Axel Rudi Pell - Axel Rudi Pell

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Wenn ich drei Zeilen singe, fange ich an zu röcheln und mir kommen die Marlboros oben raus.

Vor seinem gut besuchten Auftritt in der Wiener Szene hat uns Wattenscheids Gitarrengott Axel Rudi Pell eine kurze Audienz auf dem Sofa des Wiener Delta Hotels gewährt. Im sympathischen Gespräch erwies sich der 54-Jährige nicht nur als entspannter, sondern auch als reflektierter und selbstkritischer Gesprächspartner, der bereitwillig über Privates, Geschäftliches und Kurioses palaverte.

Veröffentlicht am 06.10.2014

Axel, dein Auftritt unlängst in der Szene war einer deiner ganz seltenen in Wien. Warum eigentlich?

Die letzte Show war hier vor zwei Jahren, allerdings war das auch die allererste. Vorher hatte die Plattenfirma gemeint, da wir bei euch so wenige Alben verkaufen, müssen wir da nicht hin. Aber doch gerade deswegen. (lacht) Jedenfalls war der erste Gig schon mehr als okay und der Vorverkauf für dieses Konzert war viel besser als letztes Mal.

Von Mal zu Mal haben AXEL RUDI PELL-Alben immer mehr kommerziellen Erfolg. Das ist natürlich großartig, aber auch etwas sonderbar, dass sich das erst im steigenden Alter so ergibt oder?

Das finde ich auch sehr interessant. Das liegt wohl daran, dass die Platten immer besser werden. (lacht) Oder daran, dass der Stil wieder angesagter ist als vor sechs oder sieben Jahren.

Als du 1989 nach dem Ende von STEELER mit deiner Solokarriere begonnen hast, hast du eigentlich die denkbar ungünstigste Zeit dafür gewählt, denn Heavy Metal war nichts wert und Grunge regierte die Rock-Welt.

Genau, da hast du recht. Ich habe aber nie daran gedacht, vielleicht mal kürzerzutreten oder aufzuhören – das wäre den Fans gegenüber unehrlich. Auf einen Trend würde ich nur aufspringen, wenn er genau in meine musikalische Richtung geht – ansonsten ziehe ich mein Ding durch und lasse mich nicht verbiegen.

2014 ist DAS AXEL RUDI PELL-Jahr. 30 Jahre Musikkarriere, 25 Jahre Solokarriere und dazu im Sommer noch eine bombastische, einmalige Show beim Bang Your Head gespielt. Blickst du bei einem derartigen Jubiläum wehmütig in die Vergangenheit oder motiviert nach vorne?

Absolut nicht. Die STEELER-Zeit war für mich so eine Art Lehrzeit, wo ich das Musikbusiness rund um Touren, Plattenverträge etc. wirklich gut kennengelernt habe. Ich blicke keineswegs nur nostalgisch zurück, sondern freue mich über die kleinen Karrieresprünge, die ich in den letzten 25 Jahren kontinuierlich gemacht habe. Ich hätte mit meiner Art von Musik natürlich gerne zehn Jahre früher angefangen. Wenn das erste Soloalbum statt 1989 im Jahr 1979 erschienen wäre. Dann wäre ich wohl noch besser geworden und vielleicht auch kommerziell durch die Decke gegangen. Aber wie gesagt – es ist alles okay und ich bin mehr als zufrieden.

Warum haben stilistisch zumindest ähnlich gelagerte Landsleute wie HELLOWEEN oder BLIND GUARDIAN im Großen und Ganzen so viel mehr Erfolg gehabt als du?

Das stört mich überhaupt nicht, denn bei STEELER haben wir etwas komplett anderes gemacht. BLIND GUARDIAN und HELLOWEEN sind beides sehr coole Bands, ich kenne beide gut und mag sie auch. Neiddenken oder so etwas kenne ich nicht – ich gönne ihnen ihren Erfolg. Es haben aber auch beide Bands nicht mehr diesen Hype, den sie früher schon einmal hatten.

