At The Gates - Tomas "Tompa" Lindberg

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Wenn die Nörgler das Album erst einmal hören, wird niemand mehr von ,Ausverkauf' sprechen!

"At War With Reality" ist nicht nur das erste AT THE GATES-Album seit 19 Jahren, sondern auch eines der absolut größten Highlights in dieser Saison. Grund genug, um Frontmann Tomas "Tompa" Lindberg zur Wählscheibe zu zerren, um mit ihm über die wiedergewonnene Motivation, das Ad-Absurdumführen der "Sell Out"-Vorwürfe und seinen Stand bei Hip-Hop-Kids aus der Vorstadt zu quasseln.

Veröffentlicht am 17.10.2014

Tompa, wie fühlt es sich an, nach 19 langen Jahren wieder ein AT THE GATES-Album zu veröffentlichen?

Wir sind einfach stolz darauf, dass wir die Chance bekommen haben das zu machen und der Prozess war ein für uns sehr dankbarer. Alleine schon das Album zusammen zu schreiben hat ehrlich gesagt unendlich viel Spaß gemacht (lacht). Wir sind aber nicht nervös, sondern ziemlich entspannt, denn für uns ist es schlichtweg ein Album.

Ich erinnere dich kurz an ein Zitat von dir aus dem Oktober 2007. „Es wird kein neues Album geben. Das Vermächtnis von „Slaughter Of The Soul“ wird jedenfalls intakt bleiben. Natürlich würde es Spaß machen, wieder zusammen an einem Album zu schreiben, aber nicht unter dem Banner AT THE GATES“. Was sagst du dazu?

Ich sage dazu, dass wir als Band wohl nie mehr wieder so gewagte Sätze sagen sollten (lacht). Ich denke, das Vermächtnis von „Slaughter Of The Soul“ wird ohnehin intakt bleiben – egal was wir machen. Das Album steht doch für sich selbst. Unser neues Album „At War With Reality“ hat sein eigenes Leben. Es ging uns einfach darum, ehrlich zu uns selbst zu sein und nicht auf ein Album zu verzichten, weil wir vor sieben Jahren solche Sätze vom Stapel gelassen haben. Das wäre nicht nur uns, sondern auch den Fans gegenüber unfair. Das Album hatten wir schon länger in uns und wir würden uns selbst hintergehen, wenn wir uns noch heute auf dieses Zitat aufhängen würden.

Ich mag das neue Album wirklich gerne und für mich klingt es im Prinzip wie eine wilde Mixtur aus all euren alten Alben samt besserer, weil richtig fetter Produktion. War es von euch aus so geplant, die AT THE GATES-Historie im neuen Werk miteinzubeziehen?

Es war zumindest nicht beabsichtigt, denn der Sound auf dem Album kommt aus unseren Herzen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hochnäsig, aber das einzige Ziel von uns war tatsächlich, kein weiteres „Slaughter Of The Soul“-Album zu schreiben, weil es uns im Rückblick einfach etwas zu eindimensional vorkommt. Für AT THE GATES-Verhältnisse haben wir damals einfach auf Komponenten verzichtet, die wir auf „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ und „Terminal Spirit Disease“ integrierten. Es fehlte einfach an den melancholischen Melodien und der Dunkelheit. „Slaughter Of The Soul“ war eine halbe Stunde pure Aggression. Das war schon okay, denn damals war es unser ehrlichstes Album, aber wir haben einfach viel mehr in uns. Wenn du eine Orientierung brauchst, dann würde ich sagen, „At War With Reality“ ist das Album, das zwischen „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ und „Terminal Spirit Disease“ stehen müsste.

Steht der Albumtitel „At War With Reality“ in irgendeiner Weise mit deinem persönlichen Leben in Verbindung?

