Dark Fortress - Morean & V. Santura

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Im Black Metal fährst du Headliner-Touren und gehst dann vielleicht mit 25 Euro pro Abend nach Hause, das ist schon brutal. - DARK FORTRESS lernten die Tücken des Genres auf die Beinharte kennen.

Im Zuge ihres Wien-Auftritts im Herbst 2014 haben wir die beiden DARK FORTRESS-Frontmänner Morean (voc) und V. Santura (git) im schmucken Tourbus vor das Diktiergerät gebeten. Neben dem brandneuen Album "Venereal Dawn" ging es aber auch um die Tücken der aktuellen Metal-Szene, wie man mit Rechtsradikalismus im Genre umgeht und warum Black Metal aus Norwegen oft nicht mehr über "Trve Leberkäsniveau" hinauskommt. Lest selbst.

Veröffentlicht am 15.01.2015

Ein kalter Oktoberabend, der Herbst hat auch in Wien Einzug gehalten und mit SECRETS OF THE MOON, den Schweizer Senkrechtstartern SCHAMMASCH, sowie den bayrischen Black-Metal-Revoluzzern DARK FORTRESS schickt sich ein besonders feines Paket an, den Viper Room ordentlich durchzurütteln. Letzere waren so nett, uns nach dem Soundcheck eine glatte Stunde ihrer wertvollen Zeit für ein Gespräch zur Verfügung zu stellen. Sänger Morean sitzt mir von Anfang an belesen, reflektiert und mit den nötigen Witz gegenüber. Gitarrist und Mastermind V. Santura stößt ein paar Fragen später dazu, wirkt anfangs noch reserviert, taut aber zusehends auf. Während der Wahl-Holländer Morean frei Schnauze "boarisch" labert und sich darüber freut, ebenfalls einem Dialektfetischisten gegenüberzusitzen, bemüht sich V. Santura, das schöne Deutsch zu betonen. Doch wie heißt's auf gut Steirisch? "Da hackt ihm der Bauer aber auf's Kreuz" - das Bayrische dringt immer durch. Die interessante und hochsympathische Gesprächsreise sollte im Laufe der Zeit noch viele Kurven und Wendungen einschlagen, doch eines ist gewiss - die beiden haben definitiv was zu erzählen. Und nichts davon ist beliebig...

Morean, du sitzt mir hier im Tourbus gegenüber und sprichst breitesten bayrischen Dialekt. Ich muss da zu allererst an LUNAR AURORA und deren Album „Hoagascht“ denken, das auch auf Dialekt aufgebaut war.

Morean: Ja, das stimmt. Wir haben für unser neues Album „Venereal Dawn“ sogar noch mehr Songs aufgenommen, wo ich mit Sprachen experimentiert habe. Mich interessiert das einfach und wir haben auch einen Part auf Bayrisch gemacht. Der ist aber nicht am Album, wird aber mal auf eine EP kommen. Nachdem ich schon Spanisch, Rumänisch und Arabisch auf dem Album hatte, wollte ich zumindest einen Satz in der eigenen Sprache machen. Wenn die ganze Welt das schluckt, dass die norwegischen Black-Metal-Bands alle auf Norwegisch singen, kann ich das auch auf „boarisch“ machen (lacht).

Direkt Hochdeutsch würdet ihr bei DARK FORTRESS aber auch nicht singen?

Morean: Nein, das geht nicht. DAS ICH zum Beispiel haben schon gute Texte, wie zum Beispiel das Lied „Gottes Tod“. Auch die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN waren da Könner, aber das meiste gefällt mir einfach nicht. Rein von der deutschsprachigen Pop-Musik her konnte ich mir früher irgendwie auch nur Österreicher anhören. Die frühen EAV waren schon saugeil mit diesen Monty-Python-mäßigen Videos. STS mit „Fürstenfeld“ haben mir auch gefallen. Natürlich gibt es zwischen Bayern und Österreich Unterschiede, aber ethnisch gehören wir schon zusammen und sprachlich erst recht. Es heißt ja nicht umsonst Austro-Bavarisch. Wenn die ganz großen Meister der Sprache, wie etwa Goethe, da sind, ist Hochdeutsch schon stark, aber ich könnte darin nie meine Emotionen in der Musik ausdrücken. Bislang gelang es mir jedenfalls noch nicht (lacht).