Kommen wir noch einmal auf deinen pompösen BYH-Auftritt im Sommer zu sprechen. Du hattest dort Gäste wie Doogie White, Vinny Appice oder Rob Rock. Wie war denn das logistisch möglich?

Das war natürlich los catastrophos (lacht). Die Vorbereitung selber hat sich über ein Jahr hingezogen und ich hatte zum Glück eine großartige Crew, die mich unterstützte, wo es nur ging. Die Gäste habe ich aber alle selber angeschrieben oder angerufen und das hat zum Glück funktioniert. Aber der gesamte Ablauf mit Drumkits hin- und herrollen, wer wann und wo spielt etc. – da habe ich mich nicht eingemischt. Hätte ich das auch noch selber in die Hand genommen, hättest du mich wohl einliefern können.

Die Show hat mehr als drei Stunden gedauert und ein kleiner Teil davon war die STEELER-Reunion. War das erneute Zusammenspielen schwierig?

Überhaupt nicht. Ich hätte es mir viel schwieriger vorgestellt, als es im Endeffekt war. Wir haben vorher zweimal geprobt und ich habe dann Sänger Peter Wurz gefragt, was er davon hält. Er meinte, für eine einmalige Zusammenkunft ginge das klar – aber eben nur ein paar Songs und keine komplette Show. Wir haben vier Songs gespielt, das war eine einmalige Sache und das Ding wird es auch nie wieder geben. Beim Proben war ich ein bisschen skeptisch, aber es hat wirklich Spaß gemacht und am Ende war es fast wie früher.

Die nächste Frage hast du ja schon vorweggenommen – dennoch haben sich dort sicher viele Fans gedacht, mit STEELER gäbe es vielleicht weitere Shows. Warum denn eigentlich nicht? Was spricht dagegen?

Die Kiste ist abgeschlossen. Bis auf einen möchte das von der damaligen Besetzung auch keiner wieder haben. Das ist jetzt 25 Jahre her und man soll es so lassen, wie es war. Ich habe mit meinem Soloprojekt mehr Erfolg als STEELER jemals hatten, eine Wiedervereinigung wäre für mich ja ein Rückschritt.

Dabei sind Reunions so populär. Von CARCASS bis zu AT THE GATES – alle kommen sie irgendwann wieder.

Ja, aber da ist wahrscheinlich schon auch ein bisschen ein kommerzieller Gedanke dahinter. Ich weiß es nicht (lacht).

Aus wie viel Hard Rock und Heavy Metal bestehst du, wenn du nicht auf der Bühne oder im Studio bist?

Aus ganz viel, ich lebe das ja. Ich bin jetzt keiner, der zu anderen Shows geht und in der ersten Reihe mitbangt. Das habe ich früher gemacht, aber aus dem Alter bin ich jetzt raus. Aber ich höre trotzdem alles quer durch den Garten auf und unter. Nicht nur Heavy Metal. Ich bin ein ganz normaler Typ, fahre stinknormal Auto und sitze mit meiner Frau im Garten. Alles easy.

Fehlt dir die Familie auf Tour?

Auf jeden Fall, aber wir touren ja nicht so lange. Derzeit sind wir ca. drei Wochen unterwegs und das ist ja alles im Rahmen.

Als dein aktuelles Album „Into The Storm“ in die Charts kam, warst du von zwei HELENE-FISCHER-Alben flankiert. Wie hat sich das angefühlt?

Das sieht wohl cool aus, aber eigentlich ist mir das egal (lacht). Da hätte ja auch PETER MAFFAY oder irgendwer stehen können. Es ist aber natürlich cool, wenn man mit etwas Ausgefallenem, nicht Mainstream-Populärem um die Ecke kommt, und dann zwischen diesen Schlagerstars herumtanzt.

Auf Tour habt ihr derzeit die aufstrebenden REBELLIOUS SPIRIT im Gepäck und irgendwie hat man von außen das Gefühl, ihr wärt Ziehväter von den Jungs. Die schwärmen auch in allen Interviews von euch.

