Sanctuary - Lenny Rutledge

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In unserer Kabine laufen die Bee Gees und ABBA - wer dachte, bei SANCTUARY wäre die große Depression ausgebrochen: ihr liegt falsch!

Mit "The Year The Sun Died" gelang der Power/Prog-Combo SANCTUARY aus Seattle letztes Jahr ein Bombencomeback nach zwei Dekaden Abwesenheit. Grund genug für uns, während der Tour mit OVERKILL bei Gründungsmitglied und Gitarrist Lenny Rutledge nachzufragen und Informationen über bandinterne Schlägereien, Tanzeinlagen zu den Bee Gees und tote Familienhunde einzuholen.

Veröffentlicht am 16.03.2015

Ein gar nicht mal so schmaler Teil der österreichischen Bevölkerung könnte das SANCTUARY-Comebackalbum "The Year The Sun Died" mit dem Tod Jörg Haiders gleichsetzen, doch natürlich befasste sich die Seattle-Truppe bei ihrem großen Comeback mit anderen Themen. Vor dem Gig mit OVERKILL in der Wiener Szene schnappten wir uns den sympathischen und redseligen Gitarrist Lenny Rutledge, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Band noch einmal aufzurollen. Noch etwas gezeichnet von den Geburtstagsfeierlichkeiten von Warrel Dane am Vortag im Wörgler Komma, ließ Lenny während des Interviews auch die bandinterne "Tour-Doku-Kamera" mitlaufen, zeigte sich aber stets auskunftsfreudig und interessiert.

Lenny, ich habe vorher mit Bobby von OVERKILL lange und ausführlich über das für den Thrash Metal prägende Jahr 1985 gesprochen. SANCTUARY haben mit Thrash zwar nichts am Hut, aber immerhin habt ihr die Band in diesem Jahr in die Welt geboren.

Mein Cousin Sean und ich haben die Band eigentlich schon rund um 1983 gestartet. Wir hatten immer schon den Wunsch, eine Band namens SANCTUARY zu gründen und haben auch beide mit dem Gitarrespielen begonnen. Ich erzähle da immer gerne eine besondere Geschichte. Sean und ich gingen damals in einen Plattenladen, wir waren ungefähr 16 Jahre alt, und da lag eine 100-Dollar-Note am Boden. Wir haben uns also beeilt, dass wir die Kohle als erster aufheben, damit sie uns gehört. Noch am selben Tag zogen wir durch die Straßen und sahen eine Gitarre in einem Musikladen in der Auslage, die wir unbedingt haben wollten. Sie hat zudem exakt 100 Dollar gekostet und von da an starteten wir mit der Musik (lacht). Schon damals träumten wir durch die Gegend und wussten, wir würden einmal eine Band namens SANCTUARY gründen. Den Rest der Story kennt ihr ja.

Mit „Refuge Denied“ (1987) und „Into The Mirror Black“ (1989) habt ihr auch zwei bahnbrechende Alben veröffentlicht, bevor die Band 1992 unter lautem Gedöns auseinanderbrach.

In der Band entstanden über die Zeit unheimlich starke Spannungen. Viele Leute haben uns auch gefragt, ob uns der Grunge gekillt hat, aber ich glaube nicht, dass es das war. Grunge war schon groß damals und es gab natürlich viel Druck, aber es lag eigentlich an uns. Wir kamen überhaupt nicht mehr miteinander aus. Wie in einer Ehe, die eben zwangsläufig mal geschieden werden muss. Wir haben wirklich viel gestritten und das nicht nur verbal. Dort und da haute der eine dem anderen auf die Schnauze und dauernd flogen Sachen durch die Gegend. Zudem waren wir alle die ganze Zeit besoffen. Die Band zu beenden war die einzig logische Folge und jeder ist dann seine Wege gegangen. Damals kam auch Jeff Loomis gerade in die Band und hat wirklich viel verändert – für mich war das immer schon der falsche Weg und deshalb war das Ende unabwendbar.

Weil du von Grunge gesprochen hast – ich finde ja, dass es für viele Bands eine billige Ausrede ist, da sie den Erfolg des Grunge oft über die damals herrschende, eigene Ideenlosigkeit stellen.

