DEAFHEAVEN - George Clarke

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Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir selbst nicht mehr wissen, wie wir unsere Musik bezeichnen sollen.

Kaum eine Band erfährt im Extrem-Metalsektor derzeit einen derartigen globalen Hype wie die US-Nischenverweigerer DEAFHEAVEN. Mit ihrer Mischung aus Black Metal, Shoegaze, Indie und Pop-Gitarren provozieren sie Genre-Puristen genauso, wie mit ihrem nerdigen Auftreten. Im Zuge ihres Arena-Gigs in Wien haben wir uns mit Sänger George Clarke über "Hipster-Metal", dichte Soundwände und Dance-Alben unterhalten.

Veröffentlicht am 09.08.2014

George, mit dem zweiten Album „Sunbather“ gelang euch mit einer Mischung aus Black Metal, Shoegaze und Pop-Gitarren der große Durchbruch. Wie fühlt es sich für dich an, in den Mainstream-Medien vorzukommen ohne Mainstream-Musik zu machen?

Das ist wirklich interessant, denn wir haben uns das weder zum Ziel gesetzt, noch erwartet. Es ist einerseits sehr seltsam, andererseits aber auch cool. Wir haben immer schon alle Menschen geschätzt, die auch uns zu schätzen wissen. Da ist es egal, ob du von der Mainstream- oder der Undergroundpresse bist, ob du Black Metal hörst oder überhaupt keinen Metal. Wenn dich „Sunbather“ in irgendeiner Form berührt, ist das doch gut. Man soll die Meinungen der Menschen wertfrei annehmen und respektieren – schließlich wünscht sich das jeder von allen anderen.

Ihr habt das Rad mit „Sunbather“ nicht komplett neu erfunden, warum hat diese Popularität ausgerechnet euch getroffen?

Ich weiß es wirklich nicht. Wir haben viel Pressearbeit gemacht und jede Anfrage angenommen, außerdem haben wir unheimlich viel getourt. Wir sind im Prinzip zwei Jahre vor „Sunbather“ durchgehend unterwegs gewesen und seit das Album raus ist, sieht es wieder ähnlich aus. Wir haben jedenfalls keine Angst oder Scheu davor, uns mit Fragen von Fans oder der Presse auseinanderzusetzen. Es gab in der Musikbranche wohl ein paar wichtige Leute, denen „Sunbather“ so gut gefiel, dass sie das Album gepusht haben und einem größeren Publikum verfügbar machten. Wir haben im Prinzip nur das gemacht, was wir immer machen.

Wie hat sich denn euer Leben verändert, seit ihr dem Underground entwachsen seid?

Es ist alles viel stressiger geworden. Wir sind in diesem Jahr bislang jeden Monat unterwegs gewesen und werden das bis zum Jahresende so fortführen. Die Leute reagieren derzeit sehr enthusiastisch auf uns und wir sind glücklich, in dieser Position zu sein. Das ist aber auch schon der größte Unterschied. Ansonsten läuft alles wie gehabt.

Merkst du im Gegensatz zu früher einen Unterschied im Publikum?

Die Leute sind bei den Konzerten viel energischer als vorher. Mittlerweile sind die Zeiten vorbei, in denen die Leute unser Material zu wenig kannten und dadurch nicht mit unserer Show interagieren konnten. Das gefällt mir besonders. Man merkt, dass sich die Leute mit dem Material auseinandersetzen und einen irrsinnigen Enthusiasmus entwickelt haben.

Könnt ihr mittlerweile vom Einkommen mit DEAFHEAVEN leben?

Wir baden nicht unbedingt in der großen Kohle, aber ja, ich kann von diesem Job mittlerweile leben. Das wird vielleicht nicht immer so sein und deshalb freut es mich umso mehr und genieße die Zeit umso mehr.

Welchen Stellenwert besitzt DEAFHEAVEN im Vergleich zu anderen Dingen deines Lebens?

DEAFHEAVEN ist mein Leben. Im Prinzip etwas wie ein zeitintensives Hobby, in dem meine ganze Passion liegt. Ich habe natürlich auch eine private Seite an mir, aber die ist für die Außenwelt uninteressant.

Fällt es dir schwer, dass du dein ursprüngliches Hobby nun als Job sehen musst?

