Skid Row - Dave Snake Sabo

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Manche lieben uns, manche hassen uns. Aber das ist okay. So ist das Leben - Bei SKID ROW ist schon längst die Realität eingekehrt.

Kurz vor dem Ende des großen Hairmetal-Hypes Anfang der 90er-Jahre waren SKID ROW noch mit AEROSMITH, MÖTLEY CRÜE und GUNS N' ROSES unterwegs, spielten sogar vor zigtausend Menschen im monströsen Wembley-Oval. Heute müssen Rachel Bolan und Co. mit kleinen Club-Shows (Ottakringer Brauerei) und sporadisch aufgebauten Bühnen vor Dorfkirchen (Picture On Festival) Vorlieb nehmen. Dennoch ist die Band mit sich im Reinen. Im ausführlichen Stormbringer-Talk resümiert Gitarrist Dave "Snake" Sabo sympathisch und entspannt über alle Höhen und Tiefen der Bandkarriere, weiß offensichtlich genau, wem man alles zu verdanken hat und hegt keinerlei Groll mehr gegen berühmte ex-Kollegen. Nur Rachel Bolan erschien doch nicht wie geplant zum Interview - der Whisky vom Vortag brummte noch zu stark. Rock'n'Roll never dies!

Veröffentlicht am 01.01.2015

Snake, innerhalb der nächsten Jahre wird jedes einzelne Mitglied von SKID ROW seinen 50. Geburtstag feiern. Denkst du, dieser bestimmte Tag könnte eure Welt verändern?

Nur zum Besseren. Ich sehe das so – ich hatte in meinem Leben niemals gedacht, dass ich diesen Tag einmal erleben werde. Mit der Band habe ich schon gar nicht gerechnet. Es ist ziemlich verrückt, denn gerade die letzten Jahre waren sehr speziell für uns. Wir waren an Orten, die wir nie zuvor gesehen hatten und das seit mittlerweile gut 25 Jahren machen zu können, ist einfach der Wahnsinn. Du kannst gar nicht glauben wie dankbar wir dafür sind, dass uns die Leute noch immer sehen wollen und wir zu Konzerten eingeladen werden. Wenn dich keiner sehen will, hat das ja keinen Sinn mehr. (lacht) Es ist ein Privileg, eine Ehre. Geburtstage haben mich nie sonderlich tangiert. Als ich Teenager war, wollte ich 30 werden, als ich diesen Meilenstein erreichte, wollte ich den 40er feiern. Für mich waren Geburtstage immer eine Art Dokument über meine Überlebensfähigkeiten.

Lag diese Einstellung an deinem ungesunden Lebensstil von früher?

Das ist ziemlich verrückt, denn niemand von uns hat jemals Drogen genommen. Das ist ein großes Plus, denn keiner von uns musste jemals mit den Auswirkungen davon oder Entzügen kämpfen. Natürlich hatten wir alle unsere Momente, wo wir mal zu viel gesoffen haben, aber das passierte niemals vor einer Show. Wir haben aus Alkoholgründen niemals eine Show absagen müssen, dafür waren wir schon immer klug genug. Wir haben einfach enormen Respekt vor unseren Fans. Sie kommen zu unseren Shows, kaufen um viel Geld ein Ticket und wollen dann sicher keine abgewrackten Figuren auf der Bühne herumlungern sehen. Die Fans beweisen Hingabe und das wollen wir ihnen zurückgeben. Es ist uns wichtig, ihnen jeden Abend mehr zu geben, als sie für uns bezahlen. Darum geht’s bei uns – alles andere ist sekundär.

Ich hatte euch im Herbst 2013 in der Ottakringer Brauerei mit UGLY KID JOE gesehen und nicht erwartet, dass ihr in einer derart guten Verfassung sein würdet.

Wir hatten so viel Spaß. Die Jungs von UGLY KID JOE waren einfach großartig und alles hat gepasst.

SKID ROW ist in zwei Karrierephasen aufgeteilt. Die erste mit Ur-Sänger Sebastian Bach bis 1996 und dann ab 1999 mit eurem jetzigen Frontmann Johnny Solinger. Wie unterscheiden sich diese beiden Karriereteile für dich?

