ANGELUS APATRIDA - Guillermo Izquierdo

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Wir müssen 100 Prozent mehr Energie in die Sache stecken als andere Bands - Südeuropäer haben es nicht leicht in der weitläufigen Welt des Thrash Metals.

Auf Tour mit den SUICIDAL ANGELS und DR. LIVING DEAD! zählten die Spanier ANGELUS APATRIDA zu den absoluten Gewinnern und erspielten sich Abend für Abend neue Fans. Im Zuge ihrer Wien-Show haben wir uns kurz mit Sänger Guillermo Izquierdo zusammengesetzt, um über das brettstarke neue Album "Hidden Evolution", die finanziellen Probleme seines Heimatlands Spanien und das Fehlen der deutschen Thrash-Zukunft zu sprechen.

Veröffentlicht am 03.03.2015

Guillermo, mit „Hidden Evolution“ habt ihr schon im Jänner eines der Thrash-Metal-Highlights des Jahres veröffentlicht, das bei Kritikern und Fans scheinbar gleichermaßen gut ankommt. Wie siehst du das Teil heute mit etwas Abstand?

Da stimme ich dir zu, denn uns geht es stets darum, uns mit jedem neuen Album selbst zu beweisen. Natürlich würde ich sagen, dass es unser bislang bestes Album ist. (lacht) Selbst mit der nötigen Distanz, die wir mittlerweile aufgebaut haben hat sich an dieser Grundmeinung absolut nichts geändert. Es scheint so, als ob tatsächlich alle ganz glücklich mit der Entwicklung des Albums wären. „Hidden Evolution“ war übrigens vier Wochen in den spanischen Charts, was eigentlich unglaublich ist. Einmal waren wir sogar Nummer zwei – der absolute Wahnsinn. (lacht) Auch wenn wir die neuen Songs live spielen, kriegen wir eigentlich immer gutes Feedback dafür. Auf dieser Tour mit den SUICIDAL ANGELS und DR. LIVING DEAD! haben wir ja nur 40 Minuten Spielzeit – das macht die Songauswahl natürlich irrsinnig schwer. Bei einer kommenden Headliner-Tour schaut das natürlich anders aus und darauf freuen wir uns.

Ich stehe ja total auf das Cover-Artwork, das nicht nur ein hervorragendes Zusammenspiel aus Schwarz/Weiß und Farbe darstellt, sondern auch diesen apokalyptischen Vibe vermittelt. Was wollt ihr damit ausdrücken?

In gewisser Weise kannst du es als eine Art Konzeptalbum betrachten. „Hidden Evolution“ spielt auf die gegenwärtige Situation an, dass große Firmen und Konzerne viele Produkte und Ideen zurückhalten, die das Leben der Menschen auf der Welt wesentlich vereinfachen würden. Vieles davon würde wohl nichts kosten, aber da es dann kein Geschäft gibt, sind sie natürlich nicht gewillt, etwas davon zur Verfügung zu stellen. Die Reichen wollen immer reicher werden und stoppen damit die natürlich Entwicklung der Gesellschaft. Der Typ auf dem Cover kann sein Geld nur mehr dazu verwenden, es zu verbrennen und sich in dieser apokalyptischen Eislandschaft damit aufzuwärmen. Das ist eine Metapher. Du kannst der reichste Typ der Welt sein, irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo du mit Geld nichts mehr anfangen kannst.

Ihr kommt aus dem spanischen Albacete und gerade Spanien fiel in den letzten Jahren oft negativ auf. Finanzielle Probleme und vor allem die große Immobilien-Krise haben den Einwohnern deiner Heimat schwer zu schaffen gemacht. Inspiriert euch das zu Songtexten?

