Poets of the Fall - Marko Saaresto

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Singen ist ja im Grunde sehr ähnlich wie Schreien. Du schreist, aber du wirst dafür bezahlt!

Vor ihrer Show in München, konnten wir POETS OF THE FALL-Fronter Marko Saaresto für ein kurzes Gespräch gewinnen. Der sympathische Finne gab sich trotz Zeitdruckes sehr entspannt, und gewährte tiefsinnige Einblicke in die Geschichte hinter den inzwischen sechs Studioalben, vor allem natürlich dem neuesten Werk "Jealous Gods".

Veröffentlicht am 17.11.2014

Hallo Marko, vielen Dank dass Du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. "Jealous Gods" ist der letzte Teil einer Albentrilogie, welche ihr 2008 mit eurem Album "Revolution Roulette" begonnen habt und welche außerdem das Album "Twilight Theater" beinhaltet. Worin besteht die Verbindung der Alben und gibt es so etwas wie eine umfassende Gesamtgeschichte dahinter?

Ja, die gibt es. Das Album ist mit den Vorherigen verbunden durch den Inhalt der Songtexte, durch den visuellen Inhalt und natürlich auch durch den musikalischen Inhalt des Albums. Wir haben kleine versteckte Dinge eingebaut, von verschiedenen Songs, und verschiedene Ideen weitergeführt die wir auf den vorherigen Alben begonnen hatten. Außerdem kann man den Clown, den Narren Harmatia vom "Twilight Theater"-Cover… man kann ihn auch im "Daze"-Video sehen, dort wird er lebendig…

Ich denke die Geschichte, welche die Alben insgesamt verbindet ist: Mit "Revolution Roulette" brachten wir damals die Botschaft 'Sei vorsichtig, was Du Dir wünscht, denn es könnte ja tatsächlich wahr werden.' Und dann ging es bei "Twilight Theater" weiter damit, dass wir sagten 'Denn alles was Du siehst, muss nicht unbedingt so sein, wie es scheint.'. Und dann geht es nun weiter mit "Jealous Gods", welches sagt 'Ich hab es dir ja gesagt! Sag mir nicht, dass ich nicht gewarnt hätte.'. Und außerdem legt es einem Nahe: 'Hör auf zu Laufen, denn du bist bereits angekommen. Wenn Du Dich nur umschaust, dann wirst Du die kleinen Dinge finden, die Du in deinem Leben hast. Du wirst merken, dass Du bereits so viel hast und du wirst anfangen können es zu genießen.'

War die Trilogie geplant oder hat es sich einfach dahin entwickelt?

Das war geplant, ja. Die Sache mit der Trilogie ist etwas das... als ich aufwuchs habe ich viele Bücher gelesen und so Zeug, ich sah sehr viele Filme, die in Form von Trilogien konzipiert waren. Und auch, wenn man ans Theater denkt, dort hat man auch sehr oft einen drei-aktigen Aufbau. Und aus irgendeinem Grund, hab ich mich in diese Idee verliebt. Und als wir dann angefangen haben Alben zu machen, und wir gemerkt haben dass wir das vermutlich tatsächlich für längere Zeit machen werden… Von Anfang an hatte ich quasi diesen Plan geschmiedet so und so viel Alben zu machen, sodass diese Trilogien entstehen würden. Nun können wir uns glücklich schätzen, dass wir inzwischen sechs Alben gemacht haben und somit zwei Trilogien vollendet haben. Ich würde sagen, dass das ein Glücksfall ist.

Was ist nun die tatsächliche Geschichte hinter dem Albentitel "Jealous Gods"?

Also die “Jealous Gods” kann man verstehen als Wesen/Individuen oder Personen, welche bereits so viel besitzen. Sie haben bereits alles. Alle Möglichkeiten und alle Chancen, und sie besitzen SO viel, sie haben diese weitreichende Macht und alles. Aber aus irgendeinem Grund können sie es nicht genießen. Sie sehen nicht, was sie besitzen. Und deshalb haben sie in ihren Augen nichts und werden neidisch. Und vielleicht ist das eine Metapher für die Menschheit auf eine Weise, oder vielleicht ist es eine Metapher für all die Nörgler, die Leute, die dir im Weg stehen, wenn du einen Traum verfolgst und die dir sagen: 'Aber ich denke du solltest das nicht tun, denn du könntest versagen.' Diese Leute die es manchmal gibt, die könnten das sein.

Aber es könnte auch sein, dass es die Ironie des Lebens beschreibt: Auf dem Albencover hat es zum Beispiel den klaren blauen Himmel und dann hat es das Warnschild vor Blitzen. In Finnland gibt es dazu eine Redensart. Sie lautet folgendermaßen: 'wie ein Blitz aus heiterem Himmel'. Das ist wie 'Es könnte passieren, aber es könnte auch gut gehen.' Und man kann sich entscheiden ob man es wagen soll, den schönen Tag zu genießen oder ob man sich davor fürchten soll, dass vielleicht ein Blitz einschlägt. Also hat dieser Titel verschiedene Dimensionen, und ist so gewählt dass jeder es von seinem Standpunkt aus betrachten kann und für sich entscheiden kann was es bedeutet.