Die erste Phase ist schon so lange her, schwierige Frage. Damals haben wir so viele Alben verkauft, dass wir wirklich völlig durchgestartet sind. Wir waren in den Top-40 des Mainstreams, was uns zu einer Art Pop-Künstler gemacht hat. Das Wichtigste ist aber, dass wir immer alles in unsere Live-Shows geworfen haben. Deshalb können wir auch noch heute erhobenen Hauptes rausgehen und spielen. Wir geben auf der Bühne alles und haben auch nie aufgehört, Songs zu schreiben – auch wenn wir viele Jahre nichts veröffentlicht haben. Es scheint auch tatsächlich so, als ob wir 2014 eine Art neuen Gipfel in unserer Karriere erreicht hätten. Derzeit bin ich mit unserer Situation wahrscheinlich glücklicher als je zuvor. Wir haben uns niemals nach Albumverkäufen oder dem Geld definiert. Vielmehr geht es uns darum, besser zu werden und glücklich zu sein – und beides ist derzeit der Fall. Ich wache jeden Tag auf und kann mit meinen Kumpels abhängen und dann mit ihnen live spielen – was gibt es Besseres? Früher war das nicht so einfach. Es gab viel Bullshit innerhalb der Band, Egoprobleme und zerstörte Freundschaften. Rachel (Bolan, Bassist - Anm. d. Verf.) und ich waren zum Glück immer gute Freunde und haben das über die Jahre hinweg aufrecht erhalten. Derzeit sind wir uns wohl näher als je zuvor.

Kann diese Nähe im Arbeitsprozess hinderlich sein?

Möglicherweise zu Zeiten, als unsere Egos stärker als der Verstand waren, aber heute bestimmt nicht mehr. Du wirst im Alter einfach ruhiger und kannst auch mal einen Schritt zur Seite gehen. Wenn ich einen Teil für einen Song schreibe und er dann doch keine Aufnahme dafür findet, dreh ich deshalb nicht gleich durch. Das hatten wir alles schon – über viele Jahre. Wichtig ist, da rauszuwachsen und sich zu verändern. Wir hatten immer sehr viel Respekt voreinander und ein großes Selbstbewusstsein. Das hat uns geholfen. Die besten Leistungen gelingen mir mit ihm zusammen – ich hoffe er denkt ähnlich. Ich will nicht sagen, dass das Songschreiben einfach ist, aber wenn du den Ego-Scheiß beiseite lässt, sparst du dir so viele Mühen, Ärger und Probleme.

Es gibt also nur mehr Animositäten zu eurem ex-Sänger und der Rest ist okay?

Es gab schon auch andere Probleme innerhalb SKID ROWs. Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber klar gab es schlimme Zeiten und ich muss auch rückwirkend damit leben. Ich sehe mein ganzes Leben und meine Karriere als absolutes Geschenk. Da ist nichts vorgegeben – ich bin einfach nur privilegiert. Als wir damals auf der riesengroßen Erfolgswelle ritten, war es ziemlich einfach für uns, über Charakterschwächen und idiotische Verhaltensweisen hinwegzusehen. Alles war schön und hat geglänzt. Es war so, als ob du die Dunkelheit verdrängst und nur Sonne siehst. Als die Verkäufe runtergingen und wir aus dieser Blase ausbrachen, offenbarten sich die Probleme. Aber das ist okay, wir sind sicher nicht die ersten, denen das passiert ist. Ich bin auf jeden einzelnen Tag in jedem Jahr stolz, in dem diese Band zusammenspielt. Ich sehe nicht im Zorn zurück, sondern mit großen Stolz.

Wie fühlt es sich an, mit knapp 50 Jahren Songs wie „Youth Gone Wild“ oder „18 And Life“ zu spielen oder singen?

Für mich geht es um die Seele des Songs. Ich bin keine 22 mehr und so ausgeflippt wie früher, aber ich fühle im Prinzip dasselbe wie damals. Am Ende des Tages spiegelt diese Botschaft die Seele der Band wieder. Es ist eine Kampfhymne und sie muntert den Hörer auf. Ich habe kein Problem damit, noch heute rauszugehen und „we are the youth gone wild“ zu schreien, denn ich vermittle das nicht als Realitätsverweigerer, sondern vom Gefühl aus meinem tiefsten Inneren heraus. Es geht darum, wie du mit dem Leben klarkommst und es konfrontierst. Die Songs bedeuten den Menschen noch immer etwas und darum geht’s. Was SKID ROW auch schon immer ausgemacht hat, ist der Underdog-Status und das ist großartig. Wir haben uns immer schon so gefühlt, mussten immer kämpfen um unsere Erfolge und das ist doch cool.

Der Bandname SKID ROW repräsentierte ursprünglich ja die „Working Class Heros“ aus New York. Wie viel ehrliche Arbeit steckt in dir als Musiker nach den großen Erfolgen mit der Band?