Natürlich waren es harte Zeiten für eine Metalband, aber es gab weltweit auch damals eine große Fanbase für Bands wie uns. Einige Bands, wie eben auch OVERKILL, haben diese Phasen überlebt und sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Ich muss aber schon auch dazu sagen, dass wir es doppelt und dreifach schwer hatten, weil wir aus Seattle sind. Dort startete die ganze Grunge-Bewegung und Metal war damals fast schon ein Schimpfwort. Da war null Respekt einer Metalband gegenüber. Für mich war es damals nach dem Split unmöglich in einer Metalband weiterzumachen und NEVERMORE hatten ja auch ordentlich zu kämpfen.

Wie sieht das heute aus? Gibt es in Seattle wieder Respekt für Metalbands wie euch?

Es gibt eine Metalszene, aber die ist sehr lokal und zentriert. Es gibt nicht sonderlich viele Bands, die unbedingt den Biss für den Aufstieg auf der Karriereleiter haben. Natürlich gibt es Bands wie QUEENSRYCHE oder METAL CHURCH, aber dahinter kommt lange nichts. Da die Grunge-Bewegung auch völlig gestorben ist, hat sich bei uns fast alles irgendwie ausgeglichen. Es ist auf jeden Fall nicht mehr so wie in den 80er-Jahren, wo es eine richtige Metal-Community gab und wir sogar im Radio gespielt wurden. Es gab so viele College-Sender und man hatte Chancen, gespielt zu werden. Es wurden richtige Metal-Partys veranstaltet und die Sache war eine richtige Bewegung. Davon ist heute nichts mehr zu sehen.

Wer wird denn einmal die großen Metal-Festivals headlinen, wenn die Dinosaurier einmal sterben oder in Rente gehen?

(lacht) Keine Ahnung, das ist eine ziemlich gute Frage. Manche Bands werden auch auf der Bühne sterben. Was passiert, wenn Ozzy und BLACK SABBATH einmal nicht mehr sind? Es gibt einfach keine solchen Kaliber mehr. Die Antwort darauf kann ich dir nicht geben, weil ich mir dieselbe Frage stelle (lacht).

Warum hast du deine Musikerkarriere nach dem SANCTUARY-Ende beiseitegelegt? Von dir hat man ja lange überhaupt nichts mehr gehört.

Das habe ich nie so richtig, ich war lange in einer Band namens UNDONE. Das Kuriose war ja, dass diese Band viele als eine Art Grunge-Band bezeichnet haben – ich sah das aber immer anders (lacht). Die Musik klang natürlich nicht nach SANCTUARY, das war klar. Die Vocals waren zum Beispiel sehr tief, irgendwie wie eine Mischung aus Jim Morrison und Glenn Danzig. Wir hatten einen sehr energetischen Sound mit vielen Gitarrensoli. Irgendwie bewegten wir uns aber lange im Kreis, sodass mir das ständige Neustarten irgendwann zu viel wurde, also gab ich diesen Job auf. Ich habe etwa zehn Jahre etwa gar keine Gitarre gespielt. 2005 habe ich mir eine Akustikgitarre gekauft und endlich wieder angefangen, ein bisschen damit zu spielen. 2009 habe ich mir dann einen Verstärker zugelegt und angefangen, wieder Metal zu spielen. Ich habe ihn richtiggehend vermisst und war wirklich lange weg vom Fenster. Ich war dann in einer Art Midlife-Crisis und musste wieder damit anfangen. Dann kam plötzlich Warrel ein paar Mal um die Ecke. Wir haben über verschiedenstes Zeug gesprochen und wurden wieder richtig gute Freunde. Ich hatte immer schon Songs in petto, die einfach perfekt auf Warrel zugeschnitten waren. Er hat sie sich angehört und war begeistert. Entscheidend war dann eben der Song „The Year The Sun Died“ – den schrieb ich schon, bevor wir wieder zusammengekommen sind. Das war noch in meinen „Akustik-Tagen“ und irgendwie war diese Nummer der Pfad zur Wiedervereinigung.

Was hast du eigentlich in den zehn gitarrenlosen Jahren zwischen 1995 und 2005 getrieben?

Ich habe einiges in meinem Studio produziert und in der IT-Branche gearbeitet. So habe ich mich beschäftigt.