Ja, die Jungs sitzen teilweise schon hinter der Bühne und gucken sich unsere ganze Show an – natürlich lernen sie auch etwas von uns. Die schauen natürlich auch, wie unsere Crew arbeitet und das bringt die Jungs schon ordentlich weiter. So beeinflussen kann ich sie aber nicht, denn die machen ihr eigenes Ding und das sehr gut.

Welche Ratschläge kannst du aus deiner eigenen Erfahrung mitgeben?

Zwischendurch sag ich dann schon mal, sie sollen nicht so viel trinken (lacht).

Wie hoch ist denn heute noch der Partyfaktor bei AXEL RUDI PELL?

Zu meinen STEELER-Zeiten brauchte ich vor der Show schon ein paar Flaschen. Jetzt nichts Hochprozentiges, aber zumindest Bier – aber das ist heute ein absolutes No-Go. Ich konzentriere mich lieber auf die Show, denn eine zwei-Stunden-Show schlaucht ganz schön. Vorher gibt’s nur Wasser oder Säfte, danach gibt’s natürlich schon Bier. Gestern zum Beispiel hatten wir einen Day Off und halb Wien leergetrunken – na, das ist natürlich übertrieben. Drummer Bobby Rondinelli und Keyboarder Ferdy Doernberg trinken überhaupt keinen Alkohol, Sänger Johnny Gioeli sehr wenig. Aber Bassist Volker Krawczak und ich hauen uns schon mal einen mit Ouzo in die Kante, das ist unser Nationalgetränk. Heute hält sich aber alles in Grenzen. Es gibt da eine alte Regel – bis 20 geht es darum, dass man einfach saufen will, zwischen 20 und 30 suchst du die Mädls, zwischen 40 und 50 willst du nur wissen, was es auf Tour so zu essen gibt und ab 50 heißt es nur noch: „Ist ein Doktor in der Nähe?“ (lacht) So ungefähr kannst du dir das vorstellen.

Bist du ein Mensch, der sich rückblickend sehr kritisch mit der eigenen Diskografie und Karriere auseinandersetzt?

Auf jeden Fall. Bei den STEELER-Alben sowieso, aber auch bei meiner ersten Soloplatte „Wild Obsession“. Vom Sound her eine Katastrophe, von den Soloparts her gesehen ebenso. Ein paar gute Riffs sind schon dabei und auch der Gesang von Charlie Huhn war in Ordnung, aber im Grunde genommen würde ich diese Platte so sicher nicht mehr machen. Die würde ich gar nicht mehr schreiben, sondern ganz anders machen. Der Nachfolger „Nasty Reputation“ war dann schon cooler, das entsprach auch mehr dem Stil, den ich verfolgt habe. Es gab auch ein paar Sachen aus der Jeff Scott Soto-Zeit, die mir heute nicht mehr passen. Ich erinnere mich an einen Song von der „Eternal Prisoner“ und zwar „Sweet Lil‘ Suzie“ – das war so ein Funk-Song. So etwas würde mir heute gar nicht mehr einfallen.

Hast du niemals die Lust verspürt, einmal zu singen?

Ich habe auf einer Best-Of, bei so einem Japan-Bonusteil „Hey Joe“ gesungen und da haben dann alle gesagt, ich solle das nur ja nie mehr machen. Bei der letzten Tour bei der ersten Show war irgendwas mit Johnny und er musste kurz von der Bühne und ich hab auch „Hey Joe“ live gesungen. Das war furchtbar.

Du fühlst dich dabei also selbst unwohl?

Ich habe keine Singstimme. Ich treffe zwar viele Töne, aber eben nicht alle. Leider haben viele keine Singstimme, die singen. Bei mir geht das nicht und ich habe auch keine Technik. Wenn ich drei Zeilen singe, fange ich an zu röcheln und mir kommen oben die Marlboros raus.

Rauchst du noch viel?

Ungefähr 30 Stück am Tag. Diesen Level hatte ich schon seit Jahren konstant.

Willst du noch irgendwelche Laster ablegen? Zum Beispiel das Rauchen?

