Nightwish - Floor Jansen & Marco Hietala

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Ich würde behaupten, dass wir als Band hier die Turmspitze erreicht haben, zumindest hoffe ich das, denn ich kann da wie gesagt nicht ganz objektiv herantreten.

NIGHTWISH gehören wohl zu den größten Acts, die das gesamte Metal Genre zu bieten hat und mittlerweile ist es zur Gewohnheit geworden, dass man als Fan der Band einige Jahre an Geduld mit sich bringen muss, ehe neues Material das Licht der Welt erblickt. Nun ist es endlich soweit, "Endless Forms Most Beautiful" wird auf die breite Masse losgelassen und markiert gleichzeitig das Debüt von Neu-Sängerin Floor Jansen. Grund genug, sich mit ihr und Bassist Marco Hietala auseinanderzusetzen!

Text: Sonata
Veröffentlicht am 24.03.2015

So ihr Beiden, als erstes bedanke ich mich im Voraus schon mal recht herzlich für eure Zeit! Ist eine große Ehre für mich als Jemand, der euch seit verdammt langer Zeit verfolgt.

Marco: Cooles T-shirt übrigens! (Der Redakteur trägt ein shirt von Marco’s Band TAROT)

KÖNNTE es sein, dass du ganz eventuell seit geraumer Zeit was mit dieser Band zu tun hast?

Marco: (lacht kurz) Leider hatte ich aktuell wenig Zeit für die Band, aber wir haben da so einiges auf der Festplatte liegen und in Zukunft kommt da cooles Zeug bei rum, versprochen!

Na da freu‘ ich mich drauf! Nun gut, ihr befindet euch ja aktuell quasi auf einer Art Tour, wo ihr eure neue Platte promoted. Album ist fertig, Produktion abgeschlossen, jetzt folgen Listening Sessions. Wie laufen die Dinge momentan im Hause Nightwish und was erwartet euch als nächstes?

Marco: Aktuell reden wir uns die Ärsche wund Tag für Tag! (lacht)
Floor: Wir hatten gerade ein sehr interessantes Thema, worüber wir philosophiert haben!

Marco: Ja genau! Und zwar die Situation im mittleren Osten…nein, nicht wirklich. Das Album, ja! Haben wir gemacht! Sollte eigentlich längst für die große Hörerschaft verfügbar sein, doch wir haben noch etwa einen Monat vor uns. Es war ein toller Trip, ein langer mit viel Arbeit. Doch da steckt viel Herzblut und Enthusiasmus drin, viel Spaß, den wir in dieser Zeit durchlebt haben. Von daher war es zwar eine lange Zeit, doch eine, die einfach war, zu überdauern. Ich weiß nicht...Für mich klingt die Platte super! Aber ich bin in der Band, von daher nicht GANZ so objektiv…
Floor: Natürlich veröffentlichen wir bald die Single, die am 13. Februar erscheinen wird und anschließend das Album am 27. März. Dann springen wir quasi in ein Flugzeug, um in Nord-Amerika unsere Tour zu starten.

Leider müssen wir in Europa ja erstmal warten!

Floor: Naja, zumindest stehen ein paar Sommer Festivals für Europa an. Und wir hoffen natürlich, dass wir vor Ende des Jahres dann in Europa unsere Tour starten können.

„Endless Forms Most Beautiful“ heißt das neue Werk. Was möchtet ihr uns mit diesem Titel mitteilen? Ist es eine Art Konzept oder was genau könnt ihr uns über dieses Album mitteilen?

Marco: Es basiert ein wenig auf der Theorie von Charles Darwin (Anm. Redakteur: Ein Gelehrter, der im 19. Jahrhundert behauptete, die Welt wurde nicht von Gott in sechs Tagen erschaffen, sondern entwickelte sich erst binnen von Millionen Jahren zu dem, was sie heute ist). Es dreht sich um die Vielfalt an Leben, die auf unserer Erde herrscht. Natürlich handelt insbesondere der Longtrack von dieser evolutionären Thematik. Deshalb ist es auch Richard Dawkins, der dort seine Stimme zum Ausdruck bringt als jemand, der sich mit dieser Thematik als Evolutionsbiologe auskennt. Es geht im Prinzip um das Wunder des Lebens, die Existenz und allgemein das Privileg, hier sein zu dürfen. Es umfasst das ganze Universum, welches wir in unserer begrenzten Zeit niemals komplett ergründen könnten.