Was gibt es besseres, als so einen Job zu haben? Es war immer wesentlich schwieriger von einer Tour zurückzukommen, und einen normalen Job zu finden. Wir haben jahrelang nicht einen Cent mit der Musik verdient. Ich habe eineinhalb Jahre auf dem Boden in der Wohnung eines Freundes geschlafen und es ist wirklich toll, dass wir uns das nicht mehr aufbürden müssen. Der größte Unterschied ist, dass du einfach in allen Bereichen klüger und wacher werden musst. Du musst das Wirtschaftliche des Musikbusiness verstehen und kannst nicht mehr einfach nur auf die Bühne und spielen.
DEAFHEAVEN-Songs sind keine leichte Kost. Der Hörer wird von Soundwänden umgarnt und es viele instrumentale Schichten sorgen für eine gewisse Opulenz.

Wie lange dauert es, bis du mit einem Song zufrieden bist?

Das ist ganz verschieden. Wir haben Riffs, die wir in einer Stunde schreiben und dann ein Jahr lang nicht nutzen. Aber im Großen und Ganzen sitzen wir herum, klimpern durch die Gegend und kommen so zu unseren Ideen. Wir arbeiten jeder für sich an seinen jeweiligen Part des Songs und treffen uns dann am Ende, um das Lied zu vervollständigen.

Würdest du dich als Perfektionisten beschreiben?

Ich würde es mal so ausdrücken – wir wissen genau, wie wir unsere Zeit möglichst sinnvoll nutzen. Perfektion ist vielleicht etwas zu weit gegriffen. Wir sehen schon jedes einzelne Detail als sehr wichtig an, sind aber der Meinung, dass wir es nicht übertreiben. Wir passen aber sehr stark darauf auf, dass die Songs einfach gut klingen. Wenn etwas zu verrückt oder verschroben klingt, dann entschärfen wird diese Teil noch einmal kurz.

Über die letzten Jahren haben du und Gitarrist/Songschreiber Kerry McCoy die Band mit einigen Musikern aufgestockt – auch um live zu spielen. Herrscht beim Songschreiben dennoch eine Diktatur?

Es war nicht einfach, denn zwischen dem ersten und dem zweiten Album haben wir im Prinzip alle Bandmitglieder verloren. Fast immer war das extensive Touren ausschlaggebend dafür. Bei „Sunbather“ mussten wir beide die Songs schreiben, weil anfangs niemand da war. Aber natürlich sind wir offen für Ideen der anderen. Kerry ist der Hauptsongwriter, aber wir sind wesentlich teamfähiger geworden. Es ist wirklich schwierig, zu zweit ein Album zu schreiben und deshalb freuen wir uns, dass wir mittlerweile eine größere Truppe geworden sind.

Bei DEAFHEAVEN scheint jeder so seine Meinung zu haben, in welche Nische ihr zu stecken seid. Wie würdest du eure Musik mit deinen Worten beschreiben?

Als wir mit der Band gestartet haben, wollten wir unsere eigene Auffassung von amerikanischem Black Metal darbieten. Wir haben auch sehr viel französischen Black Metal gehört und natürlich auch jenen, aus der zweiten Welle aus Norwegen Anfang der 90er-Jahre. Ich würde sagen, die typischen Bands, von denen man inspiriert wird. Über die Zeit hinweg sind dann einfach immer mehr Einflüsse aus allen Richtungen dazugekommen und wir haben uns einfach daran versucht. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, wo ich selber nicht mehr weiß, wie ich unsere Musik bezeichnen soll. Ich nenne unsere Musik einfach Metal – das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Alles darüber hinaus endet in endlosen Diskussionen und Argumentationen, die es einfach nicht wert sind. Wir sind definitiv keine reine Black-Metal-Band, aber nach wie vor davon beeinflusst.

Stört es euch, dass viele Black-Metal-Puristen euch als „Hipster-Band“ oder unehrlich darstellen und sehen?

Das stört mich überhaupt nicht. Ich könnte natürlich den ganzen Tag damit verbringen, mir die Meinungen der Menschen durchzulesen, aber am Ende des Tages kommt die gleiche Musik heraus, wie wenn ich es nicht machen würde. Wir versuchen sehr bodenständig zu bleiben, Alben aufzunehmen und zu touren. Das macht uns Spaß und nichts anderes zählt.

Ihr könntet als erste Band nachhaltig Black Metal- und Indie-Rock-Fans vereinen.

Ja, das ist eine der letzten aufrechten Barrieren. Wer weiß, die Zeit wird uns die Antwort geben. (lacht)

„Sunbather“ war ursprünglich nicht als Konzeptalbum geplant?

Es gibt Themen, die sich in verschiedenen Songs wiederfinden, aber ein direktes Konzept haben wir nicht darauf verbraten.

Wie ist es eigentlich möglich, dass aus einer sonnendurchfluteten Stadt wie San Francisco eine derart misanthropisch klingende Musik wie eure gedeihen kann?