Ihr vermischt eine Vielzahl an Genres und Einflüsse auf 'Jealous Gods'. Ich denke auf eine gewisse Weise zeigt das Album Eure größte musikalische Spannbreite bis jetzt. Wie kam es zu dieser Mischung?

Das war geplant. (lacht) Du hast vollkommen Recht, diesesmal... Ich meine natürlich waren wir schon immer eine Band, die sehr schwierig zu definieren war. Viele Leute haben uns das gesagt, und wir haben das als Realität akzeptiert, dass wir uns zwischen Genres hin und her bewegen. Wir tun das einfach. Und wir schreiben Musik sehr intuitiv. Wir finden nicht, dass wir als Band eine Kategorie brauchen, in die man einordnen kann was wir machen. Wir machen einfach das, was wir machen. Und das was daraus entsteht kommt zu uns, ganz selbstverständlich, und ist eben das was wir tun wollen.

Auf "Jealous Gods", denke ich, haben wir einfach... weil diese Songs wie "Rogue" und Songs, wie "Rebirth", diese Balladen... und "Choice Millionär", was fast wie 80er Jahre klingt, irgendwie wie die PET SHOP BOYS treffen auf Hip-Hop. Jemand meinte sogar, dass es nach LINKIN PARK klingt. Also wir hatten all diese Songs und wir lieben sie alle. Deshalb beschlossen wir: 'Okay, das sind wir. Wir können das machen. Wir haben nichts was uns darin Grenzen setzt. Also werden wir sie einfach auf das Album tun, denn sie passen auf drauf.' Und so entstand diese Mischung.

Aber das Album klingt ein bisschen mehr nach Pop als früher, mir fällt es schwer das in Worte zu fassen. Aber war das geplant oder entstand das einfach so?

Nun, ich glaube, dass das eine der Sachen ist die es mit den vorherigen Alben zusammenführt, und dann wiederum den Bezug zum Anfang herstellt. Zur vorherigen Trilogie. Denn wenn man es sich anschaut: "Signs of Life" war auch irgendwie poppig und dann entwickelte sich daraus "Carnival of Rust" und dann "Temple of Thought". Und irgendwo in der Mitte haben wir dann angefangen mit "Revolution Roulette", welches sehr rockig war, sehr viele dieser fast schon Metal-klänge und so Zeug. Und dann machten wir weiter mit "Twilight Theater", das ein bisschen sanfter war, allerdings hatte es immer noch diese alternativen und atmosphärischen Klänge und solche Sachen, und rockige Songs. Und dann wollten wir irgendwie, naja vielleicht es ein bisschen zu den Ursprüngen zurückführen. Dahin zurück womit wir angefangen hatten. Und ein Album machen, welches einfach ein bisschen schwungvoller ist, irgendwie.

Ihr habt auch dieses Instrumentalstück auf dem Album, Rogue. Wie entstand die Idee zu diesem Song?

Der Grund, wieso wir "Rogue" geschrieben haben, ist im Grunde deshalb weil wir alle mit diesen ganzen Gitarrenhelden aufgewachsen sind. Und die Jungs in der Band, sogar unser Schlagzeuger und unser Bassist und unser Keyboarder, sie haben alle wirklich viel Talent. Ebenso wie auch beide Gitarristen. Und natürlich spielen sie eine Menge Gitarrensolos in den anderen Songs, aber trotzdem war da nie etwas… Bis jetzt hatten wir nie einen komplett instrumentalen Song, bei dem ich von der Bühne gehen konnte und einfach nur zuhören kann, wie die Anderen spielen. Deshalb wollten wir das machen. Und deshalb bekomme ich da ein bisschen Zeit zum Durchatmen. Wenn man ein Sänger ist und eine 90 bis 100-minütige Show hat und man durchgehend schreit... denn Singen ist ja im Grunde sehr ähnlich wie Schreien. Du schreist, aber du wirst dafür bezahlt! (lacht) Sozusagen... Also, aber ich wollte für eine Weile aufhören können mit Schreien und die Anderen "Rogue" spielen lassen. Und das sagt zudem aus, wer wir sind und woher wir kommen. Es ist eine dieser Sachen. Und vielleicht mögen die Leute heutzutage mehr Musik, die so geht (beginnt moderne Musik lautmalend nachzuahmen) 'umba-tschicka-umb' oder 'dum dum icki-dicki-backa um dum'. Aber wir sagen nur: 'Scheiß drauf! We wollen lieber Gitarrensolos und so Zeug spielen…' Und deshalb machen wir das auch. Ja. Also das sind im Grunde genommen wir. Direkt ins Gesicht sagen wir den Leuten damit: 'Das ist es, was wir lieben!'