Woraus entstand die Idee, für „Venereal Dawn“ auf so viele verschiedene Sprachen zurückzugreifen?

Morean: Ich liebe Sprachen und lebe schon einige Zeit in Rotterdam, dort gibt es 175 Nationalitäten. Das heißt, dass du die Welt vor der Haustür hast und das fasziniert mich total. Ich finde schon auch, dass Englisch für den Metal die geilste Sprache ist, aber vieles ist auch schon so abgedroschen. Ich habe mittlerweile ein Problem damit, die gleichen Wörter herzunehmen wie alle anderen. Der „Satan Of Death“ wird irgendwann langweilig.

Diese klassische „Satan-Black-Metal-Band“ wart ihr aber nie.

Morean: Nein, das nicht. Mein Vorgänger hatte auch den Anspruch, gehobenere Texte zu schreiben. Gerade auf der „Séance“ war das wirklich auffällig. Da waren die Sprachbilder schon sehr komplex. Ich hatte dann irgendwann klanglich das Bedürfnis, ein neues Gewürz einzubauen und habe mir die Sprachen für ganz spezifische Teile rausgesucht. Es gibt da aber weder einen historischen, noch einen sozialen oder politischen Hintergrund. Die Kulturen haben mit unserer Geschichte gar nichts zu tun. Ich wollte nur lieber echte Wörter mit Bedeutung haben, als zusammengestoppelte Invokationen aus gefälschten Dämonenschinken. Habe ich auch schon alles gemacht, klar (lacht). Aber mir ging damals die Echtheit ab und so habe ich das dieses Mal anders ausprobiert. Ich habe aber bewusst überall gleich die Übersetzung beigestellt.

Es gibt eurem ganzen Konzept gleich etwas Dunkleres, Mystischeres.

Morean: Ja, es hat einen okkulten oder sakralen Charakter. Wenn du Sprache nicht verstehst, aber die Emotion dahinter kapierst, kannst du dein bewusstes Denken quasi umkreisen. Es dringt dann direkt ins Unterbewusstsein – den Effekt gibt es etwa auch bei Mantras. Ich wollte aber keinen auf Supermystiker machen und deshalb habe ich den übersetzten Text für jene, die es interessiert, beigelegt.

Als Überkonzept habt ihr euch überlegt, dass sich die Sonne verselbstständigt und in die Evolution eingreift. Das wurde von einem Buch inspiriert?

Morean: Das Prinzip, dass die Sonne aufgeht und ein Fluch auf der Sonne liegt, der die Natur im Schnellvorlauf pervertiert, kam aus dem Roman „The Wounded Land“ von Steven R. Donaldson. Es war aber eher der Auslöser für unser Konzept. Ich wollte schon in diese Welt, bevor wir Musik dazu hatten. Die Idee war bis ins letzte Detail bei mir ausgereift, aber ich habe den Schluss offengelassen. Ich merkte dann, dass die Platte am Ende mehr vergeistigt und subtiler denn gewalttätig wird. Also habe ich den Text so mitentwickelt, dass eine spirituelle und seelische Komponente eindringt. Es sollte kein schlechtes Horrorfilm-Ende sein. Mich hat eher interessiert, was macht die Situation mit dem Mensch. Wenn du in einer Umwelt aufwächst, wo du wehrlos und dem Tod geweiht bist. Wie geht man damit um? Auf der Platte wird eine Person wie eine Zwiebel Schicht für Schicht seiner Selbst entledigt und dann geht’s darum, was übrig bleibt. Und kann das überleben? Der Mensch wird auf einen Punkt des Bewusstseins reduziert, denn alles andere wird ihm genommen. Und der Bewusstseinspunkt wird zu einem Lichtwesen. Es ist die Idee eines intelligenten Lichts.

Musikalisch unterliegt ihr einer ständigen Veränderung, nur dieses Mal haben sich zu den gewohnten positiven Stimmen von außen auch viele negative beigemengt. Nehmt ihr das sehr persönlich, wenn da so viel Arbeit drinsteckt?