(überlegt lange und setzt mehrmals zum Reden an) Als wir uns zusammensetzten und ernsthaft über die Ausrichtung des neuen Albums sprachen, hatte ich plötzlich die wahnwitzige Idee, das Album komplett über meine Philosophie, meine Einflüsse, meine Politik etc. drehen zu lassen. Über das große Ganze. Diese Attitüde war nicht unbedingt die beste, um den Kreativitätsprozess zu beschleunigen (lacht). Ich war dann recht schnell frustriert, dass mir dieses Vorhaben nicht gelang. Also hab ich mir etwas überlegt, mit dem Leute bei AT THE GATES nicht rechnen würden und das war ein Konzept. Wir waren immer eine fortschrittliche Band, die sich auch in neuen Ideen verloren hat und plötzlich gingen wir also einen Schritt zurück. Bei „At War With Reality“ geht es aber nicht um einen Krieg gegen meine Realität oder die der Bandmitglieder, sondern um einen Krieg gegen die einzig mögliche Realität, die man uns vorkauen will. Jeder hat seine eigene Realität und seine eigenen Ansichten und gewisse Menschen wollen das immer verhindern. Wir sind prinzipiell gegen alle strukturierten Ideen, die ein System vorgeben will. Eine vorgegebene Struktur ist Schwachsinn. Wir brauchen mehr um das Leben zu verstehen, das wir führen. Darum geht’s im Großen und Ganzen.

Die AT THE GATES-Mitglieder spielen zudem noch in Bands wie THE HAUNTED, die ein brandneues Album draußen haben, VALLENFYRE, LOCK UP und vielen anderen. Wie soll sich das alles ausgehen?

Da geht’s doch nur um die Logistik. Wir glauben einfach so stark an dieses Album und sind außerdem alle viel reifer als früher – mittlerweile können wir auch problemlos miteinander reden (lacht). Der Fokus liegt jetzt für längere Zeit sicher auf AT THE GATES, aber deshalb wird keine andere Band zu Schaden kommen. Es geht nur darum, im Vorfeld alles gut genug zu planen.

Wer ist eigentlich mit der Idee zu einem neuen Album dahergekommen. War das Anders oder doch du?

Das ist alles recht natürlich gewachsen, aber Anders war der erste, der den Fuß in die Tür setzte und mir ein paar Licks und Riffs vorspielte und mich fragte, ob ich dazu nicht etwas texten könnte. Mit Jonas zusammen haben wir drei dann innerhalb von wenigen Wochen vier oder fünf Songs verfasst. Wir haben uns alle angesehen und gefragt: „Machen wir das wirklich? Schreiben wir gerade neues AT THE GATES-Material? Passiert das gerade wirklich?“ (lacht) Das Ganze ist wirklich völlig natürlich gewachsen.

Die „Sell-Out“-Vorwürfe werdet ihr seit der ersten Reunion 2007 nicht mehr ganz los. Ärgert dich das?

Es wird immer tonnenweise Sachen geben, die dich verärgern, aber du kannst dich nicht mit all dem befassen. Ich sehe das eher von der anderen Seite – wir könnten viele Jahre auf Festivals spielen und touren, ohne auch nur irgendwas Neues zu spielen. Andere würden dazu „Verdienen am Vermächtnis“ sagen. Aber ein Jahr lang alles hintenanzustellen, sich selbst herauszufordern und ambitioniert ans Werk zu geben ist für mich der Gegenteil von „Ausverkauf“. Man merkt daran doch, dass wir immer noch kreativ sind und das auch tun wollen. Dieser Weg ist der viel ehrlichere, als nur mit der eigenen Legende spazieren zu fahren. Für mich sind wir eigentlich das Gegenteil von „Sell-Out“. Wenn die Leute das Album hören, dann werden diese Vorwürfe auch bestimmt enden.

Jeder AT THE GATES-Fan erwartet von euch nichts weniger als ein revolutionäres Album. Wie geht man mit dieser Drucksituation um?

Als wir bekanntgegeben haben, dass wir ein Album rausbringen würden, haben wir bereits alle Demos für das Album fertiggestellt gehabt. Wir hatten somit zumindest von außen absolut keinen Druck und wollten nur mit uns selbst zu 100 Prozent zufrieden sein. Natürlich haben die Fans eine Vision oder eine Hoffnung, wie unser neues Album klingen wird, aber wir können natürlich niemals alle Erwartungen zufriedenstellen (lacht). Der echte AT THE GATES-Fan wird sich ohnehin etwas Neues, etwas Verrücktes und etwas Herausforderndes erwarten, und das kriegt er auch. Schließlich haben wir uns noch nie wiederholt.