Mitunter schon, aber es gibt weltweit und auch in der EU viele Staaten, bei denen nicht alles rund läuft. Mit jeder Nachricht, die du wo vernimmst hast du eigentlich schon die Inspiration, einen neuen Song daraus zu machen. In Spanien hatten wir wirklich einige ganz bittere Jahre, die nicht zuletzt auf einer völlig dämlichen Regierung beruhen. Aber auch Griechenland, Italien oder Portugal sind komplett abgeranzt. Noch vor zehn Jahren zählte Spanien zu den reichsten Ländern der Welt, aber die unermessliche Gier einzelner hat uns ruiniert. Wie du schon angesprochen hast, wurden bei uns so viele Häuser und Wohnungen im Nirgendwo gebaut, wo keiner lebt und leben will. Es ist auch extrem, was mit den Mieten passiert ist – kaum wer kann sich eine vernünftige Wohnung leisten, weil auch die Inflation so steigt, dass sie die Bürger nicht mehr mittragen können. Es ist wirklich verrückt, was in gewissen Ländern derzeit so abgeht.

Solche Geschichten fördern zumindest die Wut, die du für aggressive Thrash-Lyrics benötigst.

Die Musik ist eigentlich dafür verantwortlich, dass ich mich mehr beruhige und etwas runterkomme, von dem Ärger, der sich in mir befindet. Ich schreibe mir quasi den Frust von der Seele und kann mich bei Shows auspowern.

Lass uns über ein paar Songs reden – zum Beispiel „First World Of Terror“, den du aus der Perspektive eines Soldaten geschrieben hast.

Interessanterweise gibt es viele Menschen, die diesen Song missinterpretieren. Man warf uns schon vor, wir wären darin extrem patriotisch, aber das Gegenteil ist der Fall. Es geht um die allgemeine Geschichte, dass viele Soldaten dazu genötigt werden, in den Krieg nach Afghanistan oder den Irak zu ziehen, um Demokratie in diese Staaten zu bringen, was reichlich obskur ist. Länder wie die USA geben aber einen Scheiß auf Demokratie, denen geht es nur um Geld und das Militär gehört zu den gewinnträchtigsten Geschäftssparten überhaupt. Es ist einfach bizarr, dass du vorgeblich für dein Land kämpfst, aber deine Regierung dich als Persönlichkeit eigentlich nur verarscht. Die ganzen Monarchen und Ministerpräsidenten könnten sich ihre Probleme auch ohne Krieg ausreden, aber dann würde ja eine große finanzielle Geschäftsfläche flach fallen.

Thrash Metal scheint ohnehin das perfekte musikalische Ventil zu sein, um politische oder gesellschaftliche Probleme und Missstände anzuprangern.

Ich würde sagen Rock Musik an sich. Wir sind auch keine politische Band und wollen keine Ratschläge erteilen. Ich persönlich bin ein ziemlich links eingestellter Mensch und will einfach das Recht haben, meine Meinung kundzutun. Dafür ist der Thrash Metal natürlich auch perfekt, du hast ja schon in den 80er- und 90er-Jahren gesehen, dass die Themen dort ernsthafter waren als woanders. Als erstes fällt mir da immer SEPULTURA ein. Denk an die „Chaos A.D.“ – da ging es nur um die Missstände in Brasilien. Songs wie „Propaganda“, „Refuse/Resist“ oder „Biotech Is Godzilla“ waren nur in diese Richtung projiziert. Der Thrash Metal ergibt sich ja aus dem Heavy Metal und dem Punk und vom Punk kommt auf jeden Fall die Lust, sich sinnvoll mitzuteilen. Natürlich könnte ich mich hinsetzen und einen Text über einen Film, das Böse oder Satan schreiben, aber das hat mir uns nichts zu tun. Die Texte sind unser „Punk-Style“.

Kommen wir wieder zu den Songs. „Wanderers Forever“ nennt sich einer. Meint ihr euch damit selbst?

Absolut. Wenn du in diesem Business überleben willst musst du gewillt sein, kontinuierlich zu touren. Aber die Jahre vergehen und du bemerkst langsam, dass du nichts hast außer die Band. Ich habe nicht einmal ein richtiges Zuhause, denn in Spanien ist es unfassbar schwer, ein Apartment zu haben und eine Familie ernähren zu können. Wir sind „Wanderer“ und der Songtext spiegelt unsere Meinung und unser Leben wieder – das ist nichts Fiktion und nicht alle werden den Text verstehen.