Vertrau mir, in den letzten 25 Jahren haben wir viele verschiedene Phasen erlebt. Ich komme aus einer Mittelklassefamilie und meine Mutter hat Häuser und Wohnungen geputzt, um uns durchzubringen. Sie machte das bis sechs Monate vor ihrem Tod und hätte ohne gesundheitliche Probleme gar nie damit aufgehört. Ich arbeite auch – wir alle machen das, nur auf anderem Wege. Ich weiß auch von Rachel, dass er aus einer schlecht verdienenden Mittelklassefamilie stammt. Aber seine Eltern haben immer hart geschuftet, um ein gutes Leben führen zu können. Unsere Jugend hat uns geprägt. Ich bin überzeugt davon, dass es die Band nur mehr gibt, weil wir eben so hart arbeiten und diese Einstellung gewohnt sind.

Vor einiger Zeit seid ihr vor unzähligen Menschen in Wacken aufgetreten, wenige Tage später spielt ihr oft kleine Kellershows. Fühlt ihr bei all diesen Konzerten immer dieselbe Motivation?

Auf jeden Fall. Es ist völlig egal, wie gut oder schlecht ich mich fühle und wie viele Leute da sind – jeder Einzelne hat dafür bezahlt, dich zu sehen. Dessen musst du dir immer bewusst sein und das sollte Motivation genug sein. So habe ich immer gefühlt, aber mit zunehmendem Alter werde ich dafür immer dankbarer. Wir alle wissen, wie unglaublich glücklich wir sein können. Letztes Jahr haben wir Shows vor 150 Leuten gespielt – aber das ist okay.

Glücklich können auch eure Fans sein. Nach ewiger Wartezeit habt ihr eine dreiteilige EP-Serie angekündigt – zwei davon sind bereits veröffentlicht. Eigentlich wolltet ihr ja alle drei in einem Jahr herausbringen.

Nein, das war niemals der Plan. Das wurde wohl falsch kommuniziert. Der Grund, dass wir kein Album veröffentlichen ist jener, dass sich die Leute heute einerseits keine Zeit mehr dafür nehmen und wir sie auch nicht mit einer Stunde geballten Rock überfüllen wollten. Also lieber häppchenweise. Es ist eigentlich eine Schande, dass Leute sich heute keine Stunde für eine gute Platte Zeit nehmen, denn ich liebe diese Erfahrung, die so viele Menschen nicht mehr machen. Das Leben scheint zu stressig und kompliziert geworden zu sein. Wir haben uns also für die EPs entschieden und nach der ersten gehofft, dass die Menschen mehr wollen. Die Leute müssen auch keine 15 Euro mehr für ein Album lockermachen, sondern bekommen Material für 7 Euro. Zudem haben wir gar nicht so viel Material auf einmal produziert – die Songs sind also bei jedem Erscheinen einer EP sehr frisch. Das nimmt uns ziemlich viel Druck – wir müssen keine 30 Songs schreiben, um dann eine Platte daraus zu basteln, sondern es reichen auch acht oder neun. Zudem ist dieser Arbeitsprozess kostengünstiger und brennt uns kreativ nicht aus. Das Wichtigste war aber – wir hatten so viel Spaß dabei, das hörst du auch auf der zweiten EP „Chapter Two: Rise Of The Damnation Army“. Natürlich sage ich, das Teil ist das größte der Welt, aber das spiegelt nur meinen Stolz wieder, den ich verspüre.

Die EPs sind vor allem sehr rockig ausgefallen. Eure Alben mit Johnny Solinger – „Thickskin“ (2003) und „Revolutions Per Minute“ (2006) – waren sehr Punk-lastig und stießen nicht bei alle euren Fans auf Anklang. Würdest du diese Werke rückblickend ändern?

Ich weiß es nicht, aber SKID ROW zeichnet schon seit jeher aus, dass wir unsere eigenen Regeln haben und sie uns machen. Wir machen, was wir wollen und das ist auch wichtig. Wir haben natürlich nicht nur gute, sondern auch schlechte Entscheidungen getroffen, aber am Ende wurde bislang immer alles gut. Am Wichtigsten ist, dass wir den Finger auf uns selbst richten können. Es ist alles intern passiert – jede Entscheidung. Es gibt keinen Grund, jemanden von außen Schuld zuzuweisen. Damit kann man gut schlafen.

Bereust du bestimmte Entscheidungen?

Auf jeden Fall. Es ist komisch, denn obwohl ich das so sage weiß ich genau, dass ich auch ohne diese falschen Entscheidungen nicht hier und jetzt da wäre, wo ich eben stehe. Also haben auch diese Entscheidungen vielleicht etwas Gutes gehabt. Das Leben ist gut zu mir. Ich bin da ziemlich zwiespältig unterwegs. Es gab aber nie riesengroße Fehler, das macht die Sache einfacher.