V. Santura: Wenn man sich der Öffentlichkeit aussetzt, muss man das einfach hinnehmen. Es gibt auch viele Leute, denen das Album sehr nahe geht und damit weiß man, dass man es nicht umsonst gemacht hat. Das ist eigentlich das größte Kompliment, das man kriegen kann – wenn man jemanden emotional tief erreicht. Klar, wir machen keine Musik die dafür konzipiert ist, jedem zu gefallen. Es ist krasser Underground-Metal und per se nichts für die Allgemeinheit. Ich bin mit den Reaktionen ganz zufrieden.
Morean: Es ist immer besser irgendeine Situation auszulösen als gar keine – die Platte ist also zumindest kein Rohrkrepierer. Es wird sehr eindeutig Stellung bezogen, aber die Interpretation steht allen frei.
V. Santura: Ich kann aber nicht nachvollziehen, dass jemand die letzte Platte gut und die aktuelle scheiße findet. Für mich gibt es nämlich keinen Stilbruch, nur eine Erweiterung. Es ist eindeutig die gleiche Band und es wundert mich, wenn wir einen Fan damit radikal vor den Kopf stoßen würden.

Seht ihr euch selbst noch als Black-Metal-Band?

V. Santura: Eigentlich ist mir das egal. Mir geht’s um die Musik und was diese Musik transportiert. Ich werde mich keinesfalls von der Szene distanzieren, aber wenn Leute anderer Meinung sind, kann ich auch gut damit leben.
Morean: Wichtig ist nur, dass es DARK FORTRESS ist und jeder Ton und jedes Wort kommt aus der gleichen Quelle wie früher. Wir sind nirgendwo abgebogen, sondern haben unseren Sound erweitert. Wenn den Leuten die Songs zu lang sind oder die Blastbeats fehlen – naja. Das war auf so ziemlich jedem anderen Album von uns auch schon so. Es ist uns natürlich schon bewusst, dass das Album ein gewaltiger Patzen zum Verdauen ist. Nach einmaligem Hören kannst du das Teil nicht einfach wegstellen.
V. Santura: Ich finde sogar, dass die Platte zugänglicher ist als „Ylem“. Der Opener und der Closer sind grobe Brocken, aber bei mehrmaligem Hören sind die Strukturen der Songs sehr klar umrissen. Ich finde das Teil nicht zu verkopft oder kompliziert. Viele Leute sehen das als progressiv an, aber das war aber nicht unsere Intention. Ein Song wie „Chrysalis“ wirkt auf die Leute vielleicht sehr sperrig, hat aber einen total klaren und logischen Songaufbau. Ein klassischer Rocksong-Aufbau. Vielleicht ist die Musik an sich etwas erhabener.
Morean: Die Skala hat sich vergrößert. Die Songs sind nicht grundsätzlich anders, aber alles ist etwas kathedralesker geworden. Der V. Santura saß aber sicher nicht da und überlegte, wie er einen Song auf elf Minuten strecken kann.

Ihr habt zuvor von der Erweiterung eures Sounds gesprochen. Könntet ihr euch vorstellen, euch mal so weit vom Original-Bandsound wegzubewegen wie das seit Jahren etwa OPETH machen?

V. Santura: Naja, wir haben schon eine gewisse rote Linie, die wir weiterführen wollen. Klar, der Sprung bei uns zwischen „Stab Wounds“ und „Venereal Dawn“ ist wahrscheinlich ähnlich groß wie bei OPETH zwischen „Blackwater Park“ und der aktuellen Scheibe. Bei uns ging das aber mehr Schritt für Schritt und nicht so radikal. Für OPETH war das vielleicht nötig, um kreativ weiter interessant zu bleiben.
Morean: Streng genommen war die „Damnation“ auch schon anders und ich finde es toll, wenn eine Band nach so vielen Jahren den Mund hat, Neues zu probieren. Mir ist es lieber, eine Band setzt mal ein Album voll in den Sand, als es gar nicht zu versuchen. Das ist für mich das Allerschlimmste. Ich finde die „Heritage“ nicht gut, aber ich finde gut, dass sie etwas Neues probiert haben. Es pendelt sich ja wieder ein und vielleicht gefällt mir das in zehn Jahren ja. Dasselbe mit der letzten MORBID ANGEL – man könnte tagelang darüber reden, was an der Platte alles nicht gut ist, aber sie haben zumindest die Welt damit verblüfft und entsetzt. Das ist aber besser als ein schlechter Aufguss der „Altars Of Madness“.