Ich erinnere mich an das Zitat aus dem Longtrack, wo es heißt „Some people are never going to die because they never were born“. Ist diese Aussage im Prinzip der Fokus, auf dem alles aufbaut?

Marco: Ja! Das du zu schätzen weißt, was du hast.

Floor: Es ist also mehr verallgemeinert, dass wir verstehen, dass wir leben dürfen! Das wir dazu in der Lage sind, die täglichen Wunder mit unseren eigenen Augen zu bestaunen.

Also wollt ihr den Leuten da draußen definitiv was positives mit an die Hand geben.

Marco: Ja, absolut!

Floor, für dich war es die erste NIGHTWISH Platte, an der du abgesehen von der Live DVD mitgearbeitet hast und viele Fans behaupten bereits jetzt, du seist die perfekte Wahl als neue Sängerin. Anette hatte es ja seinerzeit ziemlich schwer bei den Fans, Tarja hingegen wurde immer für das geliebt, was sie fabriziert hat. Wie interagieren die Fans mit dir und was denkst du über deine beiden Vorgänger?

Floor: Das ich bereits die dritte Sängerin bin, gibt den Leuten zumindest die Möglichkeit zu verstehen, dass auch eine so wichtige Position sich innerhalb einer Band verändern kann. So wird den Fans ja quasi auch die Möglichkeit gegeben, auf mehrere Arten von Gesang zu stoßen. Außerdem würde ich sagen, dass NIGHTWISH keine Band ist, die zwingend vom Gesang getragen wird. Einige Fans wissen das auch. Ich fühlte mich als Sängerin auch total frei, die Songs in meiner Art und Weise interpretieren zu dürfen und fühlte mich zugleich auch sehr Willkommen von Beginn an, obwohl die ersten Shows unter schwierigen Voraussetzungen stattfanden. Ich fiel ja im Prinzip mitten rein in die Tour und…

Marco: In’s kalte Wasser!

Floor: Ja! (Beide lachen). Ich hatte von Beginn an sehr offene Interaktionen mit einigen Fans und bekam auch einige positive Dinge mit auf den Weg, was meine Beteiligung an der Band anbelangt. Ich werde nun aber nicht ins Detail gehen, was meine Vorgänger angeht, kann nur sagen, dass ich beide sehr respektiere für das, was sie in der Vergangenheit bei NIGHTWISH auf die Beine gestellt haben.

Marco, du und Tuomas haben ja die ganzen Demos für das Album vorbereitet. Seid ihr dabei dauerhaft in Kontakt geblieben oder habt ihr einfach euer Ding gemacht und es am Ende zusammengefügt?

Marco: Ich glaube dem Thema standen wir schon öfter gegenüber. Es geht ja nicht nur um eine Stimme oder ein Instrument. Das Geheimnis von NIGHTWISH sind die Songs an sich, wie sie durch Lyricus, Melodien, Verse etc. zusammenwachsen. Also habe ich das eigentlich wie immer gehandhabt. Ich habe viel Zeug aufgenommen, habe zuhause genug Aufnahmemöglichkeiten und kam vergangenen Winter mit ihm zusammen, wo ich ihm einiges an Kram in Form von einer CD zukommen ließ. Und da sagte ich ihm quasi, er soll es durch seinen Filter laufen lassen und gucken, ob es zur Thematik des Albums passt. So habe ich es immer gehandhabt und das stand natürlich auch Floor frei. Wenn es also quasi durch den Filter gekommen ist und gepasst hat, dann landete es im Endeffekt auch auf der Platte! Und das ist in diesem Fall mit einigen Songs passiert. Dann entwickelt sich das Ganze zu einer tollen Bandangelegenheit, wo ich vielleicht einen tollen Chorus habe, den ich mit Tuomas‘ Strophe zusammenfüge und daraus entsteht letztlich hoffentlich ein cooler Song!

Für Troy waren es ja ebenfalls die ersten Aufnahmen als permanentes NIGHTWISH Mitglied. Wie war es für ihn und wie habt ihr ihn allgemein in seiner Arbeit erlebt? Er ist ja für die ganzen Flötensounds etc. verantwortlich…

Marco: Genau! Und er hat bei „Weak Fantasy“ z.B. diesen derben „Bazooka“ Part gespielt (Dabei handelt es sich tatsächlich auch um ein Blasinstrument), hat eigentlich alles mögliche an Blasinstrumenten usw. angefasst. Er war natürlich auch bei der ganzen Vorbereitung dabei, was bei „Imaginaerium“ nicht der Fall war, weil er seinerzeit nur als Gast bei uns tätig war. Er ist einfach ein sehr positiver Typ und daher war es für ihn auch sehr leicht, ein offizieller Teil der Gruppe zu werden. Er hatte auch einige Ideen für die Arrangements der Songs, was aber ohnehin allen Leuten in der Band frei stand.