War bei euch nach der Wiedervereinigung 2010 eigentlich schon zu Beginn der Plan da, ein neues Studioalbum aufzunehmen?

Nein. Wenn wir zusammen sind, dann wollen wir auch etwas erschaffen. Wir haben schon an neuer Musik gearbeitet, aber wir wussten anfangs nicht, dass es so weit kommen würde. Wir haben dann aber eben live viele alte Songs gespielt, an neuen geschrieben und merkten recht schnell, dass wir alle plötzlich ziemlich gut miteinander zurechtkommen. Es gab keine Anfeindungen mehr und alles Alte war vergessen –wir hatten einfach Spaß. Warrel hat dann irgendwann ein Statement rausgegeben, dass wir ein Album machen würden. Das wusste von uns sonst natürlich keiner (lacht). Mir war aber ohnehin fad und so war ich gleich von dieser Idee überzeugt. Damals liefen NEVERMORE und SANCTUARY für ungefähr ein Jahr parallel auf einer Schiene. Nach dem Aus von NEVERMORE war aber klar, dass wir voll fokussiert an einem Album arbeiten würden.

Die Kritiken für „The Year The Sun Died“ waren eigentlich global gesehen mehr als gut. War bei euch im Vorfeld eine gewisse Grundnervosität vorhanden, ob die alten Fans das Album wohl auch annehmen würden?

Wenn niemand von außen etwas hört, kannst du natürlich schwer zu den eigenen Songs sagen, dass du sie einfach großartig findest. Wir fühlten aber, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden würden. Wir hofften natürlich auf gutes Feedback, dass die Rezeption der Menschen aber so positiv ausfallen würde, hat uns überrascht und begeistert. Wir können uns wirklich glücklich schätzen. Es ist wirklich eine glückliche Fügung, dass alles so gut funktioniert hat. Mit uns, mit dem Album, mit der Rezeption des Albums von den Fans – das ist alles nicht selbstverständlich.

„The Year The Sun Died“ als Albumtitel, das dystopische Cover-Artwork und die mitfühlenden Texte. Man könnte fast glauben, ihr wäret des Lebens überdrüssig.

(lacht) Wir leben in Seattle und dort regnet es die ganze Zeit. Ich würde uns aber nicht als negative Typen bezeichnen. Von Typen wie uns vermutet man von außen immer, wir würden den härtesten Scheiß hören. In echt sitzen wir herum und ziehen uns die Bee Gees oder ABBA rein. Natürlich hören wir auch Metal, aber es haben uns schon viele Leute dabei ausgelacht, als wir bei „Waterloo“ herumgetanzt sind. Wenn wir aber selber Musik erschaffen, dann hat das immer einen dunklen, bedrohlichen Vibe. In diesem Bereich fühlen wir uns beim Komponieren wohl. Warrel ist bei diesen Themen auch lyrisch gut verankert. Am Ende stirbt jeder, inklusive dem Familien-Hund (lacht). Das klingt wirklich deprimierend, aber so arbeiten wir nun einmal.

Bis auf Sean Blosl war jedes Gründungsmitglied bei der Reunion dabei. Warum gerade er nicht?

Wir haben ihn natürlich gefragt, aber für ihn kam das nie so richtig in Frage. Er spielt schon immer noch Musik, aber was völlig anderes. Das geht in Richtung Slide-Gitarre. Er hat sehr viele Dokumentationen gedreht und ist gut damit beschäftigt. Er war aus unserer Welt längst ausgebrochen und das haben wir auch verstanden. Das ist natürlich okay. Zuerst war Jeff Loomis für etwa sechs Monate dabei und dann bis vor kurzem Brad Hull, aber auch er konnte sich nicht mehr so ganz mit unserem Sound identifizieren. Jetzt haben wir eben Jungspund Nick Cordle, der schon bei ARCH ENEMY war. Nick ist in vielen Projekten involviert und hat einiges auf dem Kasten, zudem bringt er eine gewisse Frische in das alte Line-Up. Ich bin froh, dass wir ihn an Bord haben.

Wird er dauerhaftes Mitglied bleiben?

Das kann ich nicht sagen, wir werden sehen.

Wird es ein weiteres SANCTUARY-Album geben?