Eine Band wie CANNIBAL CORPSE, die sich doch immer in eng gesteckten Grenzen bewegt, müsste euch somit fadisieren?

Morean: Die finde ich jetzt zufällig sehr super (lacht). Ich habe halt drei Platten von ihnen und das reicht, weil der Rest ist genau dasselbe. Mich würde es schon langweilen, dort der kreative Kopf zu sein – aber das ist eine persönliche Ansicht, ich will da auf keinen Fall jemanden belehren. Wenn du aber ein kreativer Kopf bist hast du ja Lust, dort und da zu experimentieren.

Zum Beispiel eine 14-saitige Gitarre einzusetzen, wie ihr das gemacht habt. Das hat ja fast was von einer Rekordjagd oder nicht?

Morean: (lacht) „The Deep“ war wirklich ein Experiment. Kann man mit Akustikgitarren und ohne Schlagzeug krassen Metal machen? Das musste mal gemacht werden und jetzt ist es am Album. Es ist vielleicht ein bisschen bizarr, ich sehe das aber nicht als Problem. Das sind ca. drei Minuten auf der Platte und wenn es wer nicht mag, gibt es die Skip-Taste. Malen nach Zahlen? Nein. Dafür machen wir keine Musik (lacht).

Und ihr habt dieses Mal für das Album nicht einmal einen Song gecovert.

Morean: Wir hatten vier Jahre, wo nix so richtig weiterging und da haben wir zwischendrin so kleine Sachen aufgenommen – darunter war SHININGs „Besvikelsens Dystra Monotoni“, weil Niklas Kvarforth von einer Tribute-Platte faselte, die dann nie erschien. Jetzt haben wir das Cover halt herumliegen. Das wäre auch so ein typischer Kandidat für eine EP. Der Song ist schon ganz geil geworden, aber wir hatten so viele eigene Nummern, dass wir darauf verzichtet haben.

Welche Probleme hattet ihr denn vor vier Jahren?

V. Santura: Es ist einfach viel passiert. Ich hatte gleichzeitig an der „Ylem“ und an der „Eparistera Daimones“ bei TRIPTYKON gearbeitet und TRIPTYKON nahm natürlich eine wichtige Rolle in meinem Leben ein. Morean hatte auch viel als klassischer Komponist zu tun. Es war dann für eine Zeit lang das kreative Momentum weg. Mir fiel überhaupt nichts ein und einiges war ziemlich frustrierend. Wir hatten „Ylem“ vor dem Release als Vorband von SATYRICON und SHINING betourt und machten dann auch eine kleine Headliner-Tour Anfang 2010, aber dann passierte erst einmal gar nichts. Wir wollten noch eine Tour aufstellen und die scheiterte an einem ziemlich banalen Grund und es fühlte sich an als ob wir gegen Windmühlen kämpfen und die Band mit „Ylem“ einfach nicht weiterbringen würden. Zusätzlich mit all den anderen Projekten und der Kreativblockade haben wir halt plötzlich alles in Frage gestellt. Glücklicherweise haben wir uns in aller Freundschaft zusammengesetzt und das ausgeredet. Mir hat das schon zu schaffen gemacht, dass mir einfach nix einfiel. Erst 2012 kamen dann wieder Ideen, wo ein Funken da war. Ein Album zum Selbstzweck schreiben wir sicher nicht. Das hat alles gedauert, aber dementsprechend stolz sind wir auf „Venereal Dawn“.

Das Zeitproblem aufgrund deiner Tätigkeit bei TRIPTYKON ändert sich aber auch in Zukunft nicht.

V. Santura: Klar, das stimmt schon. Wir sind halt wieder in die „Scheißsituation“ gekommen, dass ich gleichzeitig am neuen TRIPTYKON- und am neuen DARK FORTRESS-Album gearbeitet habe. Das wollte ich eigentlich vermeiden, aber es ging wohl nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir das noch ein drittes Mal passiert liegt bei 0,01 Prozent, aber wahrscheinlich sind die dann wieder ausschlaggebend (lacht). Das macht dich echt fertig.

