KENN NARDI - Kenn Nardi

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Ich bin nicht der einzige, der mit dem angsterfüllten Testosteron-Metal der jüngeren Vergangenheit nicht wirklich etwas anfangen kann.

Am 13. Jänner wird ein kollektiver Jubelschrei durch die Prog-Metal-Szene gehen: an diesem Tag erscheint KENN NARDIs Soloalbum "Dancing With The Past". Was da etwas unterschwellig nach einer halbgaren Best-Of-Compilation klingt, ist in Wirklichkeit eines der längsten Metal-Alben die je erschienen sind, und bietet mindestens Stoff für vier ANACRUSIS-Alben, die nie erschienen sind. Wir haben bei dem guten Mann in St.Louis/Missouri durchgefragt und dem sympathischen Multi-Instrumentalisten einige Details zu seiner Monsterveröffentlichung entlockt.

Veröffentlicht am 13.01.2015

KENN, zuerst natürlich die Frage, die uns alle unter den Fingernägeln brennt - warum ist "Dancing With The Past" (hier geht's zum Review!) kein ANACRUSIS-Album geworden?

Ich wollte ursprünglich ein neues Album unter dem ANACRUSIS-Banner aufnehmen, mit John Emery am Bass und dem Original-Drummer Mike Owen. Vieles von dem Material wurde auch unter diesem Aspekt geschrieben. Auf der anderen Seite wollte ich auch gewisse Freiheiten beim Songwriting haben und ich denke, einiges auf "Dancing With The Past" hätte als ANACRUSIS nicht ganz so gut funktioniert. Nachdem ich bereits einige Zeit alleine komponiert und aufgenommen habe und es dann mit den anderen Jungs nicht mehr wirklich funktionierte, entschied ich mich, das Material unter meinem Namen rauszubringen. ANACRUSIS bin ja nicht nur ich alleine, also hätte es nicht viel Sinn ergeben. Wenn die anderen gesagt hätten "ok, mach nur!", hätte ich es vielleicht in Erwägung gezogen. Aber so wäre es ja nur unfair ihnen gegenüber gewesen.

Vor einigen Jahren habt ihr ein paar Festival-Shows in Europa gespielt, unter anderem am Keep It True und am Rock Hard Festival. Was passierte dann mit ANACRUSIS ?

Ursprünglich wollten wir nur eine Reunion-Show in St.Louis spielen und am Keep It True auftreten, die Reaktionen der Fans waren aber mehr als überwältigend! Und wir haben außerdem so viel Zeit damit verbracht, die alten Sachen wieder neu einzuüben, dass wir entschieden haben, noch einige Shows dranzuhängen. Doch mit unserem Original-Gitarristen Kevin (Heidbreder; d.Verf.) lief es leider nicht mehr so ganz, er wollte einfach keine Live-Shows mehr spielen. Aber wir bekamen ein paar tolle Angebote und haben die Shows dann mit einem Freund von uns als Ersatz fertig gespielt. Das Ganze war jedoch nie als komplette Reunion gedacht und als die Dinge danach ihren Lauf nahmen, dachten wir es wäre besser, ANACRUSIS wieder still zu legen.

Nun ist "Dancing With The Past" ein recht voluminöser Brocken Musik geworden, wahrscheinlich sogar das längste Album der jüngeren Metal-Historie. Warum hast du das Material nicht - zeitlich versetzt - auf zwei Alben rausgehauen ?

Also, ich hatte da schon eine genaue, großräumige Vision, wie ich dieses Album haben möchte. Ich wollte es weder die nächsten Jahre mit mir herumschleppen, noch auf zwei Teile aufsplitten. Ich bin als Musiker eigentlich ja nicht mehr aktiv und wollte ein Album für die Fans machen, die nach "Screams And Whispers" damals noch etwas mehr von ANACRUSIS erwartet hätten. In unserem Zeitalter der digitalen Musik hört sich ja niemand mehr ein Album am Stück an... hahaha! (da kennst du einige Nerds hier aber schlecht, KENN! d.Verf.) Ich weiß, es ist eine gewaltige Menge an Musik, aber das war mir ehrlich gesagt auch nicht so wichtig. Im Gegenteil, das macht es doch erst interessant. Und ich hoffe dass die Leute, die es mögen, ihren Appetit nun für sehr, sehr lange Zeit stillen können.

Okay. Hat das Material einen roten Faden, eine Storyline oder so etwas?