Laster? Das ist in meinem Alter doch schon ziemlich schwer, mit etwas Gewohntem aufzuhören. Richtige Laster habe ich nicht. Na doch – ich esse abends spät und zu viele Süßigkeiten (präsentiert stolz seine kaum vorhandenen Speckröllchen - Anm. d. Verf.). Oder auch fettiges Essen.

Aber das ist ja auch eine Tour-Krankheit.

Na klar, das sowieso. Wir essen vor der Show und dann meistens danach im Bus auch noch was und das verträgst du dann halt nicht. Wenn du dann auch noch zwei, drei Bier dazu trinkst und du die gleich in die Buskoje zum Pennen haust – das reißt dich schon ordentlich nieder.

Letztes Jahr war für deine Band auch sehr einschneidend, denn nach knapp 15 Jahren hat euer Drummer Mike Terrana die Reißleine gezogen. Wieso?

Da ist kein böses Blut zwischen uns. Ich mag ihn eigentlich immer noch und er mich auch – glaube ich zumindest, weiß ich aber nicht. Er hatte einfach keine Zeit. Wir hatten das Studio für „Into The Storm“ schon gebucht und plötzlich sagte er, er könne die Platte nicht mehr einspielen, obwohl er die Termine zugesagt hatte. Ich hatte den Zeitraum abgesteckt, doch anscheinend hat er die Termine nicht richtig aufgeschrieben. Ohne Tour, macht aber auch die Platte keinen Sinn und so kam das eine zum anderen. Das war’s dann. Er spricht nicht schlecht über mich und ich nicht schlecht über ihn. Es war einfach ein richtig schlechter Zeitpunkt.

Mit dem ehemaligen RAINBOW- und BLACK SABBATH-Schlagzeuger Bobby Rondinelli hattest du extrem schnell Ersatz gefunden. Überhaupt bist du in der Metalszene extrem gut vernetzt – woher kommt das?

Ich habe keine Ahnung (lacht). Das sind immer Zufälle. Ein guter Freund von mir war früher Fahrer und Assistent von Richie Blackmore als Bobby in seiner Band war. Seitdem haben sich mein Kumpel und Bobby immer wieder geschrieben zu Weihnachten und Geburtstagen und irgendwann habe ich ihn einfach gefragt. Ich habe ihn einfach angeschrieben und er kannte den Namen, aber die Musik nicht. Also habe ich ihm ein paar YouTube-Links geschickt und mp3-Files und dann war er schon begeistert. Es war genau seine Musik und zudem war er auch frei. Er musste noch ein paar Shows mit Leslie West spielen, flog dann zu uns, spielte die Drums ein und wir haben uns von der ersten Minute an perfekt verstanden. Er ist ein totaler netter Kerl und passt perfekt in die Band.

Wie oft kommt es eigentlich vor, dass in einem Gespräch wie unserem gerade, du als erster die Wörter RICHIE BLACKMORE oder DEEP PURPLE aussprichst?

Fast nie. Zumindest heute (lacht).

Wie geht es weiter mit AXEL RUDI PELL. Von der bombastischen BYH-Show wird es ja eine DVD geben?

Definitiv, wir haben ja sogar die Proben aufgenommen und es wird ein Riesenpackage geben. Ich habe selber noch nichts gesehen, aber es werden drei oder vier DVDs sein und ein vier- oder sechsfach Vinyl. Was irgendwo raufpasst, haben wir raufgetan. Die haben das mit 25 Kameras aufgenommen und das zu schneiden ist eine Schweinearbeit. Ich habe weder was gesehen, noch gehört, aber im März sollte das Teil abzugreifen sein.

Gibt es noch Träume, die du dir erfüllen willst?

Privat bin ich eigentlich superglücklich und musikalisch wäre es mal cool, in jedem europäischen Land eine Goldene zu kriegen. Ich habe eine Platin zuhause, die ist aber von irgendeiner Gesellschaft zusammengefasst, wo alle Verkäufe reingerechnet wurden. Eine goldene Single aus Schweden habe ich auch, aber ansonsten fehlt mir noch ein bisschen an Edelmetall.


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