Muss DARK FORTRESS aufgrund deiner Tätigkeiten bei TRIPTYKON stark zurückstecken?

Morean: (ganz energisch) Naja, doch schon.
V. Santura: Jein. Ein bisschen schon, aber DARK FORTRESS ist keine Full-Time-Band. Wir sind limitiert an der Menge der Touren. Wir können maximal ein bis zwei Touren pro Jahr spielen, aber nicht so hart arbeiten wie BEHEMOTH, die 200 Tage im Jahr unterwegs sind. Das ist bei uns nicht möglich und darauf haben wir uns geeinigt. Wir versuchen einfach geile Alben zu machen und diese in den zeitlichen Möglichkeiten zu betouren. Mehr geht einfach nicht.

Waren die Ziele bei DARK FORTRESS früher anders gesteckt?

V. Santura: Wieder jein. Bei mir ja, aber das zählt nicht für jeden. Das war auch einer der Konflikte bei uns. Es ist aber okay so wie es ist.
Morean: Man muss realistisch bleiben. Das Genre selbst ist einfach zu extrem als das man hier große Sprünge machen könnte. Das haben wir über die Jahre auch gelernt. SATRYRICON etwa verdienen schon ganz anders als wir, aber wenn du das mit einem Act der gleichen Größenordnung in einem anderen Genre vergleichst, ist das trotzdem ziemlich madig. Mich hat das ein bisschen schockiert, weil ich schon 20 Jahre in der Klassik und Weltmusik arbeite. Dort kann man davon leben und im Black Metal fährst du Headliner-Touren und gehst dann vielleicht mit 25 Euro pro Abend nach Hause, das ist schon brutal. Es ist klingt beschissen und ich sage es nicht gerne, aber es ist einfach nur ein Hobby. Auch wenn wir professionell arbeiten, aber das ist die Realität. Ist ja auch nicht schlimm, die Leidenschaft ist davon ja unbeleckt. Wir machen es nicht für Ruhm und Ehre, aber die Illusion, mehr als eine Miete in zwei Jahren bezahlen zu können, die mussten wir beerdigen.

Ruhm und Ehre zu kriegen bedarf meist weniger Aufwand als den, den ihr an den Tag legt.

Morean: (lacht) Das stimmt wohl. Wir können uns nicht beschweren über mangelndes Interesse. Wir kriegen ja Reaktionen aus den abstrusesten Ländern und das ist schon geil. Wenn ein Mädchen aus Afghanistan oder ein Typ aus Ägypten auf unseren Sound abgeht, ist das schon extrem geil. Es gibt eine klare Grenze, wie viel Zeit und Kohle du reinstecken kannst. Aber das Essen bezahlt dir nicht der Metal. Als Techniker oder Arrangeur geht es dir besser (lacht).

V. Santura, du kannst von TRIPTYKON leben?

V. Santura: Nein, von meinem Tonstudio. Das ist mein effektiver Lebensunterhalt. Ich arbeite dort auch größtenteils mit Metalbands und lebe somit schon vom Metal, aber nicht als Gitarrist, sondern als Tontechniker. Aber einen Stellenwert oder Verdienst wie AMON AMARTH haben wir natürlich nicht (lacht).
Morean: Das ist auch eine der wenigen Bands, die nicht aus der ersten Generation sind und trotzdem so groß geworden sind. Das ist eine echt reife Leistung. Ich bin um Gottes Willen kein Fan, aber es zwingt einem Respekt ab zu sehen, dass es auch mit der Ochsentour noch funktioniert. Das vergönne ich ihnen auch – unerheblich ob ich die Musik mag oder nicht.

Der Black Metal bewegt sich im Gegensatz zu anderen Metal-Genres doch noch ordentlich. Unlängst haben mir GRAVE erzählt, im Death Metal wäre alles gesagt. Bands wie ihr, SATYRICON oder DEATHSPELL OMEGA zum Beispiel zeigen aber, dass es im Schwarzmetall ganz anders ist.