Habt ihr jemals mit dem Gedanken gespielt einen Song in eurer Muttersprache Finnisch zu machen?

Wir haben tatsächlich schon einige Lieder in Finnisch geschrieben für andere Künstler in Finnland. Und auf der letzten Tour haben wir sogar… Ich glaube, dass es in Dortmund war. …dort haben wir einen dieser Songs live gespielt. Ich glaube es hat ihnen gefallen. Es war lustig, weil niemand verstanden hat, was wir gesungen haben. Und ich hab einfach irgendwie versucht es ihnen vorher zu erklären. 'Davon handelt das Lied... Hört es Euch einfach mal an.' Aber ich glaube sie mochten es schon irgendwie. Songtexte in verschiedenen Sprachen zu schreiben... Ich sehe keinen Grund warum man nicht... Warum wir beispielsweise nur in Englisch schreiben sollten. Aber es ist gut eine Sprache zu haben die viele Leute verstehen und somit dann auch etwas damit anfangen können. Sodass sie die Texte lesen können und darin Sachen entdecken können. Und ich denke wir haben großes Glück, dass wir weltweit eine solch weitreichende Hörerschaft haben und dass sie sich dafür interessieren, was wir schreiben. Was es sehr bereichernd macht, die Texte zu schreiben.

Ihr habt auch immer sehr kreative Musikvideos. Das letzte zu Eurer Single "Daze" ist außerdem sehr opulent. Welche Idee steckt hinter dem Video?

Nun, es ist so, dass wir nicht wussten ob wir noch weitere Videos für das Album, also das komplette Album machen werden… Hoffentlich werden wir! Aber trotzdem wollten wir ein Video machen, sodass wir den Narren Hamartia darin integrieren konnten, und irgendwie die Idee eines neidischen Gottes einbringen konnten. Eines Gottes, der natürlich die Macht hat alles zu tun. Aber... er tut im Video auch was er will. Er steckt die Welt in Brand. Und dann hat man diese Party dort und so weiter... Ich gehe jetzt nicht weiter ins Detail von was es alles handelt und was es einem erzählen kann, aber es ist nur die Idee wegzulaufen vor Etwas, was einen im Endeffekt trotzdem einholen wird. Also ist es vielleicht besser damit zu Leben, auf eine Art und Weise, und sich damit abzufinden, als ständig davor weg zu laufen. Aber das ist nur eine Art es zu erklären.

Ich habe umfangreiche Gespräche mit dem Regisseur des Videos geführt, als wir es gedreht haben. Denn wir wollten zusammenarbeiten um unsere beiden Ideen darin zu haben. Und ich denke er hat hat seinen eigenen Weg es zu interpretieren. Und ich denke das ist sehr wichtig. Ich möchte, dass jeder der es sich ansieht und interessiert genug dafür ist, es für sich selber individuell interpretiert. Denn das ist es was es zu jedes eigenem und persönlichem Video macht. Und auf diese Weise ist es am Interessantesten.

Hast du ein persönliches Lieblings Musikvideo? Welches und warum?

Von unseren eigenen Videos?

Von Euren eigenen Videos, ja.

Mir gefällt "Cradled in Love" sehr. Ich finde das war ein sehr schönes Video, von der Optik her, irgendwie. Außerdem mag ich "Carnival of Rust" sehr. Alles in allem sind die Videos, welche wir für "Signs of Life" gemacht haben, "Late Goodbye" und "Lift"... die waren auch wirklich gut. Ja, vielleicht die… Außerdem mag ich das für "Daze", auch. Aber wenn wir noch dazu kommen ein paar mehr Videos für dieses Album zu machen, dann… Und ich hoffe, dass wir das werden. Und ich weiß, dass die dann echt cool werden. Deshalb freue ich mich sehr auf den Dreh neuer Videos.

Leider haben wir nicht mehr viel Zeit, daher zur letzten Frage: Ihr habt letztes Jahr zehn Jahre POETS OF THE FALL gefeiert. Deshalb, was würdest Du Dir für die nächsten zehn Jahre wünschen?

Oh... (überlegt) Ich würde mir wünschen, dass wir auf Tour viele weitere Leute sehen, vor größeren Mengen spielen dürfen, sehr entspannt mit Allen umzugehen und mit Leuten zu reden, sowohl auf als auch abseits der Bühne, und zu interagieren. Ich finde das ist sehr energiespendend und inspirierend. Das ist sehr wichtig. Es ist ein großer Teil unserer Arbeit, also, ist es das was ich tun möchte.

Also, vielen Dank für das Interview! Gibt es irgendwas, dass du Euren Fans im deutschsprachigen Raum noch sagen möchtest?

Ja, auf jeden Fall: Vergesst nie zu spielen!

Okay. Vielen Dank!

Gerne!


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