Floor, für dich waren es ja allgemein die ersten Aufnahmen für die Band. Gab man dir die Freiheit, die als Sängerin weiterzuentwickeln und konntest du quasi frei nach Schnauze das tun, was du am besten kannst?

Floor: Ja, das kann ich so definitiv unterschreiben. Ich bekam die Demo, wo das Piano noch alle anderen Instrumente mehr oder weniger ersetzt hat und dann hieß es „Viel Glück!“. Halte ich aber für eine ausgesprochen gute Sache, weil du so das Ganze in dein System aufnehmen kannst und es dir frei steht, viele Dinge auszuprobieren. Es ist wie eine Art Puzzle und du fragst dich an jeder Stelle, ob man es vielleicht so und so machen könnte und am Ende treffe ich mich mit Tuomas und wir fügen das Ganze zusammen. Wir alle hatten immer die Freiheit, das einzuwerfen, was uns in den Sinn kam und so war es wirklich eine totale Bandangelegenheit.

Marco: Es gab allerdings EINE Sache, die wirklich nur eine Person aus der Band imstande war zu tun. Da Troy’s Muttersprache ja Englisch ist, konnte er mal den Lehrer raushängen lassen und die ganzen Lyrics überprüfen, was im Endeffekt aber nur gut für uns sein kann! Er erkennt sofort, ob irgendwas ungewollt lustig oder peinlich rüber kommt und daher meine ich das wirklich positiv, wenn ich das so anmerke.

Lasst uns nochmal auf die Vocals zu sprechen kommen. Bei dir lieber Marco hatte ich den Eindruck, dass du diesmal insgesamt weniger Parts eingenommen hast. Wenn ich z.B. an das Vorgängerwerk denke, hattest du dort quasi fast schon eigene Songs wie „Ghost River“ oder „The Crow, The Owl and The Dove“. War es für die neue Platte beabsichtigt, dass du etwas kürzer trittst, um auch Floor mehr Freiheiten einzuräumen?

Marco: Es kommt immer drauf an, wie du Vocals begutachtest. Wenn es um die reine Menge an Vocals geht, die ich für die Platte aufgenommen habe, dann war das auch diesmal wieder eine gewaltige Menge, fand dabei aber hauptsächlich im Background statt. Es ging aber natürlich auch darum, was für die Songs ist, denn das ist am Ende des Tages am wichtigsten.

Kommen wir zur Single „Élan“! In meinen Augen eine eher untypische Wahl für eine Single, wenn ich an eure Vergangenheit mit „Storytime“, „Amaranth“, „Nemo“ etc. denke. Der Song fiel im Gesamtumfang gar nicht so auf, gestaltet sich eher unaufdringlich und fällt musikalisch auch softer aus als der Rest. Daher definitiv auch eine mutige Wahl für eine große Band wie NIGHTWISH. Wie kam es zustande, dass die Wahl auf diesen Song fiel?

Marco: Es war die Atmosphäre dieser Nummer, die uns angetrieben hat, denn ursprünglich war der Song nicht mal als Single angedacht. Bei den Vorbereitungen auf die Aufnahmen haben wir den Song bestimmt fünf mal hintereinander gespielt und dann hieß es „Komm, wir spielen ihn nochmal!“, weil es sich einfach so unfassbar gut angefühlt hat. Ich glaube Troy war es, der sagte „Tuomas, das sollte die erste Single sein!“ und wir stimmten quasi auch alle zu. Es ist am Ende also einfach die gesamte Atmosphäre, die dieser Song mit sich trägt, denn er ist jetzt kein Brett, auch wenn er im Chorus durchaus mit härteren Gitarren zu glänzen weiß.

Das gesamte Album wirkt in seiner Strukturierung relativ progressiv, wobei ich mich da abgesehen vom Longtrack weniger auf das Musikalische beziehe als vielmehr auf die Zusammenstellung der Songs an sich. Es wirkt fast schon wie eine Art Best Of Album, das aber nie den roten Faden verliert und trotz allem irgendwie eine klare Linie verfolgt. Wie betrachtet ihr den gesamten Umfang der Platte so?