So eine Thrash-Band zu führen ist unheimlich anstrengend. Viel Arbeit, wenig Brot. Denkt man da auch mal ans Aufgeben?

Niemals. In Spanien sind wir tatsächlich eine ziemlich große Nummer, führen Tourpakete an und spielen bei großen Festivals zu vernünftigen Zeiten. Ich bin mittlerweile 31 Jahre alt und würde auch nicht wissen, was ich sonst machen soll. Ich habe vorher als Grafikdesigner gearbeitet, aber wenn ich die Band jetzt beenden würde, was mache ich dann? Pizza ausliefern oder in einer Bar stehen wahrscheinlich. Ich bin zudem zu alt, um noch einmal mit einem Studium anzufangen (lacht). Ich lebe mein Leben, so wie ich es will, auch wenn es manchmal wirklich hart ist, das gebe ich schon zu, aber ich möchte nicht tauschen.

Dieses Jahr feiern ANGELUS APATRIDA auch schon das 15-jährige Jubiläum und bis auf die ersten zwei Jahre, hattet ihr niemals Line-Up-Wechsel. Was ist das Geheimnis eurer Verbundenheit?

Wir sind Freunde, seit wir Kinder waren und haben die Band gestartet als wir 15 waren. Bassist José ist zudem mein Bruder und die anderen sind seit jeher meine besten Freunde. Wir haben dasselbe Ziel und denken dasselbe und das macht alles viel einfacher.

Euer letzter Song, der Titeltrack, ist mit neun Minuten Spielzeit und vielen technischen Finessen euer Opus Magnum auf dem Album. Ist es schwierig, ein so langes, komplexes Stück zu schreiben?

Eigentlich war es total einfach, diesen Song zu schreiben. Ich war zuhause, habe etwas Wein getrunken und habe dann einfach die Ideen fließen lassen und das aufgenommen. Ich habe dann die verschiedensten Parts zusammengefügt und plötzlich ergab der Song irgendwie Sinn. Wir haben auch einen Akustikteil eingebaut, was wir davor noch nie machten – das war für uns zusätzlich spannend. Eigentlich kommen mir die neun Minuten viel zu kurz vor, weil er einfach passt und sich locker durch die Ohren schlängelt. In Spanien haben wir den Song schon gespielt und die Leute waren begeistert, aber bei einer 40-Minuten-Show können wir kein Viertel dafür herschenken.

Ihr seid auch bekannt dafür, dort und da immer wieder mal eine Cover-Version einzustreuen. Dieses Mal war es „Highway Star“ von DEEP PURPLE. Nach welchen Kriterien wählt ihr eure Cover-Songs?

Es geht im Prinzip immer um Klassiker, die die Band beeinflusst haben. Wir haben schon IRON MAIDEN, JUDAS PRIEST, METALLICA oder PANTERA gecovert und dieses Mal haben wir eben in der Historie noch weiter zurückgeschaut. Wir haben es mal versucht und das Resultat klang gut.

Welche Art von Musik oder welchen Song würdest du niemals covern?

Keine Ahnung. Ich würde keinen Song covern, der mir persönlich so absolut gar nichts bedeutet. Das hätte keinen Sinn – auch wenn die Umsetzung vielleicht toll wäre.

Ist es für euch manchmal schwieriger den nötigen Respekt zu bekommen, weil ihr eben aus Spanien stammt? Einem Land, das nicht zwingend für seine florierende Metal-Szene bekannt ist.