Nein, nicht wirklich. Es ist kein Konzept-Album oder so. Die Thematik ist sehr persönlich und reflektiert mein Leben und meine Sicht der Welt, also hast du da eventuell eine Art Grundthema. Aber irgendwo ist jeder Song auch eine Einheit für sich und steht alleine. Es sind halt nur viele, viele Songs...

In der Tat. Als Konsument muss man da erst mal zwei Wochen dran rumhören, um nur irgendein Schema zu erkennen oder um die einzelnen Songs auseinander zu halten...

Hm, also für mich ist das Album sehr tiefgehend und weitläufig. Das muss man sich nicht in einem Durchgang antun, wie einen Fünf-Stunden-Film oder so. Die Leute können sich die Songs, die sie mögen, ja relativ leicht herauspicken. Und nach einiger Zeit bekommt die ganze Sache dann vielleicht auch eine gewisse Struktur, man darf sich halt nicht dazu zwingen.

Wann hast du genau damit begonnen, die Songs auf "Dancing With The Past" zu schreiben?

Einige Songs entstanden bereits 1994 nach dem ersten ANACRUSIS-Split. Dann sind da einige Tracks, die ich vor ein paar Jahren mal geschrieben habe, die habe ich bloß auf den neuesten Stand gebracht. Der Rest ist sozusagen brandneu, musikalisch gesehen. "Made" war zum Beispiel der erste Track, den ich geschrieben habe als ich 2009 wieder mit unserem Drummer Mike Owen zu jammen begann. Der Großteil der Songs wurde danach ausgearbeitet, bis ein paar Tage vor den Aufnahmen.
Ich möchte dazu sagen, es gibt hier keine ANACRUSIS-Ausschussware, keine Songs die recycelt sind oder die damals aus irgendwelchen Gründen nicht auf ein Album gekommen sind. Alles, was wir damals als Band geschrieben haben, kam auch auf die Alben, außer einem unfertigen Song, der auf "Screams And Whispers" hätte stehen sollen. Ein Riff in einem bestimmten Song stammt aus dem Jahr 1990 (aus den "Reason"-Sessions; d.Verf.), ansonsten entstand alles, nachdem sich die Band bereits aufgelöst hatte.

Und du hast wirklich alles selbst eingespielt?

John Emery hat auf ein paar Tracks den Bass eingespielt, abgesehen davon und von ein paar Background-Vocals habe ich alles selber gemacht. Auch die orchestralen Arrangements und die Drum-Sequenzen.

Gerade die Drums klingen aber verdammt echt, normalerweise hört man das sofort, wenn die aus der Konserve kommen...

Die Drums wurden eigentlich mit einer relativ billigen Software programmiert, die es mir erlaubt, meine eigene Samples zu verwenden. Ich habe die Samples auf dem Kit meines Drummers eingespielt und viele, viele Stunden damit verbracht, sie so echt als möglich klingen zu lassen. Jeder Beat und jede noch so kleine Nuance war mir wichtig und ich habe alles so programmiert, wie es auch ein "menschlicher" Schlagzeuger spielen würde. Ich hatte für jedes Becken und jedes Tom mehrere unterschiedlich klingende Samples zur Verfügung. Bei einigen Songs, die ich noch mit Mike Owen zusammen eingespielt hatte, habe ich exakt seine Drum-Pattern übernommen, Note für Note. Andere Songs sind von Beginn an ausschließlich von mir programmiert worden. Das Ganze ist mir nicht fremd und ich genieße es, solche Drum-Arrangements zu machen, aber alles halt so authentisch wie nur möglich.

Du hast also absichtlich so gearbeitet, damit im Notfall ein "echter" Drummer die Parts auch live spielen könnte?

Genau. Ich kann ja selbst ein wenig Schlagzeug spielen, aber natürlich habe ich weder die Übung noch die Technik eines Profi-Drummers. Ich könnte mich jetzt nicht hinters Kit setzen und einen ANACRUSIS-Set runterreißen, aber ich kann Ideen gut umsetzen damit. Und ich weiß immerhin, wie weit man als Schlagzeuger im Bereich des Möglichen bleibt. Es gibt hier keine Doublebass-Parts in Lichtgeschwindigkeit oder Sachen, für die man sechs Arme bräuchte. Ich möchte die Drums interessant gestalten, aber immer nachvollziehbar. Eigentlich ist die Arbeit an den Arrangements dieselbe wie früher mit ANACRUSIS, nur sind die Tools heute effizienter.

Besteht die undenkbare Möglichkeit, dass du das Material auch mal live auf eine Bühne bringst ?