Marco: Ich werde hier etwas sagen, was ich in meiner Karriere definitiv noch nie gesagt habe, wobei es nicht ganz objektiv ausfällt, denn ich bin wie du weißt ja in der Band! Ich würde behaupten, dass wir als Band hier die Turmspitze erreicht haben, zumindest hoffe ich das, denn ich kann da wie gesagt nicht ganz objektiv herantreten.

Was glaubt ihr denn wie die Fans reagieren werden? Denkt ihr, dass es Leute geben wird, die direkt wieder in die Suppe spucken wollen oder was ist da eure Erwartungshaltung?

Marco: Ich hoffe einfach, dass die Fans dem Album die Zeit geben, die es verdient hat. Nach einem Durchgang kann man kein Urteil fällen, lasst das Album auf euch zukommen, dann steht euch jede Meinung frei.

Mit „The Greatest Show On Earth“ habt ihr den längsten Song eurer Diskografie hingelegt, denn er bringt einen Umfang von 24 Minuten mit sich. Wie war es für dich Marco als jemand, der lange dabei ist und wie war deine Erfahrung mit diesem Song Floor, in dem du so viele verschiedene Parts unterschiedlich interpretieren musstest?

Marco: Ich sah das ganze Papier, die ganzen Notizen und ich wusste schon in etwa, was ich hier und dort zu erwarten habe. Es war gar nicht groß anders als bei den kürzeren Songs. Wir bereiten uns akribisch auf die Aufnahmen vor und so kam auch dieser Song sehr schnell zusammen. Der schwierige Part kommt im Studio, wo jedes Detail, jeder Effekt etc. eingefügt werden muss, um den Song zu vollenden. Ich persönlich bin ein Oldschool Musikhörer. Ich setze mich in Ruhe hin, pack die Kopfhörer auf meine Ohren und lasse den Song an mich heran, greife ihn und lasse ihn wachsen. Ich bin jemand, der da auch Wert auf gutes Equipment legt, sprich Kopfhörer und Boxen.

Floor: Für mich als Sängerin war es natürlich eine Herausforderung, innerhalb eines Songs so viele verschiedene Parts zu interpretieren. Allerdings ist das etwas, was ich liebe und was mir auch sehr gut liegt, ohne dabei arrogant klingen zu wollen. Es war natürlich eine große Aufgabe, aber es hat mir extrem viel Spaß bereitet!

Nun kommen wir auch schon zu meiner letzten Frage. Bald geht’s wieder auf Tour und ich möchte eigentlich ganz gern erfragen, was ihr da Show-technisch auf die Beine stellen wollt? Ich erinnere mich an die „Imaginaerium“ Tour, wo du beim Intro in einem Schaukelstuhl gesessen hast und während „Storytime“ dieser gewaltige Vorhang runterfiel. Das war schon verdammt episch…Was können wir diesmal erwarten?

Marco: Ja, ich erinner mich daran, wie wir an diesem Konzept gearbeitet haben. Wo ich z.B. den Schaukelstuhl wegwerfe, das war eher ein Zufall, dass wir rausgefunden haben, dass das sehr gut in die Show passen würde. Im Prinzip habe ich nur die Bewegung angedeutet und einen Meter weiter hat den Stuhl schon wieder jemand aufgefangen. Die Leute auf der anderen Seite, die für das Licht verantwortlich waren meinten nur „OH! Der Stuhl ist im NICHTS verschwunden!“ (lacht). Ich fragte sie dann nur „Sah es denn auch cool aus?“ und es hieß „Es sah VERDAMMT cool aus! Lass uns ein Video davon machen, ich will’s nochmal sehen!“ und so kam es dazu, dass wir das die gesamte Tour durchgezogen haben.

Floor: Geheimnisse bezüglich der kommenden Shows können wir natürlich nicht verraten, denn dann wären es ja keine mehr.

Der Punkt geht an dich!

Floor: Ihr könnt definitiv erwarten, dass wir etwas auf die Beine stellen, was dem Konzept des Albums entgegenkommt und da sitzen ja nun mal auch einige kreative Köpfe zusammen, die was tolles vorbereiten werden!
Gut, ich werde definitiv da sein! Damit sind wir jetzt auch durch soweit. Es war mir eine Ehre und hat mir unfassbar viel Spaß bereitet. Herzlichen dank ihr Beiden! Viel Erfolg mit der neuen Platte, ich halte sie für großartig!

Marco: Danke an DICH, dass du da warst!

Floor: Vielen dank, wir sehen uns auf der Tour!


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