Grave - Tobias Cristiansson & Ronnie Bergerståhl

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Früher ging es um Dunkelheit und verdammte Brutalität - heute gehe ich mit einem Grinsen auf die Bühne.

Im Zuge des Elchtod-Doppels ENTOMBED A.D. und GRAVE im Wiener Viper Room, haben wir uns auch Tobias Cristiansson und Ronnie Bergerståhl von GRAVE zum kurzen Talk geschnappt. Darin erzählten die erfahrenen Mucker, warum der Death Metal heute nicht mehr allzu böse ist, weshalb Melodien in der Band auf ewig tabu sind und wieso sie nur von Ebola gestoppt werden könnten.

Veröffentlicht am 22.10.2014

Bei GRAVE wäre nach vorheriger Vereinbarung eigentlich ein Gespräch mit Band-Doyen Ola Lindgren anberaumt gewesen. Da sich der Frontmann drei Minuten vor dem geplanten Talk aus Unlust vom Tourmanager im Viper Room entschuldigen ließ, war es auch nicht so einfach, die geplante und vorbereitete 30-Jahre-GRAVE-Thematik anzuschneiden. Schließlich sind Bassist Tobias Cristiansson und Drummer Ronnie Bergerståhl erst seit 2010 bzw. 2006 an Bord… - es musste also schleunigst improvisiert werden. Dankenswerterweise haben die Jungs hervorragend mitgespielt. Zum ENTOMBED A.D.-Interview geht's übrigens HIER.

Tobias, Ronnie – vor eurem Auftritt hier im Viper Room wart ihr bei uns im Sommer auch schon beim Kaltenbach Festival zu Gast. Könnt ihr euch noch daran erinnern?

Ronnie Bergerståhl: Ja, es war gar nicht so einfach, denn unser zweiter Gitarrist Mika Lagrén musste sich einer Operation unterziehen und konnte nicht mitmachen, also waren wir nur zu dritt auf der Bühne.
Tobias Cristiansson: Die Show selbst war aber cool, wir haben aber schon länger zuvor nicht mehr zu dritt gespielt. Das ändert doch so einiges, wenn man die ursprüngliche Besetzung gewohnt ist. Ansonsten war alles okay, selbst beim Wetter hatten wir Glück. Es hat vor der Show geregnet, bei uns war es aber trocken.

Wir haben hier im Oktober höhere Temperaturen, eigentlich solltet ihr statt im Viper Room heute Outdoor spielen. Bei der laufenden Tour musstet ihr drei Shows canceln – was ist da wieder passiert?

Bergerståhl: Das hatte persönliche Gründe. Ola und ich mussten für drei Tage nach Hause, sind dann aber schnell wieder zurückgekommen.

Ich habe vorher schon mit L-G Petrov von ENTOMBED A.D. darüber gesprochen. Diese Tour muss ja wie eine Art Familienfest für euch sein?

Cristiansson: Es ist auf jeden Fall viel einfacher, weil wir uns alle schon so gut kennen. Es ist anfangs immer etwas schwierig, wenn man Bands nicht kennt und sich erst beschnuppern muss – das fiel hier komplett weg. Es gibt absolut keinen Stress mit irgendwem.

Fällt euch so eine Monstertour immer noch so leicht wie vor etwa 15 Jahren?

Cristiansson: Die freien Tage, die du sonst während einer Tour hast, sind doch ohnehin sterbenslangweilig, weil du nur herumsitzt und sie dich aus der Routine rausholen.
Bergerståhl: Wenn ich einen freien Tag habe, verliere ich den Rhythmus, das ist eigentlich immer ein Nachteil für mich.

Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass ihr bei 38 Shows ohne Pause immer die Partysau rauslässt.

Bergerståhl: Das kommt auf die Art des Tourens an. In diesem Fall haben wir einen wirklich coolen Bus und jeder kann für sich entscheiden, ob er noch Gas gibt oder schlafen geht.
Cristiansson: Ich bin beim Partymachen wesentlich selektiver geworden. Wenn der Bus-Call sehr spät ist, sind Besäufnisse natürlich immer noch sehr fein, aber mittlerweile trinke ich sehr oft gar nichts mehr. Das macht auch den nächsten Tag lebenswerter (lacht).

Wenn man all die früheren Bandnamen und Projekte (CORPSE, ANGUISH, DESTROYER, RISING POWER) mitrechnet, feiert die Band GRAVE heuer tatsächlich den 30. Geburtstag.

Cristiansson: Wow, du hast Recht. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ola war schon ziemlich früh dran mit dem Ganzen. Ich hab schon als Teenager in verschiedensten Bands gespielt und bin schließlich 2010 zu GRAVE gestoßen, nachdem ich bei DISMEMBER war.
Bergerståhl: Mein erstes Drumkit habe ich schon als Sechsjähriger bekommen. Als ich aufwuchs, habe ich in Schweden in vielen Demobands gespielt. 2003 bin ich dann zu CENTINEX gekommen und von da an ging es eigentlich erst richtig los.