Es ist völlig egal von wo du bist, Menschen müssen im Prinzip immer mit den gleichen Problemen klarkommen. Die Stadt ist schon ein Einfluss auf unsere Musik, aber natürlich nicht in den Ausmaß, wie es vielleicht in Norwegen Städte auf ihre Bands haben. Wir schreiben hauptsächlich über persönliche Probleme und Sorgen, die Menschen durchtauchen müssen. Diese Themen sind geografisch unabhängig.

Kerry und du haben ursprünglich in der Death-Metal-Band RISE OF CALIGULA zusammengespielt. Wie kam es bei euch zu diesem stilistischen Richtungswechsel?

Ich war damals 17 Jahre alt oder so und wir wollten genau so etwas machen. Es war keine wirkliche Band, sondern eher ein Spaßprojekt. Auch wenn wir eine kleine Tour spielten und eine Menge Auftritte hatten. Es war eher so eine Art Highschool-Projekt und wollten schnell und laut sein. Irgendwann hat uns das gelangweilt und so haben wir etwas anderes begonnen.

Könntest du dir vorstellen, neben DEAFHEAVEN ein Nebenprojekt zu starten, in dem du eine total andere Art von Musik spielst?

Es wäre sicher lustig, aber es wäre vielleicht keine Metal-Band. Sagen wir so – entweder wäre es eine wirklich traditionelle Death-Metal-Band, denn das wollte ich schon immer machen. Oder etwas total Verrücktes und nichts Aggressives. Prog oder so etwas in die Richtung, aber dahingehend gibt es absolut keine Pläne.

Was sind die größten Einflüsse, die DEAFHEAVEN zum derzeitigen Standpunkt brachten?

Ich war schon immer ein Metalhead, das war schon seit jeher meine Nummer-eins-Musikrichtung. Ich würde sagen MORBID ANGEL, SLAYER und PANTERA waren die Haupteinflüsse. Vor allem die „Covenant“ von MORBID ANGEL hat mich geprägt, aber auch die „Legion“ von DEICIDE oder Chris Barnes, als er noch Sänger von CANNIBAL CORPSE war. Im Laufe der Zeit hat sich mein Geschmack stark erweitert. Ich mochte dann auch HIS HERO IS GONE, FALL OF THE BASTARDS und Black Metal in dieser Richtung. Ich habe auch immer schon THE SMITHS, THE CURE, BAUHAUS oder ECHO & THE BUNNYMEN gehört. Ich habe mich noch nie auf nur ein Genre versteift.

In welche Richtung wird sich DEAFHEAVEN die nächste Zeit entwickeln?

Ich habe keinen blassen Schimmer. Wir wollen natürlich noch größer und besser werden. Wir haben mittlerweile unserer eigenen Sound gefunden, wollen uns aber keinesfalls langweilig wiederholen. Wir wollen keinesfalls gelangweilt sein und auch niemand anderen langweilen.

Arbeitet ihr schon am nächsten Album?

Ende 2015 wollen wir das nächste Album herausbringen. Wir haben bislang lose Ideen, aber da ist noch nichts konkret.

Hast du Angst, dass ihr an der gestiegenen Erwartungshaltung von außen scheitern könntet?

Wir haben vor dem allerersten Album wohl am meisten Druck verspürt und so ganz ohne geht es ohnehin nicht. Wir sind aber mittlerweile an dem Punkt angelangt, an dem wir einfach glücklich mit dem sind, was wir bislang erreicht haben und glücklich mit unserer Arbeit sind. Wir wollen diesen Spaß einfach aufrecht erhalten. Man kann und solte niemals an alle denken. „Sunbather“ hat sich natürlich gewaltig aufgeblasen und mir kommt es manchmal so vor, als würde ich jede einzelne Meinung eines jeden Hörers bereits vernommen haben. Ich bin aber dankbar für die guten und schlechten Meinungen – schließlich ist die Hauptsache, dass jemand überhaupt eine hat. Wenn ihr also unser kommendes Album mögt, ist das großartig. Wenn nicht, ist das auch okay.

Gibt es für DEAFHEAVEN eigentlich eine musikalische Grenze, die nicht überschritten werden darf?

Möglicherweise. Wenn sich etwas total dumm anfühlen würde, würden wir wohl nicht unbedingt darauf zurückgreifen. Techno könnte etwa so etwas sein. (lacht) Aber wer weiß das schon so genau. Vielleicht wird das vierte Album in einigen Jahren eine Dance-Scheibe? (lacht)


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