Das ist tatsächlich so – auch in der Gegenwart. Manchmal machen wir selber Witze darüber, dass wir als Spanier 100 Prozent mehr Energie in die Sache stecken müssen als Bands aus Skandinavien oder den USA. Derzeit spielen wir unsere fünfte Europa-Tour und mit jeder kommen viele neue Fans dazu. 80 Prozent der Leute haben vor einer Live-Show von uns überhaupt noch nie was von uns gehört. Das verblüfft uns immer wieder und beweist, dass wir einfach immer unterwegs sein müssen, um uns bekannt zu machen. Wenn du aus Deutschland, Schweden oder den USA kommst, ist es ganz normal, dass du eine Metalband hast. Wir Spanier sind oft regelrechte Exoten und müssen wirklich mehr Energie für unsere Ziele aufwenden. Am Merch-Stand kommen oft Leute auf uns zu und fragen uns, wo wir denn immer gewesen wären, weil sie die Show so geil fanden. Letztens etwa in Tschechien, dabei waren wir schon vier Mal vorher dort. Mit Century Media haben wir eines der besten Labels im Rücken und das ist ein weiterer Grund, warum wir manchmal nicht ganz verstehen, was wir noch alles tun sollen.

Warum kriegt man hierzulande relativ wenig mit, von Metal-Bands aus Südeuropa?

Weil es für spanische und portugiesische Bands einfach unheimlich schwer ist, aus dem Land rauszukommen. Ein Vorzeigebeispiel sind etwa AVULSED, die vor allem in den 90er-Jahren überall spielten, sogar in Indonesien. Ich weiß auch nicht genau, warum das alles so zähflüssig ist, denn bei uns in Südeuropa gibt es wirklich massenhaft starke Bands. Aber natürlich kennt die einfach niemand.

Viele sagen ja, Thrash-Bands aus den „unüblicheren Ländern“ hätten etablierte Szenevorreiter längst überholt, weil sie einen viel frischeren, neueren Zugang zur Musik haben. Würdest du dem zustimmen?

Das ist schwer zu sagen, weil du die Musik auch nicht genau vergleichen kannst. Ich habe mich auch nie darum geschert und in der Rock Musik allgemein nie Unterschiede gemacht. Wenn ich es mag, ist es gut. Wenn nicht, dann nicht. Seit meiner Kindheit bin ich immer schon stärker im US-Thrash verankert gewesen, obwohl natürlich auch ich nicht am deutschen Trio KREATOR, SODOM und DESTRUCTION vorbeikam. Aber ganz ehrlich – wann gab es die letzte neue Thrash-Metal-Band, die in ganz Europa wirklich bekannt wurde? Wenn du an die „New Wave Of European Thrash Metal“ denkst, mit Bands wie EVILE, GAMA BOMB, SUICIDAL ANGELS oder uns, dann findest du keine junge deutsche Band. In Spanien, wo der Thrash wirklich ein Spartendasein fristet, brodelt der Underground plötzlich. Deutschland hat durch seine älteren Bands so viele Einflüsse – wie ist es dann möglich, dass der Thrash-Nachwuchs dort komplett zu fehlen scheint? Mir wird diese Frage auch oft gestellt und ich kann sie nicht beantworten.

Wie geht es jetzt bei euch weiter? Wie weit können ANGELUS APATRIDA noch kommen?

Wir werden sehen. Wir müssen arbeiten, arbeiten und touren und touren. 2015 scheint aber ein gutes Jahr für uns zu werden, weil wir ein starkes Album in der Hinterhand haben und viel unterwegs sein werden. Wir werden uns auch live weiterhin auf „Hidden Evolution“ konzentrieren und ich hoffe, dass wir 2016 besser zu Festivals kommen. Das war mit dem Album-Releasedatum Jänner 2015 schwierig. Auch in Spanien werden wir große Shows spielen und ich hoffe, dass wir es dieses Jahr auch noch in die USA und nach Südamerika schaffen. Wir werden sehen, auch Asien habe ich im Augenwinkel – das wäre natürlich der absolute Hammer. Wir haben auf Facebook übrigens mehr südamerikanische Fans als aus Spanien. Das wäre für uns eine Premiere und sicher die coolste Erfahrung.

Das Review zum grandiosen Album "Hidden Evolution" findet ihr HIER.


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