Lebt die Stockholm-Szene noch?

Cristiansson: Sie ist vielseitiger als früher. Wenn du in Stockholm in eine Bar gehst kannst du davon ausgehen, dass ein Großteil davon in irgendeiner Band spielt. Es gibt eine neue Generation an Death-Metal-Bands, die den Old-School-Weg beschreiten, ich glaube aber nicht, dass die Inspirationsquellen dieselben wie früher sind.

DISMEMBER hatten das legendäre Album „…Like An Everflowing Stream“. Ist das auch ein Credo für GRAVE? Immer wieder neue Alben herauszubringen?

Bergerståhl: (lacht) Ich denke schon. Wir haben auch schon ein Neues eingespielt, es fehlen nur mehr die Vocals und die einzelnen Solos. Ich denke, es wird im Februar herauskommen. Peinlich aber wahr – ich habe in dem Moment vergessen, wie der Albumtitel lauten wird (lacht). Natürlich werden wir stilistisch dem letzten Album folgen, gehen aber vielleicht noch etwas dunkler ans Werk.
Cristiansson: Vor allem der letzte Track auf dem Album hat ein ungemein dunkles Feeling, fast schon hypnotisch. Das ist durchaus etwas Neues für GRAVE. Ich hoffe, die Leute mögen das Teil.

Herrscht bei all den vielen kultigen Stockholm-Death-Metal-Bands Wettbewerb?

Cristiansson: Heute nicht mehr. Mit UNLEASHED teilen wir uns sogar den Proberaum, obwohl die ohnehin kaum mehr da sind (lacht). Wir haben mit allen schon getourt und es läuft heute auf jeden Fall sehr freundschaftlich ab.

EVOCATION etwa haben bei ihrem letzten Album einen argen Stilbruch vom Stockholm- zum wesentlich melodischeren Göteborg-Death-Metal gemacht. Wäre das nicht auch einmal für GRAVE erfrischend?

Bergerståhl: Nein, um Gottes Willen. Das wäre falsch und Ola hasst diese Art von Musik.
Cristiansson: Er würde diese Melodien niemals akzeptieren (lacht). Ich denke, GRAVE haben ihre Ausrichtung schon extrem früh gefunden und obwohl sich die Band hier und da immer etwas verändert hat, bliebt das Grundprinzip dasselbe. Es geht einfach darum, nicht zu kompliziert, aber möglichst aggressiv vorzugehen. Es wäre wirklich unmöglich, den Stil so wie EVOCATION zu verändern.
Bergerståhl: Das letzte Album war für unsere Verhältnisse ziemlich melodisch, aber eben nicht AMON-AMARTH-melodisch (lacht). Natürlich hat auch Mika die Band stark verändert, weil er ein großartiger Gitarrist ist und viel mehr traditionelle Metal-Solos eingebaut hat.

Ist es in der heutigen Zeit angenehm, in einer Death-Metal-Band zu sein?

Bergerståhl: Absolut, seit einigen Jahren geht es der Szene wieder richtig gut und die Bands gewinnen an Popularität zurück.
Cristiansson: Es gibt viele neue Bands, die sich am Sound der älteren Platzhirschen festkrallen und ihn in die Zukunft tragen. Vor vier Jahren oder so ging das los, davor hat das niemanden interessiert und es gab schon die Befürchtungen, dass die Szene vielleicht langsam aussterben würde.

Seht ihr die Szene heute anders als früher?

Cristiansson: Wir nehmen alles nicht mehr so ernst. Als ich jung war, war Death Metal absolut alles. Es ging nur um die Dunkelheit und verdammte Brutalität. Heute siehst du uns schon mit grinsenden Gesichtern auf die Bühne gehen und wir können da durchaus Selbstironie beweisen, wenn es um unsere Vergangenheit geht. Es ist doch einfach nur Musik – da gibt es keine tiefere Bedeutung. Ich finde es aber auch cool, dass die Jungen so agieren wie wir damals. Da hast du auch noch die Energie und Unbedarftheit, um alles so bierernst zu nehmen. Mit dem Alter wirst du definitiv gemütlicher.
Bergerståhl: Du fokussierst dich einfach viel stärker auf die Musik und nicht auf das ganze Drumherum, wie Fotos, Posen oder Image.

Was macht GRAVE im Vergleich zu all den anderen Stockholm-Bands eigentlich einzigartig?

Bergerståhl: Wir haben komplett andere Riffs als die anderen. Bei uns gibt es viele doomige, dunklere, schwerere Riffs als bei den anderen. Im Prinzip ist unser Zeug ziemlich simpel und das war schon immer die Basis der Band.
Cristiansson: Ich kann das aus eigener Erfahrung mit DISMEMBER vergleichen. Dort waren viel mehr verschiedene Riffs und Melodien zu hören, bei GRAVE geht’s einfach nur geradeaus.