Lass uns doch ein bisschen eure Geschichte aufrollen – warum war die erste Phase eurer Karriere 1996 zu Ende?

Wir hatten damals durch den Erfolg verdammt viel Druck und waren einfach zu jung, um damit umgehen zu können. Die Plattenfirma, das Tour-Management und die Booker waren eben der Meinung, wir müssten rund um die Uhr touren und das war nicht möglich. Mittlerweile sind wir alt genug und in einer Position, dass wir machen können was wir wollen. Wären wir damals in unserem derzeitigen Alter gewesen, hätten wir die Band wahrscheinlich gleich weitergeführt.

2007 gab es das erste kurze Comeback, seit 2010 seid ihr regelmäßig dabei. Klingt alles ein bisschen nach Unschlüssigkeit.

Als wir im September 2008 in Athen unsere letzte Show spielten, dachten wir wirklich, dass es damit aus ist. Wir alle hatten Tränen in den Augen und haben innerlich damit abgeschlossen. Schon der ganze Sommer davor war für uns aufgrund des drohenden Endes sehr emotional. Dann haben Anders und ich aber mehr als ein halbes Jahr an unserer DVD „Purgatory Unleashed“ gearbeitet und gemerkt, wie viel Spaß das macht. AT THE GATES hat uns ja niemals verlassen. Wir haben dann beschlossen, einfach weiter live zu spielen. Hauptsächlich deshalb, um auch an Plätzen zu sein, an denen wir davor noch nicht waren, weil uns die Zeit fehlte. Südamerika und Australien zum Beispiel. Wir waren einfach überwältigt über das Interesse an unserer Band, das haben wir 2007 schon nicht realisiert. Wir mussten einfach zurückkommen.

AT THE GATES galten stets als Miterfinder des „Göteborg-Death-Metal“ und die „Slaughter Of The Soul“ sieht so mancher auch als Ursprungsquelle des Metalcore. Was bedeuten dir diese Dinge?

Mir ist das eigentlich ziemlich egal, denn jeder interpretiert Stile und Sounds auf seine eigene Art und Weise. Wir haben einfach immer aggressiven Death Metal gemacht. Wir fühlen uns auch nicht verantwortlich dafür, dass viele Bands nach uns einen ähnlichen Sound hatten, die Urquelle sind wir auch nicht. Schließlich haben wir auch selbst Idole, die uns inspiriert haben. Für mich waren und sind wir einfach eine Death-Metal-Band. Aber es ist natürlich okay, wenn andere Leute andere Ansichten haben.

Du bist im Brotberuf Englisch- und Sozialkundelehrer. Wie geht sich denn das bitte alles aus?

Das kann manchmal stressig sein, aber dieses Jahr arbeite ich nur mehr 60 Prozent als Lehrer, um mehr Zeit für AT THE GATES zu haben. Ich habe mich also eingeschränkt.

Benötigst du beide Welten, um glücklich zu sein?

Das ist eine sehr gute und wichtige Frage, denn uns ist es allgemein sehr wichtig, unsere normalen Jobs nicht zu kündigen und am Boden zu bleiben. Es ist einfach unerlässlich, eine sichere Einkommensquelle zu haben, die uns auch für das Pensionskonto gutgeschrieben wird. Wir müssen also keine Kompromisse eingehen, wenn es um die Band geht, weil wir finanziell nicht davon abhängig sind. Wir müssen uns gar nicht verkaufen, weil wir wirtschaftlich gesehen völlig unabhängig sind (lacht). Wir müssen und werden niemals eine Show spielen, nur weil wir Kohle brauchen. Das haben wir einfach nicht nötig.

Deine Schüler wissen ja, was du außerhalb des Klassenzimmers so treibst. Wie reagieren die darauf?