Nun, zum jetzigen Zeitpunkt habe ich ja keine Band zur Verfügung, was das ganze ziemlich kompliziert macht... hahaha! Aber wer weiß? Einige Songs würden live unheimlich gut rüberkommen denke ich, aber Pläne diesbezüglich habe ich momentan keine. Und die richtigen Leute zu finden, die das Zeug mit mir spielen, wäre ja auch eine nicht zu unterschätzende Herausforderung...

Okay. Nochmal zurück zum Sound: Ich habe den Eindruck, dass du auf "Dancing With The Past" nicht nur die Drums im ANACRUSIS-Stil programmiert hast, durch deine unverkennbare Stimme und die Gitarrensounds klingt das Ganze generell wie eine direkte Fortsetzung von "Screams And Whispers". Absicht?

Also, es gibt viele Dinge, die ich am Sound meiner Musik bzw. der von ANACRUSIS absolut toll finde. "Screams And Whispers" kam meiner Idealvorstellung vom Sound damals am nächsten von allen Alben und natürlich versuche ich dieses Level zu halten - daher auch die Ähnlichkeiten. Wenn die Gegebenheiten bei all unseren Studioalben immer dieselben gewesen wären, dann würden die Alben auch untereinander ähnlicher klingen. Leider dauerte es bis zum letzten Album, bis wir "unseren" Sound gefunden hatten. Ich habe ja alle unsere Alben als Producer begleitet, aber es gab immer Probleme beim Mix und beim Engineering. Daher hatte ich damals ein paar wirklich beschissene Soundspuren, aus denen ich noch das Beste herauskitzeln wollte. Bei "Dancing With The Past" habe ich versucht, alles von Beginn an richtig zu machen und ich denke das Resultat ist schon ganz gut geworden. Ich bin total happy damit und das ist das erste Mal in meiner Karriere, dass ich am Ende einer Produktion ausschließlich positive Gefühle hatte.

In den Neunzigern - so hatte ich zumindest das Gefühl - war die Musik von ANACRUSIS weit entfernt von jeder Norm, von jedem Trend, ich würde sie sogar irgendwie als revolutionär bezeichnen. Im Vergleich mit heutigem Metal ist dein Stil, Songs zu schreiben aber immer noch sehr außergewöhnlich...

Ich höre nicht viel neues Metal-Zeug und gerade beim Songwriting zu diesem Album wollte ich mich nicht durch äußere Einflüsse ablenken lassen. Ich befinde mich da sozusagen in einer isolierten Blase. Ich möchte meine eigenen Freiräume haben beim Schreiben. Im Herzen bin ich aber eher ein "Klassizist", wenn es um Musik geht. Ich mag den Song an sich, gute Melodien, Lyrics mit denen ich mich identifizieren kann, Atmosphäre, Dynamik. Es mag ein Klischee sein, aber "Dancing..." ist genau das Metal-Album, das ich selber immer hören wollte, das aber nie jemand gemacht hat. Traurigerweise sind im Laufe der Zeit die Melodie und das grundlegende Songwriting im Metal in den Hintergrund getreten. Viele Leute mögen glaube ich oft einfach nur Sachen, zu denen sie mitsummen können. Aber jede Band möchte noch extremer sein als die andere und somit geht eine Menge in einer gewissen Monotonie verloren. Ich habe viele Bands gesehen, die großartige Musiker sind, live unheimlich gut spielen, aber eine halbe Stunde danach kann ich mich an kein einziges Riff mehr erinnern. Ich wollte immer Musik erschaffen, die zumindest ein bisschen im Kopf hängen bleibt.

Nun, das ist dir ja zumindest teilweise gelungen. Was für Sachen beeinflussen dich denn musikalisch, wenn du meinst du bist ein "Klassizist"?