V. Santura: In extremen Ausrichtungen gibt es auch im Death Metal noch Neuerungen.
Morean: Ich sehe das anders. Mir kommt es eher so vor, als ob wir noch nicht einmal an der Oberfläche des Möglichen gekratzt hätten. Ich kann mich noch gut an das Feeling der 80er-Jahre erinnern und da war das eine wachsende Musik, wo alle zwei Jahre etwas Neues daherkam. Es gab damals einen Geist der Verbrüderung und Offenheit und das jemand nur Black Metal oder nur Florida Death Metal oder nur Leberkaswurst Death Metal hört, das gab es damals nicht, weil alles jung war. In der Zwischenzeit habe ich den Eindruck als hätte der Metal versucht, sich selber in ein Museum zu verschieben. Schon zu Lebzeiten. Es ging irgendwo von Vorwärtsschauen zu nur noch Rückwärtsorientieren. Das hat mir ein bisschen das Herz gebrochen, weil der Spirit des Neuen etwas verloren gegangen ist. Das ging dann schon so weit, dass man sich fast entschuldigen musste, nicht wie zum Beispiel SODOM zu klingen. Das ist tödlich für ein Genre. Im Punk und im Rock’n’Roll oder auch im Blues war es auch so – als ob beschlossen würde, das war’s und nicht weiter.

Oder du machst es wie DARKTHRONE und kappst deine Wurzeln sowieso.

Morean: Ich finde es wichtig, dass alles in Bewegung bleibt – egal in welche Richtung. Natürlich – irgendwann kannst du nicht noch schnellere Blastbeats spielen, noch öfter „Satan“ sagen oder noch mehr Leute abstechen. Es gibt eine natürliche Grenze dessen, was sinnvoll ist. Als Komponist habe ich gelernt, dass es keine Ausrede gibt. Es gibt immer noch so viel, was nie gemacht wurde, dass man locker immer noch Neues finden kann. Auch wenn man oft daran verzweifelt. Es gab natürlich noch nie so viel Musik wie heute. Du kannst dir überall sofort alles gratis anhören – egal ob neu oder alt. Egal ob aktuelles Album oder rekonstruierte Instrumente von Zeichen auf griechischen Grabsteinen, die dann zu einer Platte werden. Du konkurrierst nicht nur mit der Musik deiner Zeit, sondern mit allem, was es je gab. Dass da so mancher das Handtuch werfen oder eben bei seinem Sound bleiben will, das kann ich auch nachvollziehen, aber das ist der Tod. Es gibt keinen Status Quo – sobald du stillstehst, setzt der Verfall ein. Du musst einfach in Bewegung bleiben, sondern kannst du es gleich bleiben lassen.

Ist der Black Metal heute immer noch stark mit Rechtsradikalismus konnotiert? Was spürt ihr, wenn ihr auf Tour seid?

V. Santura: Bei unserem Publikum nicht, weil die kommen ja nicht zu uns, so einfach ist das (lacht).
Morean: Ich bin sowieso der Meinung, dass man Kunst und Politik nicht vermischen soll. Sonst wird die Kunst zu einem Propagandavehikel und verliert ihre Freiheit. Das ist wie in der Forschung, die muss auch frei sein, um was entdecken zu können. Man hat schon oft gesehen was passiert, wenn Kunst versklavt wird, um eine Message rüberzubringen. Da kriegst du so etwas wie STRYPER (lacht).

1997 gab es bei euch aber die Split-CD mit BARAD DÛR, die in einschlägigen Kreisen negativ bekannt sind. Dafür wurdet ihr stark kritisiert. Hängt euch das noch immer nach?

V. Santura: Ja, bis zu den Interviews für „Séance“ oder „Eidolon“ sind da regelmäßig Fragen dazu gekommen. Wir haben immer klar Stellung dazu bezogen und mittlerweile ist das gut.

Kann man so etwas eigentlich umgehen? Bei den vielen Bands, die oft nicht klar definiert sind?