Zurück zu den EPs. Die umfassende Beschreibung ist „World United Rebellion“ – steckt da ein bestimmtes Konzept dahinter?

Wir verbraten im Prinzip dieselbe Idee wie auf „Youth Gone Wild“ – nur 25 Jahre später. Uns geht es um die Freiheit des Ausdrucks, um Individualität und dazu zu stehen, an was du glaubst. Im Vergleich zu früher sind wir im sozialen Umgang etwas ungeschickter oder abgekapselter geworden. Es gibt jedenfalls immer etwas, das jeden Einzelnen von uns aus einem bestimmten inneren Zirkel reißt. Dadurch müssen wir als Individuen einen eigenen Weg des Ausdrucks finden, unsere Emotionen freisetzen. Über diesen Weg findest du eine Gemeinsamkeit mit anderen Individuen, die dasselbe denken und fühlen. Wir wollen gehört werden und auf unseren eigenen Füßen stehen. Also führt all das zu einer Art von Rebellion gegen das System. Es ist weniger eine Botschaft als ein Leitfaden zu unserem Lebensstil.

Stimmt es, dass viele SKID ROW-Fans auf der ganzen Welt eine Art „World United Rebellion“-Fanclubs gründeten?

Ja, das ist ziemlich cool, da waren die Fans sehr kreativ. Ich liebe das, weil es zeigt, dass alles was du machst, nach außen hin einen positiven Effekt hat. Das ist ein großes Geschenk für uns. Großartig.

Welche Ziele verfolgt ihr mit der Band, was kommt als nächstes?

Wir spielen, um unseren Lebensinhalt bestreiten zu können und trotzdem fühlt es sich nicht wie ein Job an. Rachel und ich haben immer noch den großen Wunsch, Musik zu schreiben und zu kreieren. Egal ob für die Leute draußen oder manchmal auch nur für uns selbst. Wir wollen einfach weiter touren, weil es uns so viel Spaß macht. Wenn das mal nicht der Fall sein sollte, werden wir auch nicht zögern, aufzuhören. Geld ist für viele Menschen die größte Inspirationsquelle – ich kann das durchaus verstehen, aber es darf nie die einzige große Motivation sein.

Ich habe unlängst mit Mick Box von URIAH HEEP gesprochen und er sagte mir, ein Grund immer weiterzumachen wäre die immerwährende Suche nach dem perfekten Song.

Weder Rachel noch ich haben es jemals darauf angelegt, einen Hit-Song zu schreiben. Als Songs von uns im Radio liefen war das natürlich der Wahnsinn, aber niemals das große Ziel. Es war eher ein wundervoller Zufall als Belohnung für die harte Arbeit. Einen perfekten Song suche ich eigentlich nicht – wenn es passiert, dann ist es aber natürlich toll. Mein Ziel ist es einfach, unsere Integrität zu wahren und das Beste für die Fans und uns selbst zu tun. Es gibt tonnenweise Menschen, die Songs erzwungenermaßen nach irgendwelchen Schemata geformt haben, aber das haben wir gottseidank niemals gemacht. Wir wollen einfach weiterhin auf einem hohen Level performen. Wir haben glaub ich genug Gespür, SKID ROW irgendwann einmal am richtigen Tag zu Grabe zu tragen, aber derzeit fühlt sich alles gut und energisch für uns an.

Abschließend – was denkst du darüber, dass euer ex-Sänger SEBASTIAN BACH in Interviews um ein Comeback bei SKID ROW nahezu bettelt?

Das berührt mich überhaupt nicht. Für mich war die Zeit mit Sebastian ein Kapitel in meinem Leben, auf das ich wahnsinnig stolz bin und das sehr erfolgreich war, aber bitte, das ist heute kein Thema mehr. Ich bin sehr glücklich wo wir stehen und es gibt nichts, dass mich zu einem Comeback von Sebastian motiviert. Ich habe alles was ich brauche, um kreativ zu sein. Ich wünsche auch jedem ex-Mitglied von SKID ROW nur das Beste und so viel Erfolg wie möglich, aber ich werde mich selbst nicht in eine Position bringen, die möglicherweise in einem großen Drama endet. Warum auch? Johnny ist seit mittlerweile 15 Jahren Sänger bei uns und hat sich seinen Respekt redlich verdient. Wir haben noch nicht einmal über ein mögliches BACH-Comeback gesprochen, weil es einfach nicht die Spur eines Themas ist. SKID ROW steht genau da, wo die Band stehen soll. Manche Leute lieben sie, manche hassen sie. Aber das ist okay. So ist das Leben (lacht).


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