Oh eine ganze Menge, es kommt auch drauf an, von welchen Teilen der Musik wir sprechen. Wie gesagt mag ich "Songs", da haben mich BOB DYLAN oder THE BEATLES sicher irgendwo beeinflusst. ANACRUSIS wären wiederum ohne die Existenz von METALLICA, SLAYER oder METAL CHURCH undenkbar gewesen, all diese geilen 80er-Bands. Ich mag auch etwas dunklere Musik wie PINK FLOYD oder JOY DIVISION, ja sogar THE CURE. Ich mag das menschliche Element, das diese Bands in ihre Musik einbringen. Als wir mit ANACRUSIS damals die Alben einspielten, waren kaum Bands von diesem Kaliber angesagt. Wenn ich mir meine Freunde ansehe, die wie ich Mitte 40 oder älter sind und mit denselben Einflüssen aufgewachsen sind - da bin ich nicht der einzige, der mit dem angsterfüllten Testosteron-Metal der jüngeren Vergangenheit nicht wirklich etwas anfangen kann. Seit der Zeit mit ANACRUSIS sehe ich einige Dinge anders, habe viel erlebt und einige Sachen wären mir wohl nie widerfahren, hätte es diese Band nicht gegeben. Glaube, Politik, Familie und Freunde verlieren, Krankheit und solche Sachen, von denen wir glauben, uns erst im Alter damit auseinandersetzen zu müssen. Ich habe nicht den Eindruck, dass der moderne Metal aus den selben Gefühlsregionen kommt, das ist für mich eher Musik von jungen Leuten für junge Leute. Natürlich mögen wir immer noch laute Gitarren und massive Drums, aber im Grunde geht es mir im Metal um viel mehr, um Emotionen. Wenn du so willst, dann mache ich heute Midlife-Metal für Midlife-Leute und natürlich auch für ältere Semester...

Du und deine ex-Bandkumpels stammen ja aus St. Louis beziehungsweise aus Missouri. Was glaubst du, wie viel von deiner Herkunft ist unterbewusst in deiner Musik gelandet?

Also erst mal denke ich, dass die damaligen Metal-Szenen in New York oder Los Angeles einen riesigen Einfluss auf mich gehabt haben. Obwohl St. Louis eine große Stadt ist, gibt es hier eher sowas wie Kleinstadt-Mentalität. Wir haben hier von allem ein bisschen was, du kannst in die Innenstadt fahren und ein wenig dem Nachtleben frönen und dann bist du aber auch sehr schnell wieder in den Vorstädten, wo du deine Ruhe hast. Musikalisch hat St. Louis jedoch sehr viel Bedeutung, auch geschichtlich gesehen. CHUCK BERRY ist von hier und es gibt nicht viele Persönlichkeiten in der Musik, die größer sind als er.
Die Tatsache, dass ich unter den Einflüssen von ELVIS und Country-Musik aufwuchs (mein Vater spielte und sang das Zeug sogar), gemischt mit PINK FLOYD und KISS, hat sich bei mir in einem schrägen Geschmacks-Mix niedergeschlagen. Ich habe mich damals nicht so für das Zeug meines Vaters interessiert, aber später gemerkt, wie wichtig es beispielsweise ist, dass man zuerst die Akkorde lernt, A und D. Die meisten meiner Freunde begannen mit "Iron Man" oder "Eruption" zu jammen. Ich kannte Leute, die konnten VAN HALEN-Solos eins zu eins runterspielen, waren aber unfähig, zwei Akkorde logisch miteinander zu kombinieren. Irgendwann stand meine Mum plötzlich auf NEIL DIAMOND. Ich habe sie damit anfangs immer aufgezogen, aber irgendwann respektierte ich seine Art, Songs zu schreiben. Irgendwie haben also alle kleinen Dinge, die um uns herum passieren, Einfluss auf das, was irgendwann mal musikalisch aus uns rauskommt.

Was sind deine Pläne für die Zukunft ?

Da bin ich mir noch nicht so ganz sicher. Musikalisch habe ich momentan gar keine Pläne. Vielleicht nehme ich mal wieder was auf, aber natürlich nicht im Ausmaß von "Dancing...". Es klingt seltsam, aber ich bin nicht der produktive Kerl, für den man mich hält. Ich habe lange für "Dancing..." gearbeitet, gekämpft, und in Summe habe ich doch einige Jahre an dem Teil gearbeitet. Natürlich möchte ich auch weiterhin Songs schreiben, aber ich möchte keine "Alben" veröffentlichen. Das Musik-Business ist ja irgendwo tot und solange niemand mit einer besseren Lösung daherkommt, wird es nicht mehr viele Musiker interessieren, Zeit und Geld in etwas zu stecken, dass sich die Menschen dann quasi gratis irgendwo aus dem Netz saugen. Dieses Mal habe ich ein Album gemacht, weil ich die Ideen und Songs irgendwo auch "physisch" als Einheit zusammenhalten wollte. Das mag archaisch erscheinen. Wenn du als Musiker mit einem guten Job nebenbei viel Kohle verdienst, mag das vielleicht anders sein. Aber für mich ist das nicht entscheidend, für mich ist Musik am Ende immer noch ein Ausdruck der Kreativität.


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