V. Santura: Nein, denn wir sind mehr oder weniger auch durch Zufall reingerutscht. 1997 war das Thema Black Metal gar nicht so akut und anfangs wurde gar nicht so genau nachgefragt, was die für eine Band waren. Vielleicht bin ich da naiv, aber ich denke der NSBM ist wirklich nur eine kleine Randsplittergruppe. Black Metal ist natürlich eine sehr extreme Musik und daher auch ein Sammelbecken für alle Arten von Extremisten, die versuchen irgendwie zu schocken. Mit „Hail Satan“ kannst du heute nicht mehr provozieren, und so bleiben nur mehr zwei Sachen übrig. Das eine ist Rechtsradikalismus und das andere ist Pädophilie und Pädophilie im Black Metal ist da vielleicht doch zu idiotisch (lacht).
Morean: Ganz im Gegensatz zu NSBM oder wie? (lacht)
V. Santura: Natürlich wollen wir nicht Musik und Metal miteinander… (schallendes Gelächter bei beiden).. nein, Musik und Politik miteinander vermischen. Für viele ist Musik ein Teil des Lifestyles und somit kann man das nicht ganz umgehen, dass Extremisten davon angezogen werden. Nazis können uns aber sowieso nicht leiden, deshalb kommen sie nicht zu uns. Ich sehe da kein großes Problem.

Gibt es in diesem Bereich eine gewisse Übervorsicht? Geht die Political Correctness in gewissen Bereichen zu weit?

V. Santura: Vor einigen Jahren gab es diese Hexenjagd auf IMPALED NAZARENE, das fand ich schon ein bisschen übertrieben. Die sind ja auch keine Nazi-Band. Sie sind sicher nicht die sympathischsten Genossen, aber sie provozieren halt gerne. Es gab schon Phasen, wo mir das Thema NSBM zu viel diskutiert wurde und alles größer gemacht wurde als es eigentlich war. Diese Deppen haben dadurch dann mehr Aufmerksamkeit bekommen als sie verdient haben. Momentan ist das aber kein großes Thema, weil es meiner Meinung nach eben auch eine kleine Splittergruppe ist.

Abseits der kundigen Metalpresse werden aber doch oft auch unschuldige Bands vorschnell in einen Topf mit den NSBM-Bands geworfen. Spürt ihr dieses Problem?

Morean: Ja, aber es funktioniert andersrum genauso. Dieser Black-Metal-Hype, der sich nicht nur um einige wirklich talentierte Leute, sondern auch um einige Vollspacken aus Norwegen innerhalb eines Zeitraums von zwei bis drei Jahren drehte, der war auch übertrieben. Es ist immer die gleiche MAYHEM-Geschichte. Ich weiß nicht, wie viele Dokus es schon gibt, die immer wieder das komplett gleiche erzählen. Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo das Alles wenig mit der Musik an sich zu tun hatte und dann war es plötzlich hip, dass du Black Metaller bist und trve Leberkäse isst. Viele Bands haben von diesem Medienhype zweifellos profitiert.

Anders Odden, der auch mal bei SATYRICON war und den man von APOTYGMA BERZERK und CADAVER kennt, bietet in Oslo ja sogar den „Black-Metal-Tourismus“ an.

Morean: Es ist ein total krasses Phänomen, dass diese Ereignisse Teil der Folklore geworden sind. Auch wenn die Gründe traurig sind, ist das doch auch etwas cool. Ich finde es schlimm, wenn man Aktionen von einem Volldeppen romantisiert oder zur Ideologie befördert. Das waren pubertierende Kids.

Trifft aber nicht auf alle zu. Ein Jon Nödtveidt von DISSECTION etwa, hat seine zweifellos fragwürdige Einstellung bis zum Selbstmord durchgezogen.

V. Santura: Der war dann wenigstens konsequent (lacht).
Morean: Als Band aus der bayrischen Provinz stehst du ohnehin auf verlorenem Posten. In schlechten Momenten denke auch ich mir, wenn ich aus Norwegen wäre, würde mir schon eine ganz andere Art der Aufmerksamkeit zuteil und wir würden nicht mehr unten herumkrebsen. Da wir aber aus Niederbayern sind, wird man von Vornherein nicht ernst genommen. Bis die Leute merken, dass es kein Scheiß, sondern eine gute Band ist, musst du eine Riesenschwelle übertreten. Andererseits hat eine Band wie wir den Vorteil, dass wir auch tun können, was immer wir wollen. Wir konnten uns völlig frei entfalten, weil wir bei uns zuhause einfach keinem Klischee entsprechen mussten.