Die meisten Die-Hard-Fans stehen bei allen Bands meist besonders auf die ersten zwei bis drei Alben. Warum ist das so und ärgert euch das? Zu wissen, dass eigentlich kein neues Album jemals mehr den Kult und die Beliebtheit der Anfänge erreichen wird?

Bergerståhl: Nicht wirklich. Alle Musiker hatten doch damals auch ein komplettes anderes Gefühl, wenn es ans Aufnehmen ging.
Cristiansson: Das ist bei uns selber ja nicht wirklich anders. Erstens haben diese ersten Alben der Bands die komplette Szene begründet und wenn ich eine Band entdecke, dann bin ich selbst meist sehr euphorisch, wenn es um die alten Werke geht. Ich kann die Leute total verstehen, dass „Into The Grave“ für sie der Gipfel der GRAVE-Diskografie ist.

Seid ihr eigentlich Musiker, die ihre eigene Vergangenheit durchaus auch kritisch beäugen? Nicht mit allem zufrieden sind, was sie so verbrochen haben?

Bergerståhl: Die ganze Zeit. Das ist eigentlich immer so. Aber je älter man wird, umso weniger regt man sich darüber auf, was vielleicht nicht so perfekt gelaufen ist. Du wirst auch realistischer. Ich weiß zum Beispiel genau, dass ich an den Drums mit Sicherheit nicht mehr besser werde. Es ist aber wichtiger, dass man selbst sein härtester Kritiker bleibt. Ich habe – auch vor GRAVE – niemals ein Album eingespielt, für das ich mich schämen würde. Zudem kannst du rückblickend ohnehin nichts mehr ändern – das Ding ist gelaufen. Ich bin dennoch stolz auf das ganze Material.

Gibt es im Death Metal noch was zu sagen?

Cristiansson: Etwas Neues? Ich glaube nicht – es wurde alles gesagt und getan (lacht). Wir haben ja auch keine Message, mit der wir Leute belehren wollen. Es geht einfach nur um den Spaß, darum, Musik zu lieben und sich vom Alltag entspannen zu können.

Was war für euch denn das letzte Album, das euch einfach weggeblasen hat? Muss jetzt natürlich keine Death-Metal-Scheibe sein.

Bergerståhl: Ich höre zuhause ohnehin kaum Death Metal. Mich hat unlängst die Band FIRST AID KIT begeistert. Das sind zwei Schwestern aus Schweden, die nichts mit Metal zu tun haben, sondern folkig angehauchten Indie-Pop spielen.
Cristiansson: Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Mich hat jedenfalls das zweite Album des Gitarristen TONY MacALPINE fasziniert, „Maximum Security“. Niemand spielt die Gitarre so wie er.

In Schweden herrscht derzeit ein unfassbarer Vintage-Rock-Boom. Den kann man eigentlich mit dem Death-Metal-Boom bei euch Anfang der 90er-Jahre vergleichen. Was denkt ihr darüber?

Cristiansson: Ich kenne mich da eigentlich gar nicht so gut aus, weil ich ganz schlecht darin bin, mich um neue Musik zu kümmern (lacht). Ich entdecke eigentlich immer nur alte Sachen. Ich finde zum Beispiel das Album von BLACK TRIP großartig, aber ich bin jetzt keiner, der aktiv nach diesen Bands sucht.
Bergerståhl: Ich weiß nicht warum, aber die meisten dieser Bands klingen wie etwas, das vor 40 Jahren produziert wurde. Wenn du Spaß daran hast so eine Musik zu machen, ist das natürlich gut, aber ich halte das so wie Tobi und höre mir lieber alte Sachen an.
Cristiansson: Wichtig ist das für die jungen Hörer. Die wollen doch auch etwas Erfrischendes haben, das gilt auch für die jüngeren Death-Metal-Bands.

Ist das Vermissen eurer Familien und Heimweh ein stärkeres Thema als früher für euch?

Bergerståhl: Das war schon immer schwierig. Du musst natürlich Kontakt halten mit Familie, Freundin oder Ehefrau und das kann schon hart sein, denn du kannst nicht herumrennen und dauernd telefonieren oder skypen, weil du auf Tour einen Job zu erledigen hast. Das Internet hat aber glücklicherweise alles extrem vereinfacht.

Was werden denn eure Highlights neben der Albumveröffentlichung im nächsten Jahr?

Cristiansson: Wir werden wieder eine Menge touren und auch Festivals spielen, aber besonders aufgeregt sind wir auf Südafrika. Dort hat jemand ein Metalfest zusammengestellt und wenn Ebola das Land nicht einnimmt, werden wir dort unsere persönliche Premiere feiern (lacht).
Bergerståhl: Ich denke auch nicht, dass wir die Popularität von GRAVE noch weiter steigern können. Ich denke, wir haben die Spitze ziemlich erreicht. Natürlich könnte man so populär wie CANNIBAL CORPSE sein, aber das wird sich wohl nicht mehr ausgehen.


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