Das ist schon okay für sie. Ich arbeite in der Vorstadt mit sogenannten „unterprivilegierten Kindern“ und die meisten hören Hip Hop, Pop oder R&B. Trotzdem verstehen sie aber die Größe von AT THE GATES, weil sie durch Facebook oder YouTube natürlich einen Einblick bekommen (lacht).

Als Metaller bist du dann aber wohl nicht der coole Lehrer?

Ich bin ein Lehrer, der zuhört. Ich hatte auch nie die Ambition, der superlustige Typ zu sein, der in der Schule den Kasperl runterreißt. Ich respektiere aber all meine Schüler und ihre Interessen und ich denke, dass bringt mir auch einen gewissen Respekt ein.

Mittlerweile befindet ihr euch alle in den 40ern. Verspürt ihr noch immer dieselbe Energie, dieselbe Wut wie in euren jüngeren Jahren?

Definitiv, das ist auch alles, was uns noch antreibt. Wir haben unsere Attitüde noch nie abgelegt und sind gleich wütend wie eh und je. Aber natürlich braucht das heutzutage mehr Energie und wir leben gesünder (lacht).

Du hast anno dazumal auch das DARKTHRONE-Logo designt.

Ja, das stimmt. Das ist doch schon ewig her. Ich habe jedenfalls sonst keine Logs für Bands gemacht, die irgendjemand kennen würde. Ich war schon mal aktiv in allen Belangen der Szene, auch wenn es um Zeichnungen ging.

DARKTHRONE werden leider nie auf Tour gehen, aber ein Package mit euch wäre doch der absolute Killer.

Ich mag und respektiere wirklich alle Phasen dieser Band, aber ich kenne die Jungs wirklich viel zu gut. Die würden niemals auf Tour gehen (lacht).

Die Möglichkeit, dass du mit Fenriz wandern gehst ist also größer als eine Tour mit DARKTHRONE und AT THE GATES?

In diesem Fall mit Sicherheit: ja.

Andererseits startet ihr im November eure Touraktivitäten in Europa. Im Dezember seid ihr mit TRIPTYKON auch in Wien, allerdings gibt es da ganz böse Gerüchte, dass Tom Warrior und Co. Headliner-Shows in der Schweiz canceln mussten, weil sie nicht aus dem Paket rauskommen. Was ist da dran?

Ich kenne die Gerüchte, klar. Wir haben aber mit Tom und seinem Management gesprochen. Vieles davon war einfach ein großes Missverständnis. Es ist einfacher, wenn man die Agenturen und das Management auch mal außen vorlässt und das direkte Gespräch sucht – mittlerweile ist aber alles cool. Für uns war ja immer alles okay, mittlerweile passt es auch für TRIPTYKON wieder. Dieses Tour-Package ist einfach zu gut, um es wegen Lappalien zu zerstören (lacht).

Was wird uns denn erwarten – eine schöner Mix aus Alt und Neu?

Genau. Es wird niemand enttäuscht sein und es wird von all unseren Karrierephasen Songs zu hören geben, natürlich mit dem Fokus auf das neue Material. Erstmals überhaupt werden wir in Europa zudem eine Art Bühnenhandlung und unseren eigenen Lichtmann haben. Das hatten wir bislang noch nie und ich kann wirklich nur empfehlen, eine unserer Shows zu besuchen, um das Ganze wirklich zu erleben.

Welche Ziele hast du mit AT THE GATES jetzt für die Zukunft? Weitere Touren? Weitere Alben?

Ganz am Anfang dieses Gesprächs hast du mir mein heute ungültiges Zitat entgegengeworfen – wir haben natürlich daraus gelernt und werden jetzt keinesfalls mehr etwas zur Zukunft sagen, wenn es nicht fix ist (lacht). Es wäre natürlich toll, könnten wir weitermachen, aber in erster Linie geht es darum, dass wir den Moment genießen und uns auf Tour in Bestform zeigen.

Wird man in näherer Zukunft auch etwas von deinen anderen Projekten wie LOCK UP oder SKITSYSTEM hören?

Das kann ich auch noch nicht sagen. Derzeit liegt mein Fokus für die nächsten Monate total auf AT THE GATES, mehr Zeit habe ich derzeit nicht.


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