Es fällt aber auch auf, dass sich künstlerisch im Black Metal überall außerhalb Norwegens weitaus mehr entwickelt als im nordischen Ursprungsbiotop der zweiten Black-Metal-Welle.

Morean: Ich würde das aber nicht unbedingt an der Geografie festmachen. MAYHEM haben zum Beispiel mit der „Ordo Ad Chao“ wirklich was erschaffen. Ob das einem gefällt oder nicht, es war zumindest kreativ. Auch IHSAHN oder die norwegischen SHINING. Das Land ist voller geiler Musiker, aber man sollte halt nicht alle verherrlichen, nur weil sie von dort kommen. Es gibt dort auch Wahnsinns-Jazzmusiker und Komponisten.

Das sind aber geografische Verselbstständigungen. Es ist ja für den gemeinen Metaller auch jede Thrash-Metal-Band aus der Bay Area genial.

Morean: Genau, und unlängst war das mit Island so. Alles was von dort kommt ist superhip und cool (lacht). Wenn man selbst Musik macht, darf man sich niemals zu sehr von angesagten Trends beeinflussen lassen. Da wird man des Lebens nicht mehr froh und wenn der Hype vorbei ist, stehst du blöd da. Man muss immer das machen, woran man glaubt. Klar brauchst du Glück, damit die Leute das mögen, aber es bringt keinem was, wenn du schnell jemandem nach dem Mund schreibst, aber damit nicht glücklich bist. Bei uns war zum Glück immer schon klar, dass wir niemandem außer unserer Intuition folgen. Wenn du aus Landshut kommst, gehst du prinzipiell nicht davon aus, dass du Erfolg hast. Du machst das vorwiegend für dich.

Gab es in letzter Zeit bestimmte Musik, die euch richtig mitgenommen hat? Natürlich auch gerne außerhalb der metallischen Grenzen.

V. Santura: Ich entdecke extrem wenig neue Musik, weil ich den ganzen Tag mit Musik arbeite. Nach neun oder zehn Stunden Musik im Job schalte ich am Feierabend auch gerne mal ab.
Morean: GRIEVING AGE aus Saudi-Arabien, die waren Wahnsinn.
V. Santura: Eine Doom-Band, die mich vor einem Jahr anschrieb, ob ich ihr Album mischen wolle. Das war sowas von konsequent, das war die ultraböseste Doom-Hölle, die ich jemals gehört habe. Das waren fünf Songs auf 105 Minuten und so düster, schwer und negativ – so etwas habe ich selten gehört. Sprachlich und textlich auch sehr geil. Dass so etwas aus Saudi-Arabien kommt, glaubt man gar nicht, weil man sich dort nicht auskennt. Das sind Momente, wo du denkst „wow, das passiert überall auf der Welt“.
Morean: Ich hatte diesen Moment mit SILENT KINGDOM, einer Band aus Sarajevo in Bosnien. Die mischen Death Metal mit der dortigen traditionellen Musik und das gefällt mir sehr gut. Die zwei Bands, die bei mir wirklich was ausgelöst haben, waren einerseits LORD MANTIS aus Chicago, wo auch ein paar Leute von NACHTMYSTIUM mitspielen. Die „Pervertor“ aus 2012 ist für mich die Platte des Jahrzehnts. Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr so süchtig nach einer Platte. Ich hab mir auch andere Chicago-Bands aus dem Dunstkreis von Produzent Sanford Parker angehört wie INDIAN oder AVICHI, also nicht der Electro-Mensch aus Schweden (lacht). Die haben einen ganz eigenen Stil von Black Metal und klingen absolut böse. Sie probieren auch absolut nicht wie Norweger zu klingen. Erwähnen muss ich auch DODECAHEDRON aus Holland, die mehr in die DEATHSPELL OMEGA-Richtung gehen, aber wesentlich kontrollierter vorgehen. Der modernere Ansatz am Black Metal kann mich immer noch begeistern. Alles was ultra-retro ist, lockt mich hingegen kaum mehr hinterm Ofen hervor. CELESTE aus Frankreich sind auch extrem geil, obwohl sie nicht einmal Black Metal sind. Die Message ist aber die richtige und die Umsetzung ist wahnsinnig interessant. Wie viele Bands brauche ich noch, die immer gleich klingen?


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