Ich denke schon. Wir haben ja viele Songfragmente, die wir eventuell für das nächste Album verwenden könnten. Ich will aber nicht sagen, wann es soweit sein wird, denn dann werden wir wieder sofort auf ein gewisses Datum festgenagelt. Wir wollen es langsam angehen, nur kein Stress. Ich will keinen Haufen Scheiße veröffentlichen, sondern schon etwas, das Hand und Fuß hat. Auch wenn wir natürlich bemüht sind, nicht ewig zu brauchen, wollen wir dem schon etwas Zeit geben. Wir werden auch die Demotapes von unserem Debüt „Refuge Denied“ veröffentlichen. Es gibt ja Versionen davon, die Dave Mustaine damals produziert hat. Das wird wohl vor dem nächsten Studioalbum passieren. Das Demo-Material wird dich übrigens besonders dann mitreißen, wenn du auf die hochgepitchten Vocals steht. Da kommt nicht mal das fertige „Refuge Denied“ mit (lacht). Die Songs klingen alle anders und ich höre mir die Demos selber oft an.

Welchen Rat würdest du deinem eigenen Ich im Jahr 1987 geben?

Ich würde mir raten, mehr und härter zu üben. Ich wollte immer besser sein, hatte aber nie genug Zeit. Zumindest habe ich mir das eingebildet. Wenn du so manche Kids heute ansiehst, dann merkst du schon, dass sie sich die Zeit genommen haben. Wenn du älter wirst, kannst du da auch nicht mehr so Schritt halten. Ich würde zudem wohl versuchen, ein etwas besserer Mensch zu sein. Ich war schon ein ziemliches Arschloch damals (lacht).

Warum das?

Ich war einfach ein versoffener, arroganter, junger Gockel (lacht). Eigentlich wirklich unausstehlich. Zum Glück bin ich älter geworden.

Es gibt ja viele Menschen, die Band-Reunions aus verschiedensten Gründen verabscheuen. Meist wird das Motiv des Geldscheffelns angeführt. Wie siehst du diese Situation?

Für manche Bands geht es wohl wirklich um die Kohle. Die sind aber auch vom Bekanntheitsgrad auf einem ganz anderen Level. Ich kann aber weder für die sprechen, noch könnten die für uns sprechen. Natürlich muss man Kohle machen, man muss ja auch leben, aber reich werden wir natürlich nicht davon. Ich habe schon viele solcher Unterhaltungen geführt, aber noch keiner hat es wegen der Kohle gemacht. Das ist für mich aber ein bisschen lachhaft, wenn man uns das Geldscheffeln vorwirft. Wir sind auf einem viel zu kleinen Level dafür.

Bands wie ihr, CARCASS oder AT THE GATES veröffentlichen aber auch neue Alben nach der Reunion und zeigen damit, dass ihr kreativer Hunger nicht gestillt ist.

Oh mein Gott, die CARCASS war ein Bombenalbum. Als wir „The Year The Sun Died“ machten, wollten wir einfach gute Songs mit einer fetten Produktion haben. Wir haben an nichts anderes gedacht. Wir wollten auch nicht nach irgendwas Bestimmten klingen. Wir wollten einfach groß und erwachsen klingen – das war uns wichtig. Ich denke, dass wir das ganz gut erreicht haben. Wir müssen uns natürlich auch immer wieder den Vergleichen mit NEVERMORE stellen, was für mich natürlich ein Stück weit verständlich ist. Warrel war schließlich in beiden Bands und der Sänger ist nun einmal das Aushängeschild.

Weil ihr gerade zusammen tourt – was ist dein Lieblingsalbum von OVERKILL und warum?

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich nicht ihre gesamte Diskografie verfolgt habe, aber das brandneue Teil, „White Devil Armory“, ist ein Killer. Ich liebe dieses Album. Allein schon „Bitter Pill“ –was für ein verdammt starker Song!

Liebst du auch diesen Wettbewerb auf der Bühne, wenn zwei Kultbands wie ihr sich gegenseitig messen oder aufstacheln können?

Natürlich, aber es verläuft alles sehr freundschaftlich ab (lacht). Wir haben vor nicht allzu langer Zeit die erste richtige Tour seit unserem Comeback gestartet und sind froh und dankbar, dass uns die Jungs von OVERKILL hier eingeladen haben. Die Jungs sind toll und wir haben enorm viel Spaß.


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