meinem Leben hatte, wo das Singen aufgrund anderer Vorkommnisse einfach keinen ausreichend wichtigen Stellenwert hatte. Der zündende Funke kam dann spätestens 2004, als viele bekannte Death-Metal-Bands am POSSESSSED-Tribute-Album werkten und ich daran beteiligt war. Das hat sich einfach sehr gut angefühlt und das Feuer brannte von da an in mir wieder lichterloh.

1989 wurdest du auf dem Heimweg von deinem damaligen Job zweimal angeschossen und ausgeraubt, sitzt seitdem im Rollstuhl. Wie hast du diese schlimme Phase deines Lebens verarbeiten können?

Anfangs eigentlich so, wie man sich das vorstellt. Ich war ein körperliches als auch mentales Wrack und mit Sicherheit nicht der einfachste Zeitgenosse im zwischenmenschlichen Umgang. Als ich damals lange im Spital lag, haben meine ex-Kollegen POSSESSED reformiert und das war nicht einfach für mich. Plötzlich singt jemand anders die Texte, die du geschrieben hast. Aber ich habe sie so gut wie möglich unterstützt und sogar ihr damaliges Demo unter meinen Freunden verteilt. Irgendwann verspürte ich aber selber wieder den Wunsch auf die Bühne zu gehen, habe mich nicht mehr um dieses Bandkonstrukt gekümmert und war selber wieder auf der Piste.

War es für dich im Rollstuhl anfangs sehr schwierig damit umzugehen, dass du nicht mehr Bass spielen konntest?

Naja, ich könnte im Prinzip schon mit viel Übung, aber ich kann mich ja nicht auf der Bühne bewegen und das geht mir manchmal schon gewaltig am Arsch. Man muss damit aber einfach seinen Frieden schließen und mir ist das mittlerweile zum Glück gelungen.

Was hast du eigentlich am College gemacht?

Ich habe dort Recht studiert und mich sehr stark mit Bürgerrechten, Wirtschaftsrecht und auch dem Humanismus beschäftigt. Ich war sogar kurz davor, Anwalt zu werden, aber dann kam mein erstes Kind auf die Welt und ich begann in einem Spital für den Vizepräsidenten einer Gesundheitsfürsorge zu arbeiten. Ich hatte eine lange Zeit lang wirklich ein komplett normales Leben und ich fand das auch sehr cool.

Aber die Aufregung hat dir dann doch gefehlt?

Dieser Job war eigentlich wirklich aufregend, aber ich bin dann leider sehr stark erkrankt und musste den Job schmeißen. Es hat mich dann an die fünf Jahre gekostet, meinen Weg zu finden, der mich jetzt wieder auf Tour mit POSSESSED geführt hat.

Du hattest nach dem College also einen Plan B, der mit Musik gar nichts zu tun hatte?

Damals ja. Mittlerweile bezweifle ich, dass ich jemals wieder einen normalen Job annehme, weil POSSESSED meine Arbeit ist. Ich will das machen, bis ich in Pension gehe oder sterben muss.

Wie schwierig ist es, im Rollstuhl sitzend aufwendige Touren zu geben?

Ganz ehrlich gesagt ist es nicht nur nicht einfach, sondern manchmal auch verdammt schwierig. Aber wenn ich die Menschen bei unseren Gigs sehe, zahlen sich all die Mühen aus.

Sind die Locations in denen ihr spielt barrierefrei?

Haha, nicht einmal annähernd. Meistens müssen wir sechs bis acht Stufen überwinden oder spielen in dunklen Kellern. Aber ich habe ja eine Crew und die kann mich überall hin mitnehmen oder hintragen.

Was ist für dich die Hauptmotivation, weiterhin mit POSSESSED die Metal-Welt zu erschüttern?

Was ist die Motivation für einen Musiker? Du liebst einfach deinen Job. Ich bin froh, dass ich noch live auftreten kann und richtig hungrig, noch weiterzumachen.

Bei deinem Gig heute in der Wiener Arena gab es auch einen Kuss von einem weiblichen, blonden Fan für dich…

(lacht) Ja, das war doch großartig. So etwas bedeutet mir mehr, als ich es in Worten ausdrücken könnte.

Hörst du dir eigentlich noch junge, neue Metal-Bands an oder bist du völlig in der Old-School-Welt gefangen?

Wenn wir auf Tour sind, hören wir uns eigentlich alles an, was irgendwo herumliegt. Es gibt auch viele Leute, die uns mit CDs versorgen und ich kann garantieren, dass wir in jedes einzelne Stück hineinhören. Im Prinzip hat sich ja weniger geändert als man glauben will. Auch die Jungen gehen einfach raus, haben eine rebellische Ader und wollen alles in Grund und Boden spielen. Das ist doch der Spaß des Lebens und ich liebe es zu sehen, dass sich das über die Generationen hinweg erhält.

Was ist für dich heutzutage am Schwierigsten, wenn es ums Touren geht?

Ach, ich mache das schon so lange, dass ich ziemlich abgehärtet bin. Eine Tour ist immer sehr herausfordernd und sehr ermüdend, weil du einfach die meiste Zeit des Tages einfach nichts Sinnvolles machst. Ich will da auch nicht herumheulen – es ist ein harter Job, aber wir haben ihn uns ausgesucht.

Vermisst du deine Familie, wenn du lange unterwegs bist?

Extrem – vor allem meine Kinder gehen mir extrem ab. Sonia wird im August 11 und Jeffrey jr., der bereits Bass spielt und singt so wie ich, ist 14.

Knallen sie sich auch selbst POSSESSED rein?

Absolut, sie sind wirklich stolz auf ihren Daddy. Sie sollen einfach das tun, was sie glücklich macht. Ich werde sie auch auf allen Wegen unterstützen – selbst wenn es mal das Musikgeschäft sein sollte.


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